Äon

Aus AnthroWiki
(Weitergeleitet von Äonen)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Aion im Tierkreis stehend (Platte von Parabiago)
Aion im Tierkreis stehend (Mosaik aus Sentinum)
Die 30 Äonen der Valentinianer im Überblick
Plérome de Valentin, aus Histoire critique du Gnosticisme; Jacques Matter, 1826, Band II, Tafel II

Der Begriff Äon oder Aion (von griech. αἰών, aion) wird in doppeltem Sinn gebraucht. Einerseits wird damit auf eine bestimmte in sich abgeschlossene Lebenszeit, eine Generation, ein Zeitalter, einen Entwicklungszyklus usw., also auf einen begrenzten Zeitraum gedeutet, anderseits steht der Begriff Äon auch für die Ewigkeit, also für das, was weder einen Anfang noch ein Ende hat bzw. jenseits der Zeit existiert.

Philosophie

Erstmal erwähnt wird der wesenhafte Aion in der Logoslehre des Heraklit. Ein Knabe spielt ein Brettspiel, das die Abfolge zyklischer Zeitabläufe (Tage, Jahreszeiten, Weltalter) symbolisiert. Endet das Spiel, werden die Steine neu aufgestellt und ein neues Spiel, d.h. ein neuer Zyklus beginnt.

„Aion ist ein Knabe, der spielt, die Brettsteine hin und her setzt: einem Knaben gehört die Königsherrschaft.“[1]

Platon verwendet den Begriff im Sinne von „Ewigkeit“ in seinem Weltschöpfungsdialog Timaios als Gegenbegriff zu Chronos, mit dem er auf die Zeitlichkeit der geschaffenen Welt hinweist. Aristoteles bezieht den Begriff Aion auf die unendliche Lebenszeit, auf die ewige Dauer des Himmelsgebäudes, dessen kreisende Bewegung immer wieder in sich selbst zurückläuft:

„... nämlich auch dieses Wort „Dauer“ ist im göttlichen Sinne von den Alten ausgesprochen worden, denn das Ende (τέλος), durch welches jene Zeit des Lebens eines jeden Dinges umfaßt wird, außerhalb deren naturgemäß es Nichts mehr gibt, heißt die Dauer eines jeden Dinges; aus dem nämlichen Grunde aber ist auch das Ende des gesammten Himmelsgebäudes und jenes Ende, durch welches die gesammte Zeit und die Unbegrenztheit umfaßt wird, eben die Dauer (αἰών), indem sie diese Wortbezeichnung davon erhielt, daß sie immer (άεί) ist und dauert, unsterblich und göttlich ...“

Aristoteles: Über den Himmel I,9[2]

Außerhalb des Himmelsgebäudes gibt es nach Aristoteles keinen Raum, daher auch keine Bewegung und mithin auch keine Zeit. Das Himmelsgebäude umfasst damit den gesamten Raum - und ist darum unbegrenzt - und auch die gesamte Zeit - und ist damit von ewiger Dauer. „Ende“ ist im oben zitierten Text die Übersetzung von Telos (griech. τέλος) und bedeutet eigentlich Ziel oder Zweck.

Gnosis

In vielen Systemen der Gnosis werden die verschiedenen Emanationen der obersten Gottheit zusammenfassend als Äonen bezeichnet. Sie sind so etwas wie wesenhafte platonische Ideen und entsprechen den Engelhierarchien der jüdischen und christlichen Überlieferung. Gemeinsam mit ihrem göttlichen Ursprung, dem «unbekannten Gott», bilden sie das Pleroma (griech. πλήρωμα), die „Fülle“ der rein geistigen Wesenheiten. Die aus der Gottheit emanierten Äonen erscheinen dabei oft als männlich-weibliche Paare (griech. συζυγίαι Syzygien). So sprechen etwa die Simonianer von sechs Wurzeln, die aus dem ungezeugten Feuer entspringen und drei männlich-weibliche Paare bilden: Nus (Verstand) und Epinoia (Vorstellung, Einsicht), Phone (Stimme, Laut) und Onoma (Name), Logismos (Urteil) und Enthymesis (Erwägung). In ihnen vereinigt sich - zunächst nur als Möglichkeit (Potenz) - der Siebente, die «unendliche Kraft» (griech. δύναμις, dýnamis)

Bythos (griech. βυθός, „Tiefe“) nennen manche gnostische Schulen, insbesonders die Valentinianer, den unsichtbaren, unfassbaren, unnennbaren Uranfang, den Urgrund allen Seins, den vollkommenen Aion (griech. αἰών), von dem die Welt ihren Ursprung genommen hat[3]. Andere gnostische Schulen gebrauchen dafür Ausdrücke wie Proarché (προαρχή, „vor dem Anfang“), Arché (ἀρχή „Anfang“) oder Aion teleos (αἰών τέλεος). Auch als Monade (Monas) oder als der oder das Eine wird der höchste göttliche Urgrund bezeichnet.

Für die Barbelo-Gnostiker kommt der meist weiblich charakterisierten Barbelo (griech. Βαρβηλώ) die höchste Stellung zu, die damit eine Art Weltenmutter darstellt. Manchmal wird der Barbelo aber auch als männlich-jungfräuliches Wesen aufgefasst.

Die Valentinianer sprechen von einer obersten «Achtheit» von Äonen, die 4 männlich-weibliche Paare bilden. Bythos, die männliche Seite der Gottheit, verbindet sich mit seiner weiblichen Hälfte, der Ennoia (griech. έννοια), der „erste Gedanke“ oder die „erste Denkkraft“ Gottes), die auch Charis („Gnade“) oder Sige („Schweigen“) genannt wird. Daraus entstehen Nous (griech. νοῦς, Vernunft), der „Eingeborene“, und Aletheia (griech. ἀλήθεια, Wahrheit). Diese bringen gemeinsam den Logos (griech. λόγος, Wort) und die Zoe (griech. ζωή, Leben) hervor, aus denen am Ende der Anthropos (griech. ἄνθρωπος, Mensch) und die Ecclesia (griech. ἐκκλησία, Kirche) entspringen. Auf diese Ogdoas („Achtheit“) folgt eine Zehnheit und dann eine Zwölfheit von Äonen; insgesamt umfasst das System der Valentinianer damit 8 + 10 + 12 = 30 Äonen. Als unterster Äon erscheint hier, wie auch in vielen anderen gnostischen Lehren, die Sophia, durch deren Fall die finstere Welt ausserhalb des Pleromas, die materielle Welt der äußeren Schöpfung, ensteht. Der Demiurg, der Weltenbaumeister, der diese Welt hervorbringt, ist ein Abkömmling der Sophia. Von diesen 30 Äonen wird auch in der Pistis Sophia gesprochen.

Noch umfangreicher ist das System des Basilides. Laut Irenäus von Lyon emanierten zuerst aus der obersten Gottheit, dem „ungewordenen Vater“, (nach der Zahl der Planeten) sieben göttliche Kräfte, davon vier intellektuelle:

  1. der Geist (Nous),
  2. der ihn offenbarende Logos,
  3. die Denkkraft (Phronesis, „Klugheit“) und
  4. Weisheit (Sophia),
  5. dann die Macht,
  6. die sittliche Vollkommenheit und
  7. der innere Friede

Sie bilden gemeinsam das erste Geisterreich. Aus diesem sind in allmählich abnehmender Klarheit 364 weitere „Himmel“, jeder zu sieben Äonen, hervorgegangen. Die gesamten Geisterreiche werden zusammengefasst in dem Geheimwort Abraxas oder Abrasax, das den Zahlenwert 365 hat[4].

„Ihr Fürst heißt Abraxas; der Zahlenwert der Buchstaben dieses Namens beträgt 365.“

Irenäus: Gegen die Häretiker I,24,7 [1]

Die sieben Äonen des untersten Himmelskreises sind die Weltschöpfer. Die ursprüngliche Mischung des Göttlichen mit materiellen Elementen und dadurch auch das Böse war eine Folge dieser Schöpfung, die Scheidung dieser Elemente die Aufgabe der Erlösung.

"Man wollte mit allen Fasern festhalten an einem Geistigen, das nicht erfaßt wird von dem Intellektualismus. Das ist ungefähr der Seelenkampf, den Basilides ausgefochten hat, der Gnostiker, der sich halten wollte an dasjenige, was sich im Jahreslaufe offenbaren will. Er sagte sich: Wenn der Mensch sich ganz überläßt seinem fortfließenden Intellekt, so trennt er sich von dem göttlich-geistigen Kosmos; er muß sich halten an dasjenige, was in der Umgebung liegt, die durch den göttlich-geistigen Kosmos zustandegekommen ist; er muß sich halten an das, was im Weltenkreislauf das ehrwürdige Bild des kosmischen Schaffens hat, also des Wirkens des Göttlichen im Materiellen; er muß sich halten an das Jahr." (Lit.: GA 343a, S. 269)

Darum sandte der „ungewordene Vater“ seinen Erstgeborenen, den Nous, der sich mit Jesus, dem vollkommensten Menschen, vereinigte, sich aber nicht selbst kreuzigen ließ, sondern den Simon von Kyrene substituierte und ins Pleroma zurückkehrte. Man muss daher nicht an den Gekreuzigten, vielmehr an Nous, den ewigen Geist, glauben, der nur scheinbar den Kreuzestod gestorben ist. (Doketismus)

Der spätantike Gott «Aion»

Erst für die nachhellenistische Zeit ist eine breitere Verehrung des Gottes «Aion» belegt. Im Rahmen des Mithras-Kultes wird er häufig als im Tierkreis stehender Jüngling dargestellt, zusammen mit einem Stab, um den sich eine Schlange windet. Die Abgrenzung von dem aus der Orphik stammenden Phanes, der auch oft mit einer Schlange abgebildet wird, ist allerdings schwierig.

Aufgrund seiner ikonographischen Darstellung und seinem Wesen als „Zeitgott“ wird ein Bezug vermutet zu dem aus der persischen Mythologie bekannten Schöpfergott Zurvan (von mittelpers. zurwān awest. zrvan = Zeit), der auch Zaruana Akarana, die „unerschaffene Zeit“, genannt wird. Zurvans Kinder sind die Zwillinge Ahura Mazdao, der Gott des Lichts, und Ahriman, der Geist der Finsternis. Dargestellt wird Zurvan als oft auch bärtiger Mann mit Löwenkopf und Flügeln, um dessen Füße sich eine Schlange windet. Sein äußerer Ausdruck ist der Der Tierkreis (Zodiak).

Äonen als Zeitgeister (Archai)

Aus geisteswissenschaftlicher Sicht sind die Äonen identisch mit den Archai, den Geistern der Zeit. Durch sie schließen sich die beiden widersprüchlich scheinenden Deutungen des Begriffs Äon zu einem sinnvollen Ganzen zusammen, denn ihnen obliegt es, die Urbilder der Schöpfung aus dem zeitlosen Reich der Ewigkeit dem Bereich der Zeitlichkeit einzupflanzen.

In der Genesis werden die regelrecht fortgeschrittenen Archai als Schöpfungstage Jom (hebr. יום, Tag; Mehrzahl Jamim) bezeichnet, die als Diener der Elohim im Licht weben und daher auch als Geister des Lichts aufgefasst werden können. Ihnen stehen die vom alten Saturn herübergekommenen zurückgebliebenen Urengel entgegen, die in der Finsternis weben und darum Laj'lah (hebr. לילה, Nacht), Geister der Nacht, genannt werden. Sie haben sich gewisse Eigenschaften aus dem alten Saturndasein bewahrt, wo es noch kein Licht gab und die ganze Welt in Finsternis getaucht war. Die Laj'lah wirken bis heute in den lebenswichtigen Aufbaukräften, die während des Schlafes am physischen und Ätherleib arbeiten und dadurch die Schäden wieder ausbessern, die durch unser Tagesbewusstsein angerichtet werden. (Lit.: GA 122, S. 93ff) Wenn die Laj'lah allerdings ihre wohltuenden, lebensspendenden Kräfte, die bis in die tiefsten Gründe des physischen Leibes wirken, missbrauchen, werden sie zu Asuras - zu den gefährlichsten Widersachern, die wir kennen.

Anmerkungen

  1. DK Heraklit B 52. Heraklit knüpft hier an ein homerisches Gleichnis an.
  2. Aristoteles, Carl Prantl (Hrsg.): Werke, 2. Band: Vier Bücher über das Himmelsgebäude, Leipzig 1857, S 75
  3. Rudolph, S 71
  4. Das Wort Abrasax (und ebenso Abraxas) ist eine Folge von sieben griechischen Buchstaben, die für die Wochentage stehen und in der Numerologie zusammen den Zahlenwert 365 ergeben. Mit α = 1, β = 2, ρ = 100, σ = 200 und ξ = 60 ergibt sich nämlich aus griech. αβρασαξ: α + β + ρ + α + σ + α + ξ = 1 + 2 + 100 + 1 + 200 + 1 + 60 = 365
    Abraxas prägte auch das Zauberwort Abara-kadabara, heute eher als „Abrakadabra“ bekannt.

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Die Geheimnisse der biblischen Schöpfungsgeschichte, GA 122 (1984)


Steiner big.jpg
Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.