Sechs Bauern und sechs Bäuerinnen

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Sechs Bauern und sechs Bäuerinnen - Inszenierung des Mysteriendramenkreises Wien 2012

Sechs Bauern und sechs Bäuerinnen treten in Rudolf Steiners zweitem Mysteriendrama «Die Prüfung der Seele» im 6. und 9. Bild auf, die einen Teil der Rückschau auf frühere Inkarnationen der handelnden Personen zur Zeit des Spätmittelalters bilden. Die Bauern und Bäuerinnen beurteilen aus zwölf aneinander anschließenden und einander ergänzenden Perspektiven die dort geschilderten Ereignisse. Die einen schimpfen über den bösen Juden Simon, der früheren Inkarnation des Doktor Strader, der aber unter dem Schutz der hohen Herren auf dem Schloss stehe. Andere preisen seine Heilkünste. Wieder andere sehen bei den Rittern des Schlosses nur Teufelskünste walten, die den Lehren der Kirche spotten. Andere meinen hingegen, dass von ihnen nur Gutes komme, das in die Zukunft weist.

Nach den Erinnerungen Oskar Schmiedels wurden die Bauern und Bäuerinnen von Steiner während der Probenarbeiten stets als «Tierkreisbauern» bezeichnet. In einer von Rudolf Steiner handschriftlich verfassten Druckvorlage[1] findet sich ihre genaue Zuordnung zu den Tierkreiszeichen. Die Reihenfolge ihrer Wortmeldung im 6. Bild entspricht der Folge der Tierkreiszeichen vom Widder bis zu den Fischen. In ihrer gegenwärtigen Inkarnation erscheinen sie im «Hüter der Schwelle», Steiners drittem Mysteriendrama, als die insgesamt zwölf Bürgerinnen und Bürger wieder, die, obwohl noch ungeweiht, eingeladen werden, ihre Kräfte mit denen des von Hilarius Gottgetreu geleiteten Rosenkreuzerbundes zu vereinen. Die Zuordnung der zwölf Bauern und Bäuerinnen zu den zwölf Bürgern und Bürgerinnen erschließt sich aus einer handschriftlichen Druckvorlage Steiners zum 1. Bild des «Hüters der Schwelle», in der ursprünglich noch die Bezeichnungen für die Bauern stehen und erst nachträglich durch die Namen der Bürger und Bürgerinnen ersetzt wurden (Lit.: Hammacher, S 592ff).

Zuordnung der Bauern und Bäuerinnen zu den Tierkreiszeichen nach den handschriftlichen Aufzeichnungen Rudolf Steiners (Rudolf Steiner Archiv, Heft 4)

1.BAUER: Widder

Seht dort den bösen Juden;
Er wird nicht wagen,
Denselben Weg zu gehn wie wir;
Er könnte Dinge hören,
Die lange seine Ohren jucken.

2. BAUER: Stier

Wir müssen seiner Dreistigkeit
Einmal recht deutlich fühlen lassen,
Daß wir sie nicht mehr länger dulden
In unsrem biedern Heimatland,
In das er sich hereingeschlichen hat.

1.BÄUERIN: Zwillinge

Er steht im Schutz der hohen Herren,
Die oben in dem Schlosse wohnen;
Von uns darf niemand dort hinein,
Den Juden nimmt man gerne auf.
Er tut auch, was die Ritter wollen.

3.BAUER: Krebs

Es ist recht schwer, zu wissen,
Wer Gott und wer der Hölle dient.
Wir müssen unsern Rittern dankbar sein;
Sie geben uns das Brot und auch die Arbeit.
Was wären wir denn ohne sie?

2.BÄUERIN: Löwe

Ich muß den Juden loben.
Er hat von meiner schweren Krankheit
Durch seine Mittel mich befreit
Und war so lieb und gut dabei.
Das gleiche hat er vielen schon getan.

3.BÄUERIN: Jungfrau

Mir aber hat ein Mönch verraten,
Daß teuflisch ist, womit der Jude heilt.
Man muß vor seinem Gift sich hüten;
Es soll im Leibe sich verwandeln
Und allen Sünden Einlaß geben.

4.BAUER: Waage

Die Menschen, die den Rittern dienen,
Bekämpfen unsre alten Sitten.
Sie sagen, daß der Jude vieles weiß,
Was Heil und Segen bringt
Und was man künftig erst noch schätzen wird.

5.BAUER: Skorpion.gif

Es kommen neue, beßre Zeiten;
Ich schau' sie schon voraus im Geiste,
Wenn mir die Seelenbilder zeigen,
Was Leibesaugen nicht erblicken können.
Die Ritter wollen uns das alles schaffen.

4.BÄUERIN: Schütze

Wir sind der Kirche Treue schuldig,
Die unsre Seele vor den Teufelsbildern,
Vor Tod und Höllenqualen rettet.
Die Mönche warnen vor den Rittern
Und vor dem Zauberer auch, dem Juden.

5.BÄUERIN: Steinbock

Wir sollen nur noch kurze Zeit
Geduldig unser Joch ertragen,
Das uns die Ritter auferlegen.
Die Burg wird bald in Trümmern liegen;
Das hat ein Traumgesicht mir offenbart.

6.BÄUERIN: Wassermann

Mich quält die Angst vor schwerer Sünde,
Wenn ich oft hören muß,
Die Ritter wollten uns verderben. -
Ich seh' nur Gutes stets von ihnen kommen;
Ich muß sie auch als Christen gelten lassen.

6.BAUER: Fische

Wie künftig Menschen denken wollen,
Das soll man denen überlassen,
Die nach uns leben werden.
Den Rittern sind wir nur
Das Werkzeug für die Teufelskünste,
Mit denen sie bekämpfen,
Was wahrhaft christlich ist.
Wenn sie vertrieben werden,
Sind wir der Führung ledig
Und können dann nach eignem Sinn
In unsrer Heimat leben.
Wir wollen jetzt zur Abendandacht gehn;
Da finden wir, was unsre Seelen brauchen
Und was der Väter Sitten angemessen ist.
Die neuen Lehren taugen nicht für uns.

(Lit.: GA 14, S. 215ff)

Anmerkungen

  1. Archiv der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Heft 4

Literatur

  1. Wilfried Hammacher: Die Uraufführung der Mysteriendramen von und durch Rudolf Steiner, Verlag am Goetheanum, Dornach 2010
  2. Oskar Schmiedel: Erinnerungen an die Proben zu den Mysterienspielen in München in den Jahren 1910 – 1913 in „Mitteilungen aus der Anthroposophischen Arbeit in Deutschland“ Nr. 7 März 1949
  3. Rudolf Steiner: Vier Mysteriendramen, GA 14 (1998), ISBN 3-7274-0140-0; Tb 607 (I + II), ISBN 978-3-7274-6070-8 + Tb 608 (III + IV), ISBN 978-3-7274-6080-7
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