Idol

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Die aus Kalkstein gefertigte Venus von Willendorf entstand im Gravettien um 25.000 v. Chr.

Als Idol (lat. idolum; von griech. εἴδωλον eidolonBild, Abbild“, insbesondere „Trugbild“) wird in der christlich-jüdischen Theologie ein heidnisches Kultbild oder auch eine Statute und der durch diese verehrte Abgott oder Götze bezeichnet, der fälschlich als Gott angebetet wird.

In der Archäologie gilt als Idol ganz allgemein ein religiöses Kultbild im weitesten Sinn, insbesondere auch anthropomorphe Figuren, wie es sie nachweislich bereits im Jungpaläolithikum (ca. 40.000 - 9.700 v. Chr.) - also in der späteren atlantischen Zeit[1] - gab.

In der Populärkultur werden auch Filmstars, Sportler, Popstars usw. als Idole bzw. Stars vergöttert.

Francis Bacons Idolenlehre

Siehe auch: Idolenlehre

In seinem für die empirischen Naturwissenschaften wegweisenden wissenschaftstheoretisch-philosophischen Hauptwerk, dem Novum Organum (1620), unterschied Francis Bacon vier Arten von «Idolen», die den Menschen an der wahren Erkenntnis hindern.

„Da haben wir die Sehnsucht, alles, was über das Sinnlich-Wahrnehmbare hinausgeht, als bloße Idole zu behandeln. Sie wissen, vier Arten von Idolen hat Bacon angenommen. Wir haben sie angeführt: Idola tribus, Idola specus, Idola fori, Idola theatri, vier Arten. Dadurch drückt sich durch Bacons Geist im Beginne des fünften nachatlantischen Zeitraums die eine Tendenz aus, alles, alles nur zu bauen auf eine Erkenntnis, die durch sinnliches Anschauen und durch Begriffe gewonnen ist, die sich wiederum aus der sinnlichen Anschauung ergeben. Alles, was über die sinnliche Anschauung hinausgeht, ist Idol, dessen Inhalt sich eigentlich in Worten erschöpft.“ (Lit.:GA 272, S. 283)

„Der Menschheit mußte einmal gesagt werden: Eure Sprache bildet Worte, aber diese Worte hat nur eine abgelaufene Zeit, welche in Vorurteilen, in Aberglauben lebte, als Bezeichnungen für Reales gehalten. In Wahrheit müßt ihr euch frei machen von dem Inhalt der Worte, denn Worte bedeuten Idole. - Damit hat Bacon, Baco von Verulam, auch im Auftrag der geistigen Welt, eingeleitet die Verkennung der Sprache in unserem neueren nachatlantischen Zeitraum, die Austreibung des Gefühls in der Menschheit, daß in der Sprache Spirituelles enthalten ist. Alle Gehaltsbegriffe, Gemeinsamkeitsbegriffe nannte er Idole, und er unterschied diese Idole in verschiedene Gattungen; denn er hat das gleich sehr gründlich gemacht.

Erstens, sagte er, haben die Menschen solche Worte, mit denen sie glauben, etwas Reales bezeichnen zu können, die einfach dadurch entstehen, daß die Menschen zusammenleben müssen: Vorurteile, Idole des Stammes, des Volkes, Idola tribus. Dann versucht der Mensch, wenn er die Welt begreift, irrtümlich Geistiges hineinzumischen in seine Anschauungsweise. Das, was im Menschen als Erkenntnis entsteht, entsteht wie in einer Höhle; aber indem er die Außenwelt in diese Höhle hereinspediert, bildet er Worte für das, was er erkennen will. In diesen Worten liegt wiederum der Hinweis auf Unwirkliches. Das sind die Idole der Höhle: Idola specus. Dann entstehen Idole, das heißt Bezeichnungen für Nichtigkeiten, für Nichtreales dadurch, daß die Menschen nicht nur in Stämmen, in Völkern durch das Blut zusammen sind, sondern daß sie sich selbst Gemeinschaften machen, in denen sie dies oder jenes verwalten - sie verwalten ja immer mehr und mehr, und zuletzt wird alles verwaltet werden; der Mensch wird dahin kommen, daß er nicht in der Welt gehen darf, ohne daß an seiner linken Seite ein Arzt und an seiner rechten Seite ein Polizeimann ist, damit er vollständig «verwaltet» ist, nicht wahr* Nach Bacon werden dadurch auch gewisse Irrealitäten geschaffen. Diese Irrealitäten, die da geschaffen werden und in den Worten ihren Ausdruck finden, das sind die Idole des Marktes, des Zusammenlebens auf dem Markte: Idola fori. Und dann sind die Idole da, die entstehen durch die Wissenschaft, welche bloße Namen sucht. Das sind natürlich fürchterlich viele Idole. Denn nehmen Sie alle unsere Zyklen mit dem, was sie bezeichnen von Spirituellem, und legen Sie sie Bacon vor, so sind alle Worte für die spirituellen Dinge solche Idole. Diese Idole, das sind eigentlich die gefährlichsten, meint Bacon, weil man darinnen besonderen Schutz zu haben glaubt, nämlich ein wirkliches Wissen: das sind die Idola theatri. Das ist das innere Theater, das sich der Mensch aufbaut, eine Art Spektakel von Begriffen, ebenso unwirklich wie die Figuren auf dem Theater. Alles, was in Worten ausdrückbare Idole sind, gehört diesen vier Gattungen an.“ (Lit.:GA 170, S. 267f)

„Denken wir uns das allgemeine Verglimmen, Abdunkeln desjenigen, was als Impuls im Worte lebt, wenn gesagt wird der Satz: «Im Urbeginne war das Wort.» Denken wir uns jetzt die zivilisierte Menschheit des 16., 17. Jahrhunderts, die sich vorzubereiten hat für eine Erhöhung der inneren Freiheitskraft. - Sie sehen, man hat dasjenige, was in einem Zeitalter nicht vorhanden war, auch zu loben, von einem gewissen Gesichtspunkt aus ja erst recht zu loben, denken wir uns die Menschheit vor uns hingestellt, die aus vollem Bewußtsein heraus ihre Freiheit zu erringen hat, die dies nicht gekonnt hatte, wenn ihr schon im Worte der Geist eingeflößt, inspiriert worden wäre, wie das in früheren Zeiten der Fall war: dann verstehen wir, wie die Unmöglichkeit, in alter Form zu erziehen, bereits gegeben war, als Baco von Verulam im 16., 17. Jahrhundert auftrat mit einer gewichtigen Behauptung, die sich hinstellte, wenn man sie ehrlich empfindet, wie ein Auslöschen dessen, was in dem Worte gegeben ist: «Im Urbeginne war das Wort.» Denn noch immer war vorher ein Schatten von Geist im Worte, im Logos.

Baco fordert die Menschheit auf, im Worte nur noch ein «Idol» zu sehen, nicht mehr den Geist; nicht mehr sich an das Wort zu halten, nicht mehr das Wort mit seiner Kraft zu nehmen, sondern sich vor dem Intellektualismus des Wortes zu hüten. Denn verfällt man an das Wort, woraus früher die Erkenntnis, die Zivilisation, die Kraft geschöpft war - meint Baco von Verulam -, dann klammert man sich mit dem Worte an ein Idol.

In der Lehre von den Idolen, wie man sie bei Baco von Verulam findet, liegt der ganze Umschwung des Zeitalters des 16., 17. Jahrhunderts: weg vom Worte. Wohin will man? Zu der sinnlich gegebenen Sache. Das Ding, das die Sinne anschauen können, das soll zugrunde liegen demjenigen, an das der Mensch sich hält.

So gab es einmal früher ein Zeitalter, in dem der Mensch beim Worte nicht nur das Wort empfangen hat, sondern den Geist, ja, den weltschöpferischen Geist, der in dem Worte, in dem Logos lebte. Jetzt kam die Zeit, in der das Wort zum Idol geworden war, zum Verführerischen, zum Idol, das zum Intellektualismus verführt. Man muß sich an die äußere sinnliche Sache halten, wenn man nicht dem Idol des Wortes verfallen will.

Und so liegt bei Baco von Verulam die Aufforderung, sich an dasjenige zu halten, was nicht mehr von den Göttern in den Menschen hineinkommt, sondern an dasjenige, was draußen in der Welt in den leblosen oder höchstens äußerlich belebten Dingen da ist. Von dem Worte wird der Mensch verwiesen auf die äußere sinnliche Sache.“ (Lit.:GA 307, S. 98ff)

Anmerkungen

  1. Die erste nachatlantische Kulturepoche, die urindische Kultur, beginn nach Rudolf Steiner 7227 v. Chr.

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Das Rätsel des Menschen. Die geistigen Hintergründe der menschlichen Geschichte, GA 170 (1992), ISBN 3-7274-1700-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Geisteswissenschaftliche Erläuterungen zu Goethes «Faust», Band I: Faust, der strebende Mensch , GA 272 (1981), ISBN 3-7274-2720-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Gegenwärtiges Geistesleben und Erziehung, GA 307 (1986), ISBN 3-7274-3070-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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