Korrespondenztheorie der Wahrheit

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Aristoteles formulierte das Grundprinzip der Korrespondenztheorie
Thomas von Aquin formulierte die klassische Definition der Korrespondenztheorie

Die in der Philosophiegeschichte über weite Strecken dominierende Wahrheitstheorie war die Korrespondenztheorie oder Adäquationstheorie der Wahrheit. Diese Theorie geht von Wahrheit als Übereinstimmung gedanklicher Vorstellungen mit der Wirklichkeit aus. Ihre Vertreter verstehen Wahrheit grundsätzlich als eine Relation zwischen zwei Bezugspunkten und bezeichnen diese als Übereinstimmung, Entsprechung, Adäquation, Übereinkunft etc. Auch die Relata werden unterschiedlich bestimmt: anima(Seele)/ens, Denken/Sein, Subjekt/Objekt, Bewusstsein/Welt, Erkenntnis/Wirklichkeit, Sprache/Welt, Behauptung/Tatsache etc.

Die annähernd gegenteilige Sicht ist die des antiken Skeptizismus, der die Möglichkeit einer gesicherten, nachweisbaren Erkenntnis von Wirklichkeit und Wahrheit in Frage stellt.

Wichtige Vertreter

Aristoteles

Als erster Korrespondenztheoretiker wird vielfach Aristoteles genannt, der in seiner Metaphysik formulierte:

„Zu sagen nämlich, das Seiende sei nicht oder das Nicht-Seiende sei, ist falsch, dagegen zu sagen, das Seiende sei und das Nichtseiende sei nicht, ist wahr. Wer also ein Sein oder Nicht-Sein prädiziert, muss Wahres oder Falsches aussprechen.[1]
[…] Nicht darum nämlich, weil unsere Meinung, du seiest weiß, wahr ist, bist du weiß, sondern darum, weil du weiß bist, sagen wir die Wahrheit, indem wir dies behaupten.[2]

Aristoteles spricht in dieser berühmten Formulierung allerdings nicht von Korrespondenz oder Adäquation. Daher gibt es über die Zuordnung des Aristoteles zur Korrespondenztheorie keinen wissenschaftlichen Konsens.

Thomas von Aquin

Die klassische Definition der Korrespondenztheorie als „Übereinstimmung der Sache mit der Vernunft“ (lat. adaequatio rei et intellectus) gab Thomas von Aquin. Den Hintergrund bildet dabei die Unterscheidung der universalia ante rem, der in der Vernunft Gottes vorgebildeten Ideen, von den durch die Schöpfung den Dingen eingeprägten Ideen, den universalia in re, die der Mensch im Erkenntnisakt aus diesen durch Abstraktion heraushebt und sich als universalia post rem zu Bewusstsein bring. Wahrheit liegt für den Menschen vor, wenn die universalia post rem mit den unviersalia in re - und damit indirekt auch mit den universalia ante rem - übereinstimmen. Für Gott hingegen besteht die Wahrheit darin, dass die in den Dingen beschlossenen Ideen (universalia in re) - gemäß der göttlichen Gerechtigkeit - voll und ganz seinen Schöpfungsgedanken (universalia ante rem) entsprechen. Die Gerechtigkeit wird daher mit Recht auch Wahrheit genannt.

Respondeo dicendum quod veritas consistit in adaequatione intellectus et rei, sicut supra dictum est. Intellectus autem qui est causa rei, comparatur ad ipsam sicut regula et mensura, e converso autem est de intellectu qui accipit scientiam a rebus. Quando igitur res sunt mensura et regula intellectus, veritas consistit in hoc, quod intellectus adaequatur rei, ut in nobis accidit, ex eo enim quod res est vel non est, opinio nostra et oratio vera vel falsa est. Sed quando intellectus est regula vel mensura rerum, veritas consistit in hoc, quod res adaequantur intellectui, sicut dicitur artifex facere verum opus, quando concordat arti. Sicut autem se habent artificiata ad artem, ita se habent opera iusta ad legem cui concordant. Iustitia igitur Dei, quae constituit ordinem in rebus conformem rationi sapientiae suae, quae est lex eius, convenienter veritas nominatur. Et sic etiam dicitur in nobis veritas iustitiae.

Thomas von Aquin: Summa theologica I, 21, 2 [1]

Ich antworte, daß die Wahrheit in der Gleichförmigkeit der Vernunft mit der Sache besteht. Die Vernunft aber, welche die Sache verursacht, ist im Verhältnisse zu dieser letzteren wie Maß und Richtschnur; während umgekehrt für unsere Vernunft die äußere Sache Maß und Richtschnur für das Verständnis bildet.

Bei uns also besteht, soweit die Natur Gegenstand der Erkenntnis ist, die Wahrheit darin, daß die Vernunft sich den Dingen anpaßt und dadurch ihnen gleichförmig wird. Denn deshalb, weil die äußeren Dinge sich so, wie wir meinen, verhalten oder nicht, ist unsere Meinung wahr oder falsch. Dagegen besteht für jene Vernunft, welche als Ursache das Maß und die Richtschnur der Dinge ist, die Wahrheit darin, daß die Dinge sich ihr anpassen und daß demgemäß die Gleichförmigkeit zwischen Vernunft und Sache betrachtet wird; wie der Künstler ein wahres Kunstwerk schafft, wenn es der Kunstidee entspricht. Wie sich aber Kunstwerke zur Kunstidee verhalten, so verhalten sich die gerechten Werke zum Gesetze, dem sie entsprechen. Die Gerechtigkeit Gottes also, welche den Dingen eine der göttlichen Weisheit, also ihrem Gesetze, gleichförmige Ordnung aufprägt, wird mit Recht auch Wahrheit genannt. Und so wird bei uns ebenfalls von einer Wahrheit der Gerechtigkeit 
gesprochen.

Probleme der Korrespondenztheorie

In der Korrespondenztheorie wird Wahrheit als eine zweistellige Relation der Form aRb gedacht. Bei all diesen drei Strukturmomenten ergeben sich Probleme, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert verstärkt thematisiert wurden, was zur Entwicklung alternativer Wahrheitstheorien führte.

So gibt es Schwierigkeiten bei der Bestimmung des Wahrheitsträgers (truthbearer). Um welche Gegenstände oder Entitäten handelt es sich, die mit den Tatsachen oder der Wirklichkeit übereinstimmen sollen, und die wir in diesem Sinne wahr nennen?

Auf der anderen Seite stellt sich die Frage nach dem Wahrmacher (truthmaker), nämlich von welcher Art dasjenige ist, womit Aussagen übereinstimmen müssen, um wahr zu sein. Es herrscht zwar unter den Korrespondenztheoretikern weitgehende Einigkeit darüber, dass es sich bei den Wahrmachern um Tatsachen handelt, allerdings besteht Uneinigkeit darüber, was Tatsachen eigentlich sind. So drückt Günther Patzig eine in der analytischen Philosophie weit verbreitete Ansicht aus, dass man weder den allgemeinen Begriff der Tatsache definieren noch einzelne Tatsachen identifizieren könne, ohne auf Aussagen zu rekurrieren. Tatsachen müssten daher als erfüllte Wahrheitsbedingungen von Sätzen angesehen werden.[3] Für die Korrespondenztheorie ergibt sich daraus das Dilemma, dass sie in einen definitorischen Zirkel gerät, da der Begriff der Tatsache bereits den Begriff der Wahrheit enthält, den es eigentlich erst zu definieren gilt:

„Dabei ist es wichtig zu sehen, daß es zunächst ganz unklar ist, ob das, was Tatsachen sind, über W.[ahrheit], oder ob W.[ahrheiten] über Tatsachen zu erläutern sind. Eben daher ist eine Definition, nach welcher wahr sei, was mit den Tatsachen übereinstimmt, ebenso richtig wie leer: Es handelt sich um eine Tautologie […].[4]

Das dritte Problem betrifft die Korrespondenzrelation selbst. Dies zeigt sich bereits daran, dass zu ihrer Beschreibung in den verschiedenen Theorien eine Vielzahl an Ausdrücken verwendet wurde: Korrespondenz, Entsprechung, Übereinstimmung, Adäquation, Abbildung oder Widerspiegelung.

Gegen das Konzept einer echten bildlichen Beziehung gab es den Einwand, dass unklar bleibe, wie die Übereinstimmungsrelation von zwei so unterschiedlichen „Entitäten“ wie Wissen und Gegenstand überhaupt gedacht werden soll (z. B. zwischen meinem Wissen, dass der konkrete Gegenstand vor mir rot ist und dem Gegenstand selbst). Um diese Schwierigkeiten zu umgehen, versuchten Vertreter von sprachanalytisch orientierten Korrespondenztheorien, die Relation zwischen Aussagen und Tatsachen abstrakter als Strukturgleichheit oder Isomorphie zu fassen. Auch dieses Konzept erweist sich jedoch bereits bei einfachen Beispielen als problematisch, da in vielen Fällen eine eindeutige Zerlegung einer Tatsache in ihre Elemente nicht möglich zu sein scheint:

„Nehmen wir das in der Wahrheitsdiskussion seit langem notorische Beispiel: Die Katze ist auf der Matte. Diese Aussage kann man vielleicht noch halbwegs plausibel in ihre Bestandteile zerlegen. Aber wie steht es mit der entsprechenden Tatsache? Kann man wirklich sagen, daß diese Tatsache aus den und den Bestandteilen besteht, etwa aus der Katze, der Matte und einer bestimmten räumlichen Relation?[5]

Auf noch größere Schwierigkeiten stößt man zum Beispiel bei negativen Aussagen und ihrem Pendant auf Seiten der Tatsachen. Worin besteht etwa die Übereinstimmung, wenn ich erkenne, dass ein bestimmter Gegenstand nicht vorhanden ist bzw. dass ihm bestimmte Eigenschaften nicht zukommen? Wie soll man sich eine Übereinstimmung mit etwas nicht Bestehendem denken? Noch schwieriger lassen sich irreale Konditionalsätze interpretieren wie: „Wenn ich dies nicht getan hätte, wäre jenes (vielleicht) nicht passiert.“

Dennoch ist Karen Gloy zuzustimmen: „Das adaequatio-Verständnis der Wahrheit ist zweifellos das bekannteste und verbreitetste, das sowohl unser alltägliches, vorwissenschaftliches Denken wie auch unser wissenschaftliches beherrscht.“ Im Alltag stellt die (vage) Rede von der Übereinstimmung einer sprachlichen Aussage mit einem objektiven Sachverhalt oft kein Problem dar.

Anmerkungen

  1. Aristoteles: Metaphysik 1011b (Übers. H. Bonitz).
  2. Aristoteles: Metaphysik 1051b (Übers. H. Bonitz).
  3. Günther Patzig: Sprache und Logik. Göttingen 1970, S. 39–76.
  4. Lothar Kreiser/Pirmin Stekeler-Weithofer: Wahrheit/Wahrheitstheorie. In: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie. Bd. 2: O–Z, Meiner, Hamburg 1999, S. 1712–1722, hier S. 1714.
  5. Winfried Franzen: Zur neueren Wahrheitsdiskussion: Redundanztheorie versus Korrespondenztheorie der Wahrheit. In: Zeitschrift für philosophische Forschung 35, 1981, Heft 1, S. 78.

Siehe auch

Weblinks

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