Adam Kadmon

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Adam Kadmon mit Sephirothbaum (aus Ginsburg: The Kabalah, 1888)

Adam Kadmon (auch Adam Qadmon, aramäisch: ‏אדם קדמון‎ „ursprünglicher Mensch, Kosmischer Mensch“; griech. οὐράνιος ἄνθρωπος uranios anthroposHimmlischer Mensch“) wird als Urbild des Menschen verstanden entsprechend den Aussagen in der Kabbala und Haggada. Dessen Abbild ist der irdische Mensch. Der irdische Mensch aber verlor die drei Weisheiten, die den Adam Kadmon an die Seite Gottes stellen, nämlich die Weisheit, Herrlichkeit und Unsterblichkeit. Nach den Lehren der Kabbala wurde Adam Kadmon noch vor der eigentlichen Schöpfung aus dem reinen göttlichen Licht geschaffen, das unmittelbar aus dem Ain Soph hervorging. Adam Kadmon ist vergleichbar dem Riesen Ymir der nordischen Mythologie, dem Pangu der chinesischen Mythologie, dem Gayomart der Persische Mythologie oder dem Purusha der indischen Veden.

Adam Kadmon als makrokosmischer Mensch

Jean Limburg: Der anatomische Mensch mit der Zuordnung der Tierkreiszeichen, aus dem Stundenbuch des Duc de Berry, 15. Jh.

Der ursprüngliche Adam, wie er im Sechstagewerk durch die Elohim als getreues Bild ihres gemeinsamen Wesens geschaffen wurde, war der astrale makrokosmische Mensch, der den ganzen Kosmos umspannte. Der kosmische Mensch (οὐράνιος ἄνθρωπος) wird in diesem Sinn erstmals bei Philon von Alexandria erwähnt.[1]

"Man hat den Tierkreis früher nicht so aufgezeichnet, daß er in seine entsprechenden Tierformen auseinandergelegt war, sondern so, daß man die einzelnen Menschenglieder hinzugezeichnet hat zu den betreffenden Regionen: zum Widder den Kopf; weiter dasjenige, was die Gegend des Kehlkopfes ist, zum Stier; was am bedeutsamsten ausdrückt die Symmetrie, die beiden Arme, zu den Zwillingen; den Brustpanzer zum Krebs; das Herz zum Löwen; und so ist man weiter gegangen, bis man die unteren Teile der Beine zum Wassermann, die Füße zu den Fischen gezeichnet hat. Also denken Sie sich einen solchen Tierkreis als Mensch in den Kosmos hineingezeichnet, dann haben Sie dasjenige, was aus dem Kosmos, das heißt aus den entsprechenden Kräften der Hierarchien der Throne, Seraphim, Cherubim heraus die ursprünglichen Anlagen schuf zum menschlichen physischen Leib. Das ist der große kosmische Mensch, der Mensch, der durch alle Weltensagen und Weltenmythen geht, aus dem der einzelne Mensch auf der Erde herausgebildet ist in den mannigfaltigsten Gestalten. Denken Sie an den Riesen Ymir, der ausgebreitet ist in dem großen Kosmos, denn der mikrokosmische Mensch wird aus dem Riesen gebildet. Sie haben ihn überall, den großen makrokosmischen Menschen, der da Schöpfer ist, der außen dasjenige enthält, was der Mensch in seinem Innern enthält. Denn es liegt eine tiefe Wahrheit solchen Darstellungen zugrunde, eine Wahrheit, die je nach dem hellseherischen Vermögen der Völker mehr oder weniger gebrochen zutage tritt. Und sie leuchtet Ihnen herein auch durch jene Weisheit, welche ihren äußeren Ausdruck gefunden hat im Alten Testament. Sie leuchtet herein in der Weisheit, die als althebräische Geheimlehre zurückgeht auf jene Geheimlehre, die dem Alten Testamente zugrunde liegt: im Adam Kadmon der Kabbala. Der makrokosmische Mensch ist kein anderer als der Mensch, den wir jetzt in den Kosmos hineingezeichnet haben." (Lit.: GA 110, S. 145f)

Adam Kadmon als Erdenmensch

Adam Kadmon wird manchmal in androgyner Gestalt mit männlichen und weiblichen Geschlechtsmerkmalen dargestellt.

Der Erdenmensch, den Jahve aus der "feuchten Ackererde" formte und dessen Erschaffung in der zweiten Schöpfungsgeschichte der Bibel geschildert wird (1 Mos 2,7 LUT), war nicht das körperliche Wesen, das wir heute als Mensch bezeichnen, sondern er umspannte die ganze Erdensphäre, die damals noch die Mondensphäre mit umfasste, da sich der Mond zu dieser Zeit noch nicht von der Erde getrennt hatte.

"Die späteren Menschen haben nämlich zumeist aus der mißverstandenen hebräischen Urkunde, aus dem mißverstandenen Alten Testament gelernt, und die haben sich vorgestellt, nicht wahr: Da war die Erde und irgendwo das Paradies, und da ist der fertige Adam im Paradies als so ein kleiner Knirps darauf gestanden. Diese Vorstellung, die sich die Menschen aus dem mißverstandenen Alten Testament gemacht haben, die ist ungefähr gerade so, wie wenn sich heute einer vorstellen würde: Der Mensch kommt nicht von dem kleinen Ding, was da von den Allantois- und Amniontaschen da ist, von dieser Haut und so weiter - davon käme nicht der Mensch, sondern das alles, das wäre eine Sache für sich; aber im mütterlichen Leibe, da sitzt eben ein kleinwinziger Floh, und aus diesem kleinen Floh kommt der Mensch. So ungefähr ist es, wenn man sich vorstellt: Die Erde war da, der Adam und die Eva lebten gleich Flöhen daraufsitzend, und nachher das Menschengeschlecht. Das ist eben aus einem Mißverständnis des Alten Testaments entstanden, währenddem diejenigen, die in alten Zeiten etwas gewußt haben, nicht von Adam geredet haben, sondern von Adam Kadmon. Und der Adam Kadmon, der ist etwas anderes als der Adam. Der ist dieser Riesenkopf, der die Erde einmal war. Und das ist eine natürliche Vorstellung. Zum Erdenfloh ist dieser Adam Kadmon erst geworden, als sich die Menschen nicht mehr vorstellen konnten, daß ein Menschenkopf so groß werden kann wie die Erde, als sie nicht mehr daran geglaubt haben, und da haben sie sich die abnorme Vorstellung gebildet, als wenn es zum Spaß da sei, daß die ganzen neun Monate im mütterlichen Leibe vor sich gehen, und aus dieser mütterlichen Kugel der Mensch geboren wird.

In Wirklichkeit müssen wir uns vorstellen, daß der Mensch einmal die ganze Erde war - die ganze Erde." (Lit.: GA 347, S. 180f)

Von Adam Kadmon und den Sefirot

Die 10 Sefirot im kabbalistischen Lebensbaum

„Sein Kopf ist eine Triade aus Weisheit und Intelligenz, die überragt werden durch die Krone, die Herrschaft symbolisiert. Die Brust, die Schönheit, ist verbunden mit dem rechten Arm, der Barmherzigkeit und dem linken Arm, der Gerechtigkeit. In einer dritten Triade beherschen die Genitalien, die als Fundament bezeichnet werden, das rechte Bein, die Festigkeit und das linke Bein, die Pracht, die wiederum eine Triade mit den Füßen bilden, welche Königreich bedeuten.“

Hugh J. Schonfield[2]
  1. Krone Kether (Krone)
  2. Weisheit Chochmah (Weisheit, Klugheit, Geschicklichkeit)
  3. Intelligenz Binah (Einsicht, Verstand; analytische Intelligenz)
  4. Barmherzigkeit Chesed (Liebe, Gnade, Gunst)
  5. Gerechtigkeit Geburah (Stärke, Macht, Sieg, Gerechtigkeit)
  6. Schönheit Tiferet (Verherrlichung, Ruhm, Pracht, Schönheit)
  7. Festigkeit Nezach (Dauer, Beständigkeit, Sieg; Ruhm, Glanz, Blut, Saft)
  8. Pracht Hod (Pracht, Glanz, Majestät)
  9. Fundament Jesod (Gründung, Grund, Grundstein, Grundlage)
  10. Königreich Malchuth (Königreich, Herrschaft, königliche Würde, Regierung).

Im Unterschied zu den Sephirot ist aber Adam Kadmon reines göttliches Licht und bedarf keines Gefäßes.

Adam Kadmon und die Schöpfung

Die Schöpfung beginnt nach dem Kabbalisten Isaak Luria in der ersten Phase durch eine Selbstbeschränkung des göttlichen unendlichen Seins En Sof, durch das Tzimtzum. Diese Selbstbeschränkung führt zu einem Urraum, in dem sich der durch die Struktur der Sefirot bestimmte Adam Qadmon als Urgestalt allen Seins bildet. Dieser Adam Qadmon ist zugleich für die nachfolgende Schöpfung der Schöpfergott, da die göttliche Kraft in Form von Licht durch seine Körperöffnungen bricht und in die Welt emaniert.

Die zweite Phase der Schöpfung wird durch die Unvollkommenheit der Gefäße, die dieses göttliche Licht aufnehmen sollten, der Qlipot eingeleitet. Die selbst durch ein niederes Lichtgemisch entstandenen Gefäße zerbrechen unter dem Aufprall des Lichts des Adam Qadmon. Das ist die Schwirat ha-Kelim, das „Zerbrechen der Gefäße“. Die Trümmer dieser Qlipot vermischen sich wiederum mit Funken des göttlichen Lichts, und erhalten dadurch ein eigenes, dämonisches Leben.

Um dieses kosmische Desaster zu beheben, bricht ein spezielles Licht aus der Stirn des Adam Qadmon. Dieses Licht läutet die dritte Phase der Schöpfung ein, der Tiqqun, die Restitution. So befinden wir uns augenblicklich in dieser Phase der Restauration und Reinigung. Aber nicht nur das göttliche Selbst, auch jedes Geschöpf kann nach Luria am Tiqqun teilhaben, indem es dem Übermaß an richtenden Kräften (die denen der Səfīrat Gəvūrā entsprechen), das die Švīrā verursachte, ein entsprechendes Maß an Kräften der Liebe und der Gnade (Səfīrat Ḥesed) entgegensetzt.

Die Schöpfung nach Isaac Luria wird auch als eine Selbstreinigung Gottes vom immanenten Bösen gesehen. So ist alles Seiende auf das eine Ziel ausgerichtet, mittels Tiqqun dieses Böse zu bekämpfen und letztendlich ein reines Sein zu schaffen.

Siehe auch:

Anmerkungen

  1. Philo: De Allegoriis Legum, I. xii.
  2. Bernard Lubinski "Die Entschlüsselung drei großer Weltgeheimnisse", W.L.Pomian, Göttingen, 2001. Schrägsatz der zehn Sefirot im Zitat nur zum besseren Verständnis.

Literatur

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Weblinks

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