Anatomie

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Die Anatomie (aus griech. ἀνά aná „auf“ und τομή tomé „Schnitt“) ist ein Teilgebiet der Biologie und Medizin. Anatomen untersuchen die physisch-materielle Morphologie der Organismen und beschreiben Gestalt, Struktur und Lage von Körperteilen, Organen, Geweben und Zellen.

Die Grenzen der deskriptiven Anatomie

Rückschlüsse auf den lebendigen Organismus sind durch die statisch deskriptive Anatomie nur bedingt möglich. Das eigentliche Innere des Menschen, das auch die übersinnlichen Wesensglieder umfasst, die an der Gestaltung des Organismus mitwirken, ist der Anatomie, insofern sie bloß als äußere Wissenschaft betrieben wird, nicht zugänglich.

„Ich habe oft darauf aufmerksam gemacht, daß es ja eine ganz grobklotzige Täuschung wäre, wenn man das anatomische Studium etwa ansehen würde als dazu führend, daß der Mensch im Inneren betrachtet wird; es wird nur das Äußere, das unter der Haut gelegene selbstverständlich, durch die materielle Anatomie betrachtet. Das Innere des Menschen kann während des gewöhnlichen Wachbewußtseins nicht betrachtet werden. Auch dasjenige, was der Mensch während des Wachzustandes an sich selber kennenlernt, ist das Äußere der Welt, oder besser gesagt, ist dasjenige an ihm, wodurch er der äußeren Welt angehört.“ (Lit.:GA 163, S. 29)

Die Organbildung als Ergebnis der Lebensprozesse

Die Gestalt und Struktur der Organe im lebendigen Organismus kann niemals durch eine statische Beschreibung, sondern nur aus dem dynamischen Fließgleichgewicht der sie beständig auf- und abbauenden Lebensprozessen verstanden werden.

„Diese inneren Organe erforschen wir in Physiologie, in Biologie nach ihrer Gestaltung, nach ihrer Struktur. Wir können nicht anders, wenn wir uns zunächst auf dem Boden der in der neuen Zeit gewohnten Naturforschung bewegen. Aber in Wirklichkeit sind Lungen, Magen, Herz, Leber, Nieren, sind alle Organe des Menschen nicht dasjenige, als was sie sich dem Blick darstellen, wenn dieser Blick sie anschaut in ihrer umschlossenen Gestalt, mit ihrer, ich möchte sagen, in der Hauptsache doch ruhenden Struktur, insbesondere ruhend für das menschliche sinnliche Anschauen. Nein, diese Organe täuschen nur diese Gestalt vor, denn im lebendigen Menschen sind diese einzelnen Organe in einer fortdauernden lebendigen Bewegung. Sie sind gar keine ruhig gestalteten Organe, sie sind lebendige Prozesse, und wir sollten eigentlich gar nicht sprechen von Lunge, Herz, Nieren, Leber. Wir sollten sprechen von einem Herzprozeß, von einer Summe von Herzprozessen, von einer Summe von Lungenprozessen, von einer Summe von Nierenprozessen; denn, was sich da abspielt, ist eine fortdauernde Metamorphose, die sich nur in solcher Verschlossenheit abspielt, daß das Ganze für eine Gestalt gehalten werden kann, ja, für die äußere Anschauung gehalten werden muß. Vordringen aber von dem Anschauen dieser Gestalt, die eigentlich nur das Äußere offenbart, zu dem, was lebendiger Prozeß ist, zu dem, was im Grunde genommen in jedem Augenblick ein anderes wird in diesen Organen, zu demjenigen, was den Lebensprozeß von diesen Organen aus eigentlich macht, vordringen zu dem kann man nicht mit dem Anschauen der Sinne, sondern mit dem bewegten inneren Anschauen, das in der imaginativen Erkenntnis da ist.“ (Lit.:GA 78, S. 162f)

Funktionelle Anatomie

Johannes W. Rohen: Morphologie des menschlichen Organismus
Johannes W. Rohen: Anatomie

Der deutsche Anatom und Anthroposoph Johannes Wolfgang Rohen hat die Anregungen Rudolf Steiners aufgegriffen und gilt als einer der Begründer der funktionellen Anatomie, die, anders als diese rein deskriptive Anatomie, die Form und Physiologie der Organe gemäß ihrer funktionellen Bedeutung im Rahmen übergeordneter Organsysteme und letztlich des Organismus als Ganzen zu verstehen sucht und damit nicht nur das „Was“, sondern vor allem auch das „Wie“ und „Warum“ der anatomischen Strukturen erhellt. Eine Vielzahl an Publikationen und Lehrbüchern kennzeichnet sein Lebenswerk. Als sein wichtigstes Werk gilt der Fotografische Atlas der „Anatomie des Menschen“, der auf Grund seiner Fotografien von hochwertig hergestellten und detailreichen Präparaten weltweit einen Spitzenplatz einnimmt und mittlerweile in 20 Sprachen übersetzt wurde. Seit den 1940er Jahren beschäftigt sich Rohen mit goetheanistischen und anthroposophischen Ideen zur Anthropologie. Die Frucht dieser Studien publizierte er im Jahr 2000 in seinem Buch: „Morphologie des menschlichen Organismus - Versuch einer goetheanistischen Gestaltlehre des Menschen“ und 2009 in: „Eine funktionelle und spirituelle Anthropologie: unter Einbeziehung der Menschenkunde Rudolf Steiners“. Rohen stützt sich dabei auf die von Rudolf Steiner beschriebene funktionelle Dreigliederung des menschlichen Organismus und zeigt, wie die höheren Wesensglieder des Menschen, also der Ätherleib, der Astralleib und das Ich, konkret an der Gestaltung des anatomisch fassbaren physischen Leibes mitwirken.

Zusammenhang der Organbildung mit den kosmischen Verhältnissen

Sehr wesentlich hängt der Organismus, wie Rudolf Steiner zeigt, auch mit den kosmischen Verhältnissen zusammenhängt. So korrespondieren etwa die Lebensprozesse der hauptsächlichen Organe mit den Planeten unseres Sonnensystems.

„So wie im Makrokosmos die Sonne im Planetensystem steht zu den äußeren Planeten Jupiter, Mars, Saturn, so steht im Mikrokosmos, im menschlichen Organismus, die innere Sonne, das Herz, zu Leber-Jupiter, Galle-Mars, Milz-Saturn. Ich müßte nun nicht wochenlang, sondern monatelang reden, wenn ich Ihnen alle die Gründe auseinandersetzen wollte, warum vor einem genauen und intimen okkulten Beobachten das Verhältnis der Sonne zu den äußeren Planeten unseres Planetensystems wirklich in Parallele gesetzt werden darf zu dem Verhältnis, das im menschlichen Organismus das Herz hat zu dem inneren Weltsystem, zu Leber, Galle und Milz. Es ist in der Tat das äußere Verhältnis absolut so hereingenommen, daß in der Wechselwirkung dieser Organe sich das widerspiegelt, was in der großen Welt des Makrokosmos, in unserem Sonnensystem vor sich geht. Und ebenso ist es berechtigt, davon zu sprechen, daß die Vorgänge, die sich abspielen zwischen der Sonne und den inneren Planeten bis zu unserer Erde herunter, sich widerspiegeln in dem Verhältnis des Herzens zu den Lungen und zu den Nieren. So haben wir in diesem inneren Weltsystem des Menschen etwas, was das äußere Weltsystem widerspiegelt.

Wir haben im Verlaufe der Vorträge auch schon angedeutet, wie in der Tat, wenn wir hellseherisch hinuntertauchen in das eigene Innere, wir aufhören, unsere inneren Organe nur so wahrzunehmen, wie sie sich dem äußeren Anblick des physischen Auges darbieten. Wir müssen hinauskommen über das Phantasiebild, das sich die äußere Anatomie von unseren Organen macht, indem wir aufsteigen zur Betrachtung der wirklichen Gestalt, die diese Organe haben, wenn wir berücksichtigen, daß diese Organe ja Kraftsysteme sind. Durch die äußere Anatomie kann gar nicht das wirkliche Sein dieser Organe ergründet werden, denn sie sieht ja in ihnen nur die hineingestopften umgewandelten Nahrungsstoffe. Und gerade dadurch, daß die äußere Wissenschaft nur diese Anschauung gelten lassen will, kann sie nicht die inneren Kraftsysteme, welche den Organen zugrundeliegen, erkennen. Für denjenigen aber, der in der Lage ist, das, was diesen Organen als Kraftsysteme zugrundeliegt, durch hellseherische Beobachtung zu schauen, der sieht, wie berechtigt es ist, die Organe mit den Namen der Planeten zu benennen, weil er erkennt, wie das Verhältnis zwischen den Planeten unseres äußeren Weltsystems sich wiederholt in unserem inneren Organsystem.“ (Lit.:GA 128, S. 163f)

Das unterschiedliche Entwicklungsalter der Organe

Darüber hinaus muss auch berücksichtigt werden, dass die Organe ein sehr unterschiedliches Entwicklungsalter haben und dadurch auf ganz verschiedenen Entwicklungsstufen stehen:

„Man würde einen Menschen als einen Toren ansehen, der nicht einsehen würde, daß er sich vielleicht fragen könnte: Ist der fünfzehnjährige Jüngling nicht etwa der Sohn des vierzigjährigen Mannes? Wird mir nicht manches erklärbar, wenn ich ihn als dessen Sprößling betrachte? - Es wäre eine Torheit, das nicht in Betracht zu ziehen. Aber auf dem Standpunkt dieser Torheit steht die heutige Anatomie. Sie weiß nichts davon, daß man die Organe des menschlichen Leibes nicht einfach nebeneinander betrachten darf, sondern daß man sie verschieden betrachten muß, weil sie auf verschiedenen Entwickelungsstufen stehen, und daß man das Gehirn neben dem Herzen nur dann richtig verstehen wird, wenn man das Gehirn als jüngere Bildung, das Herz als ältere Bildung auffaßt. Und solange nicht eine solche Anatomie kommen wird, die die verschiedenen Organe nicht einfach als im Raum nebeneinanderstehend betrachtet, sondern sie betrachtet in ihrer Wertigkeit als jüngere oder als ältere Bildung, so lange wird man von der wahren Wesenheit des Menschen überhaupt nicht viel verstehen.“ (Lit.:GA 119, S. 252)

Literatur

  1. Johannes W. Rohen: Funktionelle Neuroanatomie: Lehrbuch und Atlas, Schattauer, F.K. Verlag 2001, ISBN 978-3794521289
  2. Johannes W. Rohen, Elke Lütjen-Drecoll: Funktionelle Anatomie des Menschen: Lehrbuch der makroskopischen Anatomie nach funktionellen Gesichtspunkten, Schattauer; Auflage: 11., überarb. u. erw. Aufl. (September 2005), ISBN 978-3794524402
  3. Johannes W. Rohen: Eine funktionelle und spirituelle Anthropologie: unter Einbeziehung der Menschenkunde Rudolf Steiners, 1. Aufl., Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2009, ISBN 978-3772520983
  4. Johannes W. Rohen, Chihiro Yokochi, Elke Lütjen-Drecoll: Anatomie - Der fotografische Atlas der systematischen und topografischen Anatomie des Menschen, 8. Aufl., Schattauer, 2015, ISBN 978-3-7945-2981-0 (Print) und ISBN 978-3-7945-6804-8 (eBook PDF) [1]
  5. Johannes W. Rohen: Morphologie des menschlichen Organismus, 4. Aufl., Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2016, ISBN 978-3772519987
  6. Johannes W. Rohen, Elke Lütjen-Drecoll: Funktionelle Embryologie - Die Entwicklung der Funktionssysteme des menschlichen Organismus, 5. Aufl., Schattauer, September 2016, ISBN 978-3-7945-3219-3 (Print) ISBN 978-3-7945-9050-6 (eBook PDF) [2]
  7. Rudolf Steiner: Anthroposophie, ihre Erkenntniswurzeln und Lebensfrüchte, GA 78 (1986), ISBN 3-7274-0780-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  8. Rudolf Steiner: Makrokosmos und Mikrokosmos, GA 119 (1988), ISBN 3-7274-1192-9 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  9. Rudolf Steiner: Zufall, Notwendigkeit und Vorsehung , GA 163 (1986), ISBN 3-7274-1630-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  10. Rudolf Steiner: Eine okkulte Physiologie, GA 128 (1991), ISBN 3-7274-1281-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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