Anthroposophie

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Anthroposophie (von griech. ἄνθρωπος ánthropos ‚Mensch‘ und σοφία sophίa ‚Weisheit‘) ist ein von Rudolf Steiner (*1861, †1925) begründeter „Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte“ (Lit.: GA 26, S. 14) und in diesem Sinn «Bewußtsein seines Menschentums» (Lit.: GA 257, S. 76). Während die überwiegend naturwissenschaftlich orientierte Anthropologie allein den äußerlich fassbaren Menschen beschreibt, will Anthroposophie darüber hinaus den nur innerlich erlebbaren seelischen und geistigen Menschen und die diesem durch konsequente Bewusstseinsschulung wahrnehmbare seelische und geistige Welt rein empirisch erforschen - ohne metaphysische Spekulation und unabhängig von jeglicher religiösen Dogmatik oder herkömmlichen Mystik. Rudolf Steiner hat die von ihm methodisch entwickelte Anthroposophie daher auch sinngemäß als anthroposophische Geisteswissenschaft bezeichnet, um auf die von ihm angestrebte, auf konkrete geistige Erfahrung gegründete, exakte wissenschaftliche Erforschung des Geistigen hinzuweisen. Schon sein erkenntnistheoretisches Hauptwerk, die «Philosophie der Freiheit» (Lit.:GA 4), trägt den Untertitel: Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode.

"Unter Anthroposophie verstehe ich eine wissenschaftliche Erfor­schung der geistigen Welt, welche die Einseitigkeiten einer bloßen Natur-Erkenntnis ebenso wie diejenigen der ge­wöhnlichen Mystik durchschaut, und die, bevor sie den Versuch macht, in die übersinnliche Welt einzudringen, in der erkennenden Seele erst die im gewöhnlichen Bewußtsein und in der gewöhnlichen Wissenschaft noch nicht tätigen Kräfte entwickelt, welche ein solches Eindringen ermöglichen." (Lit.: GA 35, S. 66)

Der heute weltweit vertretenen Anthroposophie entstammen fruchtbare Anregungen für vielfältigste Lebensbereiche, etwa für die Waldorfpädagogik und Heilpädagogik, die anthroposophisch erweiterte Medizin, die Heilmittel- und Kosmetikproduktion (Weleda, Wala), die biologisch-dynamische Landwirtschaft (Demeter), für praktisch alle Bereiche der Kunst (wie z.B. auch der Architektur), inklusive der neu aus der Anthroposophie hervorgegangenen Raumbewegungskunst Eurythmie, für die Dreigliederung des sozialen Lebens und das Finanzwesen (GLS Gemeinschaftsbank, Freie Gemeinschaftsbank), für die weitere Vertiefung der Goetheanistischen Naturwissenschaft, für die Christengemeinschaft als Bewegung für religiöse Erneuerung und für die laienpriesterliche Bewegung «Der freie christliche Impuls».

Allgemeines

Anthroposophie versteht sich als eine Methode der individuellen Bewusstseinsentwicklung. Ihre Grundlage ist ein erkenntniswissenschaftlich fundiertes Konzept der menschlichen Individualität[1], ist zudem "ausgebildeter Goetheanismus".[2] Sie enthält Inhalte des Rosenkreuzertums, insofern diese von Rudolf Steiner ausgeführt worden sind[3], eine ausführliche Darstellung der Weltentwicklungsstufen sowie eine Auffasung von Wiederverkörperung und Schicksal, welche sich von vielen östlichen Ansätzen grundlegend unterscheidet.

Philosophie und Anthroposophie

Während sich die Philosophie spätestens seit Aristoteles vornehmlich auf das spekulative bzw. diskursive Denken gründet, beruht die Anthroposphie unmittelbar auf gedankenklarer, vollbewusster geistiger Wahrnehmung. Das bereits in Rudolf Steiners erkenntnistheoretischen Grundlagenwerken angesprochene intuitive Denken stellt bereits eine elementare Form einer solchen geistigen Wahrnehmung dar.

„Man verleumdet Anthroposophie, wenn man sie bloss eine Philosophie nennt. Sie beruht nicht auf einer philosophischen Spekulation, sondern sie beruht auf einer Anschauung, die ebenso lebendig ist, wie nur je eine sinnliche Anschauung sein kann, die aber eben errungen werden muss, indem der Mensch die Kräfte, die in seiner Seele sonst nur schlummern, so ausbildet, wie ich sie im Prinzip angedeutet habe...“ (Lit.: R. Steiner: Anthroposophie und die Rätsel der Seele, Vortrag in Bern, 20. März 1922)

Christian Clement weist in seiner Einleitung zu SKA 5 ganz richtig darauf hin, dass Rudolf Steiner stets betont habe, „dass eine wirklichkeitsgemäße Erkenntnis nicht allein durch gedankliche Verarbeitung und Deutung sinnlicher Beobachtungen erworben werden könne, sondern dass zu diesem „sinnlichen“ Erkennen eine völlig andere Art des Denkens und Wahrnehmens hinzukommen müsse. Ein „höheres“, „übersinnliches“ Bewusstsein müsse entfaltet, ein neues „Organ“ erschlossen werden, dessen Inhalt nicht einfach „gegeben“ seien, wie diejenigen der sinnlichen Wahrnehmung, sondern die in energischer geistig-seelischer Selbsterziehung erst innerlich hervorgebracht werden müssten. Zu diesem höheren Bewusstsein sei die Menschheit insgesamt derzeit erst noch unterwegs, doch könne es durch seelisches und geistiges Üben vom Philosophen bzw. Mystiker schon jetzt, gewissermaßen als bewusstseinsevolutive Frühgeburt, bewusst hervorgebracht werden. Dieses grundlegende Postulat eines im Menschen als Potenzial schlummernden, nicht auf sinnlichen Inhalten beruhenden ‚höheren‘ Bewusstseins verbindet nach Steiners Auffassung seine eigene Philosophie mit so disparaten Geistesströmungen wie Platonismus und Neuplatonismus, der mittelalterlichen Mystik, mit Cusanus, Paracelsus und Böhme, mit den Anschauungen Goethes und Schillers und dem Idealismus eines Fichte, Schelling und Hegel.“ (Lit.: SKA 5, XXXV)

Die Hauptsache der Anthroposophie liegt im Leben und nicht in der Form

Anthroposophie wird nur dann recht verstanden, wenn sie in ihrer lebendigen Entwicklung gesehen wird. Sie strebt nicht an, «absolute Wahrheiten» zu geben, die für alle Zeiten gültig sein sollen, sondern rechnet damit, dass der Geist der Menschheit in beständiger Entwicklung ist und dass folglich diese Wahrheiten für künftige Zeitalter wieder in ganz anderer Form gegeben werden müssen.

"Es gibt zahlreiche Wege zur Anthroposophie. Man sollte darüber hinauskommen, sich zu stoßen an dem Wesen einzelner Menschen, die Anthroposophen sein wollen, und sollte versuchen, die Anthroposophie wirklich zu erleben. In der Gegenwart ist eigentlich Anthroposophie das einzige, das nicht dogmatisiert, und das nicht darauf erpicht ist, etwas in ganz bestimmter Weise hinzustellen, sondern das bestrebt ist, etwas von verschiedenen Seiten anzuschauen. Die Hauptsache der Anthroposophie liegt im Leben und nicht in der Form. Man ist ja wohl gezwungen, wenn man verstanden werden will, Formen anzuwenden, die gegenwärtig üblich sind." (Lit.: GA 217a, S. 44)

"Menschliche Meinungen, namentlich dann, wenn sie Weltanschauungsmeinungen sein wollen, fühlen sich nur dann befriedigt, wenn sie, in gewissem Sinne und in gewissen Grenzen wenigstens, sich sagen können: Ich habe Gedanken, die gelten; die sind in sich absolut gültig; die habe ich gefunden oder die hat die Wissenschaft oder die Religion oder irgend etwas anderes gefunden; aber sie gelten, sie gelten absolut in sich. - So steht es um Anthroposophie nun nicht. Anthroposophie weiß, daß die Gedanken herausgeboren sein müssen in jeder Zeit aus dem, was man in einem tieferen Sinne den Geist der Zeit nennen kann. Und der Geist der Menschheit ist in fortdauernder Entwicklung. So daß dasjenige, was als Meinung über die Welt in einem Zeitalter auftritt, eine andere Form haben muß als dasjenige, was in solcher Art in einem anderen Zeitalter auftritt. Indem Anthroposophie heute vor die Welt hintritt, weiß sie, daß nach Jahrhunderten dasjenige, was sie heute sagt, in ganz anderer Form für ganz andere Menschheitsbedürfnisse und ganz andere Menschheitsinteressen wird gesagt werden müssen, daß sie nicht «absolute Wahrheiten» anstreben kann, sondern daß sie in lebendiger Entwicklung ist." (Lit.: GA 72, S. 65)

„Diese anthroposophische Weltanschauung kommt auf die individuellste Weise zustande und ist zu gleicher Zeit das Unindividuellste, das sich überhaupt nur denken läßt. Sie kann nur dadurch auf die individuellste Art zustande kommen, daß sich die Geheimnisse des Weltalls in einer menschlichen Seele offenbaren, daß in sie einströmen die großen geistigen Wesenheiten der Welt. In der menschlichen Individualität muß der Inhalt der Welt erlebt werden auf die individuellste Art, aber zu gleicher Zeit muß er erlebt werden mit einem Charakter vollständiger Unpersönlichkeit. Wer erleben will den wahren Charakter der Weltgeheimnisse, der muß ganz auf demjenigen Gesichtspunkt stehen, von dem aus er sich sagt: Wer die eigene Meinung noch achtet, der kann nicht zur Wahrheit kommen. - Das ist nämlich das Eigenartige anthroposophischer Wahrheit, daß der Beobachter keine eigene Meinung, keine Vorliebe für diese oder jene Theorie haben darf, daß er durchaus nicht durch seine besondere individuelle Eigentümlichkeit diese oder jene Anschauung mehr lieben darf als eine andere. Solange er auf diesem Standpunkte steht, ist es unmöglich, daß sich ihm die wahren Weltgeheimnisse offenbaren. Er muß ganz individuell erkennen; aber seine Individualität muß so weit gediehen sein, daß sie nichts mehr von dem Persönlichen, also auch von dem ihm individuell Sympathischen und Antipathischen hat. Das muß streng und ernsthaft genommen werden. Wer noch irgendwelche Vorliebe hat für diese oder jene Begriffe und Anschauungen, wer durch seine Erziehung, durch sein Temperament zu dem oder jenem hinneigen kann, der wird niemals die objektive Wahrheit erkennen.“ (Lit.:GA 117, S. 155f)

Die objektive Wahrheit, durch die sich der Mensch in die geistigen Welten erheben kann, darf niemals auf persönliche Autorität, sondern nur auf individuelle Einsicht gegründet werden.

"Es muß ein Ideal der Mensehen sein, die objektive Wahrheit zu durchdringen und anzuerkennen, sich zu erheben durch objektive Wahrheit in die geistigen Welten. Dem würde ein Hindernis entgegengeschoben werden, wenn man irgendeine Wahrheit, die, wie es nicht sein kann in der Zukunft, einseitig auf persönliche Autorität begründen wollte!" (Lit.: GA 133, S. 164)

"Es treten Menschen auf, die das Anthroposophische mit Recht, mit vollem Recht, mit Enthusiasmus verkünden. Sie betonen dabei aber, daß sie bei dieser Verkündung eine Lehre geben, die ihrer Erfahrung zunächst nicht zugänglich sei, die sie vertreten als eine Lehre, die nur dem Geistesforscher als solchem zugänglich sei. Dadurch wird ein Konflikt herbeigeführt mit der Geisteshaltung der heutigen Zivilisation. Die heutige Zivilisation macht dem Menschen einen Vorwurf, wenn er gewissermaßen doch auf eine Art Autorität hin irgendeine Weltanschauung vertritt. Dieser Vorwurf würde ja wegfallen, wenn man gründlich einmal hüben und drüben einsehen würde, daß die Ergebnisse der Geistesforschung, wie sie in der Anthroposophie gemeint sind, zwar gefunden werden müssen mit Methoden, die der einzelne sich auf verschiedenen Wegen aneignen muß, daß diese Ergebnisse aber von dem wirklich unbefangenen Menschenverstände, wenn sie einmal da sind, tatsächlich auch eingesehen werden können." (Lit.: GA 257, S. 50f)

Rudolf Steiner wollte die Anthroposophie auch nicht als abgeschlossenes Lehrsystem verstanden wissen; um auf ihr beständig lebendig sich wandelndes, fern jeder Dogmatik stehendes Wesen hinzuweisen, hätte er ihr am liebsten jede Woche einen neuen Namen gegeben:

"Und so handelt es sich darum, daß Anthroposophie in dem Augenblicke, wo sie ins Leben eingreifen will, nur allgemein menschlich sein will, absehen will von jeder Dogmatik, wiederum das Leben selber ergreifen will, darstellen will [...] Und diesen Unterschied der anthroposophischen Bewegung gegenüber anderen Bewegungen, den müßte man sich bestreben, der Welt klar zu machen: ihr Umfassendes, ihr Unvoreingenommenes, ihr Vorurteilsloses, ihr Dogmenfreies: daß sie bloß eine Versuchsmethode des allgemein Menschlichen und der allgemeinen Welterscheinungen sein will [...]

Und so möchte man eigentlich, daß Anthroposophie jede Woche einen andern Namen haben könnte, damit sich die Leute gar nicht gewöhnen können an all das, was aus einer Namengebung folgt." (Lit.: GA 259, S. 173f)

Die Wahrheit, als freies Erzeugnis des Menschengeistes (Lit.: GA 3, S. 11f), muss im unermüdlichen individuellen Streben nach Wahrhaftigkeit immer wieder neu begründet werden:

"Es mag manches hier zusammengetragen sein über okkulte Dinge. In fünfzig Jahren wird man vielleicht diese oder jene Punkte genauer erforscht haben, wird dieses oder jenes anders sagen können. Und wenn kein Stein zurückbleiben würde von dem, was als Inhalt hier ausgeführt worden ist, daß aber das eine zurückbleibt, möchte ich: daß hier inauguriert und scharf eingehalten worden ist eine theosophisch-okkultistische Bewegung, die einzig und allein begründet sein will auf Wahrhaftigkeit und Wahrheit! Und wenn man selbst schon in fünfzig Jahren sagen wird: Alles muß korrigiert werden, was die da gesagt haben; aber wahr wollten sie sein und nichts passieren lassen als das, was wahr sein kann, - dann wäre auch mein Ideal erreicht. Wahrhaftigkeit und Wahrheit, daß sie bestehen können auch mit einer okkultistischen Bewegung, das sollte einmal, und wenn sich noch so viele Stürme dagegen erheben werden, mit unserer Bewegung in der Welt - ich will nicht stolz sein und sagen «gezeigt» -, sondern angestrebt werden!" (Lit.: GA 133, S. 168)

Wie bei jeder anderen Wissenschaft sind auch in der anthroposophischen Geisteswissenschaft Irrtümer möglich, die einer späteren Korrektur bedürfen; allerdings ist die Gefahr hier nicht so groß wie bei einer Forschung, die sich nur auf äußere Tatsachen stützt.

"Um einem möglichen Irrtum vorzubeugen, sei hier gleich gesagt, daß auch der geistigen Anschauung keine Unfehlbarkeit innewohnt. Auch diese Anschauung kann sich täuschen, kann ungenau, schief, verkehrt sehen. Von Irrtum frei ist auch auf diesem Felde kein Mensch; und stünde er noch so hoch. Deshalb soll man sich nicht daran stoßen, wenn Mitteilungen, die aus solchen geistigen Quellen stammen, nicht immer völlig übereinstimmen. Allein die Zuverlässigkeit der Beobachtung ist hier eine doch weit größere als in der äußerlichen Sinnenwelt." (Lit.: GA 11, S. 23)

Auch hat Rudolf Steiner wiederholt darauf hingewiesen, dass die Ergebnisse der Geistesforschung zwar nur durch die Geistesschau gefunden, sehr wohl aber mit gesundem Menschenverstand und sachgemäßer Tatsachenlogik verstanden und auch auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden können.

"Es ist nicht nötig, daß man dem Geistesforscher blind glaubt. Gewiß, zum Entdecken solcher Dinge, wie ich sie dargestellt habe in «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit», gehört Geistesforschung. Wird das aber dargestellt, dann muß der Geistesforscher ganz offen zugestehen demjenigen, der dann die Tatsachen prüft, die der Geistesforscher aus dem, was er die höheren Wesenheiten nennt, erklären will, der die äußeren Tatsachen sieht, der alles sammeln kann, was ihm nur irgend zugänglich ist, er muß ihm zugestehen: Du kannst und darfst mir ordentlich auf die Finger klopfen, wenn du irgend etwas findest, was den äußeren Tatsachenfolgen widerspricht, die eintreten müssen, wenn meine Anschauung richtig wäre." (Lit.: GA 324, S. 132)

"Erforscht können die übersinnlichen Tatsachen nur durch die übersinnliche Wahrnehmung werden; sind sie aber erforscht und werden sie von der Wissenschaft des Übersinnlichen mitgeteilt, so können sie eingesehen werden durch das gewöhnliche Denken, wenn dieses nur wirklich unbefangen sein will [...] Wenn nun jemand das betrachtet, was er gegenwärtig in bloßer sinnlicher Wahrnehmung vor sich hat, und dann dasjenige in sich aufnimmt, was die übersinnliche Erkenntnis darüber sagt, wie seit urferner Vergangenheit dieses Gegenwärtige sich entwickelt habe, so vermag er bei wahrhaft unbefangenem Denken sich zu sagen: Erstens ist es durchaus logisch, was diese Erkenntnis berichtet; zweitens kann ich einsehen, daß die Dinge so geworden sind, wie sie mir eben entgegentreten, wenn ich annehme, daß dies richtig sei, was durch die übersinnliche Forschung mitgeteilt wird. Mit dem «Logischen» ist natürlich in diesem Zusammenhange nicht gemeint, daß innerhalb irgendeiner Darstellung übersinnlicher Forschung nicht Irrtümer in logischer Beziehung enthalten sein könnten. Auch hier soll von dem «Logischen» nur so gesprochen werden, wie man im gewöhnlichen Leben der physischen Welt davon spricht. Wie da die logische Darstellung als Forderung gilt, trotzdem der einzelne Darsteller eines Tatsachengebietes logischen Irrtümern verfallen kann, so ist es auch in der übersinnlichen Forschung. Es kann sogar vorkommen, daß ein Forscher, der auf übersinnlichen Gebieten wahrzunehmen vermag, sich Irrtümern in der logischen Darstellung hingibt und daß einen solchen dann jemand verbessern kann, der gar nicht übersinnlich wahrnimmt, wohl aber die Fähigkeit eines gesunden Denkens hat." (Lit.: GA 13, S. 142f)

"Unrichtig ist es, wenn von dieser oder jener Seite immer wieder und wiederum gesagt wird: Ja, wie soll ich denn einsehen, daß das richtig ist, was der oder jener als Initiationswissenschaft vorbringt, wenn ich nicht selber in die geistige Welt hineinsehen kann. — Unrichtig ist es. Der gesunde Menschenverstand, der nicht irregeleitet ist durch irrtümliche natürliche oder soziale Ideen von heute, der kann von sich aus entscheiden, ob Wahrheitsduktus waltet in dem, was irgend jemand spricht. Irgend jemand spricht von geistigen Welten: man muß nur alles zusammen nehmen, die Art, wie gesprochen wird, der Ernst, in dem die Dinge aufgefaßt werden, die Logik, die entfaltet wird und so weiter, dann wird man sich ein Urteil darüber aneignen können, ob dasjenige, was als Kunde von der geistigen Welt gebracht wird, Scharlatanismus ist, oder ob es einen Fond hat. Dies kann jeder entscheiden, und bei niemandem ist ein Hindernis vorhanden, das fruchtbar zu machen im natürlichen und im sozialen Denken, was aus dem Quell des geistigen Lebens herausgeholt wird von jenen, die berechtigt sind, von dem Prinzip der Initiation zu sprechen." (Lit.: GA 194, S. 198f)

Die Bedeutung des Begriffes Anthroposophie

Arbatel De Magia Veterum

Der Begriff „Anthroposophie“ wurde nicht von Rudolf Steiner geprägt, sondern kann bis in die frühe Neuzeit zurück verfolgt werden. Schon in einem anonymen Buch mit dem Titel Arbatel de magia veterum, summum sapientiae studium (1575), das dem Esoteriker und Neuplatoniker Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim zugeschrieben wird, wird die Anthroposophie (Anthroposophiam, Menschliche Weisheit) ebenso wie die Theosophie der „Wissenschaft des Guten“ zugerechnet und mit „Kenntnis der Natur und der natürlichen Dinge“ bzw. „Klugheit in menschlichen Angelegenheiten“ übersetzt.

1650 veröffentlichte der walisische Poet und Alchemist Thomas Vaughn (1622–1666) unter dem Pseudonym „Eugenius Philalethes“ das mystisch-magische Werk «Anthroposophia Theomagica Or a Discourse of the Nature of Man and His State After Death» [1][2].

Anfang des 19. Jahrhunderts übernahm der Schweizer Arzt und Philosoph I.P.V. Troxler (1780-1866) den Begriff „Anthroposophie“ und ordnete ihn der Biosophie zu (Elemente der Biosophie, 1806). Im Sinne der Vorläufer der Lebensphilosophie, vor allem des Naturphilosophen Schelling, bei dem Troxler studiert hatte, sollte Biosophie „Naturerkenntnis durch Selbsterkenntnis“ bedeuten. Die Erkenntnis der menschlichen Natur nannte Troxler Anthroposophie. Die Philosophie – und alle Philosophie sei Naturerkenntnis – muss ihm zufolge zur Anthroposophie werden. Diese wird als eine „objektivierte Anthropologie“ vorgestellt, die vom „ursprünglichen Menschen“ ausgehen soll. In der menschlichen Natur vereinen sich demzufolge in einem mystischen Vorgang Gott und Welt.

Auch Immanuel Hermann Fichte verwendete den Begriff 1856 in „Anthropologie – Die Lehre der menschlichen Seele“ und bezeichnete damit eine „gründliche Selbsterkenntniss des Menschen“, die „nur in der erschöpfenden Anerkenntnis des Geistes“ liege. Wahrhaft gründlich oder ergründend könne sich der „Menschengeist“ aber nicht erkennen, ohne damit der „Gegenwart oder Bewährung des göttlichen Geistes an ihm inne zu werden“.

Der Religionsphilosoph Gideon Spicker (1872-1920), der eine „Religion in philosophischer Form auf naturwissenschaftlicher Grundlage“ anstrebte und den Konflikt zwischen Glauben und Wissen, zwischen Religion und Naturwissenschaft als das Grundproblem seines Lebens und Denkens ansah, formulierte das Programm der Anthroposophie, ebenfalls im Sinne „höchster Selbsterkenntnis“: „Handelt es sich aber in der Wissenschaft um die Erkenntnis der Dinge, in der Philosophie dagegen in letzter Instanz um die Erkenntnis dieser Erkenntnis, so ist das eigentliche Studium des Menschen der Mensch selbst, und der Philosophie höchstes Ziel ist Selbsterkenntnis oder Anthroposophie.“ (Die Philosophie des Grafen von Shaftesbury, 1872). Spickers Ideal umfasste in der Religion die Einheit von Gott und Welt als selbstverantwortete Erkenntnis unter Anwendung von Vernunft und Erfahrung.

Der österreichische Philosoph und Herbartianer Robert Zimmermann (1824-98), Schöpfer der „Philosophischen Propädeutik“, wählte die Bezeichnung „Anthroposophie“ 1882 als Titel einer Programmschrift, die ein System idealer Weltsicht auf realistischer Grundlage zu beschreiben suchte („Anthroposophie im Umriß. Entwurf eines Systems idealer Weltsicht auf realistischer Grundlage“, 1882). Zimmermann, bei dem Steiner Philosophie-Vorlesungen hörte, wollte in seinem System über die „Schranken und Widersprüche, die der gemeine Erfahrungsstandpunkt in sich trägt“, hinausgehen und eine „Philosophie des Menschenwissens“ errichten, die als Wissenschaft von der Erfahrung ausgeht, aber, wo es das logische Denken erfordert, über sie hinausreicht.

Steiner wählte bereits 1902 den Begriff Anthroposophie für den Titel von Vorträgen in Berlin.[4] In einem auf den 16. September 1902 datierten Brief an Wilhelm von Hübbe-Schleiden schreibt er:

"Außerdem werde ich noch irgendwo einen fortlaufenden Kursus halten: «Anthroposophie oder die Verbindung von Moral, Religion und Wissenschaft» Im Bruno-Bund hoffe ich ebenfalls einen Vortrag zu halten über «Brunos Monismus und die Anthroposophie»[5]. Das ist nur so vorläufig Projektiertes." (Lit.: GA 169, S. 80f)

1916 beschrieb Steiner die Anregung durch Zimmermann:

„Als es sich vor einer Anzahl von Jahren darum handelte, unserer Sache einen Namen zu geben, da verfiel ich auf einen solchen, der mir lieb geworden war, deshalb, weil ein Philosophie-Professor, dessen Vorträge ich in meiner Jugendzeit gehört habe, Robert Zimmermann, sein Hauptwerk 'Anthroposophie' genannt hat. Das war in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Übrigens führt der Name Anthroposophie weiter zurück in der Literatur. Man brauchte ihn auch schon im 18. Jahrhundert; ja auch früher. Der Name ist also alt; wir wenden ihn für Neues an. Uns soll der Name nicht bedeuten «Wissen vom Menschen». Das ist die ausdrückliehe Absicht derjenigen, die den Namen gegeben haben. Unsere Wissenschaft selbst führt uns zu der Überzeugung, daß innerhalb des Sinnesmenschen ein Geistesmensch lebt, ein innerer Mensch, gewissermaßen ein zweiter Mensch. Während nun dasjenige, was der Mensch durch seine Sinne und durch den an die Sinnesbeobachtung sich haltenden Verstand über die Welt wissen kann, «Anthropologie» genannt werden kann, soll dasjenige, was der innere Mensch, der Geistesmensch wissen kann, «Anthroposophie» genannt werden.

Anthroposophie ist also das Wissen des Geistesmenschen; und es erstreckt sich dieses Wissen nicht bloß über den Menschen, sondern es ist ein Wissen von allem, was in der geistigen Welt der Geistesmensch so wahrnehmen kann, wie der Sinnesmensch in der Welt das Sinnliche wahrnimmt. Weil dieser andere Mensch, dieser innere Mensch, der Geistesmensch ist, so kann man dasjenige, was er als Wissen erlangt, auch «Geisteswissenschaft» nennen. Und der Name Geisteswissenschaft ist noch weniger neu als der Name Anthroposophie.“ (Lit.: GA 35, S. 176f)

"Im Grunde genommen soll ja Anthroposophie nichts anderes sein als jene Sophia, das heißt jener Bewußtseinsinhalt, jenes innerlich Erlebte in der menschlichen Seelenverfassung, die den Menschen zum vollen Menschen macht. Nicht «Weisheit vom Menschen» ist die richtige Interpretation des Wortes Anthroposophie, sondern «Bewußtsein seines Menschentums»; das heißt, hinzielen sollen Willensumwendung, Erkenntniserfahrung, Miterleben des Zeitenschicksals dahin, der Seele eine Bewußtseinsrichtung, eine Sophia zu geben." (Lit.: GA 257, S. 76)

"Eng hängt gewissermaßen zusammen die Rettung, das Verständnis des Ereignisses von Golgatha mit der anthroposophischen Vertiefung der Menschheit, mit einer neuerlichen wirklichen Erkenntnis des Wesens des Menschen. Deshalb der Name Anthroposophie, das heißt: Weisheit, die entspringt, wenn der Mensch sich in seinem höheren Selbst findet. Man kann eigentlich keinen prägnanteren Namen finden als «Anthroposophie», wenn man dasjenige Wissen bezeichnen will, welches nicht vom Menschen handelt wie die gewöhnliche Geschichte, wie die Anthropologie oder ähnliches."[6]

Anthropologie, Theosophie und Anthroposophie

Während die Anthropologie den sinnenfälligen Menschen durch vorwiegend naturwissenschaftliche Methoden zu erkennen strebt, richtet die Theosophie ihren Blick auf den nur übersinnlich erfahrbaren, rein geistigen Menschen. Anthroposophie versucht die Kluft zu überbrücken, die sich zwischen diesen beiden gegensätzlichen Betrachtungsweisen auftut.

"Der erste Gesichtspunkt, der in solcher Beziehung in Betracht kommt, ist derjenige der Anthropologie. Diese Wissenschaft sammelt, was sich der sinnenfälligen Beobachtung über den Menschen ergibt und sucht aus den Ergebnissen ihrer Beobachtung Aufschlüsse über dessen Wesen zu erhalten [...]

Die Anthropologie hält sich gegenwärtig in der Regel innerhalb der Grenzen, die man heute als diejenigen der naturwissenschaftlichen Methoden ansieht. Ein gewaltiges Tatsachenmaterial ist durch sie zusammengetragen worden. Trotz der verschiedenen Vorstellungsarten, in welchen dieses Material zusammengefaßt wird, liegt in demselben etwas vor, das in der segensreichsten Art auf die Erkenntnis der menschlichen Wesenheit wirken kann. Und fortwährend mehrt sich dieses Material. Es entspricht den Anschauungen der Gegenwart, große Hoffnungen auf dasjenige zu setzen, was von dieser Seite an Aufhellung der Menschenrätsel gewonnen werden kann. Und es ist ganz selbstverständlich, daß viele den Gesichtspunkt der Anthropologie für ebenso sicher halten, wie sie den nächsten, der hier zu charakterisieren ist, für einen zweifelhaften ansehen müssen.

Dieser andere Gesichtspunkt ist derjenige der Theosophie [...] Theosophie geht davon aus, daß der Mensch vor allem ein geistiges Wesen ist. Und sie sucht ihn als solches zu erkennen. Sie hat im Auge, daß die menschliche Seele nicht nur wie in einem Spiegel die sinnenfälligen Dinge und Vorgänge zeigt und diese verarbeitet, sondern daß sie ein eigenes Leben zu führen vermag, welches seine Anregungen und seinen Inhalt von einer Seite her erhält, die man geistig nennen kann. Sie beruft sich darauf, daß der Mensch in ein geistiges Gebiet eindringen kann, wie er in ein sinnenfälliges dringt. In dem letzteren erweitert sich die Erkenntnis des Menschen dadurch, daß er seine Sinne auf immer mehr Dinge und Vorgänge richtet, und auf Grund dieser sich seine Vorstellungen bildet [...]

Das unmittelbare Erleben der geistigen Erkenntnisse erfordert komplizierte Seelenwege und Seelenverrichtungen; der Besitz solcher Erkenntnisse ist für jede Seele notwendig, welche ein volles Bewußtsein ihrer Menschlichkeit haben will. Und ohne ein solches Bewußtsein ist ein menschliches Leben von einem bestimmten Punkte des Daseins an nicht mehr möglich.

Wenn nun auch die Theosophie Erkenntnisse zu liefern vermag, welche den wichtigsten Bedürfnissen der Menschenseele Befriedigung gewähren, und welche durch den natürlichen Wahrheitssinn und durch die gesunde Logik anerkannt werden können: so wird doch immer eine gewisse Kluft bleiben zwischen ihr und der Anthropologie. Es wird zwar immer folgendes möglich sein. Man wird die Ergebnisse der Theosophie über die geistige Wesenheit des Menschen aufzeigen können und dann in der Lage sein, darauf hinzuweisen, wie die Anthropologie alles bestätigt, was die Theosophie sagt. Doch wird von dem einen zu dem anderen Erkenntnisgebiete ein weiter Weg sein.

Es ist aber möglich, die Kluft auszufüllen. In einer gewissen Beziehung soll dies hier durch die Skizzierung einer Anthroposophie geschehen. Wenn Anthropologie sich vergleichen läßt mit den Beobachtungen eines Wanderers, welcher in der Ebene von Ort zu Ort, von Haus zu Haus geht, um eine Vorstellung von dem Wesen eines Landstriches zu gewinnen; wenn Theosophie dem Überblick gleicht, den man von dem Gipfel einer Anhöhe über denselben Landstrich gewinnt: so soll Anthroposophie verglichen werden dem Anblick, den man haben kann von dem Abhänge der Anhöhe, wo das Einzelne noch vor Augen steht, doch sich aber das Mannigfaltige schon zu einem Ganzen zusammenzuschließen beginnt. Anthroposophie wird den Menschen betrachten, wie er sich vor die physische Beobachtung hinstellt. Doch wird sie die Beobachtung so pflegen, daß aus der physischen Tatsache der Hinweis auf einen geistigen Hintergrund gesucht wird. So kann Anthroposophie aus der Anthropologie in die Theosophie hinüberleiten [...]

An sie muß sich dann reihen eine Psychosophie, welche das Seelische betrachtet, und eine Pneumatosophie, die sich mit dem Geist beschäftigt. Damit mündet dann Anthroposophie in die Theosophie selbst ein." (Lit.: GA 45, S. 14ff)

Die Geschichte der Anthroposophie

Zu Lebzeiten Rudolf Steiners

Steiner selbst beschrieb in seiner Autobiographie einen "tiefgehenden Umschwung" in seinem seelischen Erleben in den Jahren vor der Jahrhundertwende und bezeichnete diese als eine "Prüfungszeit" mit "harten Seelenkämpfen", die insbesondere sein Verhältnis zum Christentum betrafen.[7]

Im Herbst 1900 wurde der Philosoph und Nietzsche-Forscher Rudolf Steiner gebeten, in der Theosophischen Bibliothek des Grafen von Brockdorff in Berlin einen Vortrag über Friedrich Nietzsche zu halten. Dieser Vortrag fand so großen Anklang, dass man Steiner kurz darauf für ein halbes Jahr engagierte, in wöchentlichen Vorträgen über christliche Mystik zu sprechen. Es folgte ein weiterer Vortragszyklus, und im Dezember 1901 forderten Brockdorff und seine Gattin Steiner auf, die Leitung der theosophischen Arbeit in Deutschland zu übernehmen, die bisher sie innehatten. Offiziell geschah das dann im Oktober 1902 bei der Gründung der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft (Adyar-TG).

"Infolge dieser Voträge wurde ich aufgefordert, in die "theosophische Gesellschaft" einzutreten. Ich kam dieser Aufforderung nach in der Absicht, niemals etwas anderes zu vertreten als den Inhalt dessen, was sich mir als anthroposophische Weltanschauung ergeben hatte. Meine Ansicht war stets, dass ich vor allen Menschen vortragen solle, die mich hören wollen, gleichgültig wie der Parteiname lautet, unter dem sie sich zu irgendeiner Gruppe zusammengeschlossen haben, oder ob sie ohne alle solche Voraussetzung zu meinen Vorträgen kamen."[8]

Steiners Tätigkeit innerhalb der Theosophischen Gesellschaft, bestand vor allem im Halten von Vorträgen, in der Herausgabe einer eigenen theosophischen Zeitschrift (Luzifer, später Lucifer-Gnosis) und im Verfassen von Büchern. Die organisatorische Arbeit übernahm Marie von Sivers, die spätere zweite Ehefrau Steiners. Neben den Vorträgen für Mitglieder der TG, hielt Steiner auch zahlreiche öffentliche Vorträge. Darin nahm er unter anderem Bezug auf das mitteleuropäische (deutschsprachige) Geistesleben. Unter Steiners Leitung wuchs die Zahl der Mitglieder der TG in Deutschland rapide: Zählte man bei der ersten Generalversammlung 1903 nur 130 Mitglieder, waren es 1912 bereits 2489.[9] Zu diesem Zeitpunkt war die TG in 54 deutschen Städten durch einen „Zweig“ vertreten.

Aufgrund zunehmender Differenzen mit der Präsidentin der internationalen Theosophischen Gesellschaft, Annie Besant, die vor allem die Stilisierung des jungen Jiddu Krishnamurti zu einer Art Messias durch Besant und Charles W. Leadbeater betrafen, kam es im Frühjahr 1913 zum Bruch mit der Theosophischen Gesellschaft. Bereits Ende 1912 war in Köln die Anthroposophische Gesellschaft gegründet worden, der sich nun die meisten in Deutschland lebenden Theosophen anschlossen und die bald auch in anderen Ländern präsent war.

Im Herbst 1913 begannen in Dornach bei Basel (Schweiz) die Arbeiten am ersten Goetheanum, das als Veranstaltungsstätte und Zentrum der Gesellschaft dienen sollte, nachdem für ein ursprünglich in München geplantes Gebäude mehrfach die Baugenehmigung versagt worden war. Parallel dazu kam es zu vielfältigen Aktivitäten im sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Bereich. So gründete Emil Molt, Generaldirektor der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria, 1919 in Stuttgart für die Kinder seiner Arbeiter und Angestellten die erste Waldorfschule, deren Leitung Steiner selbst übernahm. 1921 wurde die Pharmafirma Weleda AG gegründet, die anthroposophische und homöopathische Arzneimittel herstellt und vertreibt. 1922 gründete eine Gruppe überwiegender Theologiestudenten, durch Rudolf Steiners private Hilfe (außerhalb der anthroposophischen Bewegung) die Christengemeinschaft, eine Bewegung für religiöse Erneuerung, welche die Anthroposophie anerkennt.

Gleichzeitig formierten sich Gegner. In der Silvesternacht 1922/23 brannte das aus Holz errichtete erste Goetheanum bis auf seine Grundmauern nieder, vermutlich von Unbekannten in Brand gesetzt. Daraufhin entwarf Steiner ein zweites, größeres Goetheanum aus Beton, das erst 1928 fertiggestellt wurde. Parallel bemühte er sich um eine Reorganisation der Anthroposophischen Gesellschaft, an deren Leitung er bis dahin nicht beteiligt war. Als diese Bemühungen nicht den gewünschten Erfolg brachten, gründete er zu Weihnachten 1923 in Dornach ohne Bezug zur bisher bestehenden Anthroposophischen Gesellschaft die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft, deren Vorsitz er nun selber übernahm. Zugleich gründete er die schon lange geplante Freie Hochschule für Geisteswissenschaft und übernahm als vorläufig einziger Dozent auch deren Leitung. Bereits während der Gründungsfeierlichkeiten erlitt Steiner jedoch eine, vermutlich durch einen Giftanschlag[10] hervorgerufene, Erkrankung, von der er sich nicht mehr erholen sollte. So kam von den drei geplanten „Klassen“ der Hochschule nur die erste, elementare zustande. Im Verlauf des Jahres 1924 musste Steiner seine Vortragstätigkeit zunehmend einschränken. Seinen letzten Vortrag am 28. September 1924 musste er nach kurzer Zeit abbrechen. Bis zwei Tage vor seinem Tod am 30. März 1925 arbeitete er im Krankenbett noch an diversen Publikationen, zuletzt an einem gemeinsam mit seiner behandelnden Ärztin Ita Wegman verfassten Buch zur Begründung der Anthroposophischen Medizin.

Die Krise nach Steiners Tod

Für den Fall seines Ablebens, hatte Rudolf Steiner in Bezug auf die Anthroposophische Gesellschaft und die Hochschule keinen Nachfolger ernannt[11]. Der fünfköpfige Vorstand der Gesellschaft, den Steiner erst gut ein Jahr zuvor berufen hatte, war daraufhin ratlos und zerstritt sich bald[12]. Insbesondere konnte keine Einigkeit darüber erzielt werden, ob man Steiners Initiativen fortsetzen oder realistischerweise nur noch das Vorhandene verwalten könne. Ende 1925 wurde Albert Steffen als Vorsitzender einer Anthroposophischen Gesellschaft gewählt, die 1925 aus dem Bauverein des Goetheanum hervorgegangen war. Zu diesem Zeitpunkt, bestand dadurch bereits die von Rudolf Steiner begründete Anthroposophische Gesellschaft nicht mehr. Auf Initiative namentlich von Ita Wegman beschloss man bald darauf gegen die Vorkehrungen Rudolf Steiners, die Hochschule formal weiter bestehen zu lassen. Der Dornacher Vorstand verlor jedoch zunehmend an Bedeutung, und in mehreren Ländern spalteten sich neue Gruppierungen von der Anthroposophischen Gesellschaft ab, teils unter Beteiligung einzelner Vorstandsmitglieder. 1935 beschloss deshalb die Generalversammlung auf Betreiben Albert Steffens, die daran beteiligten Personen, darunter die Vorstandsmitglieder Ita Wegman und Elisabeth Vreede und andere führende Anthroposophen in Deutschland, Holland und England, aus der Gesellschaft auszuschließen.

Parallel zu diesem Zerfall der Anthroposophischen Gesellschaft entwickelten sich jedoch einige der von Steiner angeregten Kulturimpulse weiter, so die Waldorfbewegung durch Gründung neuer Schulen und die künstlerischen Initiativen Steiners, die unter der Leitung Marie Steiners fortgeführt wurden.

Während des Nationalsozialismus

Es war die Behauptung aufgestellt worden, die Anthroposophen hätten ihre "Anhänger tief in die national-sozialistischen Kreise geschoben".[13] Die Nationalsozialisten blieben bei ihrer Ablehnung der Anthroposophie, auch wenn sie einige Übereinstimmungen konstatierten. Das geht jedenfalls aus einem Gutachten hervor, dass der Nazi-Pädagoge Alfred Baeumler im Auftrag des Amtes Rosenberg angefertigt hatte. In dem Gutachten hieß es: "In der Menschenkunde, die der Methode der Waldorfschulen zugrunde liegt, sind tiefe und richtige Einsichten enthalten, die Rudolf Steiner zum größten Teil seinem äußerst fruchtbaren Studium der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes verdankt. Die nationalsozialistische Menschenkunde kann nur von der Rasse her entworfen werden."[14]

Nach 1945

Nach dem Krieg wurden die im Dritten Reich verbotenen anthroposophischen Aktivitäten auch in Deutschland und Österreich bald wieder aufgenommen. Der Konflikt um die Rechte an Rudolf Steiners Werk spitzte sich jedoch weiter zu. Nach dem Tod Marie Steiners 1948 betrachtete sich der von ihr gegründete Nachlassverein (heute: Rudolf Steiner Verlag) als Alleininhaber dieser Rechte. Darüber kam es zu einem Rechtsstreit mit der Anthroposophischen Gesellschaft, der 1952 mit einem Sieg des Nachlassvereins endete. Die unterlegene Partei verbannte daraufhin alle Werke Rudolf Steiners aus der Buchhandlung im Goetheanum, woran bis 1968 festgehalten wurde. Die Rolle Dornachs als internationales Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft wurde wieder vollständig hergestellt, indem die 1935 abgespaltenen Landesgesellschaften in Holland und England sich 1960 bzw. 1963 wieder anschlossen.

Die starke Expansion der Waldorfschulen (heute lt. Selbstdarstellung weltweit 877 Schulen in 57 Ländern), der Anthroposophischen Medizin und der ebenfalls durch Rudolf Steiner angeregten biologisch-dynamischen Landwirtschaft (Demeter) verlief von diesen Schwierigkeiten weitgehend unberührt. 1960 wurde in Bochum auch eine Bank mit anthroposophischer Zielsetzung gegründet (GLS-Gemeinschaftsbank). 1969 entstand das anthroposophische Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke als erste Einrichtung dieser Art in Deutschland. Auch die 1983 gegründete Universität Witten/Herdecke, Deutschlands älteste Privatuniversität, hat überwiegend anthroposophische Gründer (Gerhard Kienle und Konrad Schily). Zur Zeit sind nach Aussagen der Anthroposophischen Gesellschaft weltweit über 10 000 anthroposophische Einrichtungen in 103 Ländern tätig.

Bereiche

Rudolf Steiner wurde aus vielen Lebensbereichen um Hilfe gebeten und so entstanden durch seinen Rat:

in der Pädagogik die Waldorfschulen
in der Medizin die Anthroposophisch erweiterte (Schul-)Medizin
in der Landwirtschaft    der Biologisch-dynamische Landbau  
in der Gesellschaft die Dreigliederung des sozialen Organismus

Als Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft wurde das Goetheanum in Dornach (Schweiz) erbaut.

Anthroposophische Medizin

In Zusammenarbeit mit der Ärztin Ita Wegman entwickelte Steiner medizinische und pharmazeutische Grundlagen für die Anthroposophische Medizin, die in Deutschland als „besondere Therapierichtung“ neben Homöopathie und Phytotherapie gesetzlich anerkannt und von den Krankenkassen teilweise erstattet wird. Die Bewegung befürwortet eine rationale, auf den individuellen Menschen hin orientierte Medizin unter Einbezug potenzierter Heilmittel. Das medizinische Konzept anthroposophisch ausgerichteter Mediziner basiert u.a. auf entsprechend zubereiteten mineralischen, pflanzlichen und tierischen Heilmitteln. Diese können aufgrund einer „evolutionären Verwandtschaft“ mit dem Menschen therapeutisch verwendet werden.

Lehre (Auszug)

Die Wesensglieder des Menschen

Laut der anthroposophischen Lehre existiert der Mensch in vier ineinandergreifenden Ebenen, die auch als Wesensglieder bezeichnet werden:

Diese Verbindung mache den Menschen nach Steiners Lehre zu einem im Geiste wurzelnden Wesen. Die Menschheit als Ganzes bilde ein viertes Naturreich der Erde. Zum Tierreich gehöre nur die Summe der ersten drei genannten Leiber, denn Tiere verfügten über eine nicht selbstbewusste Körperseele. Das Pflanzenreich lebe im Physischen mit dem Lebensleib (Äther). Die Bestimmung der Wesensglieder sei damit jedoch nicht erschöpft. Prinzipiell gliedere sich das Wesen des Menschen in Leib, Seele, Geist. Zum leiblichen Wesen gehörten demnach die einfachen Leiber von Physis, Lebensleib und Astralleib. Das seelische Wesen gliedere sich in Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewusstseinsseele. Der Mensch schreite in seiner Entwicklung sowohl individuell wie auch als Gattungswesen in einem Vergeistigungsprozess von Leib und Seele fort. Dieser Prozess führe zu einer Differenzierung des Geistes.

Steiners Beschreibung einer Dreigliederung des menschlichen geistigen Wesens in Geistselbst (auch Manas genannt), Lebensgeist (auch Buddhi genannt) und Geistesmensch (auch Atman genannt). Der Astralleib und die Empfindungsseele verbinde sich zum empfindenden Seelenleib und die sog. Bewusstseinsseele verbinde sich mit dem Geistselbst zur geisterfüllten Bewusstseinsseele. Daraus ergebe sich eine Gliederung in 7 Teile des irdischen Menschen:

  1. Der physische Körper
  2. Der Äther- oder Lebensleib
  3. Der empfindende Seelenleib
  4. Die Verstandesseele
  5. Die geisterfüllte Bewusstseinsseele
  6. Der Lebensgeist
  7. Der Geistesmensch

Im Schlaf erhalte der Ätherleib den physischen Leib und regeneriere so die Körperorgane. Nach dem Tod löse sich der Ätherleib innerhalb weniger Tage auf. Er bilde währenddessen die Basis für die Lebensrückschau der Seele, mit deren Essenz sie die nachtodliche Seelenwelt betritt und anschließend das Geisterland bis zu einer Wiederverkörperung des Geistes in der physischen Welt bewohnt. Diese zyklische Reinkarnation sei durch das individuelle Schicksal notwendig und vom Leben des Menschen bestimmt (siehe auch Karma und Reinkarnation).

Reinkarnation

Die Lehre der Wiedergeburt des menschlichen Geistes. Die zyklische Wiedergeburt des Geistes um vergangenes Karma (in vergangenen Leben gelegte Ursachen) abzuarbeiten und um sich evolutionsmäßig weiter zu entwickeln.

Karma

Die Lehre von "Ursache und Wirkung" und die Zwillingslehre der "Reinkarnation". Jede Handlung ruft eine ihr entsprechende Wirkung hervor. Diese kommt auf ihren Ausgangspunkt, der verursachenden Person zurück. In der Regel wird dies als "negativ" oder "positiv" erfahren, ist aber letztlich nur die in der ursprünglichen Handlung liegende Charakteristik, die vom Menschen entsprechend empfunden wird. Da alles in der Natur miteinander verbunden ist und gegenseitig ineinandergreift, werden auch andere Personen und Wesen von den Taten eines Einzelnen beeinflusst. Dies ruft dementsprechende Rückwirkungen hervor. Wenn Disteln gesät werden, können nicht Rosen geerntet werden. Somit liegt im Gesetz von Karma eine tiefgehende Ethik. Karma ist kein Fatalismus, da der Mensch immer einen freien Willen besitzt.

Philosophische Basis

Steiners Erkenntnisse entstammen nach eigenen Angaben einer ihm seit seiner Kindheit bewussten und methodisch vertieften geistig-übersinnlichen Schau. Zu den von Rudolf Steiner besonders geschätzten Persönlichkeiten gehören Goethe, Johann Gottlieb Fichte, Max Stirner und Ernst Haeckel. Steiner: Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschen zum Geistigen im Weltall führen möchte. Die philosophische Basis der Anthroposophie findet sich in Steiners Hauptwerken Wahrheit und Wissenschaft und Die Philosophie der Freiheit. Dieses Werk befasst sich mit der Kritik der reinen Vernunft von Immanuel Kant und dem Neokantianismus sowie in Weiterentwicklung des wissenschaftsmethodischen Ansatzes von Goethes Phänomenologie auch mit einem auf seelischer Beobachtungserfahrung gründenden ontologischen Monismus. Im intuitiven Denken, so betont Steiner, habe der Mensch bereits ein rein geistiges Erlebenis:

"Die geistige Wahrnehmungswelt kann dem Menschen, sobald er sie erlebt, nichts Fremdes sein, weil er im intuitiven Denken schon ein Erlebnis hat, das rein geistigen Charakter trägt." (Lit.: GA 4, S. 181)

Hierzu gehört auch eine Freiheitsethik genannte Form der Lebenswertung, in deren Zentrum der Gedanke einer aus Erkenntnis und Liebe handelnden und gesellschaftsbildenden Individualität steht. Kernpunkt sei hierbei, dass Erfahrung ihren Anspruch von Objektivität aus dem Denken bezieht, dass seiner selbst gewahr wird. Dieser Vorgang wird als Ergebnis einer Synthese von Wahrnehmung und Begriff verstanden.

Rudolf Steiner hierzu:"Nun darf aber nicht übersehen werden, daß wir uns nur mit Hilfe des Denkens als Subjekt bestimmen und uns den Objekten entgegensetzen können. (...) Das Denken ist jenseits von Subjekt und Objekt. Es bildet diese beiden Begriffe ebenso wie alle anderen. 1) (...) Das Subjekt denkt nicht deshalb, weil es Subjekt ist; sondern es erscheint sich als ein Subjekt, weil es zu denken vermag. 2) (...) Das Denken ist somit ein Element, das mich über mein Selbst hinausführt und mit den Objekten verbindet. Aber es trennt mich zugleich von ihnen, indem es mich ihnen als Subjekt gegenüberstellt." :§9 (Lit.: GA 4, S. 60)

Einfacher ausgedrückt:

  1. Das Denken des Menschen ist selbst beobachtbar und bildet erst den sog. "Ich"-Begriff. Dieser steht den Dingen und Objekten gegenüber, welche der Mensch, ebenso wie sich selbst, benennt.
  2. Das Denken des Menschen (seine höheren geistigen Funktionen) kann den "Ich"-Begriff genauso zum Gegenstand seiner Betrachtungen machen wie die Begriffe von den Objekten (Ich kann über mich nachdenken, wie über den Baum.)

Rudolf Steiner bezeichnet den Wahrnehmungsbegriff als einen Inhalt, der sich darin erschöpft, dass er bewusst wird. Das Objekt als Gegenstand ist demnach das Produkt der Synthese aus Wahrnehmung und Begriff. Hieraus folgert Steiner, dass Wirklichkeit ein Produkt von und nicht eine Bedingung für Erkenntnisprozesse ist. Diese Ansicht bildet die Grundlage für Steiners weitere, geisteswissenschaftliche Forschungsergebnisse.

Rudolf Steiner über Wesen und Methode der Anthroposophie

"Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, strebt nicht an die Begründung irgend einer neuen Religion oder irgend einer neuen religiösen Sekte oder dergleichen. Geisteswissenschaft will sein oder glaubt sein zu dürfen dasjenige, was unserer gegenwärtigen Kultur auferlegt ist in geistiger Beziehung...

Was für die Erkenntnis der äußeren Natur, was für das Leben durch die Erkenntnis der äußeren Naturgesetze diese Naturwissenschaft der Menschheit geworden ist, das möchte Geisteswissenschaft werden durch die Erkenntnis der Gesetze unseres Seelen- und Geisteslebens und durch die Anwendung dieser Gesetze des Seelen- und Geisteslebens im ethischen, im sozialen, im allerweitesten Kulturleben; das möchte sie werden für unsere Gegenwart und für die nächste Zukunft...

Wahrhaftig ganz im Geiste der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart ist die Vorstellungsart der Geisteswissenschaft gehalten. Aber da sich diese Geisteswissenschaft auf ein ganz anderes Gebiet erstreckt als die Naturwissenschaft, nämlich nicht auf das Gebiet dessen, was sinnenfällig wahrgenommen werden kann, auf das Gebiet der äußeren Natur, sondern auf das Gebiet des Geistes, so muß es ja einleuchtend sein, daß gerade eine naturwissenschaftliche Denkweise da, wo es sich darum handelt, das Gebiet des Geistigen zu erforschen, sich wesentlich modifizieren muß, zu etwas anderem werden muß als auf dem Gebiete der Naturwissenschaft. Und obgleich die Methode, die Forschungsweise der Geisteswissenschaft ganz so gehalten ist in dem Geiste der Naturwissenschaft, daß jeder naturwissenschaftlich Gebildete, der heute Naturwissenschaft ohne Vorurteile nimmt, sich auf den Boden dieser Geisteswissenschaft stellen kann, so muß doch gesagt werden, daß allerdings, solange man die naturwissenschaftlichen Methoden in ihrer Einseitigkeit nimmt, wie es vielfach heute geschieht, Vorurteil über Vorurteil gegen die Anwendung naturwissenschaftlicher Vorstellungsart auf das geistige Leben erwachsen kann. Muß doch naturwissenschaftliches Denken, man möchte sagen, naturwissenschaftliche Logik angewendet werden auf das, was dem Menschen wohl am nächsten liegt, was aber auch am schwersten zu erforschen ist, muß doch diese Denkungsweise angewendet werden auf das Wesen des Menschen selbst. Muß doch der Mensch in der Geisteswissenschaft sich selber untersuchen, und muß er doch auch zu dem einzigen Werkzeug greifen, welches ihm zu seiner Untersuchung zur Verfügung steht, nämlich zu sich selbst. Davon geht die Geisteswissenschaft aus, daß der Mensch in sich selbst, indem er zum Instrument wird, um die Geisteswelt zu untersuchen, eine Verwandlung erfahren muß, daß er etwas mit sich vornehmen muß, das ihn in die Lage versetzt, in die geistige Welt hineinzusehen, was er ja nicht tut im alltäglichen Leben.

Von einem Vergleich lassen Sie mich ausgehen, von einem naturwissenschaftlichen Vergleich, der nichts beweisen soll, der nur verdeutlichen soll, wie die geisteswissenschaftliche Vorstellungart ganz auf dem Boden naturwissenschaftlicher Denkungsweise steht. In der Natur tritt uns zum Beispiel das Wasser entgegen. Wenn wir das Wasser ansehen, wie es uns draußen entgegentritt, so stellt es sich zunächst in seinen Eigenschaften dar. Aber der Chemiker kommt mit seinen Methoden und wendet diese auf das Wasser an; er zerlegt uns das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff. Ja, was macht da der Naturwissenschafter aus dem Wasser? Das Wasser brennt bekanntlich nicht. Der Chemiker zieht den Wasserstoff aus dem Wasser heraus, und das ist ein Gas, das brennt. Niemand, der äußerlich das Wasser ansieht, kann diesem Wasser ansehen, daß da Wasserstoff drinnen ist und Sauerstoff drinnen ist, die ganz andere Eigenschaften haben als das Wasser.

Ebensowenig, das zeigt eben die Geisteswissenschaft, kann der Mensch, wenn er dem Menschen gegenübersteht im Leben, erkennen, was dieser Mensch ist in seinem Inneren. Und so wie der Chemiker, der Naturwissenschafter, kommt und uns das Wasser zerlegt in Wasserstoff und Sauerstoff, so muß, allerdings jetzt in einem innerlichen Seelenprozeß, der sich in den tiefsten Tiefen der Seele vorbereiten muß, der Geisteswissenschafter kommen und muß dasjenige, was sich im äußeren Leben darbietet, zerlegen. Und zerlegen kann der Geistesforscher durch die geistesforscherischen Methoden den Menschen in das Äußerlich-Leibliche und in das Geistig-Seelische. Zunächst interessiert es, vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus das Geistig-Seelische abgesondert vom Leiblichen zu untersuchen. Niemand kann die wahre Wirklichkeit des Geistig-Seelischen aus dem Äußerlich-Leiblichen erkennen, ebensowenig wie die Natur des Wasserstoffs erkannt werden kann, wenn er nicht aus dem Wasser herausgezogen wird.

Es ist heute sehr oft der Fall, daß in dem Augenblick, wo man beginnt, in dieser Art zu sprechen, einem gesagt wird: Das verstößt doch wider den Monismus, an dem man unbedingt festhalten muß. Nun, der Monismus darf ja auch den Chemiker nicht hindern, daß er das Wasser zerlegt in eine Zweiheit. Der Monimus wird gar nicht dadurch angefochten, daß dasjenige, was in Wirklichkeit geschehen kann, geschieht: daß durch die Geistesforschung, durch die geistesforscherischen Methoden abgetrennt wird von dem Leiblich-Körperhaften das Geistig-Seelische. Nun aber sind diese Methoden allerdings nicht solche, die man im Laboratorium, im physikalischen Kabinett, in der Klinik vollziehen kann, sondern es sind Vorgänge, die in der Seele selber vollzogen werden müssen. Es sind aber keine Vorgänge der Seele, die Wunder darstellen, sondern es sind nur Steigerungen desjenigen, was der Mensch im gewöhnlichen Leben beobachten kann. Es sind nicht wunderbare Eigenschaften, sondern solche Eigenschaften, die der Mensch im alltäglichen Leben in einem gewissen Maße hat, die er nur ins Unbegrenzte steigern muß, wenn er zum Geistesforscher werden soll. Und da ich nicht in allgemeinen Redensarten herumreden will, so will ich gleich in die Betrachtung der Sache selbst eintreten.

Jeder kennt dasjenige, was man im menschlichen Seelenleben nennt das Erinnerungsvermögen, das Gedächtnis. Jeder weiß ja, wieviel von dem Gedächtnis im Grunde genommen abhängt. Man stelle sich einmal vor, wir würden eines Morgens aufwachen und keine Ahnung haben, was früher um uns und in uns war. Wir würden dadurch die ganze menschliche Wesenheit verlieren. Unser Gedächtnis, das in sich zusammenhängt von einem gewissen frühen Zeitpunkt in der Kindheit an, das gehört notwendig zu unserem menschlichen Leben. Nun werden schon die Philosophen der Gegenwart gegenüber der Untersuchung der Gedächtniskraft stutzig. Sie haben jetzt schon Persönlichkeiten in ihrer Mitte, die gerade, indem sie das Gedächtnis betrachten, von einer materialistisch-monistischen Weltanschauung abkommen, indem sie durch genaue Untersuchung finden, daß, wenn man auch die Sinnesempfindungen, soviel man das nur sagen kann von Seelentätigkeit, in äußerlicher Weise gebunden findet an den Leib, man das Gedächtnis nie als an den Leib gebunden wird anerkennen können. Darauf brauche ich ja nur aufmerksam zu machen. Denn ein Mann, der wahrhaftig keine Neigung hat, in die Geisteswissenschaft einzudringen, der französische Philosoph Bergson, hat auf diese geistige Art des Gedächtnisses hingedeutet.

Wie aber tritt uns im Leben das Gedächtnis, die Erinnerungskraft entgegen? Längst vergangene Ereignisse kommen in Bildern in unsere Seele herein. Die Ereignisse sind längst vergangen, aber die Seele hat es mit sich selbst zu tun. Sie hat es damit zu tun, daß sie heraufzaubert das vergangene Erlebnis aus den Tiefen des inneren Lebens. Und man kann das, was da heraufkommt aus den Seelentiefen, mit dem ursprünglichen Erlebnis vergleichen. Blaß sind die Erinnerungen gegenüber den Bildern, die uns die Wahrnehmung der Sinne bietet. Aber mit der Integrität des Seelenlebens hängen sie zusammen. Und wir könnten uns in der Welt nicht zurechtfinden, wenn wir nicht das Gedächtnis hätten. Diesem Gedächtnis aber liegt die Kraft des Gedächtnisses zugrunde. Die Seele kann dasjenige, was in ihren Erinnerungen verborgen ist, durch die Kraft des Gedächtnisses heraufholen. Aber da gerade setzt nun Geisteswissenschaft ein. Nicht das Gedächtnis als solches — ich bitte ins Auge zu fassen, was ich sagen will —, nicht das Gedächtnis als solches, wohl aber die Kraft, welche dem Heraufholen eines geistigen Inhaltes aus den Tiefen der Seele zugrunde liegt, diese Kraft kann verstärkt werden, ins Unbegrenzte verstärkt werden, so daß sie im Leben der Seele nicht bloß verwendet wird, um durchgemachte Erlebnisse aus der Seele heraufzuholen, sondern daß sie zu etwas ganz anderem verwendet werden kann. Nicht äußere Methoden, die im Laboratorium verfolgt werden können, nicht das, was man durch die äußeren Sinne wahrnehmen kann, liegt zugrunde den geistes-forscherischen Methoden, sondern intensive Seelenvorgänge, die jeder durchmachen kann. Das, was den Wert dieser intensiven Seelenvorgänge ausmacht, ist die unbegrenzte Steigerung der Aufmerksamkeit im Menschenleben, oder wie man es nennt: die Konzentration des Gedankenlebens.

Was ist diese Konzentration des Gedankenlebens?

Ich kann heute nur in einer kurzen ... Betrachtung die Prinzipien dessen anführen, um was es sich handelt. Das Nähere können Sie nachlesen in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft» im zweiten Teil; ... Ferner in dem Buche «Die Schwelle der geistigen Welt». Aber den Prinzipien nach will ich die ersten Vornahmen der Seele auseinandersetzen, die eine unbegrenzte Steigerung dessen sind, was für das menschliche Leben notwendig ist, eine Steigerung der Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit muß in unbegrenzter Weise gesteigert werden, damit Geistesforschung in die Seele eintreten könne.

Was macht denn der Mensch in der Regel, wenn er der Außenwelt gegenübertritt? Er nimmt die Dinge wahr; er verarbeitet die Dinge durch den Verstand, der an das Gehirn gebunden ist. Dann macht er sich Vorstellungen über das Wahrgenommene. Und in der Regel ist er zufrieden, wenn er die äußeren Vorstellungen in der Seele bewahrt. Da, wo das Alltagsleben aufhört, da beginnen die Methoden der Geisteswissenschaft, da beginnt dasjenige, was man Konzentration des Denkens nennen kann. Derjenige, der ein Geistesforscher werden will, der muß den Faden des Seelenlebens da aufnehmen, wo er gewöhnlich im äußeren Leben verlassen wird. Vorstellungen, die wir uns selbst bilden, die wir genau überschauen können, am besten sinnbildliche Vorstellungen, bei denen wir nicht nötig haben, die Übereinstimmung mit der Außenwelt zu prüfen, sie stellen wir in den Horizont unseres Bewußtseins; Vorstellungen, die wir entweder finden, aus der Praxis der Geisteswissenschaft hervorgegangen, oder zu denen uns der Geistesforscher raten kann, sie stellen wir in den Mittelpunkt des ganzen Bewußtseins, so daß wir durch längere Zeit die Aufmerksamkeit der Seele von allem Äußeren ablenken und uns nur konzentrieren auf eine Vorstellung. Während man sonst nicht bei einer Vorstellung stehenbleibt, zieht man jetzt alle Kräfte seiner Seele zusammen, konzentriert sie auf eine Vorstellung und bleibt ganz in seinem Inneren hingegeben an diese Vorstellung. Wenn man den Menschen betrachtet bei einer solchen Vornahme, so vollzieht er im Grunde genommen etwas, was dem Schlafe gewissermaßen ähnlich ist, und was doch auch wiederum radikal verschieden ist. Denn, soll solche Konzentration fruchtbar werden, so muß der Mensch in der Tat wie ein Schlafender werden.

Wenn wir einschlafen, da fühlen wir zuerst, wie die Willenskräfte in unseren Gliedern ruhig werden, wie eine gewisse Dämmerung um uns auftritt, wie die Sinne in ihrer Tätigkeit abebben. Dann gehen wir über in Bewußtlosigkeit. Alles Äußere muß so werden in der Konzentration wie beim Schlafe. Die Sinne müssen vollständig frei werden von allen Eindrücken der Außenwelt. Das Auge darf so wenig sehen wie im Schlafe; das Ohr so wenig hören wie im Schlafe und so weiter. Dann wird das ganze Seelenleben zusammengenommen und auf eine Vorstellung konzentriert; das ist der radikale Unterschied vom Schlafe. Man könnte den Zustand nennen ein bewußtes Schlafen, ein voll bewußtes Schlafen. Während im Schlafe die Finsternis der Unbewußtheit sich ausdehnt im Seelenleben, lebt in einem erhöhten Seelenleben derjenige, der ein Geistesforscher werden will. Er strengt alle Kräfte des Seelenlebens an und wendet sie auf eine Vorstellung. Nicht darauf kommt es an, daß wir diese Vorstellung betrachten; sie gibt uns nur eine Gelegenheit, unsere Seelenkräfte zusammenzuraffen, zusammenzudrängen. Auf dieses Zusammendrängen der Seelenkräfte kommt es an. Denn dadurch gelangen wir allmählich dazu — ich muß da wiederum auf das Nähere in meinen Büchern verweisen —, wirklich das Geistig-Seelische, das in uns ist, wie der Wasserstoff im Wasser ist, herauszureißen aus dem Physisch-Leiblichen, es frei zu machen vom Physisch-Leiblichen. Nicht sozusagen in einem Ansturm ist das zu erreichen, was ich jetzt charakterisiert habe. Es brauchen die meisten Menschen ein jahrelanges Arbeiten in solchen Konzentrationen, wenn auch das Tagesleben von solchen Konzentrationen nicht abgelenkt wird; denn man kann sie nur durch wenige Minuten, höchstens durch Teile einer Stunde festhalten, aber man muß sie immer und immer wiederum wiederholen, bis es wirklich gelingt, die Kräfte, die sonst nur schlummern in der menschlichen Natur — die im Alltagsleben ja auch da sind, die aber schlummern —, so zu verstärken, daß sie wirksam werden in unserer Seele und herausreißen das Geistig-Seelische aus dem Physisch-Leiblichen.Da ich, wie gesagt, nicht herumreden möchte in abstrakter Art, sondern Ihnen Tatsachen mitteilen möchte, so sei es gleich gesagt, daß, wenn es dem Geistesforscher gelingt, durch Energie und Ausdauer, durch Hingabe an seine Übungen wirklich zur Frucht seiner Übungen zu kommen, er dann zu einem Erlebnis gelangt, das zunächst genannt werden könnte ein Erlebnis des rein inneren Bewußtseins. Man weiß mit einem Worte von einem bestimmten Zeitpunkte an einen Sinn zu verbinden mit dem Worte, das vorher sinnlos war: Ich weiß mich außerhalb meines Leibes; ich bin, mein Inneres erfassend, mein Inneres erlebend, außerhalb meines Leibes.

Ich will Ihnen von diesem Erlebnis im einzelnen erzählen. Zunächst verspürt man, daß wirklich die Denkkraft, die sonst nur in den Verrichtungen des Alltags sich regt, sich loslöst vom Leibe. Dumpf ist zunächst das Erlebnis, aber es tritt doch so auf, daß man seine Natur erkennt, wenn man es gehabt hat. Man weiß zuerst dann, wenn man wiederum zurückkehrt in seinen Leib — das möchte ich zunächst charakterisieren —, wie es ist, wenn man nun in das Gehirnleben, das die physische Materie darbietet, untertaucht, wie es Widerstand bietet, dieses Gehirn. Man weiß: Mit dem Alltagsdenken denkt man so, daß das Gehirn das Instrument ist; jetzt war man aber draußen. Dann kommt man allmählich dazu, einen Sinn zu verbinden mit dem Worte: Du erlebst dich im Seelisch-Geistigen. Man erlebt, wie das eigene Haupt umkleidet ist gewissermaßen mit seinen Gedanken. Man weiß, was es heißt, das Seelisch-Geistige abgetrennt zu haben vom äußeren, physisch-leiblichen Leben. Zuerst lernt man den Widerstand kennen, den das leibliche Leben bietet. Dann lernt man erkennen das selbständige Leben außerhalb des Leibes. Es ist wahrhaftig so, wie wenn der Wasserstoff einmal sich selbst außerhalb des Wassers wahrnehmen sollte. So ist es mit dem Menschen, wenn er solche Übungen durchmacht. Und dann, wenn er solche Übungen getreulich fortsetzt, dann tritt der große, der bedeutungsvolle Augenblick ein, an dem man sozusagen den Ausgangspunkt der eigentlichen Geistesforschung hat. Ein Augenblick, der tief erschütternd ist, der ungeheuer bedeutungsvoll ins ganze Leben eingreift. Dieser Augenblick kann in der verschiedensten Art sich einstellen. Er kann tausendfach verschieden sein. Ich will ihn aber typisch charakterisieren, wie er doch seiner Charakteristik nach meistens sein wird.

Hat man so eine gewisse Zeit hindurch geübt, hat man gewissermaßen aus der naturwissenschaftlichen Denkweise heraus die eigene Seele so behandelt, dann kommt der Moment, der eintreten kann entweder im alltäglichen Leben, oder auch mitten im Schlafe, so daß man aus dem Schlafe aufwacht und weiß: man träumt nicht, man erlebt eine neue Wirklichkeit. Man kann das zum Beispiel so erleben, daß man sich sagt: Was ist doch um mich? Es ist, wie wenn ich mich in einer Umgebung befände, die sich von mir loslöst, wie wenn die Elemente blitzartig einschlügen und wie wenn mein Leib zerstört würde durch die Elemente und ich mich aufrecht erhalte gegenüber diesem Leibe. Man lernt erkennen, was alle Geistesforscher durch alle Zeiten hindurch mit einem bildlichen Ausdruck genannt haben: an die Pforte des Todes gelangen. Denn das erlebt man, daß man jetzt weiß durch das Bild — also nicht durch die Wirklichkeit, diese erlebt man nur im Tode —, man erlebt durch das Bild, daß man jetzt weiß, wie der Mensch geistig-seelisch ist, wenn er nicht durch das Instrument seines Leibes sich und die Welt wahrnimmt, sondern wenn er nur im Geistig-Seelischen lebt.

Das ist zunächst das Erschütternde; man weiß: Du hast dich mit deiner Denkkraft losgelöst von deinem Leibe. Und ebenso können andere Kräfte losgelöst werden von dem Leibe, so daß der Mensch immer reicher, immer innerlicher mit Bezug auf sein Seelenleben wird.

Aber es genügt die eine Übung nicht, welche ich mit dem Ausdruck Konzentration oder unbegrenzte Steigerung der Aufmerksamkeit bezeichnet habe. Durch diese Übung erlangt man das Folgende: Wenn man an dem Punkte angelangt ist, wo die Seele sich selbst erlebt, dann steigen auch auf die Bilder, die man reale Imaginationen nennen kann. Bilder steigen auf, aber Bilder, die sich gewaltig unterscheiden von den Bildern des gewöhnlichen Gedächtnisses. "Während das gewöhnliche Gedächtnis nur dasjenige in Bildern hat, was äußerlich erlebt worden ist, steigen jetzt Bilder auf aus den grauen Seelentiefen, die nichts gemein haben mit dem, was man in der äußeren Sinneswelt erleben kann. Alle Einwände, daß man sich leicht täuschen könne, daß das, was da aus den grauen Seelentiefen heraufsteigt, nur Reminiszenzen des Gedächtnisses sein könnten, alle diese Einwände sind hinfällig. Denn der Geistesforscher lernt eben wirklich unterscheiden zwischen dem, was das Gedächtnis heraufrufen kann, und dem, was radikal verschieden ist von allem, was im Gedächtnis stehen kann. Allerdings, eines muß bedacht werden, wenn von diesem Punkte des Eintretens in die geistige Welt gesprochen wird. Es ist dasjenige, daß zur Geistesforschung wenig sich solche Personen eignen, welche an Halluzinationen, an Visionen oder ähnlichen krankhaften Seelengebilden und Seelenzuständen leiden. Je weniger der Mensch dazu neigt, was ja doch nur eine Reminiszenz des Tageslebens ist, desto sicherer kommt er vorwärts auf dem Gebiete der Geistesforschung. Und darin besteht ein großer Teil der Vorbereitung zur Geistesforschung, daß man alles dasjenige, was nur irgendwie unbewußt aus der Menschenseele sich aufdrängen könnte in solch krankhafter Art, genau unterscheiden lernt von dem, was als ein neues Element, als eine geistige Wirklichkeit durch die geisteswissenschaftliche Ausbildung der Seele eintreten kann.

Ich möchte gerade einen radikalen Unterschied angeben zwischen dem Visionären, dem Halluzinatorischen und dem, was der Geistesforscher erschaut. Warum ist es denn so, daß so viele Menschen glauben, schon in der geistigen Welt drinnen zu stehen, wenn sie nur Halluzinationen und Visionen haben? Ja, die Menschen lernen so ungern etwas wirklich Neues kennen! Sie halten so gerne an dem Alten, in dem sie schon drinnen stehen, fest. Im Grunde genommen treten uns in Halluzinationen und Visionen die krankhaften Seelengebilde so entgegen, wie uns die äußere sinnliche Wirklichkeit entgegentritt. Sie sind da; sie stellen sich vor uns hin. Wir tun gewissermaßen nichts dazu, wenn sie sich vor uns hinstellen. In dieser Lage ist der Geistesforscher gegenüber seinem neuen geistigen Element nicht. Ich habe davon gesprochen, daß der Geistesforscher alle Kräfte seiner Seele, die im gewöhnlichen Leben schlummern, konzentrieren, heraufarbeiten muß. Das erfordert aber, daß er eine seelische Energie, eine seelische Stärke anwendet, die im äußeren Leben nicht da ist. Aber diese Stärke muß er immer festhalten, wenn er eintritt in die geistige Welt. Der Mensch bleibt passiv, er braucht sich nicht anzustrengen: das ist das Charakteristische der Halluzinationen, der Visionen. In dem Augenblick, wo wir der geistigen Welt gegenüber auch nur einen Moment passiv werden, verschwindet sogleich alles. Wir müssen unausgesetzt tätig, aktiv dabeisein. Daher können wir uns auch nicht täuschen, denn nichts kann aus der geistigen Welt vor unsere Augen treten so, wie eine Vision oder Halluzination vor unsere Augen tritt. Wir müssen überall mit unserer Tätigkeit dabeisein, bei jedem Atom desjenigen, was uns aus der geistigen Welt entgegentritt. Wir müssen wissen, wie es sich damit verhält. Diese Aktivität, dieses fortlaufende Tätigsein, das ist notwendig für die wirkliche Geistesforschung. Dann aber tritt man ein in eine Welt, die sich radikal unterscheidet von der physisch-sinnlichen Welt. Man tritt ein in eine Welt, wo geistige Wesen, geistige Tatsachen um uns sind.

Aber ein Zweites ist dazu notwendig. Daß man losreißt die Seele vom Leibe, das geschieht in der geschilderten Weise. Das zweite aber, es kann wiederum durch einen naturwissenschaftlichen Vergleich klar gemacht werden. Wenn wir den Wasserstoff abtrennen, so ist er zunächst für sich allein; aber er geht Verbindungen ein mit anderen Stoffen, er wird zu etwas ganz anderem. Dasselbe muß sich vollziehen mit unserem Geistig-Seelischen nach der Abtrennung vom Leibe. Dieses Geistig-Seelische muß sich verbinden mit Wesenheiten, die nicht in der Sinneswelt sind. Es muß mit ihnen eins werden; dadurch nimmt es sie wahr.

Die erste Stufe der Geistesforschung ist das Abtrennen des Seelisch-Geistigen vom Physisch-Leiblichen. Die zweite Stufe ist das Eingehen von Verbindungen mit Wesen, die hinter der Sinneswelt sind. Das letztere ist etwas, was einem in der Gegenwart nicht verziehen wird, weit weniger verziehen wird als das Reden von einem «Geiste im allgemeinen». Es gibt ja heute schon viele Menschen, die wissen, daß es sie drängt, ein Geistiges anzunehmen. Sie sprechen aber von einem Geiste, der hinter der "Welt ist und sind froh beseelt, wenn sie Pantheisten sein können. Aber für den Geistesforscher ist der Pantheismus gerade dasselbe, wie wenn man jemand in die Natur führt und sagt zu ihm: Schau nur, das alles, was dich hier umgibt, es ist Natur! wenn man ihm nicht sagt: Das sind Bäume, das sind Wolken, das ist eine Lilie, das ist eine Rose, sondern: das ist alles Natur! Wenn man den Menschen also von einem Vorgang zum anderen Vorgang, von einem Wesen zum anderen Wesen führt und ihm sagt: Es ist das alles Natur! — damit ist ja nichts gesagt. Im einzelnen, im Konkreten muß auf die Tatsachen eingegangen werden. Es wird einem heute verziehen, wenn man von einem Geiste spricht, der in allem darinnen ist. Der Geistesforscher kann sich aber damit nicht zufrieden geben. Er tritt ja ein in eine Welt, die besteht aus einer Welt von geistigen Wesenheiten, geistigen Tatsachen, die differenziert sind so, wie die äußere Welt konkret differenziert ist, indem sie besteht aus Wolken, Bergen, Tälern, aus Bäumen, Blumen und so weiter. Daß man aber davon spricht, daß nicht nur die natürlichen Vorgänge differenziert sind in Pflanzen-, Tier- und Menschenreich, sondern daß man, wenn der Mensch in eine geistige Welt eintritt, auch dort von konkreten Einzelheiten und Tatsachen spricht, das wird einem heute nicht verziehen. Aber der Geistesforscher kann nicht anders als darauf aufmerksam machen, daß, wenn er so in die geistige Welt eintritt, er eintritt in eine Welt wirklicher, konkreter geistiger Wesenheiten und geistiger Vorgänge.

Das zweite, das dann notwendig ist, das ist eine Steigerung der Hingabe, jener Hingabe, die der Mensch im gewöhnlichen Leben oder im gesteigerten gewöhnlichen Leben in der religiösen Frömmigkeit empfindet. Aber wiederum ins Unendliche gesteigert muß das entwickelt werden, daß der Mensch wirklich dazu kommt, daß er gleichsam im Strome des Weltgeschehens hingebungsvoll ruht wie im Schlafe. Im Schlafe vergißt er jede Regung des eigenen Leibes, so muß der Mensch jede Regung des eigenen Leibes vergessen in der Kontemplation oder Meditation. Es ist dies die zweite Übung, die abwechseln muß mit der ersten Übung. Der Übende vergißt seinen Leib vollständig, nicht nur in denkerischer Beziehung, sondern so, daß er auch alle Gemütsregungen und Willensregungen abzusondern vermag, so wie er sich im Schlafe abzusondern vermag von jeder Regsamkeit des Leibes. Aber bewußt muß dieser Zustand herbeigeführt werden. Indem der Mensch diese Hingabe hinzufügt zu der ersten Übung, gelangt er dazu, wirklich sich durch die erwachenden geistigen Sinne so in eine geistige Welt hineinzustellen, wie er sich hineinlebt durch die äußeren Sinne in die Welt der Sinnlichkeit, die uns umgibt. Eine neue Welt tritt dann vor dem Menschen auf, die Welt, in der der Mensch mit seinem Geistig-Seelischen immer ist. Dann aber wird für den Menschen etwas zur Tatsache. Zur Tatsache wird es, so sagte ich, für die Innenbeobachtung, was heute noch durchaus zurückgewiesen wird von den Vorurteilen unserer Zeit, was aber ebenso ein Ergebnis einer streng wissenschaftlichen Forschung ist, wie die Evolutionslehre der neueren Zeit es ist: der Mensch lernt seinen seelischgeistigen Wesenskern kennen, und zwar so lernt er ihn kennen, daß er weiß: Bevor ich vor der Empfängnis und vor der Geburt in dieses Leben eingetreten bin, das mich mit dem Leibe bekleidete, war ich geistig-seelisch in einem geistigen Reiche. Indem ich durch die Pforte des Todes schreiten werde, wird mein Leib abfallen, aber dasjenige, was ich jetzt kennen gelernt habe als geistig-seelischen Wesenskern, dasjenige, was außer dem Leibe leben kann, das wird durch die Pforte des Todes schreiten. Das gehört, nachdem es durch die Pforte des Todes geschritten ist, zu einer geistigen Welt, das geht in eine geistige Welt ein. - Man lernt, mit anderen Worten, die unsterbliche Seele kennen schon in diesem Leben zwischen Geburt und Tod. Man lernt kennen dasjenige, wovon man weiß, daß es auf den Leib nicht angewiesen ist. Die Welt lernt man kennen, in welche die Menschenseele nach dem Tode eintritt. Aber man lernt diesen geistig-seelischen Wesenskern des Menschen in einer solchen Weise erkennen, wie es sich wiederum wissenschaftlich-anschaulich beschreiben läßt.

Wenn wir die Pflanze betrachten, wie der Keim sich entwickelt, wie die Blätter und Blüten entstehen, wie die Frucht sich bildet, aus der dann wiederum ein Keim hervorgeht, dann werden wir gewahr, daß das Leben dieser Pflanze sich zuspitzt in diesem Keim. Man sieht das Abfallen der Blüten und Blätter, man sieht, daß der Keim bleibt, der in sich trägt eine neue Pflanze. So wird man gewahr: In dieser Pflanze, die man vor sich hat, da lebt der Keim, der Kern zu einer neuen Pflanze. So lernt man erkennen, indem man das Leben zwischen Geburt und Tod betrachtet, daß sich im Geistig-Seelischen dasjenige entwickelt, was durch die Pforte des Todes geht, was aber der Keim, der Kern eines neuen Lebens ist. So gewiß wie der Pflanzenkeim die Anlage hat, eine neue Pflanze zu werden, so gewiß hat dasjenige, was sich in dem Alltagsleben als Seelisch-Geistiges verbirgt, was sich aber der Geisteswissenschaft zeigt, die Anlage zu einem neuen Menschen. Und durch eine solche Betrachtung gelangt man in voller Übereinstimmung mit der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart zu den wiederholten Erdenleben. Man weiß, daß das gesamte Menschenleben besteht aus dem Leben zwischen Geburt und Tod und aus dem Leben, das verläuft zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, aus dem dann der Mensch wiederum in ein neues Erdenleben eintritt. Das einzige, was eingewendet werden könnte gegen das eben Gesagte, ist, daß ja der Pflanzenkeim auch zugrunde gehen könnte, wenn die Bedingungen nicht da sind, die ihn zu einer neuen Pflanze aufrufen. Dieser Einwand erledigt sich für die Geisteswissenschaft dadurch, daß allerdings der Pflanzenkeim, weil er angewiesen ist auf die äußere Welt, auch zugrunde gehen kann. In der geistigen Welt aber, in der der menschliche Seelenwesenskern heranreift zu einem neuen Erdenleben, da gibt es kein Hindernis dafür, daß dasjenige, was als Seelenkern im Erdenleben reift, in einem anderen Erdenleben wiederum zum Vorschein kommt. Ich kann nur flüchtig in kurzen Worten andeuten, wie der Geistesforscher, festhaltend an der naturwissenschaftlichen Forschungsart, zu der Anschauung der wiederholten Erdenleben kommt.

Man hat die Geisteswissenschaft angeklagt des Buddhismus, weil sie von den wiederholten Erdenleben spricht. Nun, die Geisteswissenschaft holt das, was sie zu sagen hat, wahrhaftig nicht aus dem Buddhismus, sondern sie steht voll und ganz auf dem Boden der neueren Naturwissenschaft. Aber, sie dehnt diese neuere Naturwissenschaft auf das geistige Leben aus. Und sie kann nichts dafür, daß sie, ohne irgendwie auf den Buddhismus Rücksicht zu nehmen, zu der Anschauung von den wiederholten Erdenleben kommt. Sie kann nichts dafür, daß der Buddhismus in uralten Zeiten aus alten Traditionen heraus gesprochen hat von den wiederholten Erdenleben.In diesem Zusammenhange möchte ich darauf aufmerksam machen, daß Lessing aus seinem reifen und erfahrungsreichen Denken heraus dazu gekommen ist, von den wiederholten Erdenleben zu sprechen. Nach einem arbeitsreichen Leben hat Lessing seine Abhandlung «Über die Erziehung des Menschengeschlechts» geschrieben, und da vertritt er diese Lehre von den wiederholten Erdenleben. Er sagt ungefähr das Folgende: Sollte denn diese Lehre deshalb zu verwerfen sein, weil sie in den ersten Morgenstunden der Menschheit aufgetreten ist, als noch keine Vorurteile der Schulen sie getrübt haben? So wenig Lessing sich beirren ließ dadurch, daß diese Lehre von den wiederholten Erdenleben in der Morgenröte der Menschheit aufgetreten ist und dann später durch die Vorurteile der Schulen in den Hintergrund gedrängt worden ist, so wenig braucht die Geisteswissenschaft vor dieser Lehre zurückzuschrecken, weil diese Lehre auch im Buddhismus vorkommt. Es ist durchaus unbegründet, die Geisteswissenschaft deshalb des Buddhismus zu zeihen. Geisteswissenschaft bekennt sich zu der Lehre von den wiederholten Erdenleben aus ihren eigenen Quellen heraus, und der Mensch wird hingewiesen durch diese Geisteswissenschaft darauf, daß er mit dem gesamten Menschheitsleben auf Erden in Zusammenhang steht. Denn diese Seelen, die in uns leben, sie waren schon oftmals da, sie werden noch oftmals da sein. Wir blicken zurück auf uralte Kulturepochen, auf Zeiten zum Beispiel, wo die Augen der Menschen hinauf geblickt haben zu den Pyramiden. Wir wissen: Unsere Seelen haben schon dazumal gelebt, und wiederum werden sie erscheinen in der Zukunft; sie nehmen teil an allen Menschheitsepochen...

Nun, in welchem Sinne will die Geisteswissenschaft dasjenige, was soeben auseinandergesetzt worden ist, vor die ganze Menschheitskultur hintragen? In keinem anderen Sinne, als die neuere Naturwissenschaft ihre Erkenntnisse vor die Menschheit bringt...

Und Geisteswissenschaft will nicht etwas sein, was zu tun hat mit einer neuen Religionsstiftung. Sie will keine neue Sekte stiften. Sie will keine Propheten und keine Religionsstifter hervorbringen. Die Zeit der Religionsstiftungen, die Zeit der Propheten ist vorüber. Die Menschheit ist reif geworden. Und Menschen, die mit Prophetennatur in der Zukunft vor die Menschheit hintreten wollten, sie werden ein anderes Schicksal haben als die alten Propheten. Die alten Propheten, sie sind mit Recht nach den Eigenarten ihrer Zeit als hervorragende Menschen verehrt worden. Propheten der Gegenwart, die es in dem alten Sinne sein wollten, werden ihr Schicksal erfahren: sie werden ausgelacht werden! Geisteswissenschaft braucht keine Propheten, denn Geisteswissenschaft steht ihrer ganzen Natur nach auf dem Boden, daß dasjenige, was sie zu sagen hat, Eigentum ist der Tiefen der Menschenseele, derjenigen Tiefen, in welche die Menschenseele nur nicht immer hinunterleuchten kann. Und dasjenige, was der Geistesforscher sagt, will er als schlichter Forscher erforschen. Er will aufmerksam machen auf dasjenige, was notwendig ist. Der Geistesforscher sagt: Ich habe es gefunden; wenn du suchst, findest du es selbst! Und immer mehr und mehr werden sich die Zeiten nähern, wo der Geistesforscher anerkannt werden wird als schlichterForscher, so wie der Chemiker, der Biologe als Forscher anerkannt werden auf ihrem Gebiete; nur daß der Geistesforscher auf dem Gebiete forscht, das jeder Menschenseele nahegeht...

Geisteswissenschaft will nicht das Christentum ersetzen, aber ein Instrument zum Ergreifen des Christentums will sie sein. Und gerade dadurch wird uns durch die Geisteswissenschaft klar, daß dasjenige Wesen, das wir den Christus nennen, in den Mittelpunkt alles Erdendaseins zu stellen ist, daß dasjenige, was wir das christliche Bekenntnis nennen, die letzte der Religionen ist, die für die Erdenzukunft ewige Religion ist. Gerade das zeigt uns die Geisteswissenschaft, daß die vorchristlichen Religionen aus ihrer Einseitigkeit herausgewachsen sind, zusammengewachsen sind in die Religion des Christentums. Geisteswissenschaft will nicht etwas anderes an die Stelle des Christentums setzen, sondern sie will nur dazu helfen, das Christentum tiefer, inniger zu verstehen...

Ein gewaltiger Unterschied ist vorhanden in bezug auf das Verhältnis der Menschenseele zu der geistigen Welt gegenüber den vorchristlichen Zeiten. Dasjenige, was ich Ihnen heute erzählt habe, und was jede Seele vornehmen kann mit sich, um ihren Einzug in die geistige Welt zu halten, das ist erst möglich in der Welt seit der Begründung des Christentums. Seither erst kann jede Seele, die dasjenige anwendet, was ich heute und in den genannten Büchern dargestellt habe, durch Selbsterziehung hinaufgelangen in die geistige Welt. Vor der Begründung des Christentums brauchte man die Mysterien, brauchte man die autoritativen Anweisungen der Lehrer. Selbsteinweihung hat es in alten Zeiten nicht gegeben. Und wenn die Geisteswissenschaft gefragt wird: Worauf beruht dieser Umschwung? - dann hat sie aus ihren Forschungen heraus zu antworten: Dieser Umschwung ist möglich geworden durch das Mysterium von Golgatha. Durch die Begründung des Christentums ist eine Tatsache, die nur im Geiste erforscht werden kann, in die Menschheit eingetreten. Etwas, was vorher nur im Geistigen zu finden war, wenn der Mensch den Leib verlassen hatte durch die Mysterien, der Christus selbst, er ist nach der Begründung des Christentums von jeder Menschenseele durch eigene Anstrengung zu finden. Dasjenige, was gleichsam die Mysterien in die Menschenseelen hineinbrachten, das liegt seit dem Mysterium von Golgatha in jeder Menschenseele, das ist allen Menschenseelen zuteil geworden...

Unsere Menschenseelen haben durchgemacht Erdenleben in Zeiten, wo der Christus noch nicht mit der Erde vereinigt war, und sie werden durchmachen noch fernere Erdenleben, in denen der Christus mit der Erde vereint ist. Der Christus lebt nunmehr in den Menschenseelen selbst. Dann aber, wenn die Menschenseele sich immer mehr und mehr vertieft, wenn die Menschenseele immer wieder und wiederum durch wiederholte Erdenleben geht, dann wird sie immer selbständiger und selbständiger, immer innerlich freier und freier. Daher ist es so, daß sie immer neue Instrumente braucht, um die alten Wahrheiten zu verstehen, daß sie aus dieser inneren Freiheit heraus immer weiter und weiter vorzudringen hat. So muß gesagt werden: Das Christentum wird gerade durch die Geisteswissenschaft in einer solchen Tiefe erkannt, in einer solchen Wahrheit, in einer solchen Wichtigkeit erkannt, daß die Geisteswissenschaft Vertrauen haben darf, wenn sie in einer neuen Form diese alten christlichen Wahrheiten verkündigt. Mögen diejenigen, die nur bei ihren Vorurteilen stehenbleiben wollen, glauben, daß Geisteswissenschaft dem Christentum Abbruch tue. Wer in die Kultur der Gegenwart eindringt, der wird finden, daß gerade diejenigen Menschen, die nicht mehr in der alten Weise Christen sein können, durch Geisteswissenschaft wiederum von der Wahrheit des Christentums überzeugt werden. Denn dasjenige, was die Geisteswissenschaft über das Christentum zu sagen hat, das darf sie sagen zu jeder Seele, weil den Christus, von dem sie spricht, jede Seele in sich selbst finden kann. Aber sie darf auch sagen, daß sie den Christus findet als das Wesen, das einmal wirklich durch die Tatsache des Mysteriums von Golgatha eingetreten ist in die Menschenseelen, in die Erdenwelt. Der Glaube hat nichts zu fürchten von dem Wissen, denn die Gegenstände des Glaubens, wenn sie zum Geiste aufsteigen, haben das Licht des Wissens nicht zu scheuen. Und so wird Geisteswissenschaft dem Christentum diejenigen Seelen erobern, die ihm nicht anders werden gewonnen werden können als dadurch, daß man zu ihnen nicht spricht wie ein prophetischer Religionsstifter, sondern wie ein schlichter Wissenschafter, der aufmerksam macht auf dasjenige, was auf geisteswissenschaftlichem Gebiete gefunden werden kann, und der die Saiten, die in jeder Seele sind, zum Mitschwingen bringt.

Geistesforscher kann zwar ein jeder Mensch werden; die Wege dazu können Sie in den genannten Büchern angegeben finden. Aber auch derjenige, der nicht Geistesforscher ist, kann, wenn er die Wahrheit in unbefangener Weise auf sich wirken läßt, von dieser Wahrheit durchdrungen werden. Und wenn er das nicht tut, dann kann er sich eben nicht frei machen von Vorurteilen. In der Seele des Menschen liegen alle Wahrheiten. Es hat vielleicht nicht jeder Mensch Gelegenheit, als Geistesforscher die Wahrheit des Geistigen zu überschauen; aber so wahr wir schon mit dem Denken aus dem Gebiet der Sinneswelt heraus sind, so wahr geht das Denken mit, wenn der Geisteswissenschafter auf das aufmerksam machen will, was er auf seinen geistigen Wegen erforscht. Und nur aufmerksam machen will er darauf, daß es Wahrheiten gibt, die in jeder Seele keimen können, weil sie in jeder Seele vorhanden sind." (Lit.: GA 155, S. 215ff)

Siehe auch

Quellen

  1. Rudolf Steiner: Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung.8. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2002
  2. Rudolf Steiner, Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit - Goethe und die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts, Rudolf Steiner Verlag, Dornach, 1984, Seite 136
  3. Rudolf Steiner: Die Theosophie des Rosenkreuzers, GA 99 (1985)
  4. Erika Beltle und Kurt Vierl (Hrsg.), Erinnerungen an Rudolf Steiner, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart, 1979, Seite 14
  5. Der Vortrag über «Brunos Monismus und die Anthroposophie» fand am 8. Oktober 1902 unter dem geänderten Titel «Theosophie und Monismus» statt. (Lit.: Beiträge 121, S. 50, GA 051, S. 311ff)
  6. Rudolf Steiner, Heilfaktoren für den sozialen Organismus, Rudolf Steiner Verlag, Dornach, 1984, Seite 244
  7. Steiner, Mein Lebensgang, 1925, Kap. XXII, XXVI und XXVII.
  8. Rudolf Steiner, Das Schicksalsjahr 1923 in der Anthroposophischen Gesellschaft, Rudolf Steiner Verlag, Dornach, 1991, Seite 83
  9. Zahlen nach Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner - eine Chronik (1988), S. 211 und 329f.
  10. Lidia Gentilli Baratto, Eine Erinnerung an Marie Steiner, Selbstverlag 1947, S. 20f
  11. Rudolf Steiner, Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/1924, Rudolf Steiner Verlag, Dornach, 1994, Seite 51
  12. Bodo von Plato: "Zur Entwicklung der Anthroposophischen Gesellschaft. Ein historischer Überblick", 1986
  13. Das hatte Erich Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen behauptet: "Da die Anthroposophie ihre Anhänger tief in die national-sozialistischen Kreise geschoben hatte, so war sie besonders gefährlich. In welchem Umfange dies der Fall war, wurde mir erst nach der Machtübernahme voll bewusst." Erich Ludendorff: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. Band III. Meine Lebenserinnerungen von 1933 bis 1937, 1955. S. 67 ff. Zitiert nach: Arfst Wagner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus. Teil II. In: Flensburger Hefte. Sonderheft 8: „Anthroposophen in der Zeit des deutschen Faschismus – Zur Verschwörungsthese“, 1991. S. 50-94, hier S. 53 bis 55.
  14. Zitiert nach Walter Kugler, Feindbild Steiner, 2001, S. 29f.

Literatur

Werke Rudolf Steiners

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Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
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Anthroposophische Schriften

Befürwortende oder neutrale Standpunkte

  • Kriele, Martin: Anthroposophie und Kirche. Erfahrungen eines Grenzgängers. Herder Verlag 1996 ISBN 3451239671

Weblinks

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