Arbeitsteilung

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Arbeitsteilung innerhalb einer Gruppe zur Zeit der Steinzeit (Gemälde von Wiktor Wasnezow, 19. Jhd.)

Arbeitsteilung bezeichnet den Prozess der Aufteilung eines Arbeitsvollzugs unter mehreren Menschen (Arbeit / Arbeit teilen). Familien, Unternehmen und Organisationen sowie Volkswirtschaften und internationale Wirtschaftsbeziehungen werden als arbeitsteilige Gebilde gesehen. Es bedarf der Koordinierung, um die Teiloperationen wieder zusammenzufügen. Arbeitsteilung bewirkt Abhängigkeiten (Verlust der Selbständigkeit) der einzelnen Akteure. Arbeitsteilung bewirkt Effektivität. Dies differenziert diese immer mehr. In den wikipedia:Industriegesellschaften des Menschen ist die Arbeitsteilung durch Spezialisierung sehr ausgeprägt und diversifiziert sich fortlaufend. In Deutschland gibt es aktuell ca. 24.000 Berufe.

Umgangssprachlich wird der Begriff Arbeitsteilung umfassender verwendet: außerhalb der menschlichen Arbeitsteilung zum Beispiel für die Funktionsteilung bei Bienen und Ameisen oder für „arbeitsteilige“ Prozesse in Organismen wie der biologischen Zelle.

Arten von Arbeitsteilung

Im Anschluss an Karl Bücher (Die Entstehung der Volkswirtschaft) können mehrere, sich in der Regel überlagernde Formen der Arbeitsteilung unterschieden werden:

geschlechtliche Arbeitsteilung
die Aufteilung verschiedener Arbeiten zwischen Mann und Frau gehört zu den ältesten Formen der Arbeitsteilung; die Arbeitsvereinigung findet beispielsweise über Reziprozität in der Familie statt; es handelt sich hier grob um die Teilung zwischen reproduktiven Aufgaben, die den Frauen und produktiven Aufgaben, die den Männern zugewiesen würden (vgl. Geschlechterrolle, Ernährermodell).
Berufsbildung
die Spezialisierung von Produzenten und Produktionsstätten auf die Produktion bestimmter Arten von Gütern und Dienstleistungen. Zu den ältesten Berufen dürften Schmiede und Heiler/Schamane gehört haben; die Arbeitsvereinigung findet über Handel (z. B. durch Wanderhandel, auf Märkten; als Tauschhandel oder mittels Geld) oder über zentrale Umverteilung (redistributive Stammeswirtschaft, redistributive Palastwirtschaft) statt.
Berufsspaltung
die weitergehende Spezialisierung innerhalb von bestehenden Berufs- oder Gewerbegruppen auf Unterarten von Gütern und Dienstleistungen: Schmiede werden z. B. zu Grobschmieden, Kupferschmieden, Schwertfeger usw., die Arbeitsvereinigung findet beispielsweise auf Märkten über Tausch statt.
Arbeitszerlegung (auch betriebliche Arbeitsteilung)
die Aufteilung eines einzelnen Produktionsprozesses in verschiedene Teilprozesse, die innerhalb einer einzelnen Produktionsstätte von spezialisierten Arbeitskräften wahrgenommen werden (vgl. Manufaktur); die Arbeitsvereinigung findet über die betriebliche (fiskalische, unternehmerische) Ablauforganisation statt; dabei wird zwischen Artteilung – bei dem jeder Einzelne nur einen Teil der Arbeitsabläufe übernimmt (wie in Adam Smiths „Stecknadelbeispiel“) – und Mengenteilung – bei dem alle Beteiligten alle Arbeitsabläufe durchführen, dies jedoch nicht an allen Arbeitsgegenständen – unterschieden. Ein Beispiel ist die Arbeitszerlegung nach Alter, oft in Handwerksbetrieben, wenn körperlich anstrengende Anteile den Jüngeren zugewiesen wird.
Produktionsteilung (auch zwischenbetriebliche Arbeitsteilung)
die Aufteilung eines Produktionsprozesses in verschiedene Teilprozesse, die in verschiedenen (wirtschaftlich selbständigen oder unselbständigen) Produktionsstätten stattfinden; die Arbeitsvereinigung findet über die betriebliche Ablauforganisation (vgl. Oikos) oder Markttausch statt.
regionale Arbeitsteilung
die Spezialisierung einzelner Regionen auf die Produktion bestimmter Güter und Dienstleistungen; die Arbeitsvereinigung findet zum Beispiel über Fernhandel statt.
internationale Arbeitsteilung
die Spezialisierung einzelner Nationen auf die Produktion bestimmter Güter und Dienstleistungen; die Arbeitsvereinigung findet über den Außenhandel statt, der z. B. Zwangshandel (vgl. Kolonialismus) oder Freihandel sein kann.
vertikale Spezialisierung
hier folgen die spezialisierten Betriebe aufeinander. (Beispiel: Die von der Urproduktion (Land- und Forstwirtschaft) gewonnenen Rohstoffe werden von der Produktion (Industrie und Handwerk) zu Konsum oder Investitionsgüter be- und verarbeitet, dazwischen findet man jeweils Dienstleistungsbetriebe.)
horizontale Spezialisierung
meint spezielle Wirtschaftssegmente, auf der die Betriebe unterschiedliche Leistungen auf der gleichen Ebene erbringen (etwa in der Bekleidungsbranche Unterwäsche, Damenoberbekleidung, Kinderschuhe).

Weiterhin gibt es folgende Unterteilungen:

familiäre Arbeitsteilung
innerhalb einer Partnerschaft oder Familie (vgl. Vereinbarkeit von Familie und Beruf), wobei egalitäre Arbeitsteilung eine symmetrische Teilung der Aufgaben bezeichnet (vgl. Doppelversorgermodell)
gesellschaftliche Arbeitsteilung
zwischen Menschen, Entwicklung einzelner Berufe – siehe auch Soziale Differenzierung
volkswirtschaftliche Arbeitsteilung
in Primärsektor, Sekundärsektor und Tertiärsektor (siehe Wirtschaftssektor)
territoriale Arbeitsteilung
nach Räumen mit unterschiedlichen naturräumlichen und/oder soziokulturellen Gegebenheiten. Wenn jede Region das für sie günstigste Produkt produziert, kann die Effizienz gesteigert werden und somit ein größeres Wirtschaftswachstum erzielt werden. Erforderlich für die produktivitätssteigernde Wirkung ist dann allerdings ein internationaler (Außen-)Handel, um die Güter, Waren und Dienstleistungen auszutauschen
biologische Arbeitsteilung
Differenzierung innerhalb von Organismen und zwischen Organismen (Symbiose).

Offene Probleme

Durch Arbeitsteilung entstehen einerseits Probleme bei der Koordination, etwa Probleme bei der Suche oder Bereitstellung, andererseits Probleme bei der Motivation, etwa Problemen der Spezifität und Abhängigkeit oder Messung und Bewertung. Der Gewinn durch die Arbeitsteilung wird durch den Aufwand der Koordinierung geschmälert. Das bedeutet, ein Gewinn durch mehr Arbeitsteilung muss den Koordinationsaufwand übersteigen.

Als Lösungen sind Institutionen geeignet, mit denen sich in der Soziologie die Wirtschaftssoziologie und in der Volkswirtschaftslehre, insbesondere die Neue Institutionenökonomik befasst.

Weitere Fragen ergeben sich, wenn Arbeitsteilung als eine Form von diskriminierender Hierarchie auftritt.

Von feministischer Seite wird die geschlechterhierarchische Arbeitsteilung, die Frauen die Haushaltsarbeit (reproduktive Arbeit: Hausarbeit und Sorgearbeit) zuschreibt, kritisiert. Diese kulturelle und institutionalisierte Arbeitsteilung führe zur Schlechterstellung auf dem Erwerbsarbeitsmarkt und zur Ungleichverteilung der Last der Arbeit insgesamt.

Aufgezeigt werden auch rassistische Diskriminierungen, die dazu führen, dass Einwanderern und Farbigen der Zugang zu höher bezahlten, besser qualifizierten Arbeitsplätzen versperrt wird.

Aus globalisierungskritischer Sicht stellt auch die internationale Arbeitsteilung ein Problem dar, da die einseitige Festlegung vieler Entwicklungsländer auf die Bereitstellung von billiger Arbeitskraft und Rohstoffproduktion deren Industrialisierung und eine Vermehrung des Wohlstandes verhindert.

Soziale Dreigliederung des Organismus und Arbeitsteilung

Von Rudolf Steiner werden als Vorteile der Arbeitsteilung effizienteres Wirtschaften, d.h. Verbilligung der Waren, und der ihr einwohnende implizite Altruismus, der die Arbeitenden dazu anhält, nicht für sich selbst, sondern für andere zu arbeiten[1], genannt.

Zudem geht auch Steiner davon aus, daß die moderne Wirtschaft die Arbeitsteilung mit einer gewissen Unausweichlichkeit hervorbringt. Es gibt jedoch unterschiedliche Arten von Arbeitsteilung. Erfolgt die Teilung nur nach dem Effizienzprinzip, oder gibt es auch andere Gründe für Arbeitsteilung, etwa denjenigen, durch Arbeitsteilung die Arbeiter besser kontrollieren zu können? Muß man auch in einem dreigegliederten sozialen Organismus tayloristische[2] Tendenzen hinnehmen, oder kann solchen Entartungen des Arbeitsteilungsprinzips bei sozialer Dreigliederung besser entgegengewirkt werden?

Im Zuge der Fragenbeantwortung im nationalökonomischen Seminar (GA 341), das Steiner zu seinem nationalökonomischen Kurs hielt, wird das Beispiel eines Schneiders diskutiert, der auch für sich selbst einen Rock näht, statt ihn auf dem Markt käuflich zu erwerben. Solche Selbstversorgung bedeute volkswirtschaftlich eine Verteuerung der Schneiderware. Gegen Einwände, daß es doch nicht so viel ausmache, argumentiert Steiner unter anderem auch:

"Dagegen wird der Posten schon sehr, sehr beträchtlich, wenn es sich um weitere Arbeitsteilung handelt, wenn also der Schneider sonst überhaupt nicht mehr ganze Anzüge fabriziert, sondern nur Teilgebiete. Dann wird er, wenn er sich einen eigenen Anzug fabrizieren will, ganz wesentlich teurer kommen, als wenn er sich die Sache irgendwo kauft. Ich sagte ja, es ist eben ein radikales Beispiel, das nur eine prinzipielle Bedeutung hat. Aber was später bei weiterer Arbeitsteilung stark hervortritt, das gilt auch schon ganz am Ausgangspunkt der Arbeitsteilung." GA 341, S. 044f.

Dieser rein ökonomische Effizienzgesichtspunkt ist allerdings nicht absolut zu setzen; wie die Arbeitsteilung gestaltet wird, könne auch durch andere Gesichtspunkte, z.B. ästhetische, mitbestimmt sein:

"Frage: Wie verhält es sich bei Modestücken?

Rudolf Steiner: Da stehen wir aber jetzt auf ästhetischem Gebiet, nicht mehr auf wirtschaftlichem. Ich wollte gar nicht die Frage berühren, ob es nicht vielleicht außerordentlich gut wäre, wenn auf gewissen Gebieten die Arbeitsteilung vermieden würde. Ich bin sogar dagegen, daß auf allen Gebieten die Arbeitsteilung durchgeführt wird, aber nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern aus Geschmacksgründen. Ich finde es sogar greulich, wenn die Arbeitsteilung bis ins einzelnste zum Beispiel für die menschliche Kleidung durchgeführt wird. Aber da müssen wir sagen: Wir müssen selbstverständlich das freie Geistesleben geltend machen, das uns natürlich zunächst etwas kosten würde. Es würde einzelne Dinge verteuern, aber es würde ein Ausgleich stattfinden, trotzdem einzelne Produkte, die man nicht in die Arbeitsteilung einbezieht, teurer werden. Das bitte ich nicht so zu verstehen, daß ich ein Fanatiker werden will. ..." GA 341, S. 049f.

Man muß jedoch aus heutiger Sicht, d.h. nach langjährigen Erfahrungen auch mit übertriebener Zergliederung von Arbeitsabläufen, bedenken, daß auch aus Gründen der Effizienz ein zu weit gehender schematischer Teilungsprozeß, bzw. eine falsche, unzweckmäßige Gliederung vermieden, bzw. zurückgenommen werden sollte. Arbeitsteilung als bloße Aufteilung in irgendwelche Teilaufgaben, optimiert lediglich im Hinblick auf den Koordinationsaufwand, muß nicht mit weiterer Aufteilung zu erhöhter Effizienz führen. Vielmehr sind unter Effizienzgesichtspunkten auch die Neuzusammenfügungen von Teilaufgaben, also ein der Arbeitsteilung gegenläufiger Prozeß, im Sinne von Aufgaben- und Stellengesamtgestaltung zu berücksichtigen. Diese Aufgaben- und Stellengesamtgestaltung unter dem Gesichtspunkt der Effizienz hat auch die verschiedenen Arten von herzustellenden Waren und Dienstleistungen zu berücksichtigen. Im Hinblick auf ein Wirkungsfeld, in dem Kinder eine ihnen adäquate Erziehung und Bildung finden können, gelten für Arbeitsteilung und optimimale Zusammenführung von Teilaufgaben ganz andere Kriterien, als in der Automobilproduktion beispielsweise. Andererseits sind aufgrund der jeweiligen Qualifikationsprofile, der inneren Differenziertheit und Integriertheit von Fähigkeiten der Arbeitstätigen, bestimmte Anforderungen an optimale Aufgaben- und Stellenzuschnitte zu erfüllen. Schon längst geht es nicht mehr um eine immer weiter gehende Teilung von Aufgaben, sondern um eine optimale Aufgaben- und Stellengestaltung, im Hinblick auf eine auch langfristige Effizienz, zu der auch Produktqualität und Aufrechterhaltung der Mitarbeitermotivation gehören. Die etwas undifferenzierte Betrachtung des Prozesses einer angeblich immer weiter schreitenden Arbeitsteilung aus Gründen von Effizienz bzw. als ein dem Wesen modernen Wirtschaftens entsprechender organischer Prozeß wurde auch von Schülern wie Wilhelm Schmundt übernommen, mit der Folge, daß einige durch die Wirtschaftspraxis und wissenschaftliche Unterschuchung längst widerlegte Plattitüden von einer Gleichsetzung von fortschreitender Arbeitsteilung und Steigerung von Wohlstand und Lebensqualität, unüberlegt repetiert werden.

Weder Wohlstand noch Lebensqualität lassen sich mit quantifizierter Effizienz, wie sie sich in Betriebsgewinnen und Sozialproduktberechnungen ausdrückt, wirklich messen. Wie kann man Effizienzgewinne bei gleichzeitiger Demotivierung von Mitarbeitern (wenn diese verschleißt sind oder zu häufig krank werden, werden sie ausgetauscht), oder unter Ausnutzung von Raubbau an der Natur oder Beziehung von Vorprodukten, die durch Ausbeutung von Arbeitskräften zustandegekommen sind, gutheißen, weil sie Wohlstand und Lebensqualität (die nur eine scheinbare ist, weil das für andere Menschen verursachte Elend ausgeblendet wird), weil sie eine Bereicherung von Menschen und Menschengruppen sind, auf Kosten anderer? Organisation dient auch diesem Zweck: Bereicherung in dem Sinne, daß der Output höher sein soll als der Input. Würde man, was als Input hineinkommt, wirklich gerecht bewerten, was käme dann für ein mickriger Gewinn heraus aus einer angeblich mit Aufwendung von "Geist" effizient gemachten Organisation? Wie gering würde überhaupt der Anteil sog. Ersparnis von Arbeit durch Organisation ausfallen? Eine interne gerechte Aufteilung eines Betriebsgewinns genügt nicht, wenn von vorherein der Betriebsgewinn gar nicht sauber ist, sondern Ergebnis unzureichender Vergütung bezogener Ressourcen und Arbeitsleistungen, bzw. auf der anderen Seite Ergebnis von wegen bestimmter Marktverhältnisse möglich gewesener zu hoher Preise. Moderne wirtschaftliche Organisation, ist organisiert im Hinblick auf Herauspressen eines Gewinns. Das nennt sich Effizienz. Für diese Effizienz ist Arbeitsteilung ein Mittel, insbesondere auch als Kontrollinstrument. Organisation ist Herrschafts-, Machtinstrument, um Kapital abzusaugen, und an diejenigen zu verteilen, die eine Berechtigung dafür erworben haben. Diese Funktion von Organisation war bereits bei den Fuggern[3] das Prinzip der Effizienz, nicht Arbeitsersparnis und "Wohlstand der Nationen". Auch die Entstehung der doppelten Buchführung mit Beginn der Neuzeit sowie das gesamte kaufmännische Rechnungswesen überhaupt ist Resultat organisierter Bereicherungsabsicht auf Kosten anderer.

Eine Wirtschaftsorganisation, die mit ihrem betrieblichen Rechnungswesen eine Geldmaschine gewissermaßen ist, ist eine mechanistische Organisation, und kein Organismus[4]. Entsprechendes gilt auch für die Arbeitsteilung: Auch sie ist ein mechanistisches Element der Geldmaschinerie, des Kapitalismus. Will man wie Wilhelm Schmundt den ganzen modernen Organisationsapparat auf einen organischen Level heben, muß man auch über die Alternative einer organischen Arbeitsteilung zur heute weitgehend mechanistischen nachdenken. Eine organische Arbeitsteilung muß nicht weniger "effizient" sein, sie unterliegt nur ganz anderen Bewertungskriterien, ist nicht monetär meßbar. Eine typische Schwierigkeit für alternative Unternehmen, die sich damit versuchen, ist es, trotzdem gleichzeitig auch eine rechnerische mechanistische Effizienz im Sinne von Geldgewinn vorweisen zu müssen, um nicht wegen Zahlungsunfähigkeit abgewickelt zu werden, oder aufgekauft zu werden, - gleichbedeutend mit Aufgeschlucktwerden vom kapitalistischen Organisationsapparat, mit seiner arbeitsteiligen, "effizienten" Arbeitsweise.

Ein weiterer Aspekt einer z.B. mit tayloristischen Methoden zu weit getriebenen Arbeitsteilung und Effizienzsteigerung wird von Rudolf Steiner in GA 337a angesprochen.

„Denn ich will Sie auf eines aufmerksam machen: Dinge, die unter gewissen Voraussetzungen zu etwas Heilsamem führen können, werden unter entgegengesetzten Voraussetzungen vielleicht zum größten Schaden gereichen können. Ich kann mir von der Anwendung des Taylor-Systems in unserer gegenwärtigen Wirtschaftsordnung überhaupt nichts anderes versprechen, als daß durch die immer gesteigerte Anwendung dieses Systems zuletzt eine solche Erhöhung der Industrieproduktion stattfindet, daß diese Erhöhung es uns in jeder Weise unmöglich macht, zu einer irgendwie notwendigen oder auch nur möglichen Gestaltung der Preislage für diejenigen Güter im Leben zu kommen, welche nicht der Industrie entstammen, sondern zum Beispiel [der Landwirtschaft]. (eckige Klammern i. Orig.)“ (Lit.:GA 337a, S. 43)

Die Rationalisierung in einem Bereich der Wirtschaft, wie z.B. der Automobilproduktion oder einer automatisierten Industrieproduktion, bedingt anscheinend einen Rationalisierungsdruck auch in Bereichen des Wirtschaftens, in denen solche Rationalisierung sich nicht sinnvoll durchführen läßt. In der heutigen Landwirtschaft führt dies unter anderem zu den Großbetrieben, zu überdimensionierten Höfen, die Schwierigkeiten mit artgerechter Tierhaltung, ökologischer Landschaftspflege und Produktqualität bekommen.

Das gleiche Phänomen zeigt sich im Dienstleistungsbereich, im Bildungswesen, in Krankenhäusern und Pflege: Der Kostendruck ist enorm gestiegen, und führt zu Qualitätseinbußen, weil im Vergleich zur durchrationalisierten, automatisierten Industrieproduktion die Dienstleistungsarbeit als zu teuer erscheint.

(Gegenüber solchem fraglichen Verständnis der Ausführungen Steiners ist zu prüfen, ob nicht eher ausschließlich das Verhältnis Bodenproduktion zu Industrieproduktion gemeint ist. Die Industrieproduktion sei generell in Unterbilanz im Verhältnis zur Bodenproduktion, vgl. GA 337a, S. 54f., zum Verständnis, was mit Unterbilanz gemeint ist, siehe GA 337a, S. 264f.)

Generell ist in der damaligen Diskussion innerhalb der Dreigliederungsbewegung die Problematik zu weit getriebener tayloristischer Prinzipien im Hinblick auf menschenwürdige Arbeitsplatzgestaltung aber noch nicht bewußt. Ein Unternehmer glaubt, seine Arbeiter von dem Wert der Einführung eines Taylor-Systems überzeugt zu haben:

„Schon vor zwanzig Jahren habe ich in einer kleinen Fabrik Grundsätze durchgeführt, an die damals noch kein Mensch dachte. Ich habe offen gezeigt, was ich machte im Betrieb. Wir haben das Taylor- System gehabt, was gut scheint. Ich habe dann dasselbe in einer wesentlich größeren Fabrik versucht - die Leute gingen mit mir. Ich habe die Sache dann hier versucht - es fehlte das Vertrauen. (Dr. Riebensam)“ (Lit.:GA 337a, S. 42)

Auch Rudolf Steiner kann grundsätzlich im Taylor-System etwas positives sehen, eine entsprechende Wirtschaftssituation vorausgesetzt, die er aber 1919 nicht als gegeben ansah:

„Ich meinte nur, daß dieses Taylor-System unter Umständen, wenn es unter anderen Voraussetzungen angewendet würde, zu etwas Positivem führen könnte; unter unserem jetzigen System aber würde es alle Schäden des Systems nur erhöhen.“ (Lit.:GA 337a, S. 42)

Selbstverwaltung und Arbeitsteilung

Folgend eine Darstellung der "Arbeitsbündel" von Rüdiger Reinhardt, wie sie Michael Albert im Rahmen seines alternativen Wirtschaftsmodells Parecon vorgesehen hat. Das Konzept Alberts, obwohl auf anarchistisch-marxistischer Grundlage, ähnelt in gewissen Hinsichten dem der assoziativen Wirtschaft, insbondere der schmundtianischen, mit ihren betont planungswirtschaftlichen Aspekten. (Im Parecon-System ist der Markt ganz abgeschafft). Man sieht auch, daß Selbstverwaltung ein Prinzip ist, das mechanischer Arbeitsteilung entgegenwirken kann.

„- Selbstverwaltung - Arbeitsbündel anstatt Arbeitsteilung: Selbstverwaltung ist die Institution, die sicherstellt, dass die bisherige Trennung zwischen ausführender und planerischer Tätigkeit reduziert wird: Unter "ausgewogene Arbeitsbündel" versteht Albert die Definition von Tätigkeiten dahingehend, daß jede Tätigkeit den gleichen Anteil an ermächtigenden bzw. planerischen und routinemäßigen bzw. ausführenden Tätigkeiten enthält.

Die "alternative Ethik" in Alberts visionärem Konzept möchte ich examplarisch anhand des Themas "Arbeitsbündel" herausarbeiten: Eine entsprechende Planung würde bedeuten, dass hochqualifizierte Leute sich mit Arbeiten beschäftigen müssten, die unterhalb ihres Niveaus liegen. Unterstellt man die Gültigkeit der 20:80-Prognose[31] von Martin/Schumann (1996), so wird dies ca. 20% der arbeitenden Bevölkerung betreffen: 20% der hochqualifizierten Beschäftigten laufen in Gefahr, auch "geringer qualifizierte" Tätigkeiten ausführen zu müssen. Was bedeutet das für die anderen 80%? Wo liegt der Nutzen für die Gesellschaft, 80% seiner Potenziale zu vergeuden - im Vergleich dazu, dass 20% sich vielleicht einmal unterfordert fühlen könnten?

Die Antwort ist vergleichsweise einfach: Es wird hier unterstellt, dass ausgewogene Arbeitsbündel die Voraussetzung darstellen, dass sich dann eine wesentlich größere Anzahl von Personen - und eben nicht nur die genannten 20% - an ihrem Arbeitsplatz entfalten kann. Diese Überlegung findet ihre Begründung in der aktuellen Forschung zu "Kompetenzen" (z.B. Erpenbeck/Rosenstiel 2003; Heyse/Erpenbekc 2004) und "Talenten" (vgl. Buckingham/Coffmann 2002; Coffmann/Gonzalez-Molina 2003), in der herausgearbeitet wurde, dass Mitarbeiter über weit mehr an Fähigkeiten verfügen, als wie sie am aktuellen Arbeitsplatz gebraucht werden. Greift man die obige Argumentation zum Thema "Gesundheit und Arbeit" auf, so reduziert dieses Prinzip ebenfalls Mobbing- und weitere Aktivitäten zum Erhalt der eigenen Position. Schließlich lässt die Umsetzung solcher Überlegungen nicht nur eine Ruduktion der Entfremdung von der Arbeit erwarten, sondern ebenfalls ein Anstieg der Kooperation und somit der Wertschätzung untereinander: Wenn die Allokationsprinzipien der Entlohnung klar, transparent - und gerecht - sind, dann macht es vergleichsweise wenig Sinn, "gegeneinander zu arbeiten". Des Weiteren macht dieser Ansatz deutlich, dass Arbeit - incl. Wissen - der einzige genuine Produktionsfaktor ist; alle anderen Faktoren wären lediglich abgeleitet.

Die Frage hinsichtlich des Aspekts "dienender Führung" lässt sich allerdings nur schwer beantworten, da Führung im traditionellen Sinn nicht mehr erwartbar ist. Allerdings wird dieser Ansatz ein struktueller Rahmen für etwas sein, was sich als "dienendes Verhalten" bezeichnen lassen könnte: Die Konzentration der eigenen Aktivitäten auf das eigene Ego wird vergleichsweise bedeutungslos - also kann man dem anderen auch wertschätzend gegenübertreten. Dies gilt einmal mehr, wenn der Sinn der gemeinsamen Arbeit über die rätebezogene Koordination wesentlich transparenter wird: Es wird das produziert, was mit den potenziellen Kunden vereinbart wurde.“ (Lit.: Rüdiger Reinhardt: Servant Leadership: Denkanstöße aus wirtschaftlicher und politischer Perspektive, S. 305f.)

Einzelnachweise

  1. vgl. z.B. GA 079, S. 245.
  2. Die Monotonie kehrt zurück in die Fabriken. (PDF; 59 kB) Böcklerimpuls 20/2009.
  3. Klaus Türk: Die Organisation der Welt. Herrschaft durch Organisation in der modernen Gesellschaft, Opladen 1995, Westdeutscher Verlag
  4. vgl. z.B. GA 305, S. 238f.

Literatur

Steiner big.jpg
Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
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Zitierte Literatur

  • Rüdiger Reinhardt: Servant Leadership. Denkanstöße aus wirtschaftlicher und politischer Perspektive, in: Servant leadership: Prinzipien dienender Unternehmensführung, herausgegeben von Hans H. Hinterhuber, Erich Schmidt Verlag, Berlin 2007, S. 257 - 328

Weblinks

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