Aufmerksamkeit

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Aufmerksamkeit besteht darin, dass das Bewusstsein auf bestimmte Tätigkeiten, Wahrnehmungen oder Denkprozesse gelenkt wird. Die Aufmerksamkeit wird auf einen ausgewählten, eng umgrenzten Bewusstseinsbereich gerichtet und kann durch Konzentration weiter fokussiert werden. Im Gegensatz dazu ist die Achtsamkeit, wie sie im Buddhismus auch ganz besonders gepflegt wird, ungerichtet und dient dazu, möglichst das ganze Panorama der augenblicklichen Bewusstseinsphänomene zu erfassen. Der von Rudolf Steiner sehr geschätzte Philosoph und Psychologe Franz Brentano (1838-1917) sah in der Intentionalität des Bewusstseins, d.h. in der willkürlichen Lenkung der Aufmerksamkeit, das definierende Merkmal des Mentalen überhaupt, das sich dadurch grundlegend vom Materiellen unterscheide.

"Was ist Aufmerksamkeit? Nun, wir lassen das Leben, das an der Seele vorüberflutet, nicht so, wie es sich selbst gestaltet, vorüberfluten; wir raffen uns im Inneren auf, um den geistigen Blick auf dieses oder jenes hinzurichten. Einzelne Dinge greifen wir heraus, stellen sie in das Blickfeld unseres Bewußtseins, konzentrieren die Seelenkräfte auf diese Einzelheiten. Und wir dürfen sagen: Nur dadurch ist unser seelisches Leben, das Aktivität braucht, auch im Alltag möglich, daß wir entwickeln können ein solches Interesse, das heraushebt einzelne Ereignisse und Tatsachen und Wesenheiten aus dem vorüberflutenden Strom des Daseins. Diese Aufmerksamkeit, sie ist im gewöhnlichen Leben durchaus notwendig. Man wird immer mehr und mehr einsehen, gerade wenn auch Geisteswissenschaft ein wenig in die Seelen eindringt, daß im Grunde genommen das, was die Menschen die Gedächtnisfrage nennen, nur eine Aufmerksamkeitsfrage ist, und das wird wichtige Gesichtspunkte werfen selbst auf alle Erziehungsfragen. Man kann geradezu sagen, je mehr man sich bemüht, schon beim heranwachsenden und auch beim späteren Menschen die Seele immer wieder und wiederum in die Tätigkeit der Aufmerksamkeit zu versetzen, desto mehr wird das Gedächtnis verstärkt. Nicht allein, daß es besser wirkt für die Dinge, auf die wir aufmerksam gewesen sind, sondern je öfter wir diese Aufmerksamkeitstätigkeit ausüben können, desto mehr wächst unser Gedächtnis heran, desto intensiver gestaltet es sich. Und ein anderes noch: Wer hätte heute nicht gehört von jener traurigen Seelenerscheinung, die man die Diskontinuität des Bewußtseins nennen könnte. Es gibt heute Menschen, die kein volles Zurückschauen haben auf ihr seitheriges Leben, wo sie hinterher nicht wissen: Du warst mit deinem Ich in diesem oder jenem Erlebnisse; die nicht wissen, was sie durchgemacht haben. Vorkommen kann es, daß solche Menschen ihr Heim verlassen, weil sie die Folgerichtigkeit in ihrem seelischen Erleben verloren haben; daß sie ihr Heim verlassen ohne Sinn und Verstand, daß sie wie mit Verlust ihres eigenen Ichs durch die Welt gehen, so daß sie erst nach Jahren wieder finden ihr Ich und anknüpfen können an das, was da ihr Ich erlebt hat. Niemals würden solche Erscheinungen zu jener Tragik führen können, zu der sie oftmals führen, wenn man wüßte, daß auch diese Integrität, dieses In-sich-voll-bewußt-Halten des Bewußtseins abhängt von einer regelrechten Entwickelung der Aufmerksamkeitsbetätigung." (Lit.: GA 153, S. 15f)

Aufmerksamkeit steigert die Erinnerungsfähigkeit:

"Und je größer die Aufmerksamkeit ist, desto leichter trägt die Seele die Sinneserlebnisse als Erinnerungsvorstellungen im weiteren Leben mit." (Lit.: GA 115, S. 160)

Das kann ganz unwillkürlich durch die speziellen Qualitäten des Wahrgenommenen geschehen, aber auch durch willentliche Konzentration bewusst herbeigeführt werden. Die bewusste Fokussierung der Aufmerksamkeit auf einen geeigneten, eng begrenzten Bewusstseinsinhalt kann zur Meditation vertieft werden.

"So ist Aufmerksamkeitsbetätigung etwas, was wir im gewöhnlichen Leben durchaus brauchen. Der Geistesforscher muß anknüpfen an sie, muß sie entwickeln zu besonderer innerer Seelenerkraftung, muß sie vertiefen zu dem, was man nennen könnte Meditation, Konzentration. Das sind die technischen Ausdrücke für die Sache. So wie wir im gewöhnlichen Leben, veranlaßt durch das Leben selber, dem oder jenem Gegenstand die Aufmerksamkeit zuwenden, so wendet der Geistesforscher aus innerer Seelenmethodik heraus alle Seelenkräfte auf eine Vorstellung, ein Bild, eine Empfindung, einen Willensimpuls, eine Gemütsstimmung, die er überschauen kann, die ganz klar vor seiner Seele ist, und auf die er alle Seelenkräfte konzentriert; aber so konzentriert, daß er, wie nur sonst im tiefen Schlaf, alle Sinnentätigkeit unterdrückt hat, die sich auf Äußeres richtet, daß er alles Denken und Trachten, alle Sorgen und Affekte des Lebens so zum Stillstand gebracht hat, wie sonst nur im tiefen Schlaf. In bezug auf das gewöhnliche Leben wird in der Tat der Mensch so, wie sonst im tiefen Schlaf; nur daß er sein Bewußtsein nicht verliert, daß er es völlig wach erhält. Aber alle Kräfte der Seele, die sonst zerstreut sind auf das äußere Erleben, auf die Sorgen und Bekümmernisse des Daseins, die sind konzentriert auf die eine, durch Willkür in den Mittelpunkt des menschlichen Seelenlebens gestellte Vorstellung, Empfindung oder sonstiges. Dadurch drängen sich die Seelenkräfte zusammen und das, was sonst nur schlummert, nur wie zwischen den Zeilen des Lebens für dieses Leben mitwirkt, das kraftet sich heraus, prägt sich heraus aus der menschlichen Seele; und es tritt tatsächlich ein, daß durch diese innere Erkraftung der menschlichen Seele in der konzentrierten Tätigkeit, in der ins Unermeßliche gesteigerten Aufmerksamkeit, diese Seele sich so in sich erleben lernt, daß sie fähig wird, sich bewußt herauszureißen aus dem physisch-sinnlichen Leib, wie der Wasserstoff durch die chemische Methode herausgelöst wird aus dem Wasser.

Allerdings, es ist eine innere seelische Erarbeitung, die durch Jahre geht, wenn der Geistesforscher seine Seele durch solche Aufmerksamkeits-, durch solche Konzentrationsbetätigung dazu befähigen will, sich herauszureißen aus dem physischen Leib. Dann aber kommt die Zeit, wo der Geistesforscher einen Sinn zu verbinden weiß mit dem Worte, oh, mit dem der heutigen Welt so paradox klingenden Worte, nit dem dieser Welt so phantastisch erscheinenden Worte: Ich erlebe mich als geistig seelisches Wesen außerhalb meines Leibes und ich weiß, daß dieser Leib außerhalb meiner Seele sich befindet - nun, wie der Tisch sich außerhalb meines Leibes befindet. Ich weiß, daß die Seele, innerlich erkraftet, sich so erleben kann, auch wenn sie den Leib wie ein fremdes Objekt vor sich hat, diesen Leib mit all seinen Schicksalen, die er im gewöhnlichen äußeren Leben durchläuft. Der Mensch wird sich in dem, was er sonst ist, vollständig äußere Wesenheit, und er erlebt sich als geistig-seelisches Wesen in Absonderung von seinem Leib, und dieses geistig seelische Wesen zeigt dann ganz andere Eigenschaften, als es zeigt, wenn es mit dem physisch-sinnlichen Leibe verbunden ist und sich des an das Gehirn gebundenen Verstandes bedient.

Zunächst löst sich die Denkkraft los von dem physischen Erleben. - Da ich nicht in Abstraktionen sprechen will, sondern von wirklichen Tatsachen berichten möchte, so stoßen Sie sich nicht daran, daß ich ungeschminkt, vorurteilsfrei schildern möchte das, was heute noch so paradox klingt. — Wenn der Geistesforscher anfängt einen Sinn zu verbinden mit dem Wort: Du lebst jetzt in deiner Seele, du weißt, daß deine Seele ein wirklich geistiges Wesen ist, in dem du dich erlebst, wenn du außerhalb deiner Sinne und des Gehirns bist, dann erfühlt er sich zunächst mit seinem Denken wie außerhalb seines Gehirns, seinen Kopf umwebend und umlebend." (Lit.: GA 153, S. 16f)

Das durch Aufmerksamkeit, Konzentration und Meditation vom physischen Leib abgelöste Denken steigert sich zur Imagination.

"Aber dieses rein in sich selber sich erlebende Denken, das außerhalb des Gehirns verläuft, stellt sich anders dar, als das gewöhnliche Denken. Die gewöhnlichen Gedanken sind schattenhaft gegen die Gedanken, Die nunmehr wie eine neue Welt dastehen vor dem Geistesforscher, wenn er außerhalb seines Leibes ist. Es durchdringen sich die Gedanken mit innerer Bildhaftigkeit. Deshalb nennen wir das, was sich da hinstellt vor das geistige Auge: Imaginationen - aber nicht deshalb, weil wir glauben, daß diese nur etwas Phantastisches, Erdachtes enthalten, sondern weil das, was da wahrgenommen wird, tatsächlich bildhaft erlebt wird, imaginiert wird; aber diese Imagination ist ein Untertauchen in die Dinge selbst, man erlebt die Dinge und Vorgänge der geistigen Welt, und die Dinge und Vorgänge der geistigen Welt stellen sich in Imaginationen vor die Seele hin. - So kann das Denken abgesondert werden von dem physisch-leiblichen Leben, und der Geistesforscher kann sich wissen in einer Welt geistiger Vorgänge und Wesenheiten." (Lit.: GA 153, S. 18)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Anthroposophie – Psychosophie – Pneumatosophie, GA 115 (2001), ISBN 3-7274-1150-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt, GA 153 (1997), ISBN 3-7274-1530-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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