Auge

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Das menschliche Auge

Das Auge (lat. oculus, griech. ὤψ, ops) ist ein Sinnesorgan, das Tieren und dem Menschen die visuelle Wahrnehmung ermöglicht, an der allerdings noch weitere Sinne mit beteiligt sind. So werden Formen erst durch den Eigenbewegungssinn des Auges wahrgenommen und durch den Gleichgewichtssinn auf die Lotrechte bezogen und erst die koordinierte Bewegung beider Augen ermöglicht das räumliche, steroskopische Sehen.

Auge und Licht

Schematische Darstellung des Wirbeltierauges:
1. Lederhaut (Sclera)
2. Aderhaut (Choroidea)
3. Schlemm-Kanal (Sinus venosus sclerae)
4. Arterieller Gefäßring (Circulus arteriosus iridis major)
5. Hornhaut (Cornea)
6. Regenbogenhaut (Iris)
7. Pupille (Pupilla)
8. vordere Augenkammer (Camera anterior bulbi)
9. hintere Augenkammer (Camera posterior bulbi)
10. Ziliarkörper (Corpus ciliare)
11. Linse (Lens)
12. Glaskörper (Corpus vitreum)
13. Netzhaut (Retina) und Pigmentepithel
14. Sehnerv (Nervus opticus)
15. Zonulafasern (Fibrae zonulares)

Das Auge, so war schon Goethe mit Recht überzeugt, wurde durch das Licht und für das Licht durch die Natur geschaffen, und es ist daher das präziseste Instrument, um Hell und Dunkel und die Welt der Farbenerscheinungen kennen zu lernen:

"Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken. Aus gleichgültigen tierischen Hilfsorganen ruft sich das Licht ein Organ hervor, das seinesgleichen werde; und so bildet sich das Auge am Lichte fürs Licht, damit das innere Licht dem äußeren entgegentrete. Hierbei erinnern wir uns der alten ionischen Schule, welche mit so großer Bedeutsamkeit immer wiederholte: nur von Gleichem werde Gleiches erkannt, wie auch der Worte eines alten Mystikers, die wir in deutschen Reimen folgendermaßen ausdrücken möchten:

Wär' nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Lebt' nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt' uns Göttliches entzücken?

Jene unmittelbare Verwandtschaft des Lichtes und des Auges wird niemand leugnen, aber sich beide zugleich als eins und dasselbe zu denken, hat mehr Schwierigkeit. Indessen wird es fasslicher, wenn man behauptet, im Auge wohne ein ruhendes Licht, das bei der mindesten Veranlassung von innen oder von außen erregt werde. Wir können in der Finsternis durch Forderungen der Einbildungskraft uns die hellsten Bilder hervorrufen. Im Traume erscheinen uns die Gegenstände wie am vollen Tage. Im wachenden Zustande wird uns die leiseste äußere Lichteinwirkung bemerkbar, ja wenn das Organ einen mechanischen Anstoß erleidet, so springen Licht und Farben hervor.“ (Lit.: Goethe: Zur Farbenlehre, Einleitung)

Rudolf Steiner hat diese Aussage Goethes noch weiter vertieft:

"Das Auge, das schon fertig ist, sieht die Vorderseite des Lichtes, das Physische. Aber das Auge wird von dem Geistigen, von dem Seelischen des Lichtes, von dem, was dahinter liegt, gebildet. So müßte man sagen, wenn man den Goetheschen Satz verstanden hat: Das Auge sieht das Licht, wird aber gebildet durch die Seele, durch den Geist des Lichtes, bevor es hier auf dieser Erde physische Wesenheit annimmt." (Lit.: GA 218, S. 319)

Das Auge als modifiziertes kleines Gehirn

Steiner hat darüber hinaus deutlich gemacht, dass jedes Sinnesorgan im Grunde ein modifiziertes kleines Gehirn ist:

"Was ist das Auge? Das Auge ist ein kleines Gehirn, das von unserem Geiste so bearbeitet ist, daß der eigentliche Nervenapparat zurückgeschoben ist an die hintere Wand, wo sie zur Netzhaut des Auges geworden ist. So arbeiten die Baumeister der Natur, die Bildner der Formen. So formen sie. Im Grunde genommen herrscht ein Bauplan in allen menschlichen Organen, der nur im einzelnen, je nach Bedarf, abgeändert wird. Wenn ich wochenlang sprechen könnte, würde ich Ihnen zeigen, wie jedes Sinnesorgan nichts anderes ist als ein abgeändertes kleines Gehirn, und das Gehirn wiederum ein Sinnesorgan auf einer höheren Stufe. Aus dem Geiste heraus ist der ganze menschliche Organismus aufgebaut." (Lit.: GA 115, S. 66)

Die Entwicklung der Augen und des Sehens

Entwicklungsgeschichtlich wurde das Auge laut Steiner durch einen stark gemilderten Entzündungsprozess gebildet, durch den der Ätherleib der beständigen leisen Verwundung des physischen Organismus durch das Licht heilend entgegenwirkt. Der mit dieser Verwundung verbundene dumpfe Schmerz, den dabei der Astralleib empfindet, differenziert sich dadurch allmählich zur Farbwahrnehmung.

"Denn sehen Sie, Geisteswissenschaft weiß da etwas, was ausgesprochen eben einfach den gegenwärtigen Menschen sehr schockiert, sie weiß, daß dasjenige, was vorgehen muß im menschlichen Organismus, damit sich die Augen so bilden, wie sie sich eben in der menschlichen Entwickelung bilden müssen — natürlich in einer langen Entwicklungsgeschichte des Menschen —, eigentlich ein fortdauernd ins Normale hinübergezogener, also nicht bis zum Ausbruch gekommener Entzündungsprozeß ist. Denken Sie sich dieselben Vorgänge, die im Entzündungsprozeß wirken, aufgehalten, verlangsamt und zusammengeschoben, dann haben Sie den Bildungsprozeß des menschlichen Auges im menschlichen Organismus. So daß Sie sogar aus dem Anblick der Augen einen Eindruck bekommen können vom Menschen, ob er zu entzündlichen Zuständen neigt oder nicht. Sie werden das den Augen ansehen können, wenn Sie sich darauf einschulen."

Die 2-blättrige Lotosblume als Urbild der beiden physischen Augen

Die durch unsere beiden physischen Augen ermöglichte Überkreuzung der Sehachsen trägt wesentlich dazu bei, dass wir unsere Ich-Vorstellung entwickeln können, wobei das gemeinsame Urbild der beiden materiellen Augen die hinter der Nasenwurzel gelegene zweiblättrige Lotosblume ist, die durch entsprechende geistige Übungen zum wesentlichsten Wahrnehmungsorgan für Imaginationen herangebildet werden kann.

"... wir haben aus dem Grunde zwei Augen, weil, wenn wir veranlagt wären, nur mit einem Auge zu sehen wie die Zyklopen, wir niemals das Ich in einer sichtbaren Welt entwickeln könnten; wir würden es nur in der Gefühlswelt entwickeln. Helen Keller hat eine andere Gefühls-, eine andere Vorstellungswelt als die anderen Menschen; sie kann sich nur verständigen, weil ihr die Sprache klargemacht worden ist. Ohne diese würden wir nicht eine Ich-Vorstellung entwickeln. Wir entwickeln sie ja dadurch, daß wir die rechte Hand über die linke Hand legen können, insbesondere wenn wir die symmetrischen Glieder übereinanderlegen. So entwickeln wir auch eine feine Vorstellung vom Ich, weil wir mit den zwei Augen die Augenachse kreuzen beim Visieren. Geradeso wie wir die Hände kreuzen, so kreuzen wir die zwei Augenachsen. Immer, wenn wir etwas anschauen, kreuzen wir die Augen.

Die materiellen zwei Augen sind im Geistigen eines. Und das sitzt hier hinter der Nasenwurzel, dieses eine Auge, dieses geistige, das sich abbildet und zu den zwei Augen wird." (Lit.: GA 214, S. 156)

Literatur

  1. Johann Wolfgang Goethe: Zur Farbenlehre, Goethe-GA Bd. 16, S. 20
  2. Rudolf Steiner: Anthroposophie – Psychosophie – Pneumatosophie, GA 115 (2001), ISBN 3-7274-1150-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Das Geheimnis der Trinität, GA 214 (1999), ISBN 3-7274-2140-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Geistige Zusammenhänge in der Gestaltung des menschlichen Organismus, GA 218 (1992), ISBN 3-7274-2180-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  5. Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft und Medizin, GA 312 (1999), ISBN 3-7274-3120-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org


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