Bibliothek:Rudolf Steiner/Werke/GA 10 Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten/Die Einweihung

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Die Einweihung

Die Einweihung ist die höchste der Stufen einer Geheimschulung, über welche in einer Schrift noch Andeutungen gegeben werden können, die, allgemein verständlich sind. Über alles, was darüber liegt, sind Mitteilungen schwer verständlich. Aber auch dazu findet jeder den Weg, der durch die Vorbereitung, Erleuchtung und Einweihung bis zu den niederen Geheimnissen vorgedrungen ist.
Das Wissen und Können, das einem Menschen durch die Einweihung zuteil wird, könnte er ohne eine solche erst in einer sehr fernen Zukunft - nach vielen Verkörperungen - auf einem ganz anderen Wege und auch in einer ganz anderen Form erwerben. Wer heute eingeweiht wird, erfährt etwas, was er sonst viel später, unter ganz anderen Verhältnissen, erfahren würde.
Ein Mensch kann von den Geheimnissen des Daseins nur so viel wirklich erfahren, als dem Grade seiner Reife entspricht. Nur deshalb gibt es Hindernisse zu den höheren Stufen des Wissens und Könnens. Der Mensch soll ein Schießgewehr nicht früher gebrauchen, als bis er genügende Erfahrung hat, um durch den Gebrauch nicht Unheil anzurichten. - Würde heute jemand ohne weiteres eingeweiht, so würde ihm die Erfahrung fehlen, die er durch die Verkörperungen in der Zukunft noch machen wird, bis ihm die, entsprechenden Geheimnisse im regelmäßigen Verlauf seiner Entwickelung zuteil werden. Deshalb müssen an der Pforte der Einweihung diese Erfahrungen durch etwas anderes ersetzt sein. In einem Ersatz für künftige Erfahrungen bestehen daher die ersten Unterweisungen des Einweihungskandidaten. Es sind das die [76] sogenannten «Proben», die er durchzumachen hat und die sich als regelmäßige Folge des Seelenlebens ergeben, wenn Übungen, wie die in den vorhergehenden Kapiteln geschilderten, richtig fortgesetzt werden.
Von diesen «Proben» wird ja auch in Büchern oft gesprochen. Aber es ist nur natürlich, daß von ihrer Natur durch solche Besprechungen in der Regel ganz falsche Vorstellungen hervorgerufen werden müssen. Denn wer nicht durch die Vorbereitung und Erleuchtung hindurchgegangen ist, hat ja nichts von diesen Proben jemals erfahren. Ein solcher kann sie auch nicht sachgemäß beschreiben.
Dem Einzuweihenden müssen sich gewisse Dinge und Tatsachen ergeben, die den höheren Welten angehören. Er kann sie aber nur sehen und hören, wenn er die geistigen Wahrnehmungen wie Figuren, Farben, Töne und so weiter empfinden kann, von denen bei Besprechung der «Vorbereitung» und «Erleuchtung» berichtet worden ist.
Die, erste «Probe» besteht darinnen, daß er eine wahrere Anschauung erlangt von den leiblichen Eigenschaften der leblosen Körper, dann der Pflanzen, der Tiere und des Menschen, als sie der Durchschnittsmensch besitzt Damit ist aber nicht das gemeint, was man heute wissenschaftliche Erkenntnis nennt. Denn nicht um Wissenschaft, sondern um Anschauung handelt es sich. - In der Regel ist der Vorgang so, daß der Einzuweihende erkennen lernt, wie sich die Naturdinge und Lebewesen für das geistige Ohr und geistige Auge kundgeben. In einer gewissen Weise stehen diese Dinge dann unverhüllt - nackt - vor dem Beschauer. Dem sinnlichen Auge und dem sinnlichen Ohre verbergen sich die, Eigenschaften, [77] die man da hört und sieht. Sie sind für dieses sinnliche Anschauen wie mit einem Schleier verhüllt. Daß dieser Schleier für den Einzuweihenden wegfällt, beruht auf einem Vorgang, den man als «geistigen Verbrennungsprozeß» bezeichnet. Deshalb wird diese erste Probe die «Feuerprobe» genannt.
Für manche Menschen ist das gewöhnliche Leben selbst schon ein mehr oder weniger unbewußter Einweihungsprozeß durch die Feuerprobe. Es sind das diejenigen, welche durch reiche Erfahrungen von solcher Art durchgehen, daß ihr Selbstvertrauen, ihr Mut und ihre Standhaftigkeit in gesunder Weise groß werden und daß sie Leid, Enttäuschung, Mißlingen von Unternehmungen mit Seelengröße und namentlich mit Ruhe und in ungebrochener Kraft ertragen lernen. Wer Erfahrungen in dieser Art durchgemacht hat, der ist oft schon, ohne daß er es deutlich weiß, ein Eingeweihter; und es bedarf dann nur eines wenigen, um ihm geistige Ohren und Augen zu öffnen, so daß er ein Heilsehender wird. Denn das ist festzuhalten: es handelt sich bei einer wahren «Feuerprobe» nicht darum, daß die Neugierde des Kandidaten befriedigt werde. Gewiß, er lernt außergewöhnliche Tatsachen kennen, von denen andere Menschen keine Ahnung haben. Aber dieses Kennenlernen ist nicht das Ziel, sondern nur das Mittel zum Ziel. Das Ziel aber ist, daß sich der Kandidat durch die Erkenntnis der höheren Welten größeres Lind wahreres Selbstvertrauen, höheren Mut und eine ganz andere Seelengröße und Ausdauer erwerbe, als sie in der Regel innerhalb der niederen Welt erlangt werden können.
Nach der «Feuerprobe» kann jeder Kandidat noch umkehren. [78] Er wird gestärkt in physischer und seelischer Beziehung dann sein Leben fortsetzen und wohl erst in einer nächsten Verkörperung die Einweihung fortsetzen. In seiner gegenwärtigen aber wird er ein brauchbareres Glied der menschlichen Gesellschaft sein, als er vorher war. In welcher Lage er sich auch befinden mag: seine Festigkeit, seine Umsicht, sein günstiger Einfluß auf seine Mitmenschen, seine Entschlossenheit werden zugenommen haben.
Will der Kandidat nach vollbrachter Feuerprobe die, Geheimschulung fortsetzen, so muß ihm nunmehr ein bestimmtes Schriftsystem enthüllt werden, wie solche in der Geheimschulung üblich sind. In diesen Schriftsystemen offenbaren sich die eigentlichen Geheimlehren. Denn dasjenige, was in den Dingen wirklich «verborgen» (okkult) ist, kann weder mit den Worten der gewöhnlichen Sprache unmittelbar ausgesprochen, noch kann es mit den gewöhnlichen Schriftsystemen aufgezeichnet werden. Diejenigen, welche von den Eingeweihten gelernt haben, übersetzen die Lehren der Geheimwissenschaft in die gewöhnliche Sprache, so gut das geht. Die okkulte Schrift offenbart sich der Seele, wenn diese die geistige Wahrnehmung erlangt hat. Denn diese Schrift steht in der geistigen Welt immer geschrieben. Man lernt sie nicht so, wie man eine künstliche Schrift lesen lernt. Man wächst vielmehr in sachgemäßer Weise der hellsichtigen Erkenntnis entgegen, und während dieses Wachsens entwickelt sich wie eine seelische Fähigkeit die Kraft, welche die vorhandenen Geschehnisse und Wesenheiten der geistigen Welt wie die Charaktere einer Schrift zu entziffern sich ge-drängt fühlt. Es könnte sein, daß diese Kraft und mit ihr das Erleben der entsprechenden «Probe» mit der fortschreitenden [79] Seelenentwickelung wie von selbst erwachen. Doch sicherer gelangt man zum Ziele, wenn man die Anweisungen der erfahrenen Geheimforscher befolgt, die, Gewandtheit haben im Entziffern der okkulten Schrift.
Die Zeichen der Geheimschrift sind nicht willkürlich ersonnen, sondern sie entsprechen den Kräften, welche in der Welt wirksam sind. Man lernt durch diese Zeichen die Sprache der Dinge. Dem Kandidaten zeigt sich alsbald, daß die Zeichen, die er kennenlernt, den Figuren, Farben, Tönen und so weiter entsprechen, die er während der Vorbereitung und Erleuchtung wahrzunehmen gelernt hat. Es zeigt sich ihm, daß alles Vorhergehende nur wie ein Buchstabieren war. Jetzt erst fängt er an, in der höheren Welt zu lesen. In einem großen Zusammenhang erscheint ihm alles, was vorher nur vereinzelte Figur, Ton, Farbe war. Jetzt erst gewinnt er die rechte Sicherheit im Beobachten der höheren Welten. Vorher konnte er nie mit Bestimmtheit wissen, ob die Dinge, die er gesehen hat, auch richtig gesehen waren. Und jetzt erst kann eine geregelte Verständigung zwischen dem Kandidaten und dem Eingeweihten auf den Gebieten des höheren Wissens stattfinden. Denn wie auch das Zusammenleben eines Eingeweihten mit einem anderen Menschen im gewöhnlichen Leben gestaltet sein mag: von dem höheren Wissen in unmittelbarer Gestalt kann der Eingeweihte nur in der erwähnten Zeichensprache etwas mitteilen.
Durch diese Sprache wird der Geheimschüler auch bekannt mit gewissen Verhaltungsmaßregeln für das Leben. Er lernt gewisse Pflichten kennen, von denen er vorher nichts gewußt hat. Und wenn er diese Verhaltungsmaßregeln kennengelernt hat, so kann er Dinge vollbringen, [80] die, eine Bedeutung haben, wie sie niemals die Taten eines Uneingeweihten haben können. Er handelt von den höheren Welten aus. Die Anweisungen zu solchen Handlungen können nur in der angedeuteten Schrift verstanden werden.
Es muß aber betont werden, daß es Menschen gibt, die solche Handlungen unbewußt auszuführen vermögen, trotzdem sie nicht eine Geheimschulung durchgemacht haben. Solche «Helfer der Welt und Menschheit» schreiten segnend und wohltuend durchs Leben. Ihnen sind durch Gründe, die hier nicht zu erörtern sind, Gaben verliehen worden, die übernatürlich erscheinen. Was sie von dem Geheimschüler unterscheidet, ist lediglich das, daß dieser mit Bewußtsein, mit voller Einsicht in den ganzen Zusammenhang handelt. Er erringt eben durch Schulung, was jenen von höheren Mächten zum Heile der Welt beschert worden ist. Die Gottbegnadeten kann man aufrichtig verehren; aber deswegen darf man die Arbeit der Schulung nicht für überflüssig halten.
Hat der Geheimschüler die erwähnte Zeichenschrift gelernt, dann beginnt für ihn eine weitere «Probe». Durch diese muß sich erweisen, ob er sich frei und sicher in der höheren Welt bewegen kann. Im gewöhnlichen Leben wird der Mensch durch Antriebe von außen zu seinen Handlungen bewogen. Er arbeitet dieses oder jenes, weil ihm die Verhältnisse, diese oder jene Pflichten auferlegen.
- Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, daß der Geheimschüler keine, seiner Pflichten im gewöhnlichen Leben versäumen darf, weil er in höheren Welten lebt. Keine Pflicht in einer höheren ,Welt kann jemanden zwingen, eine einzige seiner Pflichten in der gewöhnlichen [81] außer acht zu lassen. Der Familienvater bleibt ebenso guter Familienvater, die Mutter ebenso gute Mutter, der Beamte wird von nichts abgehalten, ebensowenig der Soldat oder ein anderer, wenn sie Geheimschüler werden. Im Gegenteil: alle die Eigenschaften, die den Menschen im Leben tüchtig machen, steigern sich bei dem Geheimschüler in einem Maße, von dem sich der Uneingeweihte keinen Begriff machen kann. Und wenn das dem Uneingeweihten auch oft - nicht immer, sogar selten - nicht so erscheint, dann rührt das nur davon her, daß er den Eingeweihten nicht immer richtig zu beurteilen vermag. Was letzterer tut, ist manchmal dem anderen nicht sogleich durchsichtig. Aber auch das ist, wie gesagt, nur in besonderen Fällen zu bemerken.
Für den auf der genannten Stufe der Einweihung Angelangten gibt es nun Pflichten, zu denen kein äußerer Anstoß vorhanden ist. Er wird in diesen Dingen nicht durch äußere Verhältnisse,, sondern nur durch jene Maßregeln veranlaßt, welche ihm in der «verborgenen» Sprache offenbar werden. Nun muß er durch die zweite «Probe» zeigen, daß er, geführt von einer solchen Maßregel, ebenso sicher und fest handelt, wie etwa ein Beamter seine ihm obliegenden Pflichten vollführt. - Zu diesem Zwecke wird durch die Geheimschulung der Kandidat sich vor eine bestimmte Aufgabe gestellt fühlen. Dieser soll eine Handlung ausführen infolge von Wahrnehmungen, die er macht auf Grund dessen, was er auf der Vorbereitungs- und Erleuchtungsstufe gelernt hat Und was er auszuführen hat, das muß er erkennen durch die gekennzeichnete Schrift, die er sich angeeignet hat. Erkennt er seine Pflicht und handelt er richtig, dann hat er [82] die, Probe bestanden. Man erkennt den Erfolg an der Veränderung, die sich mit den als Figuren, Farben und Tönen empfundenen Wahrnehmungen der Geistesohren und -augen durch die Handlung vollzieht. In den Fortschritten der Geheimschulung wird ganz genau angegeben, wie diese Figuren und so weiter nach der Handlung aussehen, empfunden werden. Und der Kandidat muß wissen, wie er eine solche Veränderung hervorzubringen vermag. - Man nennt diese Probe die «Wasserprobe», weil bei der Tätigkeit in diesen höheren Gebieten dem Menschen die Stütze durch die äußeren Verhältnisse so fehlt, wie beim Bewegen im Wasser, dessen Grund man nicht erreicht, die Stütze fehlt. - Der Vorgang muß so oft wiederholt werden, bis der Kandidat völlige Sicherheit hat.
Auch bei dieser Probe handelt es sich um das Erwerben einer Eigenschaft; und durch die Erfahrungen in der höheren Welt bildet der Mensch diese Eigenschaft in kurzer Zeit in einem solch hohen Grade aus, daß er im gewöhnlichen Verlaufe der Entwickelung wohl durch viele Verkörperungen hindurchgehen müßte, um ihn zu erreichen. Worauf es nämlich ankommt, ist das Folgende. Der Kandidat darf, um die, angegebene Veränderung auf dem höheren Gebiet des Daseins hervorzubringen, lediglich dem folgen, was sich ihm auf Grund seiner höheren Wahrnehmung und als Folge seines Lesens der verborgenen Schrift ergibt. Würde er während seiner Handlung irgend etwas von seinen Wünschen, Meinungen und so weiter einmischen, folgte er nur einen Augenblick nicht den Gesetzen, die er als richtig erkannt hat, sondern seiner Willkür: dann würde etwas ganz anderes geschehen, als geschehen soll. In diesem Falle verlöre der Kandidat sofort [83] die Richtung auf sein Ziel der Handlung, und Verwirrung träte ein. - Daher hat der Mensch durch diese Probe in reichlichstem Maße Gelegenheit, seine Selbstbeherrschung auszubilden. Und darauf kommt es an. Wieder kann daher diese Probe von denen leichter bestanden werden, die vor der Einweihung durch ein Leben gegangen sind, das ihnen die Erwerbung der Selbstbeherrschung gebracht hat. Wer sich die Fähigkeit erworben hat, hohen Grundsätzen und Idealen mit Hintansetzung der persönlichen Laune und Willkür zu folgen, wer versteht, die Pflicht auch immer da zu erfüllen, wo die Neigungen und Sympathien gar zu gerne von dieser Pflicht ablenken wollen, der ist unbewußt schon mitten im gewöhnlichen Leben ein Eingeweihter. Und nur ein Geringes wird notwendig sein, damit er die geschilderte Probe bestehe. Ja, es muß sogar gesagt werden, daß ein gewisser schon im Leben unbewußt erlangter Grad von Einweihung in der Regel durchaus notwendig sein wird, um die zweite Probe zu bestehen. Denn wie es vielen Menschen, die in der Jugend nicht richtig schreiben gelernt haben, schwer wird, dies nachzuholen, wenn sie einmal die volle Lebensreife erlangt haben, so wird es auch schwer, den notwendigen Grad von Selbstbeherrschung beim Einblicke in die höheren Welten auszubilden, wenn man nicht schon vorher darinnen einen gewissen Grad im alltäglichen Leben sich angeeignet hat. Die Dinge der physischen Welt ändern sich nicht, was wir auch wünschen, begehren, was immer wir auch für Neigungen haben. In den höheren Welten aber sind unsere Wünsche, Begierden und Neigungen von Wirkung für die Dinge. Wollen wir da auf die Dinge in entsprechender Weise wirken, so müssen wir uns ganz [84] in unserer Gewalt haben, müssen lediglich den richtigen Maßregeln folgen und keinerlei Willkür unterworfen sein.
Eine Eigenschaft des Menschen, die auf dieser Stufe der Einweihung ganz besonders in Betracht kommt, ist eine unbedingt gesunde und sichere Urteilskraft. Auf die Heranbildung einer solchen muß schon auf allen früheren Stufen gesehen werden; und auf dieser muß es sich erweisen, ob der Kandidat sie so handhabt, daß er für den wahren Erkenntnispfad geeignet ist. Er kann nur dann weiterkommen, wenn er Illusion, wesenlose Phantasiegebilde, Aberglauben und alle Art von Blendwerk von der wahren Wirklichkeit unterscheiden kann. Und auf den höheren Stufen des Daseins ist das zunächst schwieriger als auf den niederen. Da muß jedes Vorurteil, jede liebgewordene Meinung schwinden in bezug auf die, Dinge, auf die es ankommt; und einzig und allein die Wahrheit muß Richtschnur sein. Vollkommene Bereitschaft muß vorhanden sein, einen Gedanken, eine Ansicht, eine Neigung sofort aufzugeben, wenn das logische Denken solches fordert. Gewißheit in höheren Welten ist nur zu erlangen, wenn man nie die eigene Meinung schont.
Menschen mit einer Denkungsart, die zur Phantastik, zum Aberglauben neigt, können auf dem Geheimpfade keinen Fortschritt machen. Ein kostbares Gut soll ja der Geheimjünger erringen Alle Zweifel an den höheren Welten werden von ihm genommen. Diese enthüllen sich in ihren Gesetzen vor seinen Blicken. Aber er kann dieses Gut nicht erringen, solange er sich von Blendwerken und Illusionen täuschen läßt. Schlimm wäre es für ihn, wenn seine Phantasie, seine Vorurteile mit seinem Verstande [85] durchgingen. Träumer und Phantasten sind für den Geheimpfad ebenso ungeeignet wie abergläubische Personen. Das alles kann nicht genug betont werden. Denn in Träumerei, Phantastik und Aberglauben lauern die schlimmsten Feinde auf dem Wege zu Erkenntnissen in höheren Welten. Es braucht aber auch niemand zu glauben, daß dem Geheimjünger die Poesie des Lebens, die Begeisterungsfähigkeit verlorengehe, weil über dem Tore, das zur zweiten Probe der Einweihung führt, die Worte stehen: «Alle Vorurteile müssen von dir fallen», und weil er an der Eingangspforte zur ersten Probe bereits lesen muß: «Ohne gesunden Menschenverstand sind alle deine Schritte vergebens.»
Ist der Kandidat in dieser Art weit genug vorgeschritten, so wartet die dritte «Probe» auf ihn. Bei dieser wird ihm kein Ziel fühlbar. Es ist alles in seine eigene Hand gelegt. Er befindet sich in einer Lage, wo ihn nichts zum Handeln veranlaßt. Er muß ganz allein aus sich seinen Weg finden. Dinge oder Personen, die ihn zu etwas bewegen, sind nicht da. Nichts und niemand kann ihm jetzt die Kraft geben, die er braucht, als nur er selbst. Fände er diese Kraft nicht in sich selbst, so stände er sehr bald wieder da, wo er vorher gestanden hat. Doch muß man sagen, daß nur wenige von denen, welche die, vorigen Proben bestanden haben, hier diese Kraft nicht finden werden. Man bleibt entweder schon vorher zurück, oder man besteht auch hier. Alles, was nötig ist, das besteht darinnen, rasch mit sich selbst zurecht zu kommen. Denn man muß hier sein «höheres Selbst» im wahrsten Sinne des Wortes finden. Man muß sich rasch entschließen, auf die Eingebung des Geistes in allen Dingen zu hören. Zeit zu [86] irgendwelchen Bedenken, Zweifeln und so weiter hat man hier nicht mehr. Jede Minute Zögerung würde, nur beweisen, daß man noch nicht reif ist. Was abhält, auf den Geist zu hören, muß kühn überwunden werden. Es kommt darauf an, Geistesgegenwart in dieser Lage zu beweisen. Und das ist auch die Eigenschaft, auf deren vollkommene Ausbildung es auf dieser Entwickelungsstufe abgesehen ist. Alle Verlockungen zum Handeln, ja selbst zum Denken, an die ein Mensch vorher gewöhnt war, hören auf. Um nicht untätig zu bleiben, darf der Mensch sich selbst nicht verlieren. Denn nur in sich selbst kann er den einzigen festen Punkt finden, an den er sich zu halten vermag. Niemand, der dies hier liest, ohne weiter mit den Sachen vertraut zu sein, sollte eine Antipathie empfinden gegen dieses Zurückgewiesensein auf sich selbst. Denn es bedeutet für den Menschen die schönste Glückseligkeit, wenn er die, geschilderte Probe besteht.
Und nicht weniger als in den anderen Fällen ist auch für diesen Punkt das gewöhnliche Leben für viele Menschen schon eine Geheimschule. Personen, die es dahin gebracht haben, daß sie, vor plötzlich an sie herantretende Lebensaufgaben gestellt, ohne Zögern, ohne viel Bedenken eines raschen Entschlusses fähig sind, ihnen ist das Leben eine solche Schulung. Die geeigneten Lagen sind diejenigen, wo ein erfolgreiches Handeln sofort unmöglich wird, wenn der Mensch nicht rasch eingreift. Wer rasch bei der Hand ist, zuzugreifen, wenn ein Unglück in Sicht ist, während durch einige Augenblicke Zögerung das Unglück bereits geschehen wäre, und wer eine solche rasche Entschlußfähigkeit zu einer bleibenden Eigenschaft bei sich gemacht hat, der hat unbewußt die Reife [87] für die dritte «Probe» erworben. Denn auf die Heranbildung der unbedingten Geistesgegenwart kommt es bei ihr an. - Man nennt sie in den Geheimschulen die «Luftprobe», weil der Kandidat bei ihr sich weder auf den festen Boden der äußeren Veranlassungen stützen kann noch auf dasjenige, was sich aus den Farben, Formen und so weiter ergibt, die er durch Vorbereitung und Erleuchtung kennengelernt hat, sondern ausschließlich auf sich selbst.
Hat der Geheimjünger diese Probe bestanden, dann darf er den «Tempel der höheren Erkenntnisse» betreten. - Was darüber weiter zu sagen ist, kann nur die allerspärlichste Andeutung sein. - Was jetzt zu leisten ist, wird oft so ausgedrückt, daß man sagt: der Geheimjünger habe einen «Eid» zu leisten, nichts von den Geheimlehren zu «verraten». Doch sind die Ausdrücke «Eid» und «verraten» keineswegs sachgemäß und sogar zunächst irreführend. Es handelt sich um keinen «Eid» im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Man macht vielmehr auf dieser Stufe der Entwickelung eine Erfahrung. Man lernt, wie man die Geheimlehre anwendet, wie man sie in den Dienst der Menschheit stellt. Man fängt an, die Welt erst recht zu verstehen. Nicht auf das «Verschweigen» der höheren Wahrheiten kommt es da an, sondern vielmehr auf die rechte Art, den entsprechenden Takt, sie zu vertreten. Worüber man «schweigen» lernt, das ist etwas ganz anderes. Man eignet sich diese herrliche Eigenschaft nämlich in bezug auf vieles an, worüber man vorher geredet hat, namentlich auf die Art, wie man geredet hat. Ein schlechter Eingeweihter wäre der, welcher nicht die erfahrenen Geheimnisse in den Dienst der Welt stellte, so [88] gut und soweit dies nur möglich ist. Es gibt kein anderes Hindernis für die Mitteilung auf diesem Gebiete als allein das Nichtverstehen von seiten dessen, der empfangen soll. Zum beliebigen Reden darüber eignen sich allerdings die höheren Geheimnisse nicht Aber es ist niemandem etwas «verboten» zu sagen, der die beschriebene Stufe der Entwickelung erlangt hat. Kein anderer Mensch und kein Wesen legt ihm einen dahingehenden «Eid» auf. Alles ist in seine eigene Verantwortlichkeit gestellt. Was er lernt, ist, in jeder Lage ganz durch sich selbst zu finden, was er zu tun hat. Und der «Eid» bedeutet nichts, als daß der Mensch reif geworden ist, eine solche Verantwortung tragen zu können.
Ist der Kandidat reif geworden zu dem Beschriebenen, dann erhält er dasjenige, was man sinnbildlich als den «Vergessenheitstrunk» bezeichnet. Er wird nämlich in das Geheimnis eingeweiht, wie man wirken kann, ohne sich durch das niedere Gedächtnis fortwährend stören zu lassen. Das ist für den Eingeweihten notwendig. Denn er muß stets das volle Vertrauen in die unmittelbare Gegenwart haben. Er muß die Schleier der Erinnerung zerstören können, die sich in jedem Augenblick des Lebens um den Menschen ausbreiten. Wenn ich etwas, was mir heute begegnet, nach dem beurteile, was ich gestern erfahren habe, so bin ich vielfachen Irrtümern unterworfen. Natürlich ist damit nicht gemeint, daß man seine im Leben gewonnene Erfahrung verleugne. Man soll sich sie immer gegenwärtig halten, so gut man kann. Aber man muß als Eingeweihter die Fähigkeit haben, jedes neue Erlebnis aus sich selbst zu beurteilen, es ungetrübt durch alle Vergangenheit auf sich wirken zu lassen. Ich muß in jedem 89 Augenblicke darauf gefaßt sein, daß mir ein jegliches Ding oder Wesen eine ganz neue Offenbarung bringen kann. Beurteile ich das Neue nach dem Alten, so bin ich dem Irrtum unterworfen. Gerade dadurch wird mir die Erinnerung an alte Erfahrungen am nützlichsten, daß sie mich befähigt, Neues zu sehen. Hätte ich eine bestimmte Erfahrung nicht, so würde ich die Eigenschaft eines Dinges oder eines Wesens, die mir entgegentreten, vielleicht gar nicht sehen. Aber eben zum Sehen des Neuen, nicht zur Beurteilung des Neuen nach dem Alten soll die Erfahrung dienen. In dieser Beziehung erlangt der Eingeweihte ganz bestimmte Fähigkeiten. Dadurch enthüllen sich ihm viele Dinge, die dem Uneingeweihten verborgen bleiben.
Der zweite «Trank», der dem Eingeweihten verabreicht wird, ist der «Gedächtnistrank». Durch ihn erlangt er die Fähigkeit, höhere Geheimnisse stets im Geiste gegenwärtig zu haben. Dazu würde das gewöhnliche Gedächtnis nicht ausreichen. Man muß ganz eins werden mit den höheren Wahrheiten. Man muß sie nicht nur wissen, sondern ganz selbstverständlich in lebendigem Tun handhaben, wie man als gewöhnlicher Mensch ißt und trinkt Übung, Gewöhnung, Neigung müssen sie werden. Man muß gar nicht über sie, in gewöhnlichem Sinne nachzudenken brauchen; sie müssen sich durch den Menschen selbst darstellen, durch ihn fließen wie die Lebensfunktionen seines Organismus. So macht er sich in geistigem Sinne immer mehr zu dem, wozu ihn im physischen die Natur gemacht hat.