Biologisch-dynamische Landwirtschaft

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Unter biologisch-dynamischer Landwirtschaft versteht man die Bewirtschaftung nach anthroposophischen Grundsätzen.

Geschichte

Entstehung

Schloss Koberwitz (1910)

Schon in den 20er Jahren, einer Zeit, in der für uns Menschen der Postmoderne in punkto Umwelt und Landwirtschaft auf den ersten Blick paradiesische Zustände geherrscht haben sollten, konnten sensible Zeitgenossen bedenkliche Beobachtungen machen. Vor allem Landwirte, Gutsbesitzer und Lebensmittelverarbeiter, die der Anthroposophie Rudolf Steiners nahe standen, machten die Entdeckung, dass die Nahrungsmittel, mit denen sie täglich zu tun hatten, weniger gut zu schmecken begannen. Kein Vergleich war mehr möglich zwischen der Kartoffel, die man noch in der Kindheit genossen hatte. Aber auch beim Getreide und anderen Kulturen war ein Nachlassen der Vitalität/Qualität zu bemerken. Alles in einer Zeit, in der die mineralische Stickstoffdüngung, die erst lange nach dem Erscheinen des Hauptwerks Justus Liebigs (1803–1873), (Die Organische Chemie in Anwendung auf Agrikultur und Physiologie, 1840) gerade erst sehr schleppend aufgegriffen wurde und sich auch die Massenproduktion von Nahrungsmitteln erst sehr anfänglich entwickelte.

In Wissenschaft und Praxis waren keine Ambitionen zur Erhaltung der Nahrungsmittelqualität und der Widerstandsfähigkeit der Pflanzen gegen Krankheiten und Schädlinge zu verzeichnen und so erhoffte sich ein zunächst recht kleiner Kreis von Menschen, aus der Anthroposophie heraus neue Impulse für den Landbau.

Im Jahre 1924 entschloss sich Rudolf Steiner auf Einladung der Gräfin Johanna und des Grafen Karl von Keyserlingk und dem Bitten anderer Landwirte und Gutsbesitzer dazu, einen landwirtschaftlichen Kursus (Lit.: GA 327) abzuhalten, der die geisteswissenschaftlichen Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft legen sollte. Dieser Kurs fand zur Pfingstzeit auf dem Gut Koberwitz, nahe Breslau satt. Vor etwa 100 Teilnehmern, hielt Rudolf Steiner acht Vorträge an die sich Aussprachen anschlossen. Es wurden Themen, wie das Zusammenleben von Erde und Kosmos und die planetarischen Wirkungen auf die Erde und deren Bewohner behandelt. Im September 1999 wurde zu Ehren Rudolf Steiner eine Gedenktafel an der Fassade von Schloss Kobierzyce angebracht.

Zur Zeit des Nationalsozialismus

Die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise konnte sich in der Zeit des Nationalsozialismus längere Zeit behaupten und zunächst einem Verbot entgehen, was einerseits durch Zugeständnisse von Seiten der Vertreter der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise, andererseits durch das Interesse einzelner Personen des nationalsozailsitischen Regimes möglich war. Das Interesse an der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise schloß jedoch durchgehend die Anthroposophie aus und beschränkte sich auf die Zielsetzung einer nachhaltigen Landbauweise.[1]

Trotz des Verbots der Anthroposophischen Gesellschaft im November 1935 und der Ablehnung der Anthroposophie durch das NS-Regime konnten einzelne Organisationen, die sich nur mit angewandter Anthroposophie beschäftigten, bestehen bleiben. So entging der Reichsverband für Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise zunächst einem Verbot. Der Versuchsring anthroposophischer Landwirte nannte sich 1936 in Versuchsring für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise um. Zu den Zugeständnissen an das Regime gehörte die weniger häufige Erwähnung des anthroposophischen Hintergrundes. Einige Jahre verhinderte die Fürsprache von Rudolf Heß ein vollständiges Verbot der biologisch-dynamischen Organisationen. Laut Alwin Seifert war er der Schirmherr der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise. Hess drängte auch auf vergleichende Versuche, um das Leistungspotential der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise feststellen zu können. Auf seine Initiative ging ein Betriebsvergleich durch die Landwirtschaftliche Betriebsprüfungsstelle zurück. Allerdings war sein Engagement in der NS-Führung umstritten und rief heftigen Widerspruch hervor. Sein Stellvertreter Martin Bormann lehnte die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise ebenso ab wie Hermann Göring und Reinhard Heydrich. Ab der Jahreswende 1939/1940 erfuhr die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise trotz Ablehnung des anthroposophischen Hintergrundes vorübergehend Unterstützung durch Walther Darré, der sich vom ökologischen Landbau die Schonung der Bodenfruchtbarkeit erhoffte. Darré gefiel die Betonung einer nachhaltigen Bewirtschaftung des Bodens, die Erzeugung hochwertiger Lebensmittel. Er lehnte auch Mineraldünger und Pestizide ab. Sein Ziel war die Entwicklung eines ökologischen Landbausystems, einer lebensgesetzlichen Landbauweise das naturwissenschaftlich fundiert sein sollte und auf die anthroposophischen Grundlagen verzichtet. Darré hatte jedoch zuvor im Laufe der 1930er Jahre kein Interesse für ökologische Landwirtschaft gezeigt und trat erst nach seiner faktischen Entmachtung als Minister 1939 im Juni 1940 erstmals öffentlich für die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise ein.[2]

Endgültig verboten wurden der Reichsverband für Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise im Zuge der Aktion gegen Geheimlehren und sogenannte Geheimwissenschaften im Juni 1941, zudem wurde anthroposophische Literatur beschlagnahmt und einzelne Mitglieder des Reichsverbands zeitweise inhaftiert. Heinrich Himmler, der wie Darré die chemisch-technische Intensivierung der Landwirtschaft skeptisch sah, ordnete ebenfalls im Juni 1941 an, Düngeversuche auch mit einer biologisch-dynamischen Variante durchzuführen. Die Versuche wurden auf landwirtschaftlichen Gütern der "Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung" durchgeführt, die der SS zugeordnet und 1939 gegründet worden war. Zur Versuchsanstalt gehörte auch die Heilkräuterplantage des Konzentrationslagers Dachau.[3]

Grundlagen

Der landwirtschaftliche Betrieb wird als Organismus und Individualität angesehen, der seine eigene Charakteristik hat. Daher unterliegt die Verwendung aller Rohstoffe und Hilfsmittel, die nicht ebenfalls aus biologisch-dynamischen Betrieben stammen, starken Einschränkungen. Organisch ist als Forderung zu verstehen, möglichst viele Tier- und Pflanzenarten auf dem Hof zu haben. Die Haltung von Wiederkäuern, in der Regel Rindern, ist verpflichtend. Der Mist dieser Tiere wird als Dünger verwendet. Je vielfältiger und abwechslungsreicher ein Betrieb produziert, umso stabiler soll die Umwelt sein. Der Naturschutz (Artenvielfalt, Biotope) findet dabei "nebenbei" Geltung, indem z.B. Hecken gepflanzt, Ackerrandstreifen angelegt und auf den Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel verzichtet wird. Im Unterschied zum Ökologischen Landbau werden bestimmte Präparate verwendet, wobei die "kosmischen Rhythmen" des Mondes und der Planeten berücksichtigt werden. Im Pflanzenbau werden Pflegemaßnahmen (Unkrautkontrolle) sowie Aussaat/Pflanzung und Ernte auf Mondphase und Planetenpositionen abgestimmt (sofern der Bodenzustand das zulässt), es werden Empfehlungen für bestimmte Tageszeiten gegeben (z.B. manche Anwendungen sollen nur frühmorgens nach Sonnenaufgang erfolgen).

Im Bereich der Züchtung von Pflanzen wird das Ziel verfolgt, die Pflanze "wesengemäß" zu züchten. Das heißt dass z.B. eine Weizenpflanze besonders weizentypisch sein soll und nicht Einschläge von Dinkel aufweisen soll. Daher ist auch die konsequente Ablehnung der Gentechnik zu verstehen.

Die Wirkung der biologisch-dynamischen Methoden und Präparate ist im Gegensatz zu den biologisch-organischen mit den gängigen naturwissenschaftlichen Methoden schwer nachzuweisen, da die Verdünnungen, etwa bei den Präparaten Hornkiesel und Hornmist, oft in homöopathischen Dosen vorliegen. Zur Qualitätssicherung der Produkte wurden daher spezielle Bildschaffende Methoden entwickelt.

Wissenschaftliche Ergebnisse zur Wirksamkeit der biologisch-dynamischen Methode

Forschungsarbeiten des anthroposophienahen Schweizer Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FIBL) über mehr als 20 Jahre legen nahe, dass im Vergleich zu konventioneller und organisch-biologischer Landwirtschaft in der Biologisch-Dynamischen Wirtschaftsweise durch den Einsatz der Biologisch-Dynamischen Präparate die Fruchtbarkeit des Bodens erhöht werden konnte.[4] Bei den wesentlichen Parametern wie Biomasse der Regenwürmer, Anzahl der Beikräuterarten oder Anzahl der Laufkäferarten lagen die biologisch-dynamisch gepflegten Versuchsflächen meistens vor den organisch-biologisch und konventionell bewirtschafteten. Diese Auswertung ist als DOK-Versuch (dynamisch, organisch, konventionell) bekannt.[5] Des Weiteren konnte das Darmstädter Institut für Biologisch-Dynamische Forschung, ebenfalls eine anthroposophienahe Einrichtung, zeigen, dass die Artenvielfalt, die Menge von Mikroorganismen und der Humusgehalt der bewirtschafteten Böden schon nach einigen Jahren biologisch-dynamischen Anbaus signifikant ansteigt.[6]

Die biologisch-dynamischen Präparate

Als speziell biologisch-dynamische Maßnahmen ist die Herstellung und Anwendung bestimmter Präparate gebräuchlich, die entweder den Wirtschaftsdüngern (Stallmist, Gülle, Jauche) zugesetzt werden oder in Wasser gerührt und dann auf Boden und Pflanzen gespritzt werden, um die Wirkung der irdischen Wachstumsfaktoren (zum Beispiel Nährstoffe) und der kosmischen Wachstumsfaktoren (Licht, Wärme und "Rhythmen") sowie die Wirkungen der Anbaumaßnahmen zu verbessern.

Es gibt verschiedene Gruppen von Präparaten, jeweils für bestimmte Anwendungsgebiete: Feld- oder Spritzpräparate (Hornkiesel und Hornmist), Düngerzusatzpräparate (Schafgarben-, Kamillen-, Brennnessel-, Eichenrinde-, Löwenzahn- und Baldrianpräparat), Spezialpräparate wie Schachtelhalm-Kochung und die sogenannten Aschenpräparate zur Beikraut- und Schädlingsbekämpfung.

Präparat[7] Material tierisches Organ     Mengenbedarf / Jahr
Spritzpräparate:      
Hornmist
Hornkiesel
Rinderdung
Quarzmehl
Kuhhorn
Kuhhorn
1 Horn / ha
1 Horn / 25 ha
Düngerzusatzpräparate:        

Kamille
Eichenrinde
Löwenzahn
Schafgarbe
Brennnessel

Baldrian

Blüte
Borke
Blüte
Blüte
oberirdische Pflanze

Blütenextrakt

Darm (Rind)
Schädel (Schwein, Rind, Pferd)
Bauchfell (Rind)
Blase (Hirsch)
(entfällt)

(entfällt)

30 cm / 100 ha
1 Schädel / 300 ha
30 x 30 cm / 100 ha

1 Blase / 250 ha

Die Präparate bilden ein Hauptmerkmal der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise. Sie sind damit ein wesentliches Hilfsmittel, um Produkte in Demeter-Qualität zu erzeugen. In den Demeter-Richtlinien sind sie verbindlich vorgeschrieben. Allerdings folgen hier nicht alle Demeter-Landwirte gleich konsequent den Steinerschen Ideen - ein Teil von ihnen steht der Anthroposophie weniger nahe. Es ist auch möglich, die Präparate zu kaufen, statt sie selbst herzustellen. Auch das Ausbringen kann sowohl zu Fuß und mit der Hand als auch über eine automatische Dosiereinrichtung am Traktor - zum Teil während ohnehin notwendiger Feldbearbeitung - erfolgen.

Die Präparate sollen ausgleichend wirken. Beispielsweise sind in einem sehr guten Jahr die Erträge geringer als vergleichbare Erträge aus ökologischer Wirtschaftsweise, wohingegen in einem schwierigen Jahr die Erträge höher ausfallen. Das Ziel der Anwendung der Präparate ist also nicht die Maximierung, sondern die Verstetigung der Erträge. Im biologisch-dynamischen Sprachgebrauch wird das "Harmonisieren" genannt.

Der anthroposophische Apotheker und Sänger Hugo Erbe entwickelte zusätzliche biologisch-dynamische Präparate, die innerhalb der biologisch-dynamischen Bewegung allerdings umstritten sind.

Praxis

Der landwirtschaftliche Betrieb mit seiner einzigartigen Pflanzen- und Tierwelt wird als lebendiger Organismus angesehen. Rinderhaltung, hofeigenes Saatgut und Futter, Düngung mit kompostiertem oder fermentiertem Wirtschaftsdünger (Präparate) und Leguminosenanbau sind die sind die Basis für einen autarken Hofkreislauf, in dem Boden, Pflanzen, Tiere und Menschen im harmonischen Gleichgewicht leben und sich zu einem vitalen Gesamtorganismus zusammenschließen können. Statt chemischer Mineraldüngung und Schädlingsbekämpfung werden in der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise spezielle Kräuter-, Quarz- und Mistpräparate für die Düngung, Schädlingsbekämpfung und Kompostbereitung eingesetzt. Präparate aus Kuhdung und aus Heilpflanzen wie Löwenzahn oder Baldrian fördern die Lebendigkeit des Bodens. Die Komponenten werden dynamisch mit Wasser verrührt, wodurch sich ihre feinstofflichen Qualitäten entfalten, und in homöopathischer Verdünnung ausgebracht. Alle Vorgänge, von der Präparatbereitung bis zur Ausbringung, müssen zur rechten Zeit erfolgen, die durch die Wechselwirkung irdischer und kosmischer Rhythmen bestimmt wird. Dass bei abnehmendem Mond geschlagenes Holz wesentlich widerstandfähiger ist, wird heute schon weitgehend allgemein anerkannt; nicht weniger wirken aber auch andere kosmische Rhythmen bedeutsam auf die irdischen Lebensvorgänge ein (Konstellationsforschung).

Heute kann die biologisch-dynamische Landwirtschaft auf eine 80-jährige Erfolgsgeschichte zurückblicken. Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen konnten belegen, dass beispielsweise die Lebendigkeit der bewirtschafteten Böden schon nach einigen Jahren biologisch-dynamischen Anbaus signifikant ansteigt, gemessen an der Artenvielfalt und Menge von Mikroorganismen.

Biologisch-dynamisch hergestellte Produkte werden unter der Marke Demeter vertrieben.

Anmerkungen

  1. Gunter Vogt: Entstehung und Entwicklung des ökologischen Landbaus im deutschsprachigen Raum. Bad Dürkheim 2000, S. 133-145
  2. Gunter Vogt: Entstehung und Entwicklung des ökologischen Landbaus im deutschsprachigen Raum. Bad Dürkheim 2000, S. 133-145
  3. Gunter Vogt: Entstehung und Entwicklung des ökologischen Landbaus im deutschsprachigen Raum. Bad Dürkheim 2000, S. 133-145
  4. Paul Mäder, Fliessbach A., Dubois D., Gunst L., Fried P., Niggli U. (2002) Soil Fertility and Biodiversity in Organic Farming. Science 296, 1694-1697
  5. Paul Mäder, Diana Hahn, David Dubois, Lucie Gunst, Thomas Alföldi, Hans Bergmann, Michael Oehme, Renato Amadò, Hanna Schneider, Ursula Graf, Alberta Velimirov, Andreas Fließbach, Urs Niggli: Wheat quality in organic and conventional farming: results of a 21 year field experiment. Journal of the Science of Food and Agriculture, Volume 87, Number 10, 15. August 2007, S. 1826-1835(10)
  6. Gunter Vogt: Entstehung und Entwicklung des ökologischen Landbaus im deutschsprachigen Raum. Bad Dürkheim 2000, S. 133 ff.
  7. Quelle: Forschungsring: [1]

Literatur

  1. Hugo Erbe: Präparate zur Förderung des elementarischen Lebens im biologisch-dynamischen Land- und Gartenbau, Lohengrin-Verlag, Tellingstedt 2003
  2. Rudolf Steiner: Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft, 8. Auflage, GA 327 (1999)

Weblinks

  1. Rudolf Steiner: Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft - Landwirtschaftlicher Kurs, Koberwitz 1924
  2. Zum biologisch-dynamischen Forschungsansatz – Nur philosophisches Beiwerk oder Erkenntnisbedingung einer Wissenschaft vom Leben?
  3. Offizielles Web von Demeter
  4. Forschungsring für Biologisch-dynamische Wirtschaftsweise
  5. Zeitschrift Lebendige Erde
  6. Hellmut Finsterlin: Begegnung mit Hugo Erbe

Kritik:

  1. http://www.iavg.org/iavg018.htm - Methoden der anthroposophischen Landwirtschaft
  2. http://www.iavg.org/iavg017.htm - Anthroposophische Landwirtschaft

Sonstiges:


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