Carl Gustav Jung

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Carl Gustav Jung (Zeichnung von unbekannter Hand)

Carl Gustav Jung (* 26. Juli 1875 in Kesswil, Schweiz; † 6. Juni 1961 in Küsnacht, Schweiz), meist kurz C. G. Jung, war ein Schweizer Psychiater und der Begründer der analytischen Psychologie.

C.G. Jungs Typologie

Die psychischen Basisfunktionen nach Jung
Typisch männliche Einstellung der Persona, bei der das äußere Ich dem objektiven Denken, das innere jedoch der subjektiven Gefühlswelt zugewandt ist. Die Hauptfunktion, das Denken, beherrscht hier die Ich-Hülle, die Persona. Die minderwertige Funktion, das Fühlen, kommt hier der Anima zu.

Die von Jung entwickelte Typologie psychologischer Typen und/oder psychischen Einstellungen zum Leben hat auch außerhalb der an Jung orientierten Forschung und Rezeption Aufmerksamkeit und Anerkennung bis in den Alltag hinein gefunden. Die Unterscheidung zwischen Menschen mit extravertierter und introvertierter Einstellung geht auf Jung zurück. Jung kombiniert diese Grundunterscheidung mit den Anpassungs- oder Orientierungsfunktionen Intuition, Empfindung,Fühlen und Denken, wodurch sich acht bzw. 16 verschiedene Einstellungen des Individuums zu sich selbst und zur Welt ergeben, die bei jedem Menschen in individueller Mischung vorkommen. [1]

„Diese vier Funktionstypen, die beim Individuum durch die jeweilige Vorherrschaft der einen oder der anderen Funktion feststellbar sind, haben in dieser Form natürlich nur in der Theorie Gültigkeit. Im Leben kommen sie fast niemals rein vor, sondern mehr-minder als Mischtypen (...) Ein reiner Denktypus war z.B. Kant, wogegen Schopenhauer schon als intuitiver Denktypus bezeichnet werden muß. Die Funktionen, aber nur die 'benachbarten', können also vielfach als Mischtypen auftreten, und wenn sie so in Mischtypen mit geringerem oder größerem Überwiegen der einen Funktion erscheinen, machen sie die Zuordnung des Individuums zu einem Funktionstypus außerordentlich schwierig.“ (Lit.: Jacobi, S. 26)

Nach Jung sind Empfindung und Intuition irrationale Funktionen, Denken und Fühlen rationale Funktionen. Das Fühlen in diesem rationalen Sinne ist mit einem Werturteil verbunden, z.B. einem Geschmacksurteil, was in einer Situation passendes Verhalten sei, oder mit Bezug auf das eigene Wohlergehen, das Gefühl, ob einem der Besuch einer bestimmten Party am Wochenende gut tun würde. Denken ist eine Orientierungsfunktion, die über eine geschlossene begriffliche Ordnung der Welt verfügt, die auch einer Leitidee untergeordnet sein kann. Ein jedes Ding oder Ereignis hat in solchem System seinen Platz und erfährt einen entsprechenden Umgang. Der Empfindungstyp orientiert sich mehr an dem, was sich ihm empirisch zu zeigen scheint. Er beobachtet genau, und beachtet subtile Differenzen, die ihm Information oder auch ästhetischen Genuß liefern. Der intuitive Typus orientiert sich mittels der Erfassung von Ganzheiten, spontanen Eingebungen, was es mit einem Vorfall oder Menschen auf sich habe. So kann z.B. ein machtbewußter Mensch im Umgang mit anderen möglicherweise intuitiv spontan erkennen, welche Menschen seinen Machtanspruch gefährden, und welche für seine Vorhaben ungefährlich sind.

Die Anordnung der vier Grundtypen im Kreis ist also nicht beliebig. Die vier Mischtypen sind "Empirisches Denken", "Intuitives spekulatives Denken", "Empfindendes Fühlen" und "Intuitives Fühlen". Dabei kann so eine Mischung ausgeglichen sein, oder aber eine Funktion überwiegen, was meist der Fall ist. Die gegenüber liegenden Kombinationen Denken und Fühlen, oder Empfinden und Intuieren kommen gemäß dieser Lehre nicht vor. Meist ist eine Funktion sehr gut entwickelt, und eine weitere Hilfsfunktion zusätzlich in geringerem Maße, während die gegenüberliegende Funktion die minderwertige (i.S.v. unentwickelt, eher unbewußt, unterdrückt, unspezialisiert etc.) Funktion ist. Die Extraversion oder Intraversion liegt jeweils auf einer Hälfte des Kreises. Die gegenüberliegende Funktion Fühlen ist bei einem extravertierten Denktypus z.B. introvertiert. Wenn die entwickelte Denkfunktion introvertiert ist, ist entsprechend dann die Funktion des Fühlens extravertiert.

Diese grundsätzlichen Funktionstypen und Einstellungen bilden die Basisbausteine für C.G. Jungs psychologische Struktur- und Entwicklungslehre. Weitere Konzepte bzw. in empirischer Hinsicht vorkommende Persönlichkeitsaspekte sind Persona, Anima - bzw. Animus, der Schatten sowie das Selbst. Die Integration zunächst der minderwertigen Funktion und des Schattens, und dann der Anima bzw. dem Animus kann zur Selbstfindung und Individuation führen.

Das kollektive Unbewusste und seine Archetypen

Carl Gustav Jung Unterschrift von Carl Gustav Jung

Nach der Jung sind die Archetypen Manifestationen des kollektiven Unbewußten.

Um zu verdeutlichen was er unter dem Archetypus verstand, brachte Jung gern das Beispiel mit dem in der Mutterlauge vorhandenen, aber nicht sichtbaren Kristallgitter, das erst durch das Anschießen der Ionen und Moleküle als Kristall in Erscheinung tritt. Die so entstandenen Kristalle basieren zwar alle auf der präformierten Strukturmatrize (dem Kristallgitter), aber treten als sichtbare Erscheinung in den unterschiedlichsten Formen auf (vergleichbar mit dem Bild des Archetypus, welches dann im Bewusstsein erscheint). [2]

Jung erkannte in Träumen vier Hauptkategorien von archetypischen Symbolen:

  • den Schatten, welcher der Ich-Sphäre zuzurechnen ist und unterdrückte oder verdrängte Persönlichkeitsanteile enthält, bzw. den „dunklen Doppelgänger“, der die verdrängte Seite der Persönlichkeit symbolisiert und in den Träumen den Helden oder die Heldin verfolgt als Zeichen, dass die unterdrückten Teile der Persönlichkeit bewußt werden "möchten" und integriert werden sollten
  • die Sirene, Liebesgöttin oder Sophia Anima und der Liebhaber bzw. der Märchenprinz Animus, die eigenen gegengeschlechtlichen psychischen Anteile der Persönlichkeit, fordern beim Auftreten im Traum jeweils zur Integration der jeweils andersgeschlechtlichen Eigenschaften im Leben auf
  • den alten Weisen oder die alte Weise, die Weisheitsschicht der Psyche,
  • und den Archetyp des Selbst, welcher sowohl Ich als auch Unbewusstes umfasst, Zentrum und Umfang der Gesamtpsyche darstellt und die zentrale Selbststeuerungs- und Entwicklungsinstanz der Psyche ist.

„Der <<Archetypus an sich>> ist unerkennbar; er stellt eine <<hypothetische unanschauliche Vorlage>> dar.“ [3] „Ob die seelische Struktur und ihre Elemente, eben die Archetypen, überhaupt je entstanden sind, das ist eine Frage der Metaphysik und daher nicht zu beantworten.“ [4]

Diese eher ernüchternden Aussagen Jungs lassen vermuten, dass er die höheren Bewusstseinsstufen (Überpsychisches Bewusstsein und Spirituelles Bewusstsein) nicht kannte. [5] Er erkannte nur „wie sich die betreffenden Tatsachen, auf die Ebene der Imagination projiziert, abbilden.“ [6] Ähnlich wie Kant, [7] der es das Ding an sich nennt, sprach er von etwas für den Menschen unerreichbaren.

Persona und Schatten

Carl Gustav Jung (1910)

Die Persona (griech. = Maske) ist diejenige Seite der Persönlichkeit, die der sozialen Umwelt zugewandt ist. Sie manifestiert sich akut in allen Situationen, in denen "man sich zeigt", auf die Straße tritt z.B., ist aber auch sonst allgegenwärtig, als eine Fassung des Selbstverständnisses, die der Mensch oft nicht mal in der privaten Kammer für sich allein ablegen kann. Sie enthält all die vermeinten guten oder vorteilhaften, meist bewußten und differenzierten Eigenschaften, die sich ein Mensch zuschreibt, mit denen er sich identifiziert, und hält andere Züge der Persönlichkeit, die "dunklen", meist unbewußt, im Schatten. Diese Polarität korrespondiert mit der entwickelten Anpassungsfunktion und der polaren minderwertigen, unentwickelten Funktion. Ein Professor z.B. hat typischerweise eine Persona, die seine intellektuelle Kompetenz herausstreicht, die Anpassungsfunktion des Denkens ist gut entwickelt und ist Hauptbestandteil der Persona. Die Gefühlsfunktion ist bei solchem Typus dann entsprechend minderwertig (gemäß den Ansprüchen der Persona), undifferenziert und unentwickelt, meist unbewußt verdrängt, versteckt, und dem Schatten zugehörig.

Man kann zwar den Schatten nicht mit dem kleinen Hüter der Schwelle, wie ihn Rudolf Steiner beschreibt, gleichsetzen, aber auf dem Weg zur Individuation, wie ihn Jung mit seiner Psychologie beschreibt, hat die Konfrontation mit dem Schatten eine vergleichbare Bedeutung, wie sie auf dem Schulungsweg für den Jünger mit dem kleinen Hüter der Schwelle gegeben ist.

Anima und Animus

Nach der Integration des Schattens ist der Weg zur Selbstfindung frei für die Begegnung des männlichen Menschen mit der Anima, des weiblichen Menschen mit dem Animus. Anima und Animus liegen wie der Schatten polar zur Persona. Für den entwickelten Menschen, der individuiert ist, stellt die integrierte Anima bzw. der Animus ein imaginatives Wahrnehmungsorgan dar, Anima bzw. Animus sind insofern das Tor zur geistigen Welt. Diese Auffassung Jungs korrespondiert mit derjenigen von Rudolf Steiner, daß auf dem Schulungsweg Lust und Schmerz zu Wahrnehmungsorganen werden. Ein besonderes Kennzeichen der Individuation nach der Lehre Jungs ist, daß es da vorzugsweise um Vollständigkeit der Seelenentwicklung geht, nicht um Vollkommenheit. Vollständigkeit meint die allseitige Ausbildung der Fähigkeiten, d.h. Entwicklung aller vier Anpassungsfunktionen, zu einer Art Vollmenschlichkeit, statt einseitig an der Vervollkommnung etwa des Denkens oder des Fühlens zu arbeiten, und dabei die anderen Seelenfunktionen zu vernachlässigen. (Dies entspricht der Regel 20 von "Licht auf den Pfad").

Das Rote Buch

Jung Das Rote Buch .jpg

Jung begann in der Zeit nach der Trennung von Sigmund Freud ein Experiment mit sich selbst, das später als «Auseinandersetzung mit dem Unbewussten» bekannt wurde. Über viele Jahre hielt er seine Phantasien, die er später «aktive Imaginationen» nannte (das ist eine von Jung entwickelte «Technik, um den inneren Vorgängen auf den Grund zu kommen», «Emotionen in Bilder zu übersetzen», «Phantasien, die [ihn] unterirdisch bewegten, zu fassen»[8]), als Notizen und Skizzen in «Schwarzen Büchern» (Notizbüchern) fest. Diese überarbeitete er später, ergänzte sie mit Reflexionen und übertrug sie zusammen mit Illustrationen in kalligraphischer Schrift in ein rot gebundenes Buch, das er als «LIBER NOVUS» betitelte. Auf Basis dieser inneren Erlebnisse bei seiner Konfrontation mit dem Unbewussten entwickelte Jung später seine bekannten Theorien.[9]

Der Geist der Tiefe, wie ihn Jung nennt, eröffnet ihm durch die Verschmelzung von Sinn und Widersinn den Blick auf den Übersinn, der alles zeitliche Verstandeswissen übersteigt und die Brücke zu dem Kommenden bildet, den kommenden Gott, als dessen Bild sich der Übersinn offenbart.

„Wenn ich im Geiste dieser Zeit rede[10], so muss ich sagen: Niemand und nichts kann rechtfertigen, was ich euch verkünden muss. Rechtfertigung ist mir überflüssig, denn ich habe keine Wahl, sondern ich muss. Ich habe gelernt, dass außer dem Geiste dieser Zeit noch ein anderer Geist am Werke ist, nämlich jener, der die Tiefe alles Gegenwärtigen beherrscht.[11] Der Geist dieser Zeit möchte von Nutzen und Wert hören. Auch ich dachte so, und mein Menschliches denkt immer noch so. Aber jener andere Geist zwingt mich dennoch zu reden, jenseits von Rechtfertigung, Nutzen und Sinn. Erfüllt von menschlichem Stolze und verblendet vom vermessenen Geiste dieser Zeit suchte ich lange, jenen andern Geist von mir zu halten. Aber ich bedachte nicht, dass der Geist der Tiefe seit alters und in alle Zukunft hinaus die höhere Macht besitzt, als der Geist dieser Zeit, der mit den Generationen wechselt. Der Geist der Tiefe hat allen Stolz und allen Hochmut der Urteilskraft unterworfen. Er nahm den Glauben an die Wissenschaft von mir, er raubte mir die Freude des Erklärens und Einordnens, und er ließ die Hingabe an die Ideale dieser Zeit in mir erlöschen. Er zwang mich hinunter zu den letzten und einfachsten Dingen.

Der Geist der Tiefe nahm meinen Verstand und alle meine Kenntnisse und stellte sie in den Dienst des Unerklärbaren und des Widersinnigen. Er raubte mir Sprache und Schrift für alles, das nicht im Dienste dieses einen stand, nämlich der Ineinanderschmelzung von Sinn und Widersinn, welche den Übersinn ergibt.

Der Übersinn aber ist die Bahn, der Weg und die Brücke zum Kommenden.

Das ist der kommende Gott. Nicht ist es der kommende Gott selber, sondern sein Bild, das im Übersinn erscheint. Gott ist ein Bild, und die ihn anbeten müssen ihn im Bilde des Übersinnes anbeten.[12]

Der Übersinn ist nicht ein Sinn und nicht ein Widersinn, er ist Bild und Kraft in einem, Herrlichkeit und Kraft zusammen.

Der Übersinn ist Anfang und Ziel. Er ist Brücke von Hinübergehen und Erfüllung.[13]

C. G. Jung: Das Rote Buch, S. 229

Das «Rote Buch», entstanden von 1914 bis 1930, wurde 2009 im Rubin Museum of Art in New York erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Zu Lebzeiten hatte Jung es zurückgehalten, weil er - wohl nicht ganz unberechtigt - um sein wissenschaftliche Reputation fürchten musste. Im selben Jahr 2009 wurde das Buch erstmals im Druck herausgegeben. Das grossformatige, annähernd sieben Kilogramm schwere, in rotes Leder gebundene Werk ist in eigenartig feierlicher deutscher Sprache verfasst, in kunstvoller Kalligraphie mittelalterlicher Handschriften gehalten und mit farbenprächtigen Illustrationen versehen. In Europa wurde das Rote Buch 2010/2011 erstmals im Museum Rietberg in Zürich gezeigt.[14]

Ausgangspunkt war eine große apokalyptische Vision, die er das „Gesicht der Sintflut“ nannte, das ihn etwa in der Mitte seines Lebens erstmals im Oktober 1913 überfiel, und das er zunächst nicht zu deuten wusste und ihn an seinem Geisteszustand ernsthaft zweifeln ließ.

„Es geschah im Oktober des Jahres 1913, als ich allein auf einer Reise begriffen war, dass ich untertags plötzlich von einem Gesicht befallen wurde: ich sah eine ungeheure Sintflut, die alle nördlichen und tiefgelegenen Länder zwischen der Nordsee und den Alpen bedeckte. Sie reichte von England bis nach Russland und von den Küsten der Nordsee bis fast zu den Alpen. Ich sah die gelben Wogen, die schwimmenden Trümmer und den Tod von ungezählten Tausenden.

Dieses Gesicht währte an die zwei Stunden, es verwirrte mich und machte mir übel. Ich vermochte nicht, es zu deuten. Es vergingen darauf zwei Wochen, dann kehrte das Gesicht wieder, noch heftiger als zuvor. Und eine innere Stimme sprach: „Sieh an, es ist ganz wirklich, und es wird so sein. Du kannst nicht daran zweifeln. Ich rang wiederum an die zwei Stunden mit diesem Gesicht, aber es hielt mich fest. Es ließ mich erschöpft und verwirrt. Und ich dachte, dass mein Geist krank geworden sei.[15]

Von da an kehrte die Angst vor dem ungeheuren Ereignis, das unmittelbar vor uns stehen sollte, wieder. Einmal auch sah ich eine Meer von Blut über den nördlichen Ländern.

Im Jahre 1914 im Monat Juni, zu Anfang des Monats und im Ende, und im Anfang des Monats Juli hatte ich zu dreien Malen denselben Traum: Ich war in einem fremden lande, und plötzlich, über Nacht und zwar in der Mitte des Sommers, war eine unbegreifliche und ungeheure Kälte aus dem Weltraum hereingebrochen, alle Seen und Flüsse waren zu Eis erstarrt, alles lebendig Grüne war erfroren.

Der zweite Traum war diesem ganz ähnlich. Der dritte Traum im Anfang des Monats Juli aber war so:

Ich war in einem fernen englischen Lande.[16] Es war notwendig, dass ich mit einem schnellen Schiffe so rasch wie möglich nach der Heimat zurückkehrte.[17] Ich gelangte rasch nach Hause.[18] In der Heimat fand ich, dass mitten im Sommer eine ungeheure Kälte aus dem Weltraum hereingebrochen war, die alles Lebendige zu Eis hatte erstarren lassen. Da stand ein blättertragender, aber früchteloser Baum, dessen Blätter sich durch die Einwirkung des Frostes in süße Weinbeeren voll heilenden Saftes verwandelt hatten.[19] Ich pflückte die Trauben und schenkte sie einer großen, harrenden Menge.[20]

In Wirklichkeit nun war es so: In der Zeit, in der der große Krieg zwischen den Völkern Europas ausbrach, befand ich mich in Schottland,[21] gezwungen durch den Krieg, entschloss ich mich, mit dem schnellsten Schiff auf dem kürzesten Wege heimzukehren. Ich fand die ungeheure Kälte, die alles erstarren ließ, ich fand die Sintflut, das Blutmeer, und fand meinen früchtelosen Baum, dessen Blätter der Frost in das Heilmittel verwandelt hatte. Und ich pflücke die reifen Früchte und gebe sie euch und weiß nicht, was ich euch schenke, welch bittersüßen Rauschtrank, der einen Blutgeschmack auf eurer Zunge hinterlässt.

Glaubt mir:[22] Es ist keine Lehre und keine Belehrung, die ich euch gebe. Woher sollte ich nehmen, euch zu belehren? Ich gebe euch Kunde vom Wege dieses Menschen, von seinem Wege, aber nicht von eurem Wege. Mein Weg ist nicht euer Weg, also kann ich / euch nicht lehren. Der Weg ist in uns, aber nicht in Göttern, noch in Lehren, noch in Gesetzen. In uns ist der Weg, die Wahrheit und das Leben.[23]

Jung: S. 230f

Erst mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Jung - mit verständlicher Erleichterung - schlagartig klar, dass er dessen prophetische Vorschau erlebt hatte. Jungs Schilderung lässt deutlich erkennen, dass es sich dabei um eine reale Imagination und Inspiration gehandelt hatte. Er beschreitet einen Einweihungsweg, der ihn u.a. in die „Wüste des eigenen Selbst“ und durch die „Höllenfahrt in die Zukunft“ führt, wobei er die „Zerspaltung des Geistes“ erlebt, denn „In die Hölle fahren heißt, selber zur Hölle werden“. Doch dies macht ihn bereit „Gottes Empfängnis“ zu schildern. Deutlich tritt darin der christliche Impuls zutage. Im Fortgang des Mysteriums begegnet er Elias und dessen Tochter Salome. Von ihnen wird er belehrt und erkennt die Lösung, nachdem er in den „Tempel der Sonne“ geleitet wird. Klar wird ihm aber auch zuletzt: „Ich besaß nichts von jenen Güter, die das Mysterium mir zeigte, sondern ich hatte sie noch alle zu erwerben.“ (S. 255) Damit endet das LIBER PRIMUS.

amor triumphat, kalligraphische Zeichnung von Carl Gustav Jung
„dies bild wurde beendet am 9. januar 1921/nachdem es an die 9 monate unvollendet gewartet hatte. es drückt/ich weiß nicht was für eine trauer aus/ein vierfaches opfer. ich konnte mich beinahe nicht entschließen/es zu beendigen. es ist das unerbittliche rad der vierfunction/das opfererfüllte wesen all-lebendig.“

Zu Beginn des LIBER SECUNDUS muss Jung zunächst bekennen: „Die Türe des Mysteriums ist hinter mir geschlossen.“ (S. 259) Er steht in Erwartung, ohne noch zu wissen, was er erwartet. Doch schon in der nächten Nacht hat er das Gefühl, einen festen Punkt gefunden zu haben. Er empfindet sich auf dem höchsten Turme einer Burg stehend. Da naht von Ferne ein Reiter mit rotem Mantel und sagt nach einem längeren Gespräch, ehe er wieder verschwindet: „Erkennst du mich nicht, mein Buder, ich bin die Freude.“ Und Jung weiß genau: „Gewiß war es der Teufel, der Rote, aber mein Teufel.“ (S. 260) Der Weg führt ihn weiter zu einem „Schloss im Walde“ (S. 261), zu „Einem der Niedrigen“ (S. 265) und einem „Anachoreten“ (S. 267). Im eisigen nordischen Land begegnet er schließlich dem Tod, der einen schwarzen faltigen Mantel trägt und Jung erkennt: „Der Tod reift. Man bedarf des Todes, um Früchte ernten zu können.

Viele weitere Stationen folgen, bis Jung die „Gabe der Magie“ empfängt und erfährt:

„Groß ist die Macht des Weges. In ihm wächst Himmel und Hölle zusammen, die Kräfte des Unteren und die Kräfte des Oberen einen sich in ihm. Magisch ist die Natur des Weges, magisch sind Bitte und Anrufung, magisch sind Verwünschung und Tat, wenn sie auf dem großen Wege geschehen. Magie ist Wirkung von Mensch zu Mensch. aber es [ist] nicht so, dass deine magische Handlung deinen Nächsten trifft, sondern sie trifft dich selber zuerst, und nur, Wenn du ihr standhältst, geschieht eine unsichtbare Wirkung von dir auf deinen Nächsten.“

Jung: S. 307

Bezeichnend ist die beigefügte Zeichnung mit dem Titel amor triumphat (lat. „Die Liebe triumphiert“); Jung ist jetzt bereit, den „Weg des Kreuzes“ zu gehen:

„lch sah die schwarze Schlange,[24] wie sie sich am Holze des Kreuzes emporwand. Sie kroch in den Körper des Gekreuzigten und trat verwandelt aus seinem Munde wieder hervor. Sie war weiß geworden. Sie schlang sich um das Haupt des Toten wie ein Diadem, und ein Licht erstrahlte über dem Haupte. und im Osten erhob sich strahlend die Sonne. Ich stand und schaute und war verwirrt und schwere Last drückte meine Seele. Der weiße Vogel aber, der mir auf der Schulter saß, sprach zu mir: »Lasse regnen, lasse den Wind rauschen, lasse die Wasser fließen und das Feuer flammen. Lasse jeglichem sein Wachstum, lasse dem Werdenden seine Zeit.«

[2]2. Wahrlich, der Weg führt durch den Gekreuzigten. das heißt durch den, dem es nicht zu wenig war, sein eigenes Leben zu leben und der darum erhöht wurde zur Herrlichkeit. Nicht lehrte er Wissbares und Wissenswertes, sondern er lebte es. Es ist nicht zu sagen, wie groß die Demut dessen sein muss, der es auf sich nimmt. sein eigenes Leben zu leben.“

Jung: S. 308

Danach gelangt Jung zu dem kleinen Haus, in dem der Zauberer Philemon mit seiner Gattin Baucis wohnt und macht sich schließlich zu den letzten Prüfungen bereit, wohl wissend: „Der Prüfstein ist das Alleinsein mit sich selber. Das ist der Weg.“ Die Schlange, der Wurm, muss verwandelt werden. Die Schilderung der Prüfungen endet mit den Worten des Schattens (d.h. des Doppelgängers):

„»Ich bringe dir die Schönheit des Leidens. Das ist, wessen der bedarf, der ein Gastgeber des Wurmes ist.«“

Jung: S. 357

Zuletzt folgt noch ein knappes Nachwort, in dem Jung erklärt, dass er er das Buch 1930 beendet habe, weil damals seine intensive Beschäftigung mit der Alchemie begonnen hatte, die es ihm ermöglichte, seine Erfahrungen in ein Ganzes einzuordnen.

Werkausgaben

Umfassende Ausgabe:

  • Gesammelte Werke. 18 Bände. Rascher, Zürich / Walter, Olten 1958–1981.

Ergänzend dazu:

Teilausgaben:

  • Verena Kast, Ingrid Riedel (Hrsg.): Ausgewählte Schriften. Patmos, Ostfildern 2011, ISBN 978-3-8436-0029-3.
  • Helmut Barz (Hrsg.): Grundwerk in neun Bänden. Walter, Olten 1984.
  • Lorenz Jung (Hrsg.): Taschenbuchausgabe in 11 Bänden. Dtv, München 1991, ISBN 3-423-59049-1.
  • 100 Briefe. Eine Auswahl. Walter, Olten 1975.
  • Sigmund Freud, C. G. Jung: Briefwechsel. S. Fischer, Frankfurt am Main 1974.

Analytische Psychologie und Anthroposophie im Vergleich

Rudolf Steiner sieht in der analytischen Psychologie problematische Halbwahrheiten. In einem Vortrag (GA 66) äußert er sich im Jahre 1917 wie folgt:

"Nun trat ja in der neueren Zeit das hervor, was man die analytische Psychologie nennt. Diese analytische Psychologie ist, ich möchte sagen, von guten Ahnungen beseelt. Denn was will sie? Diese analytische Psychologie, oder wie man sie gewöhnlich heute nennt, Psychoanalyse, sie will von dem gewöhnlichen Seelenleben zu dem heruntersteigen, was in dem gewöhnlichen gegenwärtigen Seelenleben nichtyp mehr enthalten ist, aber Rest ist aus früherem seelischen Erleben. Der Psychoanalytiker nimmt an, das seelische Leben erschöpfe sich nicht in dem gegenwärtigen seelischen Erleben, in dem bewußten seelischen Erleben, sondern das Bewußtsein tauche hinunter ins Unterbewußte. Und in vielem, was im seelischen Leben als Störung, als Verwirrung, als dieses oder jenes Mangelhafte auftritt, sieht der Psychoanalytiker eine Wirkung des unten im Unterbewußten Wogenden. Aber interessant ist es, was in diesem Unterbewußten der Psychoanalytiker nun sieht. Wenn man hört, was er aufzählt in diesem Unterbewußten, so ist es zunächst getäuschte Lebenshoffnung. Der Psychoanalytiker findet irgendeinen Menschen, der unter dieser oder jener Depression leidet. Diese Depression braucht ihren Ursprung nicht im gegenwärtigen bewußten Seelenleben zu haben, sondern in der Vergangenheit. In diesem Leben trat einmal irgend etwas im seelischen Erleben auf. Der Mensch ist darüber hinausgekommen, aber nicht vollständig; im Unterbewußten ist ein Rest geblieben. Er hat zum Beispiel Enttäuschungen erlebt. Er ist durch Erziehung, durch andere Vorgänge, mit dem bewußten Seelenleben über diese Enttäuschungen hinweggekommen, aber im Unterbewußten, da leben sie. Da wogt sie, diese Enttäuschung, gewissermaßen bis an die Grenze der Bewußtheit heran. Da erzeugt sie dann die unklare seelische Depression. Der Psychoanalytiker sucht also in allerlei Enttäuschungen, in getäuschten Lebenshoffnungen, die ins Unterbewußte heruntergezogen sind, dasjenige, was das bewußte Leben in einer dunklen Weise bestimmt. Das sucht er auch in dem, was das Seelenleben als Temperament färbt. In dem, was das Seelenleben aus gewissen rationalen Impulsen heraus färbt, sucht der Psychoanalytiker ein Unterbewußtes, das gewissermaßen nur anschlägt an das Bewußtsein. Dann aber kommt er zu einem weiten Gebiete - ich referiere hier nur —, welches der Psychoanalytiker dadurch faßt, daß er sagt: Da spielt herauf in das bewußte Leben der animalische Grundschlamm der Seele. Nun soll gar nicht geleugnet werden, daß dieser Grundschlamm vorhanden ist. (...) In dem, was der Psychoanalytiker in den enttäuschten Lebenshoffnungen in den Untergründen der Seele sucht, liegt, wenn er nur tief genug darauf eingeht, dasjenige, was sich vorbereitet in einem gegenwärtigen Leben, um schicksalsmäßig in ein nächstes Leben einzugreifen.

So findet man überall, wenn man den animalischen Grundschlamm — ohne sich die Hände dabei zu beschmutzen, wie es bei den Psychoanalytikern leider so häufig geschieht - umgräbt, durchforscht, das geistig-seelische Weben des Schicksals, das über Geburt und Tod mit dem geistig-seelischen Leben der Seele hinausgeht. Gerade an der analytischen Psychologie haben wir ein Gebiet, an dem so recht gelernt werden kann, wie alles richtig und alles falsch ist, wenn es sich um Weltanschauungsfragen handelt, nämlich von der einen oder anderen Seite aus."(Lit.: GA 066, S. 179ff)

In GA 181 (1918) heißt es über einen „Züricher Professor Jung“ und seine analytische Psychologie:

In Zürich macht man ja insbesondere Bekanntschaft mit der dort bereits akademiefähig gewordenen analytischen Psychologie, der sogenannten Psychoanalyse, und gerade an meine Vorträge haben sich die merkwürdigsten Auseinandersetzungen über die Beziehungen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zur Psychoanalyse angeschlossen. Aber die Psychoanalytiker kommen sozusagen mit geistig verbundenen Augen an diese Welt der Geisteswissenschaft heran, können sich nicht in sie hineinfinden. Aber diese Welt pocht an die Türe desjenigen, was heute den Menschen erschlossen werden soll. Da ist zum Beispiel in Zürich ein Professor Jung, der erst jüngst wieder eine Broschüre über Psychoanalyse geschrieben hat - er hat viele Schriften darüber verfasst - und der manches Problem darin berührt; aber er zeigt damit gerade, dass er alles nur mit unzulänglichen Mitteln anpacken kann. Ich will eine Tatsache anführen, aus deren Erwähnung Sie gleich sehen werden, was ich meine. Jung führt ein Beispiel an, das überhaupt viel von den Psychoanalytikern angeführt wird. Einer Frau passiert das Folgende. Sie ist eines Abends in einer Gesellschaft eingeladen, sie soll in einem Hause zum Abend bleiben. Die Dame des Hauses, wo sie eingeladen ist, soll gleich, nachdem das Abendessen verlaufen ist, in einen Badeort reisen, weil sie nicht ganz gesund ist. Das Abendbrot nimmt seinen Verlauf, die Dame des Hauses fährt ab, die Gäste gehen auch fort. Mit einem Trupp Gäste geht auch die eingeladene Dame, die ich meine. Die Leute gingen, wie man das ja zuweilen zu tun pflegt, wenn man abends aus einer Gesellschaft kommt, nicht auf dem sogenannten Bürgersteig, sondern sie gingen auf der Mitte der Straße. Da kommt auf einmal eine Droschke um eine Ecke gefahren. Die Leute wichen dem Wagen nach den Bürgersteigen hin aus, aber jene erwähnte Dame nicht. Sie lief mitten auf dem Fahrdamm weiter, gerade vor den Pferden vorweg. Der Kutscher schimpfte, aber sie lief immer in derselben Weise weiter, bis sie an eine Brücke kam, die über einen Fluss führte. Da beschloss sie, um dieser unangenehmen Situation zu entgehen, sich über die Brücke in den Fluss zu stürzen. Das tat sie, und sie konnte von den Leuten der Gesellschaft, die ihr nachgelaufen waren, gerade noch gerettet werden. Und weil es nun für die Gesellschaft das Nächstliegende war, wurde sie gerade wieder in das Haus der abgereisten Frau, wo sie herkamen, zurückgebracht. Sie fand dort den Gatten jener abgereisten Dame und konnte in seinem Hause mit ihm einige Stunden zubringen. Nun denken Sie sich, was ein Mensch mit unzulänglichen Mitteln alles aus einer solchen Begebenheit machen kann. Man findet dann, wenn man nach Art der Psychoanalytiker an die Sache herangeht, jene geheimnisvollen Provinzen in der Seele, die uns davon unterrichten, dass die Seele schon in ihrem siebenten Lebensjahre irgendein Erlebnis gehabt hat, das mit Pferden zusammenhängt, so dass die Frau auf jenem Fortgange aus der Gesellschaft, indem der Anblick der Droschkenpferde jenes frühere Erlebnis aus dem Unterbewusstsein heraufrief, dadurch so perplex gemacht worden ist, dass sie nicht zur Seite sprang, sondern vor der Droschke davonlief. So wird für den Psychoanalytiker der ganze Vorgang ein Ergebnis des Zusammenhanges gegenwärtiger Erlebnisse mit «ungelösten Seelenrätseln» aus dem Gebiete der Erziehung und so weiter. Alles dies aber ist ein Verfolgen der Dinge mit unzulänglichen Mitteln, weil der betreffende Psychoanalytiker nicht weiß, dass dieses im Menschen waltende Unterbewusste wesenhafter ist, als er annimmt, dass es sogar auch viel raffinierter und viel gescheiter ist als das, was der Mensch aus seinem bewussten Verstande hat. Auch viel mutiger und viel kühner ist oft dieses Unterbewusstsein. Denn der Psychoanalytiker weiß nur nicht, dass ein Dämon in der Seele jener Frau saß, die weggegangen, ich könnte ebensogut sagen, schon hingegangen ist mit dem unterbewussten Gedanken, allein zu sein mit dem Manne, wenn die Frau abgereist sein wird. Das alles ist veranstaltet mit den raffiniertesten Mitteln des Unterbewusstseins, denn man tut alles viel sicherer, wenn man mit dem Bewusstsein nicht dabei ist. Die Dame lief einfach vor den Rossen einher, um abgefangen zu werden, wenn es so weit ist, und verhielt sich danach. Aber solche Dinge durchschaut der Psychoanalytiker nicht, weil er nicht voraussetzt, dass es überall eine geistig-seelische Welt gibt, zu der die Menschenseele in Beziehung steht. Aber Jung ahnt so etwas. Aus den zahlreichen Dingen, die ihm auftreten, ahnt er, dass die Menschenseele zu zahlreichen andern Seelen in einer Beziehung steht. Aber er muss doch Materialist sein, denn sonst wäre er doch kein gescheiter Mensch der Gegenwart. Was macht er also? Er sagt: Überall steht die Menschenseele - man sieht das an den Dingen, die mit der Menschenseele vorgehen - in Beziehung zu außerseelischen geistigen Tatsachen. - Diese gibt es aber doch nicht! Also wie hilft man sich da? Nun, die Seele hat eben einen Körper, der von andern Körpern abstammt, und diese wieder von andern; dann gibt es eine Vererbung, und Jung konstruiert sich zusammen, dass die Seele vererbungsgemäß alles das nachlebt, was man an Verhältnissen zum Beispiel zu den heidnischen Göttern erlebt hat. Das steckt noch in einem, durch Vererbung steckt es in einem, und das werden «isolierte Seelenprovinzen», die erst heraufkatechisiert werden müssen, wenn man die Menschenseele davon befreien will. Er sieht es sogar ein, dass es der Menschenseele ein Bedürfnis ist, dazu eine Beziehung zu haben, und dass sie das Nervensystem ruinieren, wenn es nicht heraufgeholt wird ins Bewusstsein. Daher spricht er den Satz aus, der ganz berechtigt ist aus der modernen Weltanschauung heraus: Die Menschenseele kann nicht, ohne dass sie innerlich zugrunde geht, ohne Beziehung zu einem göttlichen Wesen sein. Dies ist ebenso sicher, wie es auf der andern Seite sicher ist, dass es ja ein göttliches Wesen gar nicht gibt. Die Frage nach der Beziehung des menschlichen Seelenwesens zum Gotte hat mit der Frage der Existenz Gottes nicht das geringste zu tun. So steht es in seinem Buche. Also bedenken wir, was da eigentlich vorliegt: Es wird wissenschaftlich konstatiert, dass die Menschenseele sich ein Verhältnis zu Gott konstruieren muss, dass es aber ebenso sicher ist, dass es töricht wäre, einen Gott anzunehmen; also ist die Seele zu ihrer eigenen Gesundheit verurteilt, sich einen Gott vorzulügen. Lüge dir vor, dass es einen Gott gibt, sonst wirst du krank! - das steht eigentlich in dem Buch. Man sieht aber daraus, dass die großen Rätselprobleme an die Pforten pochen, und dass sich die Gegenwart nur gegen diese Dinge stemmt. Würde man mutig genug sein, so würde auf Schritt und Tritt heute etwas ähnliches zutage treten. Man ist nur nicht mutig genug. Denn ich sage dies alles nicht, um dem Professor Jung etwas am Zeuge zu flicken, sondern weil ich glaube, dass er in seinem Denken schon mutiger ist als alle andern. Er sagt das, was er sagen muss nach den Voraussetzungen der Gegenwart. Die andern sagen es nicht, sie sind noch weniger mutig. GA 181, S. 022 Fußnoten zur Passage in GA 181:[25]

Hans Erhard Lauer arbeitet in "Die Rätsel der Seele" verschiedene Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus. Im Anhang, der der 2. Auflage (1964) zugefügt wurde, äußert er sich dahingehend, daß Jung zwar nur über die imaginative Erkenntnisstufe verfügte, aber bezüglich des Christentums im wesentlichen mit der Anthroposophie übereinstimme:

"So war es also, wenn auch Vergangenes, so doch immerhin Europäisch-Christlich-Abendländisches, das in Jungs seelischen Erlebnissen sich erneuerte. Daraus erklärt sich auch seine intensive Beziehung zu dem Mysterium, das in der Gestalt Jesu Christi seinen Ausdruck gefunden hat. Auch darf behauptet werden, daß seine Auffassungen gerade auch in diesem Punkte in vollem Einklang stehen mit denjenigen, die Rudolf Steiner hierüber vertreten hat. Nur unterscheiden sie sich von diesen zugleich wieder charakteristischerweise darin, daß Steiner zur Darstellung brachte, was einer über die Imaginationsstufe hinausgehenden geistigen Erfahrung sich erschließt, während Jung nur zur Erscheinung kommt, wie sich die betreffenden Tatsachen, auf die Ebene der Imagination projiziert, abbilden. Übereinstimmt er mit Steiner aber darin, daß er - wie es in der Einleitung zu seiner Selbstbiographie (von A. Jaffé) heißt - 'der christlichen Forderung des Glaubens die Notwendigkeit des Verstehens und Nachdenkens gegenüberstellte'. Oder, wie er es selbst an einer Stelle ausspricht: 'Ich lasse der christlichen Botschaft nicht nur eine Tür offen, sondern sie gehört ins Zentrum des westlichen Menschen. Allerdings bedarf sie einer neuen Sicht, um den säkularen Wandlungen des Zeitgeistes zu entsprechen; sonst steht sie neben der Zeit und die Ganzheit des Menschen neben ihr.' Außerdem aber handelt es sich im besonderen bei jenem alchimistisch-rosenkreuzerischen Seelenwandlungsprozeß, dem der von ihm durchgemachte in gewisser Weise entsprach, um jene Bestrebungen, durch welche der spezifische Geistesweg gerade der neueren Zeit inauguriert worden ist. Es kommt dies bei Jung darin zum Ausdruck, daß er auf diesem Seelenweg zu dem Individuationsprozeß 'als dem zentralen Begriff seiner Psychlogie' gelangte." (Lauer in "Die Rätsel der Seele", 2. Aufl. 1964, S. 109f.)

Siehe auch

Psychoanalyse

Archetypen nach C.G. Jung

Einzelnachweise

  1. C.G. Jung: Gesammelte Werke, Bd. 6. Psychologische Typen. / Jolande Jacobi: Die Psychologie von C.G. Jung, Seite 20ff.
  2. Aniela Jaffé: Der Mythus von Sinn: im Werk von C.G. Jung, 3. Aufl., Daimon-Verlag 1983, Seite 21-22 Buch bei Google Books
  3. C. G. Jung: Archetypen des koll. Unbewußten, GW IX 1, Seite 15. Zitiert nach: Aniela Jaffé: Der Mythus von Sinn: im Werk von C.G. Jung, 3. Aufl., Daimon-Verlag 1983, Seite 22 (Das erweiterte Originalzitat aus Jung, Gesammelte Werke: Fußnote 8 Seite 15, lautet: "Man muß, um genau zu sein, zwischen 'Archetypus' und 'archetypischen Vorstellungen' unterscheiden. Der Archetypus stellt an sich eine hypothetische, unanschauliche Vorlage dar, wie das in der Biologie bekannte 'pattern of behavior'. Siehe dazu [Jung,] Theoretische Überlegungen zum Psychischen.[GW VIII]" Fußnote 8 ist am Ende des folgenden Satzes eingefügt: "Der Archtypus stellt wesentlich einen unbewußten Inhalt dar, welcher durch seine Bewußtwerdung und das Wahrgenommenwerden verändert wird, und zwar im Sinne des jeweiligen individuellen Bewußtseins, in welchem er auftaucht.")
  4. C. G. Jung: Mutterarchetypus , GW IX 1, Seite 114 f. Zitiert nach: Aniela Jaffé: Der Mythus von Sinn: im Werk von C.G. Jung, 3. Aufl., Daimon-Verlag 1983, Seite 21
  5. Wenn es um den Vergleich von Rudolf Steiner und C.G. Jung geht, macht Gerhard Wehr hingegen folgende Aussage: „Fatal wird sich auswirken, wenn man einer Gestalt wie Steiner im Gegenüber zu Jung eine „höhere“ Erkenntnisqualität beimisst.“ (info3 Januar 2011 Text)
  6. Hans Erhard Lauer: Die Rätsel der Seele, 2. Aufl. 1964, S. 109f. (Siehe dazu auch Analytische Psychologie und Anthroposophie im Vergleich)
  7. „C.G. Jung war stark von Kant beeinflusst, den er schon in seiner Sudienzeit studiert hatte...Jung hat sich Zeit seines Lebens streng an die Grenzen der Erkenntnis gehalten, obwohl man ihm gerade Grenzüberschreitungen in Richtung der Metaphysik zum Vorwurf machte.“ (Alfred Ribi (Studienleiter am Jung-Institut): Neurose - an der Grenze zwischen krank und gesund: Eine Ideengeschichte zu den Grundfragen des Menschseins, Springer 2011, Text)
  8. C. G. Jung: Erinnerungen, Träume, Gedanken. Aufgezeichnet und herausgegeben von Aniela Jaffé. Sonderausgabe, 15. Auflage. Düsseldorf 2007, S. 175, S. 181 f. und 387.
  9. C. G. Jung: Das Rote Buch. LIBER NOVUS. Herausgegeben und eingeleitet von Sonu Shamdasani. Vorwort von Ulrich Hoerni. Patmos, Düsseldorf 2009, ISBN 978-3-491-42132-5, Vorwort, S. 9.
  10. In Goethes Faust sagt Faust: »Was ihr den Geist der Zeiten heißt, / Das ist im Grund der Herreneigner Geist, / In dem die Zeiten sich bespiegeln.« (Faust 1, Zeilen 577 ff.)
  11. Im Entwurf heißt es weiter: »Da sagte Einer zu mir, der mich nicht kannte, dem es aber offenbar zukam, es zu wissen: >Was für eine merkwürdige Aufgabe hast du! Du musst den Menschen all dein Innerstes und Unterstes enthüllen<. / Eben dagegen sträubte ich mich, denn ich hasste nichts so sehr als dieses, das mir als Unkeuschheit und Frechheit erschien.« (S. 1)
  12. In Wandlungen und Symbole der Libido (1912) deutet Jung Gott als Symbol der Libido (vgl. S. 70). In seinem späteren Werk betonte Jung besonders die Unterscheidung zwischen der Gott-Imago und der metaphysischen Existenz Gottes (vgl. die in der 1952 erschienenen und überarbeiteten Ausgabe der Wandlungen hinzugefügten Passagen, in: GW 5, § 95 . Die Schrift erhielt nun den neuen Titel Symbole der Wandlung).
  13. Die Wörter »hinübergehen«, »Übergang«, »Untergang« und »Brücke« kommen in Nietzsches Zarathustra vor, und zwar dort, wo vom Übergang des Menschen zum Übermenschen die Rede ist, z.B.; »Was groß ist am Mensch, das ist, daß er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, daß er ein Übergang und ein Untergang ist. Ich liebe die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn es sind die Hinübergehenden.« (Also sprach Zarathustra, »Vorrede« 4. Die hervorgehobenen Wörter sind in Jungs Exemplar unterstrichen.)
  14. Museum Rietberg – Ausstellungen – Archiv (Rückblick) – 2010 C. G. Jung – Das Rote Buch, 18. Dezember 2010 bis 20. März 2011
  15. Über diese Vision sprach Jung bei mehreren Gelegenheiten, wobei er unterschiedliche Einzelheiten hervorhobt: In seinem Seminar Analytische Psychologie von 1925 (S. 69), in dem Gespräch mit Mircea Eliade (siehe oben, S. 203) und in den Erinnerungen (S. 179). Jung war auf dem Weg nach Schaffhausen, dem Wohnort seiner Schwiegermutter, die am 17. Oktober ihren 75. Geburtstag feierte. Die Zugreise dorthin dauert etwa eine Stunde.
  16. Im Entwurf heißt es weiter: »mit einem Freunde, (dessen Mangel an Weitblick und dessen Unbedachtheit mir in Wirklichkeit öfter aufgefallen waren).« (S. 8)
  17. Im Entwurf heißt es weiter: »Mein Freund aber wollte mit einem kleinen langsamen Segelschiff zurückfahren, was ich dumm und unvorsichtig fand.« (S. 8)
  18. Im Entwurf heißt es weiter: »und fand dort auch merkwürdigerweise, zugleich mit mir, meinen Freund vor, der offenbar doch dasselbe schnelle Schiff benutzt hatte, ohne dass ich es merkte« (S. 8 f.)
  19. Eiswein wird aus Trauben bereitet, die bis zum ersten Frost am Rebstock bleiben. Danach werden sie gepresst, das Eis entfernt, und so ein starker, köstlicher Dessertwein gewonnen.
  20. Im Entwurf heißt es weiter: »Dies war mein Traum. Vergebens war alle Anstrengung, ihn zu verstehen. Ich mühte mich tagelang. Sein Eindruck aber war mächtig.« (S. 9) Jung berichtet von diesem Traum auch in den Erinnerungen (vgl. S. 179).
  21. Vgl. Einleitung, S. 203
  22. Im Entwurf richtet sich dies an »meine Freunde« (S. 9).
  23. Vgl. im Gegensatz dazu Johannes 14,6 : »Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.«
  24. Im Entwurf heißt es weiter: »die Schlange meines Weges« (S. 460).
  25. Zur Psychoanalyse vgl. u. a. auch die Vorträge vom 10. und 11. November 1917, in: «Individuelle Geistwesen und ihr Wirken in der Seele des Menschen» (9 Vorträge, St. Gallen, Zürich und Dornach 1917), GA 178. Jung ... eine Broschüre über Psychoanalyse: Carl Gustav Jung, 1875-1961, Arzt. Siehe «Die Psychologie der unbewußten Prozesse. Ein Überblick über die moderne Theorie und Methode der analytischen Psychologie», Zürich 1917, (späterer Titel: «Das Unbewußte im normalen und kranken Seelenleben»),
    • 22/23 Jung führt ein Beispiel an: Ebenda, S. 18 ff. - Vgl. auch S. 91 ff. in diesem Band.
    • 24 Aber Jung ahnt so etwas .... Er sagt: Ebenda, S. 85 ff.
    • 25 Daher spricht er den Satz aus: Ebenda, wörtlich: «Erst in der Aufklärungsepoche fand man, daß die Götter doch nicht wirklich existierten, sondern nur Projektionen waren. Damit waren sie auch erledigt. Aber die ihnen entsprechende psychologische Funktion war keineswegs erledigt, sondern verfiel dem Unbewußten, wodurch die Menschen selber vergiftet wurden, durch einen Überschuß an Libido, der vorher im Kult des Götterbildes investiert war. Die Entwertung und Verdrängung einer so starken Funktion, wie es die religiöse ist, hat natürlich beträchtliche Folgen für die Psychologie des Einzelnen» (S. 115 f.) und «Der Gottesbegriff ist nämlich eine schlechthin notwendige psychologische Funktion irrationaler Natur, die mit der Frage nach der Existenz Gottes überhaupt nichts zu tun hat. Denn diese letztere Frage gehört zu den dümmsten Fragen, die man stellen kann. Man weiß doch hinlänglich, daß man sich einen Gott nicht einmal denken kann, geschweige denn sich vorstellen, daß er wirklich existiere, so wenig wie man sich einen Vorgang denken kann, der nicht notwendig kausal bedingt wäre» (S. 91).

Literatur

  • Jolande Jacobi: Die Psychologie von C. G. Jung. Rascher, Zürich 1940; 22. Auflage: Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-596-26365-3. (Dieses schmale Taschenbuch enthält ein Geleitwort von Jung, in dem er diese Arbeit als adäquate Einführung und Überblick seiner Lehre autorisiert
  • Gerhard Wehr: C. G. Jung (= Rowohlts Monographien. Bd. 152). Rowohlt, Reinbek 1969; 21. Auflage 2006, ISBN 3-499-50152-X.
  • Gerhard Wehr: Carl Gustav Jung. Leben – Werk – Wirkung. Kösel, München 1985; 3., erweiterte Auflage: Telesma, Schwielowsee 2009, ISBN 978-3-941094-01-7.
  • Hans Erhard Lauer: Die Rätsel der Seele. Tiefenpsychologie und Anthroposophie. Verlag die Kommenden, Freiburg 1982, 5. Aufl. ISBN 3782302095 (Lauer analysiert detailliert, inwiefern sich die Auffassung des Seelischen und Geistigen der analytischen Psychologie Jungs von der Anthroposophie unterscheidet)
  • C.G. Jung: Erinnerungen, Träume, Gedanken. Patmos; Auflage: 17. Auflage 2011. ISBN 3843601917 (Aufgezeichnet und herausgegeben von Aniela Jaffé. Dieses Buch hat auch autobiographischen Charakter und es ist besonders im Hinblick auf die geschilderten übersinnlichen Erfahrungen, die Jung machte, lesenswert.)
  • C.G. Jung, J.J. Clarke (Hrsg.): C.G. Jung und der östliche Weg, Patmos 2005, ISBN 3491698146 (Dieses Buch enthält eine Zusammenstellung von Texten Jungs über die Spiritualität des Ostens, mit einer lesenswerten gelehrten Einleitung des Herausgebers.)
  • Rudolf Steiner: Geist und Stoff, Leben und Tod, GA 66 (1988), ISBN 3-7274-0660-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  • Jos. Hupfer: Der Begriff des Geistes bei C.G. Jung und bei R. Steiner, in: Abhandlungen zur Philosophie und Psychologie, Heft 1, 1951, Dornach (Hrsg: Freie Hochschule für Geisteswissenschaft)
  • Karl Ballmer: Synchronizität. Gleichzeitigkeit, Akausalität und „Schöpfung aus dem Nichts“ bei C. G. Jung und Rudolf Steiner, Siegen 1995, ISBN 3-930964-25-2
  • Gerhard Wehr: C. G. Jung und Rudolf Steiner: Konfrontation und Synopse. Klett-Cotta /J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger; Auflage: 2., veränd. A. (1998), ISBN 3608919341(Gerhard Wehr versteht es in diesem Werk, die analytische Psychologie im Vergleich zur Anthroposophie gerecht zu würdigen. Er sieht in Jung eine wenn nicht Steiner ebenbürtige, so doch große Gestalt, die einen eigenen Zugang zum Geistigen fand, und durch sein Werk diesen Weg für andere vermitteln kann.)
  • Thomas B. Kirsch: C. G. Jung und seine Nachfolger. Die internationale Entwicklung der Analytischen Psychologie. Psychosozial-Verlag, Gießen 2007, ISBN 978-3-89806-447-7
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