Chorus Mysticus

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Der Chorus Mysticus steht am Ende des zweiten Teils von Goethes Faust-Tragödie. Goethe fasst darin in kurzen Worten den geistigen Entwicklungsweg zusammen, der seiner Faust-Dichtung zugrunde liegt und der auf einer entsprechenden Ausbildung von Denken, Fühlen und Wollen beruht. In anderer Form hat Goethe diesen Schulungsweg in seinem Märchen in bildhafter Form dargestellt.

Rudolf Steiner gibt dazu folgende Verständnishilfe:

"Und auch das, was als Grundnerv der Goetheschen Anschauung seinen Ausdruck im Märchen gefunden hat, finden wir im «Faust», im zweiten Teile, im Chorus mysticus, da, wo Faust vor dem Eintritt in die geistige Welt steht, wo Goethe sein Bekenntnis zur geistigen Weltanschauung mit monumentalen Worten ablegt. Er zeigt da, wie in drei aufeinanderfolgenden Stufen, nämlich die Läuterung der Vorstellung, die Erleuchtung der Gefühle und die Herausarbeitung des Willens zur reinen Tat, der Aufstieg auf dem Erkenntnisweg erfolgt.

Was der Mensch durch die Läuterung der Vorstellung erlangt, führt ihn dazu, das Geistige hinter allem zu erkennen. Das Sinnliche wird ein Gleichnis für das Geistige. Er dringt tiefer ein, um das noch zu erfassen, was für die Vorstellung unzugänglich ist. Er erreicht dann eine Stufe, auf der er die Dinge nicht mehr durch die Vorstellung betrachtet, sondern in die Sache selbst hineingewiesen wird, da, wo das Wesen der Dinge und das, was man nicht beschreiben kann, Erreichnis wird. Und das, was man nicht beschreiben kann, was man, wie man im Laufe der Wintervorträge hören wird, in anderer Weise vorstellen muß, das, wobei man zu den Geheimnissen des Willens vorschreiten muß, bezeichnet er eben als das «Unbeschreibliche». Wenn der Mensch den dreifachen Weg durch die Vorstellung, das Gefühl und den Willen gemacht hat, dann vereinigt er sich mit dem, was im Chorus mysticus das «Ewig-Weibliche» genannt wird, das, was als menschliche Seele durchgemacht hat seine Entwickelung, das, was als die schöne Lilie dargestellt wird.

So sehen wir, daß Goethe geradezu sein tiefstes Bekenntnis, seine geheime Offenbarung auch noch da ausspricht, wo er sein großes Bekenntnisgedicht zum Abschluß bringt, nachdem er durch die Vorstellung, durch das Gefühl und den Willen emporgedrungen ist bis zur Vereinigung mit der schönen Lilie, bis zu dem Zustande, der seinen Ausdruck findet in der erwähnten Stelle des Chorus mysticus, die dasselbe ausdrückt, was Goethes Philosophie und Geisteswissenschaft und was auch das «Märchen» sagt:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis!
Das Unzulängliche,
Hier wird's Erreichnis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist's getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan!

" (Lit.: GA 0527, S. 83f)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Wo und wie findet man den Geist?, GA 57 (1984), ISBN 3-7274-0570-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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