Chrestós

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Chrestós (griech. Χριστός) ist in der griechischen Mystik die Bezeichnung für den Lebensgeist (Buddhi), der das zweite der drei höheren geistigen Wesensglieder des Menschen ist.

„In Griechenland nannte man die Buddhi «Chrestos», und dies ist heute bei den meisten Menschen nur in den ersten Anfängen da.“ (Lit.:GA 97, S. 57)

„Überall da, wo Leidenschaften, Triebe und Instinkte mitwirken, befinden sich die Menschen noch in Streit und Hader, in wirrem Durcheinander, wie das Trieb- und Instinktleben überhaupt ein wildes Chaos bildet. Wenn aber einst die Triebe, Instinkte und Leidenschaften geläutert, rein und ideal zu dem geworden sind, was man die Buddhi, was man den Chrestos nennt, wenn sie ausgebildet sind bis zu jener Höhe, auf der heute das logische, leidenschaftslose Denken steht, dann wird das erreicht sein, was uns in den alten Weisheitsreligionen, im Christentum, in der anthroposophischen Geisteswissenschaft als das eigentliche Menschheitsideal entgegenleuchtet. Wenn unser Denken und Fühlen so geläutert ist, daß das, was einer fühlt, harmonisch zusammenklingt mit dem, was andere fühlen, wenn auf dieser Menschenerde für das Gefühl und die Empfindung dieselbe Epoche gekommen sein wird, wie sie gekommen ist für den uniformierenden Verstand, wenn Buddhi auf dieser Erde, der Chrestos, verkörpert sein wird im Menschengeschlecht, dann wird das Ideal der alten Weisheitslehrer, des Christentums, der Anthroposophie erfüllt sein. Dann wird man ebensowenig abzustimmen brauchen über dasjenige, was man für gut und edel und richtig hält, wie man über das abzustimmen braucht, was man für logisch richtig und logisch falsch erkannt hat. Dieses Ideal kann jeder vor seine Seele hinstellen, und wenn er das tut, dann hat er das Ideal des Sonnenhelden vor sich, dasselbe, was alle Geheimlehrer, die im sechsten Grad eingeweiht sind, auch haben.“ (Lit.:GA 54, S. 244f)

„Ein zweites Glied dieses geistigen Wesenskernes des Menschen ist die Buddhi. In unserer deutschen Sprache würden wir sagen, der Lebensgeist. Dieses zweite Element in der menschlichen Seele ist etwas, was bei den Höchstentwickelten, bei den Führern, den Leitern der Menschheit in einer gewissen Weise zum Ausdruck kommt. Wir können in gewisser Weise beschreiben, was dieser Lebensgeist ist. Diese Buddhi in höchster Glorie und Erhabenheit ist es, die bei den alten Religionsstiftern, bei Hermes, Buddha, Zarathustra und im höchsten Maße bei dem Christus Jesus im Innern gelebt hat. Soll ich klarmachen, was diese Buddhi bedeutet im geistigen Gebiete, so kann ich das nur durch ein Gleichnis tun. Man muß das Geistige entweder sehen, oder man muß, wie Goethe, der sagt: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis», Ewiges, Unvergängliches in ein Gleichnis fassen. Ein solches Gleichnis möchte ich anführen für Buddhi. Wenn Sie sich die gewöhnliche produktive Kraft im gewöhnlichen sinnlichen Leben vorstellen, gepaart mit Liebe, aber nicht als empfangende Liebe, sondern als eine ganz und gar gebende Liebe: das ist Buddhi. Es gibt in der Natur kaum ein anderes Gleichnis als die Henne, die auf dem Ei sitzt, mit der eigenen Lebenswärme neues Leben hervorzaubernd, das eigene Dasein in einer Liebeseigenschaft hinopfernd für das neue Leben. Nun denken Sie sich das ins Geistige umgesetzt, denken Sie sich eine Individualität, welche die großen, treibenden Kräfte in der Menschennatur, das was Impuls ist in unserer menschlichen Fortentwickelung, in geistiger Weise so hervorbringt, wie das eben geschildert worden ist, dann haben Sie es. Oder war nicht etwa das, was seit zwei Jahrtausenden als der Gemüts- und Gefühlssegen, der durch die abendländischen und amerikanischen Herzen flutet und uns mit Seligkeit erfüllt, war das Element des christlichen Fühlens und Empfindens nicht eine Grundkraft, nicht etwas, das von Christus hervorgebracht und in Christus vorhanden war? Und wurde es nicht in diese Welt hereingebracht in höchst glorienhafter Weise, im Geiste darstellend das, was im Sinnlichen lebt, die hingebende Liebe, die hervorbringt - die nicht hervorbringt ein menschliches Wesen, sondern eine geistige Liebe, die die Weltenweisheit, die durch die Jahrhunderte fortzeugt, schafft? Denken Sie sich dieses Element in der Menschennatur, dann haben wir das, was wir in der christlichen Mystik den Christus, in der griechischen Mystik den Chrestos, in der morgenländischen Mystik die Buddhi nennen, den Lebensgeist in seiner höchsten Potenz. Ein jeder, der etwas fühlt davon, was es heißt, geistig zu produzieren, was als Kraft der Menschheitsentwickelung einverleibt wird, was Impulse im geistigen Leben gibt, ein jeder, der davon etwas fühlt, der hat in geistiger, heller, lichter Klarheit ein Gefühl ähnlich dem, das sich hier unten durch ein Gleichnis ausdrückt, das wahre Wonnegefühl, mit dem das Huhn auf dem Ei sitzt. Das ist die Buddhi. In einem gewissen Maße ist sie bei jedem einzelnen Menschen vorhanden, wenigstens in der Anlage.“ (Lit.:GA 54, S. 289)

Verbunden damit war das Schauen der Sonne um Mitternacht:

„Es war dasselbe allenthalben: in den ägyptischen Mysterien, in den Eleusinischen Mysterien, in den Mysterien Vorderasiens, in den babylonisch-chaldäischen ebensowohl als in den Mysterien des persischen Mithrasdienstes und den indischen Brahmamysterien. Überall erlebten die Schüler dieser Mysterienschulen dasselbe um die mitternächtige Stunde der Weihe-Nacht. Schon zeitig am Vorabend versammelten sie sich. In stillem Denken mußten sie sich klarmachen, was dies wichtigste Ereignis bedeute. Sie saßen in tiefem Schweigen im Dunkeln beieinander versammelt. Wenn dann die Mitternacht herankam, hatten sie schon stundenlang so gesessen im dunklen Räume. Gedanken der Ewigkeit durchzogen ihr Inneres. Dann, gegen Mitternacht, erhoben sich geheimnisvolle Töne, sie durchfluteten den Raum, im Anschwellen und Abschwellen. Die Schüler, die diese Töne hörten, wußten: Das ist die Sphärenmusik. Tiefe, weihevolle Andacht erfüllte ihre Herzen. Dann wurde es schwach hell. Das Licht ging aus von einer schwach erhellten Scheibe. Diejenigen, die das sahen, wußten, daß diese Scheibe die Erde vorstelle. Die erhellte Scheibe wird dann dunkler und dunkler, bis sie zuletzt ganz schwarz ist. Zugleich wurde es im Raum ringsum heller. Diejenigen, die das sahen, wußten, daß das schwarze Rund die Erde darstelle. Die Sonne, die sonst aber die Erde durchleuchtet, ist verhüllt. Die Erde kann die Sonne nicht mehr sehen. Dann bildete sich um die Erdscheibe, nach außen verlaufend, Kreis um Kreis in Regenbogenfarben. Diejenigen, die das sahen, wußten: das ist die Iris. Dann erhob sich um Mitternacht allmählich, anstelle des schwarzen Erdkreises, ein violett-rötlich leuchtender Kreis; auf dem stand ein Wort. Dies Wort war verschieden, je nach den Völkern, deren Glieder dies Mysterium erleben durften. In unserer heutigen Sprache würde das Wort lauten «Christos». Diejenigen, die das sahen, wußten: das ist die Sonne. Sie erschien ihnen in der mitternächtigen Stunde, wenn die Welt ringsum im tiefsten Dunkel ruht. Den Schülern wurde klargemacht, daß sie jetzt in Bildern erlebt hätten das, was man in den Mysterien nennt: die Sonne um Mitternacht schauen.

Derjenige, der wirklich eingeweiht ist, lernt die Sonne um Mitternacht wahrhaftig schauen, denn in ihm ist das Materielle ausgelöscht. Nur die Sonne des Geistes lebt in seinem Inneren und überstrahlt alle Dunkelheit der Materie.“ (Lit.:GA 96, S. 191f)

„«Christus» geworden sind einfach in den alten Mysterien diejenigen, die zum höchsten Wissen aufgestiegen sind; wie Sie ja auch heute zum Beispiel sich nicht zu verwundern brauchen, wenn einer bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahre studiert hat - vorher war er der ganz gewöhnliche Joseph Müller, jetzt ist er plötzlich der Herr Doktor. So wurde man in den alten Mysterien «Christus», allerdings nicht auf so unschuldige, das heißt einfache Art; denn man kann natürlich der größte Trottel sein, und mit fünfundzwanzig Jahren doch Doktor werden! Das war nicht in den alten Mysterien möglich; da war es eine tiefe, tiefe Weisheit. Da wurde man der «Christus». Es war ein Titel, der gegeben wurde den höchsten Weisen, wie heute der Titel «Doktor» gegeben wird nach einem gewissen Studium; nur war es damals, wenn es richtig zugegangen ist, ja wirkliche Weisheit. Und bei dem Christus ist es eben von selbst gekommen. Das heißt aber, es ist das, was sonst von der Erde gegeben worden ist, von den Menschen, es ist das gegeben worden aus den Weltenweiten. Das ist nur einmal so geschehen. Dadurch hat die Weltgeschichte eine andere Wendung genommen. Und dieses Geheimnis kann niemand leugnen, selbst der nicht, der kein Christ ist, daß da die Weltgeschichte eine andere Wendung genommen hat.“ (Lit.:GA 349, S. 217f)

„Wie soll der Mensch die Kraft gewinnen zu diesem Pfingstgedanken, wenn er nicht durchzudringen vermag zu dem Ostergedanken, zu dem wahren Ostergedanken, zu dem Gedanken von der Auferstehung des Geistes! Es darf der Mensch nicht betäubt werden durch das Bild des sterbenden, des schmerzdurchdrungenen Erlösers. Es muß der Mensch lernen das Verbundensein des Schmerzes mit dem Zusammengefügtsein mit dem materiellen Dasein. Das war ein Grundprinzip der alten Weisheit, die noch aus instinktiven Untergründen des menschlichen Erkennens heraus gekommen ist. Wir müssen uns diese Erkenntnis durch bewußtes Erkennen wiederum erringen. Das war aber ein Grundprinzip, daß des Schmerzes Ursprung die Verbindung mit der Materie ist, daß das Leiden stammt von der Verbindung des Menschen mit der Materie. Ein Unding wäre es allerdings, zu glauben, daß der Christus, weil er als göttlich-geistiges Wesen durch den Tod hindurchgegangen ist, den Schmerz nicht erlitten habe. Den Schmerz beim Mysterium von Golgatha für einen bloßen Scheinschmerz zu erklären, wäre unreal gedacht. Er muß im allerbedeutendsten Sinne als wirklich gedacht werden, aber er darf nicht gedacht werden als sein Gegenbild. Es muß wieder etwas gewonnen werden von dem, was vor uns steht, wenn wir mit dem Überblick über die ganze Menschheitsentwickelung das Mysterium von Golgatha vor uns hinstellen. Wenn den alten zu initiierenden Schülern der freieste Mensch im Bilde vorgeführt werden sollte, wenn diese zu initiierenden Schüler die verschiedensten Vorstufen durchgemacht hatten, wenn sie durchgegangen waren durch alle die Übungen, durch die sie sich gewisse Erkenntnisse erringen konnten, und die ihnen im Bilde dramatisch vorgeführt worden sind, dann wurden sie zuletzt geführt vor das Bild des ganz und gar in seinem physischen Leibe leidenden Menschen im roten Purpurmantel mit der Dornenkrone auf dem Haupte, vor das Bild des Chrestos. Und im Anschauen dieses Chrestos sollte sich der Seele entringen diejenige Kraft, die den Menschen zum eigentlichen Menschen macht. Und die Blutstropfen, die an allen wichtigeren Stellen jenes alten Chrestos dem Schauenden, dem zu Initiierenden entgegentraten, die sollten da sein zur Beseitigung der Ohnmacht und der menschlichen Schwäche und zum Erheben des triumphierenden Geistes aus dem menschlichen Inneren.

Die Schmerzesanschauung sollte bedeuten die Auferstehung des geistigen Wesens. Im tiefsten Sinne sollte im Bilde vor dem Menschen stehen, was man in einfachen Worten so ausdrücken kann: Deiner Lust magst du manches im Leben verdanken; hast du dir aber Erkenntnis, hast du dir Einsicht in die geistigen Zusammenhänge verschafft, so verdankst du das deinem Leide, deinem Schmerze. Du verdankst es dem Umstände, daß du in deinem Leide und deinem Schmerze nicht untergegangen bist, sondern die Kraft hattest, dich aus ihnen zu erheben. - Deshalb wurde in den alten Mysterien das Bild des leidenden Chrestos abgelöst durch das andere Bild des triumphierenden Christus, der herunterschaut auf den leidenden Chrestos als auf dasjenige, was überwunden ist.

Wiedergefunden werden muß so die Möglichkeit, den triumphierenden geistigen Christus vor der Seele und in der Seele und namentlich im Willen zu haben. Das ist dasjenige, was uns bevorstehen muß in der Gegenwart und insbesondere in dem, was wir tun wollen in dieser Gegenwart zu der Herbeiführung einer heilsamen menschlichen Zukunft.“ (Lit.:GA 203, S. 287f)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Die Welträtsel und die Anthroposophie, GA 54 (1983), ISBN 3-7274-0540-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft, GA 96 (1989), ISBN 3-7274-0961-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Das christliche Mysterium, GA 97 (1998), ISBN 3-7274-0970-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Die Verantwortung des Menschen für die Weltentwickelung durch seinen geistigen Zusammenhang mit dem Erdplaneten und der Sternenwelt, GA 203 (1989), ISBN 3-7274-2030-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  5. Rudolf Steiner: Vom Leben des Menschen und der Erde. Über das Wesen des Christentums, GA 349 (1980), ISBN 3-7274-3490-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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