Das Böse

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Das Böse (hebr. ‏רָע‎ , ra'), das fünfte der sieben Lebensgeheimnisse, ist nach der Ansicht Rudolf Steiners ein ursprünglich Gutes, das, anstatt sich weiterzuentwickeln, in seiner unveränderten früheren Gestalt in einem späteren Zeitalter nachwirkt. Böses kann aber auch dadurch entstehen, dass etwas, das erst in einem späteren Zeitalter wirksam werden soll, in unreifer Form zu früh auftritt. Das Böse ist ein zeitversetztes Gutes. Der Kampf zwischen Gutem und Bösem besteht in der Auseinandersetzung des Früheren mit dem Späteren, des Alten mit dem Neuen.

Die Evolution bedarf des Bösen als notwendigem Gegengewicht zum Guten; nur durch den Ausgleich beider kann das Weltenziel erreicht werden. Dazu müssen gewisse geistige Wesenheiten zum Heil der Gesamtentwicklung das Opfer bringen, in ihrer regelrechten Entwicklung zurückzubleiben. Sie werden dadurch zu Widersachermächten, die aber durch ihren Widerstand die Entwicklung insgesamt fördern. Insbesondere kann die Freiheit für den Menschen nur dadurch errungen werden, dass er die Wahl zwischen dem Bösen und dem Guten hat.

Nach der urpersischen Anschauung ist das Gute und Böse hervorgegangen aus Zaruana Akarana, der unerschaffenen Zeit. Sobald dasjenige, was in der geistigen Welt (→ Devachan) Dauer hat, also der Ewigkeit angehört, sich in das Zeitliche auseinanderlegt, gliedert es sich notwendig in ein Böses und ein Gutes. Das Gewordene, das in seiner Form erstarrt und dann nur mehr der Verwesung, dem Verfall anheimfällt, wird zum Bösen, während das Gute ein Werdendes ist, das sich noch etwas von der ursprünglichen Schöpferkraft bewahrt hat. Durch den Fall des Ewigen in die Zeitlichkeit gliedern sich die Tierkreiswesenheiten in zwei Sphären: in die 7 vom Widder an aufsteigenden Tages-Tierkreiszeichen, die das Gute repräsentieren, und in die vom Skorpion an absteigenden 5 Nacht-Tierkreiszeichen, die mit den Kräften des Bösen verwandt sind. Für den Urperser war der Gegensatz des Guten zum Bösen noch keine moralische Frage, sondern eine des Wechselspiels kosmischer Kräfte. Erst im Hebräertum entwickelte sich der Begriff der menschlichen Schuld.

Das Urgeheimnis des Bösen hängt nach Rudolf Steiner mit dem Streit am Himmel zusammen, dessen Folgen dem menschlichen Astralleib während der Erdenentwicklung durch die luziferischen Geister einverleibt wurden.

Es gibt in diesem Sinn kein absolutes Gutes und kein absolutes Böses, sondern beide bestimmen sich durch ihre Relation zueinander. Was auf einem Gebiet gut ist, kann auf einem anderen Gebiet böse werden. Für den Menschen kommt es darauf an, dass er die dem jeweiligen Entwicklungszustand gemäße Wahl trifft. So wird der kosmische Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen nach und nach zu einer Frage der menschlichen Verantwortung. Indem sich der Mensch durch sein geistiges Streben vom Zeitlichen zum Ewigen erhebt und etwas von dem Ewigen aufnimmt, das sich gnädig zu ihm herniedersenkt, löst er den Gegensatz von Gut und Böse wieder auf.

Ebenso wie die Dreigliederung des menschlichen Organismus, so existiert auch eine Dreigliederung des Bösen, die durch ihre Polarität eine Steigerung der Kräfte des Bösen erst hervorruft. Diese wesenhaften Widersachermächte tragen in der Anthroposophie die Bezeichnungen: Luzifer und Ahriman sowie Sorat-Asuras.

Siehe auch

Literatur

  • Rudolf Steiner: Das Mysterium des Bösen, Vlg. Freies Geistesleben, Stuttgart 1993
  • Michael Kalisch: Das Böse - Polarität und Steigerung, Vlg. Freies Geistesleben, Stuttgart 1998
  • Alfred Schütze: Das Rätsel des Bösen, Fischer TB Vlg., Frankfurt a. M. 1982
  • Erhard Fucke: Im Spannungsfeld des Bösen, Vlg. Freies Geistesleben, Stuttgart 2002
  • B. C. J. Lievegoed: Dem einundzwanzigsten Jahrhundert entgegen. Acht Vorträge, gehalten in Spring Valley, Info3-Verlag, Frankfurt a.M. 1988