Der Menschheitsrepräsentant zwischen Luzifer und Ahriman

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Christus als Menschheitsrepräsentant zwischen Luzifer und Ahriman - Holzskulptur von Rudolf Steiner.

Der Menschheitsrepräsentant zwischen Luzifer und Ahriman ist eine mehr als 8 m hohe von Rudolf Steiner entworfene und gemeinsam mit der Bildhauerin Edith Maryon für das erste Goetheanum in Dornach geschaffene Holzskulptur. Sie sollte im kleinen Kuppelraum, dem Bühnenraum des ersten Goetheanums, aufgestellt werden. Als das Goetheanum in der Silvesternacht 1922/23 niederbrannte, war die Skulptur noch nicht vollendet und blieb daher vom Feuer verschont.

Das Streben des individuellen Menschen nach Gleichgewicht

"Ich möchte sagen, ich erkläre es fast jedem, von dem ich nur glaube, daß er einiges Verständnis dafür haben kann, jedem, der vor die bekannte Holzgruppe in Dornach kommt: «Christus in der Mitte als Menschheitsrepräsentant, Ahriman und Luzifer zu beiden Seiten», daß der Mensch, wie wir ihn vor uns haben, eigentlich nur vorzustellen ist dadurch, daß wir alles an ihm als einen Gleichgewichtszustand vorstellen. Auf der einen Seite ist das Übersinnliche, auf der anderen Seite das Untersinnliche. Das Menschenwesen stellt eigentlich immer nur den Gleichgewichtszustand zwischen dem Übersinnlichen und Untersinnlichen dar." (Lit.: GA 324a, S. 152)

"Der einzelne, individuelle Mensch kam bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts nicht so in Betracht wie seit jener Zeit. Seit jener Zeit ist dasjenige, was das Wesentlichste im Menschen ist, das Streben, Individualität zu sein, das Streben, individuelle Persönlichkeitskräfte zusammenzufassen, gewissermaßen einen Mittelpunkt in sich selber zu finden [...]

Dadurch aber wird für den Menschen etwas ganz besonders wichtig in dieser Zeit, die mit der Mitte des 15. Jahrhunderts begonnen hat und gegen das vierte Jahrtausend zu erst enden wird. Damit tritt etwas ein, was für diese Zeit von ganz besonderer Wichtigkeit ist. Denn sehen Sie, es ist etwas Unbestimmtes ausgedrückt, wenn man sagen muß: Jeder Mensch strebt nach seiner besonderen Individualität. Der Gruppengeist, selbst wenn er nur kleinere Gruppen umfaßt, ist etwas viel Faßbareres als dasjenige, was jeder einzelne Mensch aus dem Urquell seiner Individualität heraus erstrebt. Daher kommt es, daß ganz besonders wichtig wird für diesen Menschen der neueren Zeit das zu verstehen, was man nennen kann: Gleichgewicht suchen zwischen den entgegengesetzten Polen.

Das eine will gewissermaßen über den Kopf hinaus. Alles, was den Menschen dazu bringt, Schwärmer, Phantast, Wahnmensch zu sein, was ihn erfüllt mit unbestimmten mystischen Regungen nach irgendeinem unbestimmten Unendlichen, ja, was ihn selbst erfüllt, wenn er Pantheist oder Theist oder irgend so etwas ist, was man ja heute so häufig ist, das ist der eine Pol. Der andere Pol ist der der Nüchternheit, der Trockenheit, trivial gesprochen, aber nicht unwirklich gesprochen gegenüber dem Geiste der Gegenwart, wahrhaftig nicht unwirklich gesprochen: der Pol der Philistrosität, der Pol des Spießbürgertums, der Pol, der uns hinunterzieht zur Erde in den Materialismus hinein. Diese zwei Kräftepole sind im Menschen, und zwischen denen darinnen steht das Menschenwesen, hat es das Gleichgewicht zu suchen. Auf wie viele Arten kann man denn das Gleichgewicht suchen? [...]

Auf unendlich viele Arten können Sie das Gleichgewicht suchen. Das entspricht den unendlich vielen Arten, individueller Mensch zu sein. Daher ist für den gegenwärtigen Menschen so wesentlich, einzusehen, daß sein Wesen in dem Streben nach Gleichgewicht zwischen den entgegengesetzten Polen besteht. Und das Unbestimmte des Suchens nach Gleichgewicht ist eben jenes Unbestimmte, von dem ich Ihnen vorhin gesprochen habe [...]

Seelisch gesund sind wir, wenn wir das Gleichgewicht finden zwischen dem Schwärmerisch-Phantastischen und dem Trocken- Philiströsen. Körperlich gesund sind wir, wenn wir im Gleichgewichte leben können zwischen dem Fieber und der Sklerose, der Verknöcherung. Und das kann auf unendlich viele Weise geschehen, darinnen kann die Individualität leben.

Das ist dasjenige, worin der Mensch gerade in der modernen Zeit erfühlen muß den alten Apollo-Spruch «Erkenne dich selbst». Aber «Erkenne dich selbst» nicht in irgendeiner Abstraktion: «Erkenne dich selbst in dem Streben nach Gleichgewicht.» Deshalb haben wir im Osten des Baues aufzustellen dasjenige, was den Menschen empfinden lassen kann dieses Streben nach Gleichgewicht. Und das soll in der gestern erwähnten plastischen Holzgruppe zur Darstellung kommen, die als Mittelpunktsfigur hat die Christus-Gestalt, die Christus-Gestalt, die versucht worden ist so zu gestalten, daß man sich vorstellen kann: So hat wirklich der Christus in dem Menschen Jesus von Nazareth gewandelt im Beginne unserer Zeitrechnung in Palästina. Die konventionellen Bilder des bärtigen Christus, sie sind ja eigentlich erst Schöpfungen des 5., 6. Jahrhunderts, und sie sind wahrhaftig nicht irgendwie, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, porträtgetreu. Das ist versucht worden: einen porträtgetreuen Christus zu schaffen, der der Repräsentant zugleich sein soll des suchenden, des nach Gleichgewicht strebenden Menschen. (Es wird gezeichnet.)

Der Menschheitsrepräsentant zwischen Luzifer und Ahriman; Tafel 17 aus GA 194, S 187

Sie werden dann an dieser Gruppe zwei Figuren sehen: Hier den stürzenden Luzifer, hier den hinaufstrebenden Luzifer. Hier unten, gewissermaßen verbunden mit Luzifer, eine ahrimanische Gestalt, und hier eine zweite ahrimanische Gestalt. Hineingestellt der Menschheitsrepräsentant zwischen der ahrimanischen Gestalt: dem Philiströsen, dem Nüchtern-Trocken-Materialistischen; und der Luzifer-Gestalt: dem Schwärmerischen, Phantastischen. Der Ahriman-Gestalt: alldem, was den Menschen führt zur Petrifizierung, zur Sklerose; der Luzifer- Gestalt: Repräsentanz alles dessen, was den Menschen fiebrig über das Maß derjenigen Gesundheit hinausführt, das er ertragen kann." (Lit.: GA 194, S. 183ff)

Zusammenhang mit der Oster-Imagination

Die Oster-Imagination, die Rudolf Steiner gegeben hat, schildert, wie sich aus dem irdisch-kosmischen Geschehen heraus das Bild des Christus formt, der zwischen den Widersachermächten Luzifer und Ahriman steht und beide im Gleichgewicht hält. In der Statue des Menschheitsrepräsentanten zwischen Luzifer und Ahriman finden wesentliche Teile dieser Osterimagination ihre künstlerisch-bildhauerische Darstellung.

"In der Mitte dieser Gruppe wird eine Gestalt stehen, wie, ich möchte sagen, der Repräsentant des höchsten Menschlichen, das auf der Erde sich entfalten konnte. Daher wird man auch diese Gestalt des höchsten Menschlichen in der Erdentwickelung empfinden können als den Christus. Es wird die besondere Aufgabe sein, diese Christus-Gestalt so auszugestalten, daß man wird sehen können, wie dieser Erdenleib in jeder Miene, in allem, was an ihm ist, durchgeistigt ist von dem, was aus kosmischen, aus geistigen Höhen als der Christus eingezogen ist. Durch die Erhebung des linken Armes der Christus- Gestalt geschieht es, daß diese herabstürzende Wesenheit die Flügel zerbricht. Aber es darf das nicht so aussehen, als wenn etwa der Christus dieser Wesenheit (Luzifer) die Flügel zerbräche, sondern das Ganze muß künstlerisch so gestaltet sein, daß, indem der Christus den Arm hinaufhebt, schon in der ganzen Handbewegung liegt, daß er eigentlich auch mit dieser Wesenheit nur unendliches Mitleid hat. Diese Wesenheit erträgt aber nicht das, was durch den Arm und die Hand hinaufströmt; man möchte ihre Empfindung in die Worte kleiden: Ich kann nicht ertragen, daß so Reines auf mich heraufstrahlt.

Und auf der anderen Seite da wird der Felsen ausgehöhlt sein. In dieser Aushöhlung ist auch eine Gestalt, die Flügel hat. Die Gestalt in der Höhle klammert sich förmlich ein in die Höhle, man sieht sie in Fesseln, man sieht sie da unten arbeiten, das Erdreich auszuhöhlen. Christus hat die rechte Hand nach unten gerichtet. Christus selbst hat unendliches Mitleid für Ahriman. Ahriman aber kann das nicht ertragen, er windet sich in Schmerzen durch das, was durch die Hand des Christus ausstrahlt. Und was da ausstrahlt das bewirkt, daß die Goldadern, die unten in der Felsenhöhle sind, sich wie Schnüre um den Ahrimanleib winden und ihn fesseln." (Lit.: GA 159, S. 248ff)

Christus als Menschheitsrepräsentant zwischen den Widersachermächten

Die Figurengruppe der großen Holzskulptur zeigt den Christus, schreitend zwischen zwei Luzifergestalten und zwei Ahrimangestalten, die paarweise zusammengehören. Das eine Paar der Luzifer- und Ahrimangestalten waltet im Menscheninneren, das andere ist draußen in der Natur bzw. im Kosmos so wirksam, wie es auch die Oster-Imagination zeigt. Ganz links oben über der Gestalt Luzifers wächst noch aus innerer künstlerischer Notwendigkeit ein stark asymmetrisch gestaltetes Elementarwesen aus dem Gestein, das mit einem gewissen Humor über den Felsen herüberschaut - der Weltenhumor.

"Der ganze Bau ist, wie ich sagte, angeordnet von Westen nach Osten, so daß also zwischen den Säulen die Symmetrieachse durchgeht, von Westen nach Osten, und sie schneidet den kleinen Zylinder, also den Bühnenraum, an seiner Grenze im Osten. Dort also nach dem Osten hin, zwischen der sechsten Säule rechts und der sechsten Säule links, steht eine bildhauerisch gearbeitete Gruppe. Die soll nun ihrerseits künstlerisch wieder darstellen, ich möchte sagen, das Intimste unserer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung. Sie soll darstellen, was notwendigerweise der menschlichen Geistanschauung der Gegenwart und in die Zukunft hinein sich einfügen muß. Die Menschheit muß begreifen lernen, daß alles, was für die Weltgestaltung und für das menschliche Leben wichtig ist, in diese drei Strömungen hineinläuft: gewissermaßen die normale geistige Strömung, in die der Mensch hineingewoben ist, dann die luziferische Strömung und die ahrimanische. In alles, sowohl in die Grundlagen des physischen wie in die Offenbarungen des geistigen Geschehens, ist göttliche Entwickelung, luziferische Entwickelung und ahrimanische Entwickelung hineinverwoben. Dies soll aber nun wieder nicht symbolisch, sondern künstlerisch erfaßt, in unserer bildnerischen Gruppe zum Ausdruck kommen. Eine Holzgruppe. Es hat sich mir der Gedanke ergeben, den ich als Gedanken glaube erfaßt zu haben, dessen Begründung aber mir selbst in seinen okkulten Untergründen noch nicht klargeworden ist; es wird wohl die okkulte Forschung der Zukunft dies noch ergeben. Es scheint aber unbedingt richtig zu sein, daß sich alle antiken Motive besser in Stein oder in Metall zur Darstellung bringen lassen, und alle christlichen Motive - und unseres ist im eminenten Sinne ein christliches Motiv - besser in Holz. Ich kann nicht anders als sagen: Ich habe es immer als notwendig empfunden, daß die Gruppe in der Peterskirche in Rom, die Pieta von Michelangelo, in Holz umzudenken wäre; denn da, glaube ich, würde sie erst das darstellen, was sie darstellen soll; ebenso wie ich andere christliche Gruppen, die ich in Stein fand, in Holz umdenken mußte. Es liegt dem ganz gewiß etwas zugrunde; auf die Gründe selbst bin ich noch nicht gekommen. So mußte unsere Gruppe in Holz gedacht und ausgeführt werden.

Die Hauptfigur ist eine Art Menschheitsrepräsentant, eine Wesenheit, die den Menschen darstellen soll in seiner göttlichen Offenbarung. Ich bin es zufrieden, wenn jemand, der diese Gestalt anschaut, die Empfindung hat: es ist eine Darstellung des Christus Jesus. Aber selbst dies schien mir unkünstlerisch, wenn ich den Impuls zugrunde gelegt hätte: Ich will einen Christus Jesus machen. Ich wollte darstellen, was dasteht. Was dann der Betreffende erlebt, ob es ein Christus Jesus ist, das muß erst die Folge sein. Ich wäre recht froh, wenn jeder das erlebte. Das ist aber nicht der künstlerische Gedanke, einen Christus Jesus darzustellen. Der künstlerische Gedanke ruht rein in der künstlerischen Form, in der Gestaltengebung; das andere ist ein novellistischer oder programmatischer Gedanke, einen Christus Jesus darzustellen. Das Künstlerische lebt in der Form, wenigstens wenn es ein Bildnerisches ist. - Eine Hauptgestalt, die ganze Gruppe ist achteinhalb Meter hoch, steht etwas erhöht, hinter ihr Felsen, unter ihr Felsen. Unten aus dem Felsen, der sich etwas aushöhlt, wächst heraus eine Ahrimangestalt. Die ist in einer Felsenhöhle drinnen, halb liegend, mit dem Kopf nach oben. Auf diesem etwas ausgehöhlten Felsen steht die Hauptfigur. Über der Ahrimanfigur und vom Beschauer links ist wiederum aus dem Felsen herauswachsend ein zweiter Ahriman, so daß die Ahrimanfigur sich wiederholt. Über der Ahrimanfigur, wiederum links vom Beschauer, ist eine Luzifergestalt. Zwischen dem Luzifer und dem Ahriman darunter ist eine Art künstlerischer Zusammenhang geschaffen. Ganz wenig darüber, über der Hauptfigur, rechts vom Beschauer, ist auch eine Luzifergestalt. Luzifer ist also auch zweimal vorhanden. Dieser andere Luzifer ist in sich gebrochen, stürzt ab durch das In-sich-Gebrochensein. Die rechte Hand der Mittelfigur weist nach unten, die linke nach oben. Diese nach oben weisende linke Hand weist auf die Bruchstelle des Luzifer hin; da gerade bricht er sich entzwei und stürzt ab. Die rechte Hand und der rechte Arm der Mittelfigur weist nach dem unteren Ahriman hin und bringt ihn zur Verzweiflung. Das Ganze ist so gedacht - ich hoffe, daß man es wird empfinden können -, daß diese Mittelfigur nicht irgendwie aggressiv ist; sondern in der Geste, die ich andeutete, ist nur Liebe darinnen. Aber weder Luzifer noch Ahriman vertragen diese Liebe. Der Christus kämpft nicht gegen Ahriman, sondern er strahlt Liebe aus; aber Luzifer und Ahriman können die Liebe nicht in ihre Nähe gelangen lassen. Durch die Nähe der Liebe fühlt der eine, Ahriman, die Verzweiflung, das In-sich-Verzehrtwerden, und Luzifer stürzt ab. In ihnen, in Luzifer und Ahriman, liegt es also, was in ihren Gesten zum Ausdruck kommt.

Die untere ahrimanische Gestalt, gezeichnet nach dem 1:1-Modell.

Die Gestalten waren natürlich aus dem Grunde nicht leicht zu schaffen, weil man Geistiges - bei der Hauptfigur teilweise Geistiges, bei Luzifer und Ahriman aber rein Geistiges - zu schaffen hat, und bildhauerisch ist es am schwierigsten, das Geistige zu bilden. Es wurde aber doch versucht, das zu erreichen, was notwendig war, besonders für unsere Ziele: die Form, trotzdem sie künstlerische Form bleiben mußte, ganz in Geste, ganz in Miene aufzulösen. Der Mensch ist ja eigentlich nur in der Lage, Geste und Miene in sehr eingeschränktem Sinne zu gebrauchen. Luzifer und Ahriman sind ganz Geste und ganz Miene. Geistgestalten haben nicht abgeschlossene Form, keine fertige Geistgestalt gibt es. Wenn Sie den Geist gestalten wollen, sind Sie in derselben Lage, wie wenn Sie den Blitz gestalten wollten. Die Gestalt, die ein Geist in einem Augenblick hat, ist eine andere als im nächsten Augenblick. Das muß man berücksichtigen. Würde man aber für den einen Augenblick eine Geistgestalt festhalten wollen, so wie man eine ruhende Gestalt nachbildet, dann würde man nichts herausbekommen, dann hätte man nur eine erstarrte Gestalt. So muß man in solchem Falle ganz und gar die Geste nachbilden. Es ist also bei Luzifer und Ahriman ganz und gar die Geste nachgebildet, und zum Teil mußte das auch für die mittlere Gestalt versucht werden, die ja natürlich eine physische Gestalt ist: der Christus Jesus.

Nun möchte ich Ihnen ein paar Bilder vorführen, die Ihnen im Kleinen, so gut es geht, einen Begriff von dieser Hauptgruppe geben können. Das erste ist der Kopf des Ahriman, und zwar in der Gestalt, wie er mir zuerst gekommen ist: ein Mensch - man denke dabei an die Dreiteilung des Menschen in Kopf-, Rumpf- und Extremitätenmenschen -, der ganz Kopf ist, der daher auch das Werkzeug ist für die vollendetste Klugheit, Verständigkeit und Schlauheit. Das soll in der Ahrimanfigur zum Ausdruck kommen. Der Kopf des Ahriman ist, wie Sie ihn hier sehen, richtig Geist, wenn ich den paradoxen Ausdruck gebrauchen darf; aber Sie wissen, wie ein Paradoxes oft herauskommt, wenn man geistig charakterisiert. Er ist tatsächlich nach dem Modell, geistgetreu, künstlerisch naturgetreu. Ahriman mußte schon «sitzen», damit das zustande gebracht werden konnte.

Luzifer, gezeichnet nach dem 1:1-Modell.
Der Menschheitsrepräsentant zwischen Luzifer und Ahriman - Modell im Maßstab 1:1

Das nächste soll sein Luzifer, wie er vom Beschauer aus an der linken Seite sich findet. Um Luzifer zu verstehen, müssen Sie sich in einer sehr merkwürdigen Weise das denken, was als Geistgestalt des Luzifer erscheint. Man denke sich das am meisten Ahrimanische am Menschen von der Menschengestalt weg, also den Kopf weg, dafür aber denken Sie sich die Ohren und die Ohrmuscheln, das Außenohr, wesentlich vergrößert, natürlich vergeistigt und zu Flügeln gebildet und zu einem Organ geformt, das Organ aber um ihren Leib herumgeschlungen, die Kehlkopfflügel ebenfalls erweitert; so daß Kopf, Flügel, Ohren ein Organ zusammen bilden. Und die Flügel, das Hauptorgan, ist das, das sich für die Gestalt des Luzifer ergibt. Luzifer ist erweiterter Kehlkopf, Kehlkopf, der zur ganzen Gestalt wird, aus dem sich dann herausentwickelt durch eine Art Flügel eine Verbindung zum Ohre hin, so daß man sich vorzustellen hat: Luzifer ist eine solche Gestalt, welche die Sphärenmusik aufnimmt, sie hereinnimmt in diesen Ohr-Flügelorganismus; und ohne daß die Individualität mitspricht, spricht sich das Weltenall, die Sphärenmusik selber, wiederum durch dasselbe Organ aus, das nach vorn zum Kehlkopf umgeformt, also eine andere Metamorphose der Menschengestalt ist: Kehlkopf-Ohr-Flügelorgan. Daher ist der Kopf nur angedeutet. Bei Ahriman werden Sie finden, wenn Sie einmal die Figur im Dornacher Bau sehen werden: Es ist das herausgestellt, was man sich als Gestalt denken kann. Was aber bei Luzifer als Kopf herauskommt - obwohl Sie sich nicht gut vorstellen können, daß es bei Ihnen selbst so wäre wie bei Luzifer -, das ist etwas, was doch im höchsten Grade schön ist. Das Ahrimanische ist also das Verständige, Kluge, aber Häßliche in der Welt; das Luziferische ist das Schöne in der Welt. Alles in der Welt enthält die beiden: das Ahrimanische und das Luziferische. Die Jugend und die Kindheit ist mehr luziferisch, das Alter mehr ahrimanisch; die Vergangenheit ist mehr ahrimanisch, die Zukunft mehr luziferisch in ihren Impulsen; die Frauen mehr luziferisch, die Männer mehr ahrimanisch; alles enthält diese beiden Strömungen.

Das Wesen über dem Luzifer entstand als ein solches, das als Elementarwesen aus dem Felsen herauswächst. Wir hatten die besprochene Gruppe fertig, und als sie von ihrem Gerüst befreit war, stellt sich etwas ganz Merkwürdiges dar: daß nämlich, wie Fräulein Waller empfand, der Schwerpunkt der Gruppe - für die Anschauung natürlich nur - zu weit rechts läge und etwas dazu geschaffen werden müßte, um den Ausgleich zu bringen. So wurde es uns vom Karma zugetragen. Nun handelte es sich darum, nicht bloß einen Batzen Felsen anzubringen, sondern den bildhauerischen Gedanken weiterzuverfolgen. So entstand dann dieses Wesen, das gewissermaßen als Elementarwesen aus dem Felsen herauswächst. Gerade an diesem Wesen werden Sie eines bemerken, wenn es auch nur in Andeutungen zum Ausdruck kommt: Sie werden sehen, wie eine Asymmetrie, sobald Geistgestalten in Betracht kommen, sogleich wirken muß. Das kommt im Physischen nur sehr eingeschränkt zum Ausdruck: unser linkes Auge ist anders als unser rechtes und so weiter; mit Ohr und Nase ist es ebenso. Sobald man aber ins Geistige hineinkommt, wirkt schon der Ätherleib ganz entschieden asymmetrisch. Die linke Seite des Ätherleibes ist ganz anders als die rechte; das kommt sofort heraus, wenn man Geistgestalten bilden will. Sie können um dieses Wesen herumgehen, und Sie werden von jedem Punkt aus unten einen andern Anblick haben. Sie werden aber sehen, daß die Asymmetrie als etwas Notwendiges wirkt, weil sie der Ausdruck ist der Geste, mit der dieses Wesen mit einem gewissen Humor über den Felsen herüberschaut und auf die Gruppe unten schaut. Dieses Hinunterschauen mit Humor über den Felsen hat seinen guten Grund. Es ist durchaus nicht richtig, sich in die höheren Welten nur mit einer bloßen Sentimentalität erheben zu wollen. Will man sich richtig in die höheren Welten hinaufarbeiten, so muß man es nicht bloß mit Sentimentalität tun. Diese Sentimentalität hat immer einen Beigeschmack von Egoismus. Sie werden sehen, daß ich oftmals, wenn die höchsten geistigsten Zusammenhänge erörtert werden sollen, in die Betrachtung etwas hineinmische, was nicht herausbringen soll aus der Stimmung, sondern nur die egoistische Sentimentalität der Stimmung vertreiben soll. Erst dann werden sich die Menschen wahrhaftig zum Geistigen erheben, wenn sie es nicht erfassen wollen mit egoistischer Sentimentalität, sondern sich in Reinheit der Seele, die niemals ohne Humor sein kann, in dieses geistige Gebiet hineinbegeben können.

Der Kopf der Christusfigur, gezeichnet nach dem 1:1-Modell.

Dann der Kopf der Mittelfigur im Profil, wie er sich mit Notwendigkeit ergeben hat. Da mußte der Kopf auch etwas asymmetrisch gemacht werden, weil an dieser Figur gezeigt werden sollte, daß nicht nur die Bewegungen der rechten Hand, der linken Hand, des rechten Armes und so weiter das Innere der Seele wiedergeben, sondern weil dies bei einer solchen, ganz in der Seele lebenden Wesenheit, wie es der Christus Jesus ist, zum Beispiel auch die Stirnbildung in Anspruch nimmt und die ganze übrige Gestalt, viel mehr, als es beim Menschen in der Geste der Fall sein kann. Wir haben ausprobiert, trotzdem es nicht der Wirklichkeit entspricht, daß man, wenn man das Bild verkehrt in den Apparat steckt, schon einen ganz andern Anblick hat bloß dadurch, daß es umgekehrt ist. Der Eindruck ist ein anderer. Wie das asymmetrisch gedacht ist, künstlerisch, das werden Sie aber erst an dem fertigen Kopf der Mittelfigur sehen. - Man darf wohl sagen: Bei der Ausarbeitung einer solchen Sache kommen alle künstlerischen Fragen auch wirklich in Betracht; die kleinste künstlerische Frage steht da immer im Zusammenhang mit irgendeinem weithingehenden Ganzen. Hier zum Beispiel kam besonders in Betracht die Behandlung der Fläche. Das Leben muß ja da besonders durch die Fläche erzeugt werden. Die Fläche einfach gebogen, und die Biegung wieder gebogen : diese besondere Behandlung der Fläche, die doppelte Biegung der Fläche, wie das aus der Fläche selbst Leben herausholt, das sieht man erst, wenn man diese Dinge durcharbeitet. Und so werden Sie sehen, daß das, was wir wollten, nicht allein im Dargestellten liegt, sondern auch in einer gewissen künstlerischen Behandlung der Sache. Man mußte nicht etwa in novellistischer Weise, durch Nachbildung bloß, das Ahrimanische, das Luziferische und wieder das Menschliche erreichen, sondern man mußte es in die Fingerspitzen bekommen, in die Flächenformung hineinbekommen, mußte es ganz und gar in die künstlerische Formung hineinbekommen. Und jene Erweiterung, die der Mensch erhält, indem er seine Anschauung ins Geistige hinein ausdehnt, sie dehnte sich auf der andern Seite auch wieder ins Künstlerische hinein aus.

Diese Gruppe steht also unten im Osten im Bühnenraum. Darüber wölbt sich die kleinere Kuppel, und die wieder ist ausgemalt, wie ich es angedeutet habe. Über dieser Gruppe ist es dann wieder versucht, dasselbe Motiv malerisch zu geben. Da ist der Christus, darüber Luzifer und Ahriman, und es ist versucht, durch die Farben aussprechen zu lassen, was dargestellt werden sollte durch die Kunst. Gerade durch die Verschiedenartigkeit der Behandlung wird man sehen, wie rein aus den Kunstmitteln heraus die Dinge geholt werden mußten." (Lit.: GA 181, S. 312ff)

Der Weltenhumor

Hauptartikel: Weltenhumor
Der Weltenhumor auf der Statue des Menschheitsrepräsentanten.

Der Weltenhumor ist eine Figur, die ganz oben an der Spitze der monumentalen Holzplastik des Menschheitsrepräsentanten sitzt und als Elementarwesen mit innerer künstlerischer Notwendigkeit aus dem hier dargestellten Felsengestein herauswächst (Lit.: GA 181, S. 316f).

Die künstlerische Arbeit an der Figurengruppe

Zur Vorbereitung der Figurengruppe wurden zunächst mehrere etwa 50cm große Modelle geschaffen und schließlich auch ein noch heute erhaltenes Modell im Maßstab 1:1 aus Kalkmehl, Bienenwachs und Plastilin. Edith Maryon bereitete das Holzgerüst und die Materialien für den Bau des Modells vor. Das Plastilin wurde nach den Angaben Rudolf Steiners zubereitet und von Hand geknetet. Dieses Material wurde gewählt, weil es lange elastisch formbar bleibt und so Rudolf Steiner immer wieder trotz seiner langen und häufigen Abwesenheiten von Dornach an dem Modell weiterarbeiten konnte.

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Das Geheimnis des Todes. Wesen und Bedeutung Mitteleuropas und die europäischen Volksgeister, GA 159 (1980) pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Erdensterben und Weltenleben. Anthroposophische Lebensgaben. Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft, GA 181 (1991), Sechzehnter Vortrag, Berlin, 3. Juli 1918 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Die Sendung Michaels, GA 194 (1994), ISBN 3-7274-1940-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Die vierte Dimension, GA 324a (1995), ISBN 3-7274-3245-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Weblinks

  1. Die Homepage des Goetheanums in Dornach - Goetheanum.org
  2. Rudolf Steiner: Der Dornacher Bau - Vortrag in Berlin am 3. Juli 1918