Dianoetikon

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Als Dianoetikon (von griech. διάνοια dianoia „Nachdenken, Verstand“) bezeichnet Aristoteles in seiner Seelenlehre das höchste Seelenglied, die Bewusstseinsseele.

„Man versteht den großen Philosophen Aristoteles schlecht, wenn man nicht weiß, daß Aristoteles, indem er den höchsten Teil der menschlichen Seele Dianoetikon nannte, sich klar bewußt ist: dieser höchste Teil der menschlichen Seele, der ein intellektueller ist, der ist heruntergeträufelt aus geistig-seelischen Welten. Das wußte Aristoteles genau. Ja, das wußten die Menschen auch noch in den ersten Zeiten des Christentums genau. Dieses Bewußtsein, daß die menschliche Intelligenz göttlichen, geistigen Ursprungs ist, ging erst im 4. nachchristlichen Jahrhundert verloren. Im 4. nachchristlichen Jahrhundert fingen die Menschen eigentlich erst an, nicht mehr zu glauben, daß das, was sie als Gedankenkraft in sich haben, von oben, aus den geistig-seelischen Welten bei ihrer Geburt auf sie herunterträufelt. Im Inneren der Seele der Menschen war da ein großer Umschwung. Wenn wir in das 1., 2., 3. christliche Jahrhundert zurücksehen, so finden wir durchaus die Menschen so, daß sie sich sagten: Gewiß, ich bin von Vater und Mutter geboren, aber so, wie ich weiß und es nicht bloß ergrübelt habe, daß mein Auge ein Licht sieht, so weiß ich, daß meine Intelligenz von den Göttern kommt. - Das war ein unmittelbares Bewußtsein, das die Menschen hatten, wie das Bewußtsein, das von einer Wahrnehmung herrührt- Erst seit dem 4.Jahrhundert hatte man immer mehr und mehr das Gefühl: Da oben, in diesem knöchernen Hohlraum - denn ein Hohlraum ist es ja, wie ich Ihnen in verschiedenen Betrachtungen auseinandergesetzt habe - , da sind die Organe für die Intelligenz, und diese Intelligenz hat etwas zu tun mit der Vererbung, mit der Blutsverwandtschaft. Nur in diesem Zeitalter, in dem dieser Übergang sich vollzog von dem Glauben an die Göttlichkeit der Intelligenz zu der Vererbung der Intelligenz auf physischem Wege, konnte sich das vollziehen, was man nennen möchte Intellektualisierung des religiösen Impulses durch die Priesterherrschaft. Und als die Intellektualisierung sehr weit fortgeschritten war und man über die Intelligenz nur die Anschauung hatte, daß sie an der menschlichen Leiblichkeit haftet, da war es auch aus mit der Priesterherrschaft. Die Priesterherrschaft konnte nur so lange bestehen, als man die alten Traditionen von der Göttlichkeit der Intelligenz dem Menschen klarmachen konnte. Der ökonomische Typus Mensch kam in dem weltgeschichtlichen Augenblicke herauf, als der Glaube geschwunden war an die Göttlichkeit der Intelligenz, als der Mensch immer mehr und mehr gefühlsmäßig überging zu dem Glauben, der physische Mensch sei im wesentlichen der Träger, das Organ für die Gedankenentwickelung.“ (Lit.:GA 191, S. 108ff)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Soziales Verständnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis, GA 191 (1989), ISBN 3-7274-1910-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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