Die Deckenmalerei der großen Kuppel des ersten Goetheanums

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Gesamtüberblick über die Deckenmalerei der großen Kuppel des ersten Goetheanums.

Die Deckenmalerei der großen Kuppel des ersten Goetheanums zeigte vom Westen nach dem Osten dem Zeitenlauf folgend verschiedene Motive, die die Erdentwicklung und die damit verbundene Geistesgeschichte der Menschheit charakterisieren. Als das erste Goetheanum in der Silvesternacht 1922/23 niederbrannte, ging auch die Deckenmalerei verloren. Die nebenstehende Abbildung und die weiter unten befindlichen Detailskizzen zeigen eine Rekonstruktion dieser Malerei von Urs Schwendener nach den ursprünglichen Entwürfen Rudolf Steiners.

Die Darstellung beginnt im Westen (im Übersichtsbild ganz oben) mit der Schöpfung der Erdenwelt durch die Gemeinschaft der Elohim - oder in den Worten Rudolf Steiners: «Es wirken die Elohim in die Erde hinein, es strahlen hinein die Lichtwesen».

Unmittelbar anschließend wird in einem spiegelbildlich symmetrischen Bild die Veranlagung der Sinnesorgane geschildert: «Es entstehen die Sinne, es werden Auge und Ohr».

Auf der West-Ost-Achse des Goetheanums weiter fortschreitend folgt ein in ein Dreieck eingeschlossenes Motiv, das den Monden-Elohim Jahve als Herrn des Paradieses und die luziferische Versuchung zeigt: «Jahve und die luziferische Versuchung – Paradies».

Die vordere Spitze des Dreiecks bezeichnet etwa den Mittelpunkt des Kuppelgewölbes. Anschließend daran findet sich das Motiv «Gottes Wehmut und Gottes Zorn – Das I». Es zeigt ein göttliches Augenpaar mit wehmütigem Blick und Arme die nach unten greifen und den unteren Teil des Bildes umfassen, der den Kampf Michaels mit dem Drachen zeigt. Was aus der Perspektive des niedern, noch wenig geläuterten Ich als Zorn Gottes erscheint, offenbart sich dem höheren Ich als die göttliche Liebe:

"Auf dem Plane der Täuschung ist das göttliche Feuer der göttliche Zorn. Dann, wenn die Brüderlichkeit die ganze Menschheit durchfluten wird, wird sie die göttliche Liebe sein. So lange sie aber im einzelnen als Eifer sich geltend macht, ist sie der göttliche Zorn." (Lit.: GA 92, 28.10.1904)

Auf der Hauptachse folgen nun noch die Motive «Das A – Der Reigen der Sieben» und «Das O – Der Kreis der Zwölf».

Die seitlich auf den nördlichen und südlichen Kuppelhälften gezeigten Motive zeigen den Gang der Menschheit durch die aufeinanderfolgenden Entwicklungsepochen, beginnend mit der alten Lemuria, wo der Mensch erstmals zu einer irdischen Verkörperung herabgestiegen ist, gefolgt von der Atlantis, auf welcher der physische Leib zur Erdenreife ausgebildet wurde. Im Anschluss daran sind die ersten vier nachatlantischen Kulturepochen dargestellt:

Über dem Haupt des urindischen Menschen ist das Siebengestirn der Plejaden zu sehen, darunter sind die 7 heiligen Rishis als Inspiratoren dieser ersten nachatlantischen Kultur angedeutet.

Der Mensch der urpersischen Kultur sieht sich in den Gegensatz von Licht und Finsternis hineingestellt.

Im Bild der ägyptischen Zeit sieht man, wie sich der Mensch allmählich aus der tierischen Wesensgrundlage heraushebt. Das Erlebnis der Sphinx, des Viergetiers mit dem menschlichen Antlitz, wird nun bedeutsam und der Mumienkult der Ägypter stärkt die Verbindung des Menschen mit der Erdenwelt für die folgenden Inkarnationen:

"Dadurch, daß im alten Ägypten eine lange Zeit die Leiber konserviert geblieben sind, haben die Seelen in der Zwischenzeit nach dem Tode etwas ganz Bestimmtes erlebt. Sie wußten, wenn sie herabschauten: das ist mein Leib. Sie waren an ihn gebunden, an diesen physischen Leib, sie hatten vor sich die Form ihres Leibes: wichtig wurde den Seelen dieser Leib, denn die Seele ist eindrucksfähig nach dem Tode. Der Eindruck, den der mumifizierte Leib gemacht hat, prägte sich tief ein, und die Seele wurde nach diesem Eindruck geformt. Nun ging diese Seele durch Verkörperungen in der griechisch-lateinischen Kultur hindurch, und sie lebt heute in unserer Zeit in uns. Es ist nicht wirkungslos, daß diese Seelen nach dem Tode ihren mumifizierten Leib gesehen haben, daß sie dadurch immer wieder hingelenkt wurden auf diesen Leib. Sie haben ihn in ihre Sympathie aufgenommen, und die Frucht dieses Hinunterblickens tritt heute auf, im fünften Zeitraum in der Neigung, die heute die Seelen haben, großen Wert auf das äußere physische Leben zu legen. Alles das, was wir heute das Hängen an der Materie nennen, das kommt davon, daß die Seelen anschauen konnten damals aus der geistigen Welt ihre eigene Verkörperung. Dadurch hat der Mensch die physische Welt lieben gelernt, dadurch wird heute so oft gesagt, daß nur wichtig ist dieser physische Leib zwischen Geburt und Tod. Solche Anschauungen kommen nicht aus dem Nichts. Damit soll nicht etwa eine Kritik der Mumienkultur gegeben werden, sondern es soll nur hingewiesen werden auf Notwendigkeiten, die mit den immer wiederkehrenden Verkörperung der Seele verbunden sind. Die Menschen wären in ihrer Weiterentwickelung gar nicht ohne das Hinschauen auf die Mumien ausgekommen. Heute hätte der Mensch alles Interesse an der physischen Welt verloren, hätten die Ägypter nicht den Mumienkult gehabt." (Lit.: GA 106, S 20f)

Querschnitt durch die beiden Kuppelsäle des ersten Goetheanums mit Blick auf die Deckenmalerei der kleinen (links) und großen Kuppel (rechts).

Die folgende Griechisch-Lateinische Kultur wird durch das Ödipusmotiv repräsentiert. Er ist es, der das Rätsel der Sphinx, das im vorangegangenen Kulturzeitraum aufgeworfen wurde, zu lösen vermag und dadurch die Sphinx überwindet:

"Ödipus sollte der Mächtigste dieser Sphinxbesieger sein. Jeder Grieche, der sein Menschentum ernst nahm, war im Grunde genommen im kleinen mehr oder weniger ein Sphinxbesieger. Ödipus sollte nur das, was jeder Grieche erleben mußte, in besonders typischer Gestalt darstellen. Ödipus sollte dasjenige, was im Atmungsund Blutprozesse lebt, besiegen. Dem Menschen, der in diesem lebt, soll er gegenüberstellen den gleichsam mit verarmten Ätherkräften lebenden Nervenmenschen. Dadurch kommt er dazu, daß er in seine eigene Natur die Kräfte, die mit dem Nervenprozeß verwandt sind, also die mephistophelischen Kräfte, aufnimmt, aber in gesunder Weise aufnimmt, so daß sie nicht nebenhergehen und ihm zum Begleiter werden, sondern daß sie in ihm sind und er durch diese Kräfte der Sphinxnatur gegenübertreten kann. Für den Griechen war die Sphinxnatur etwas, womit er fertig werden sollte, was er aus sich heraussetzen sollte. Wenn er sie in den Abgrund stürzen, also den erweiterten Ätherleib in den physischen Leib hineinbringen konnte, dann hatte er die Sphinx überwunden." (Lit.: GA 158, S 109f)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Die okkulten Wahrheiten alter Mythen und Sagen, GA 92 (1999)
  2. Rudolf Steiner: Ägyptische Mythen und Mysterien, GA 106 (1992)
  3. Rudolf Steiner: Der Zusammenhang des Menschen mit der elementarischen Welt, GA 158 (1993)
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