Die andre Maria

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Marie Linde (1870-1943) als "die andre Maria" im 4. Bild der «Pforte der Einweihung».

Die andre Maria ist eine Gestalt aus Rudolf Steiners erstem Mysteriendrama "Die Pforte der Einweihung". In „Der Hüter der Schwelle“ wird sie mit vollem Namen Maria Treufels genannt und in "Der Seelen Erwachen" ist sie Die Pflegerin des Doktor Strader. Sie entspricht der grünen Schlange aus Goethes Märchen, das die Vorlage zu Steiners Drama war. Bei den Uraufführungen der Dramen 1910 - 13 in München wurde ihre Rolle von der Malerin Marie Linde (1870-1943) gespielt.

Das Urbild der andren Maria erweist sich später als die Seele der Liebe. Sie heißt im ersten Drama Steiners die andere Maria, weil die imaginative Erkenntnis des Johannes Thomasius die Imagination gewisser Naturgewalten in ihrem Bilde gestaltet. Im vierten Bild der "Pforte der Einweihung", das in der Seelenwelt spielt, wird sie so charakterisiert:

STRADER:

[...]

(Die andre Maria wird - ebenfalls in Seelenform - sichtbar.)

Doch sieh, welch sonderbares Wesen!
Es ist, als ob der Fels
Es selbst geboren hätte.
Aus welchem Weltengrund
Erstehen solche Wesen?

DIE ANDRE MARIA:
Ich ringe mich durch Felsengründe
Und will der Felsen eignen Willen
In Menschenworte kleiden;
Ich wittre Erdenwesenheit
Und will der Erde eignes Denken
Im Menschenkopfe denken.
Ich schlürfe reine Lebenslüfte
Und bilde Luftgewalten
In Menschenfühlen um. (Lit.: GA 014, S. 87)

Als Maria Treufels ist sie in „Der Hüter der Schwelle“ eine der zwölf Bürgerinnen und Bürger die, obwohl noch ungeweiht, eingeladen sind, ihre Kräfte mit denen des von Hilarius Gottgetreu geleiteten Rosenkreuzerbundes zu vereinen. Ihre Individualität kommt in „Die Prüfung der Seele“ in ihrer vorigen Inkarnation zur Zeit des Spätmittelalters als Berta, die leibliche Tochter Joseph Kühnes, vor. Ihre frühere Inkarnation wird hier aber zugleich auch als die 3. Bäuerin geschildert und bei der Uraufführung der „Prüfung der Seele“ wurden beiden Rollen auch von derselben Person (Marie Linde, s.o.) gespielt. Max Gümbel-Seiling berichtet von einer darauf bezüglichen Aussage Rudolf Steiners während der Proben zu «Der Seelen Erwachen»:

"Er nahm dann Veranlassung, über die Pflegerin Dr. Straders zu sprechen, als aus ihrem Munde die Worte kamen:

So muss das Leben unsrer Erdenzeit
Sich weiterführen rätselvoll -

Dieses «rätselvoll» bezieht sich auch auf ihr eigenes Leben. Sie ist die «andre Maria» in der Pforte. Im vorigen Leben war sie die dritte Bäuerin und schalt Strader als Juden Simon böse (wie Ahriman von der Maria Treufels - denn das ist der Name der Pflegerin - sagt). «Rätselvoll» ist es, wenn man im Personenverzeichnis zu «Der Seelen Erwachen» liest: «Ihre Individualität kommt in der „Prüfung der Seele“ als Berta, die Tochter Kühnes vor.» Die andre Maria und Berta wurden auch von derselben Darstellerin gespielt und man muss also die dritte Bäuerin mit Berta gewissermaßen identifizieren. Deutet das nun auf eine Transition der Individualität der dritten Bäuerin auf Berta? Aber gerade darüber haben wir Dr. Steiner nicht befragt, und es bleibt somit rätselvoll." (Lit.: Seiling)

Berta und die 3. Bäuerin scheinen also identisch, obwohl ihre Charaktere durchaus widersprüchlich anmuten - eine Rätselfrage, auf die auch Hammacher in seinen Ausführungen hinweist (Lit.: Hammacher, S 606ff). Als Berta bitte sie ihre Mutter um das Märchen von dem Guten und dem Bösen; als 3. Bäuerin erweist sie sich als erbitterte Gegnerin des Juden Simon, der früheren Inkarnation des Doktor Strader. Im 6. Bild sagt sie:

3.BÄUERIN: Jungfrau
Mir aber hat ein Mönch verraten,
Daß teuflisch ist, womit der Jude heilt.
Man muß vor seinem Gift sich hüten;
Es soll im Leibe sich verwandeln
Und allen Sünden Einlaß geben.

(Lit.: GA 014, S. 215ff)

Und im 9. Bild, unmittelbar nachdem sie als Berta von ihrer Mutter «Das Märchen von dem Guten und dem Bösen» gehört hat, äußert sie sich als 3. Bäuerin so:

3.BÄUERIN.
Verbittert waren eben viele Menschen,
Als sie gehört, woher die Krankheit kommt,
Die unter unsern Kühen ausgebrochen -.
Der Jude hat sie ihnen angezaubert.
Er heilt die Menschen nur zum Schein,
Damit er mit den Höllenkräften
Den Zwecken böser Mächte dienen kann.

(Lit.: GA 014, S. 249)

Nach Hammacher ist Maria Treufels das Tierkreiszeichen des Löwen Löwe zuzuordnen, der 3. Bäuerin jedoch, also ihrer früheren Inkarnation, das Zeichen der Jungfrau Jungfrau (Lit.: Hammacher, S 602f). Im Monolog im 1. Bild des «Hüters» zollt sie Straders Arbeiten Bewunderung, bleibt aber den Mystenwegen gegenüber skeptisch:

MARIA TREUFELS:
Daß jetzt so manches sich wird wandeln müssen
In Seelen, die zu folgen sind bestrebt
Der Führung in des Menschen Erdenlauf,
Das offenbaren viele sichre Zeichen.
Doch wenig spricht dafür, daß Mystenwege
Zu jenen Zielen führen können,
Die Menschenseelen starke Kräfte bringen.
Mich dünkt, daß unsre Zeiten Führer heischen,
Die im Gebrauch naturgemäßer Kräfte
Genie mit Fertigkeit vereinen können
Und die also am Erdenwerke schaffend
Sich selbst im Weltenwesen zweckvoll fühlen.
Daß sie im Mutterboden echter Wirklichkeit
Die Wurzeln suchen auch für Geisteswerke,
Wird solche Menschen fern von Schwärmerei
Den Weg des Menschenheiles wandeln lassen.
Von solcher Meinung mich durchdrungen fühlend,
Erkenne ich in Doktor Straders Wesen
Die Kräfte, die zur Seelenführerschaft
Sich besser wahrlich als die Mysten eignen.
Wie lange hat man schmerzlich fühlen müssen,
Daß durch der Technik wunderbares Schaffen
Dem freien Geistestrieb der Menschenseele
So manche Fessel aufgezwungen wurde.
Doch jetzt eröffnet eine Hoffnung sich,
Von der vor kurzem niemand träumen konnte.
In Straders Arbeitsstätte finden sich
Im Kleinen schon die Wunderwerke wirksam,
Die bald im Großen alle Technik umgestalten
Und sie von jener Schwere lösen werden,
Die heute noch auf viele Seelen drückt.

(Lit.: GA 014, S. 288f)

Literatur

  1. Max Gümbel-Seiling: Mit Rudolf Steiner in München, Den Haag 1946, zit. nach Hammacher (2010), S 606f
  2. Wilfried Hammacher: Die Uraufführung der Mysteriendramen von und durch Rudolf Steiner, Verlag am Goetheanum, Dornach 2010, ISBN 978-3-7235-1379-8
  3. Rudolf Steiner: Vier Mysteriendramen, GA 14 (1998), ISBN 3-7274-0140-0
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