Ekstase

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Jean Benner (1836-1906): Ekstase (Musée d'art moderne et contemporain de Strasbourg)

Die Ekstase (von griech. έκστασις, ékstasis = das Außersichstehen, die Verzückung; von εξíστασθαι, exhistasthai = aus sich heraus treten) ist ein Bewusstseinszustand des Außer-sich-seins, bei dem die reguläre Sinneswahrnehmung verzerrt und schließlich sogar völlig ausgelöscht wird und zugleich das klare Selbstbewusstsein verloren geht. Zugleich können traumartig fluktuierende bildhafte Erscheinungen auftreten, deren Wahrheitsgehalt aber aufgrund des abgelähmten Ich-Bewusstseins nicht klar beurteilt werden kann. Die Ekstase ist in gewissem Sinn das genaue Gegenteil der mystischen Versenkung, die mit einem tiferen Hineinsteigen in das eigene Wesen verbunden ist.

"Die Ekstase, die einen Augenblick den Menschen, wenn wir so sagen dürfen, vergessen läßt, was um uns herum ist an Eindrücken der Sinnenwelt, kann unter gewissen Umständen allerdings den Menschen so weit bringen, daß er neue Erlebnisse hat. Wohlgemerkt es soll durchaus nicht diese Ekstase hier als etwas Erstrebenswertes hingestellt werden. Man darf auch nicht jedes Außer-sich-Sein als eine Ekstase bezeichnen. Denn es ist zweierlei möglich. Das eine ist, daß der Mensch, wenn er die Empfänglichkeit verliert für die äußeren sinnlichen Eindrücke, einfach in einer Art Ohnmachtszustand ist, in dem sich um ihn herum an Stelle der Sinneseindrücke schwarze Dunkelheit ausbreitet. Das ist sogar für den normalen Menschen im Grunde genommen zunächst das beste. Aber es gibt eine Ekstase, durch welche sich dieses Feld schwarzer Dunkelheit sozusagen bevölkert mit einer Welt, die der Mensch früher gar nicht gekannt hat. Nun ist aber dieser ekstatische Zustand mit einem ganz besonderen Nachteil für den normalen Menschen verbunden. Er kann nämlich auf natürliche Weise in diesen ekstatischen Zustand nicht anders kommen als dadurch, daß dasjenige, was er sonst sein Ich* nennt, wie ausgelöscht ist. Der Mensch, der in Ekstase ist, ist wirklich wie außer sich, sein Ich ist wie unterdrückt.

Dieses Ich erlebt er niemals im Zustand der Ekstase; er unterscheidet sich in der Ekstase nicht von den Gegenständen. Dadurch bleibt es auch zunächst noch unbestimmt, ob man es mit einer äußeren Wirklichkeit oder mit Blendwerk zu tun hat. Denn im Grunde ist es nur das Ich, das die Entscheidung treffen kann. Die Ekstase zeigt wie sich in sich auflöst der Teppich der Sinneswelt, und daß unser Ich, das wir sonst fühlen, wie wenn es sich stößt an der Haut, an dem Teppich der äußeren Sinneswelt, durchfließt durch die sinnlichen Wahrnehmungen und nun in einer Welt von Bildern lebt, die ihm etwas Neues darstellen. Denn das ist das Charakteristische, daß in der Ekstase der Mensch Wesenheiten und Begebenheiten kennenlernt, die ihm früher unbekannt waren, die er nirgends finden würde, wie weit er auch mit seinem sinnlichen Anschauen und mit dem Kombinieren über die sinnlichen Tatsachen gehen würde." (Lit.: GA 119, S 36ff)

Die Ekstase kann auf zwei gegensätzlichen Wegen induziert werden, nämlich einerseits durch Enthaltsamkeit und Minderung der äußeren Sinneseindrücke, wie sie durch Askese, Isolation, strenges Fasten, Beten und manche Formen der Meditation, aber auch infolge einer Schwächung durch Krankheit entstehen kann; anderseits durch eine künstliche Überreizung der Sinne durch rhythmische Musik (z.B. Trommeln) und monotone Gesänge, Tanz (z.B. bei den tanzenden Derwischen), Lichteffekte, sexuelle Reize, aber auch durch natürlich oder künstlich erregte Schmerzen. Geeignet ausgewählte Drogen können nach der einen oder anderen Richtung, entweder durch Dämpfung oder Übererregung, ekstatische Zustände auslösen. Auf beiden Wegen wird der Physischer Leib durch Askese oder Erschöpfung geschwächt und das Ich dadurch umso leichter aus dem Verbund der anderen Wesensglieder teilweise oder ganz herausgelöst und damit das normale Tagesbewusstsein ausgelöscht. Auch das Gefüge der restlichen Wesensglieder (Physischer Leib, Ätherleib und Astralleib) kann bis zu einem gewissen Grad aufgelöst werden. Der Mensch fällt dann in frühere Bewusstseinszustände zurück, die seinem heutigen Entwicklungsgrad nicht mehr angemessen sind.

"Wir sind dann, wenn wir in Ekstase sind, wie hineingewachsen in die große Welt, in den Makrokosmos, wo auf Schritt und Tritt irgendwelche phantastische Gestalten vor uns aufsteigen – phantastische Gestalten, weil sie nicht ähnlich sind mit den Dingen in der physischen Welt. Indem sich das Ich hineinergießt in der Ekstase in den Makrokosmos, so können sie sich vorstellen, daß es sich immer schwächer und schwächer fühlt, indem es immer größer und größer wird. Indem es sich hinergießt über den Makrokosmos, verliert es die Fähigkeit, sich selbst wahrzunehmen, wie ein Tropfen sich verliert in einem Bassin. Der Ekstatiker handelt also außer seinem Ich. Er kontrolliert nicht seine Handlungen, er ist wie hingegeben an dasjenige, was die Eindrücke seines Bewußtseins sind. Das ist das Wesentliche der Ekstase, daß der Mensch zu irgendeinem Tun kommt und daß, wenn man einen solchen Menschen, der in der Ekstase handelt, von außen kontrolliert, man ihn wie ausgewechselt findet. Weil dasjenige, was er da sieht, in der Regel eine Vielheit ist, so ist er bald an diese, bald an jene Wesenheit hingegeben und macht den Eindruck einer zerrissenen Wesenheit. Das ist das Charakteristische des Ekstatikers und das ist die Gefahr der Ekstase." (Lit.: GA 119, S 45f)

Die Einweihung wurde in vorchristlichen Zeiten grundsätzlich so vollzogen, dass dabei das Ich-Bewusstsein ausgeschaltet wurde. Die durch entsprechende Verrichtungen ausgelöste Ekstase war daher einer der durchaus rechtmäßigen Wege, auf denen man Einblicke in die geistige Welt gewinnen konnte. Heute hingegen ist dieser Weg nicht mehr zu rechtfertigen; alle moderne Einweihung muss mit einer systematischen Stärkung des Ich-Bewusstseins einhergehen.

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Makrokosmos und Mikrokosmos, GA 119 (1988)
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
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