Erdenprobe

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Der die Hölle darstellende rechte Innenflüge des Triptychons «Der Garten der Lüste» von Hieronymus Bosch (entstanden um 1500)

Die Erdenprobe, die Rudolf Steiner im Gegensatz zur Feuer-, Wasser- und Luftprobe in seiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» (GA 10) nicht erwähnt, war die erste - symbolisch ausgeführte - Probe im Aufnahmeritual für den ersten Grad der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule, die er von 1904 - 1914 führte. Sie offenbart das Urgeheimnis der irdischen Inkarnation des Menschen, durch die er den festen Mittelpunkt in sich selbst, in seinem tiefsten Wesen finden soll und sich dabei zugleich fest mit dem Mittelpunkt der Erde verknüpft. Unbewusst erlebt diesen Prozess jedes Kind etwa in den drei ersten Lebensjahren nach seiner Geburt. In dieser Zeit erwirbt sich das Kind seine Aufrichtekraft und lernt dabei seine Sinne zu gebrauchen und sicher zu gehen und zu stehen, zu sprechen und zu denken, wodurch schließlich das Ich-Bewusstsein erwacht. Damit ist das Ich bewusst auf der Erde angekommen. Im Zuge der bewussten Geistesschulung ist die Erdenprobe darüber hinaus mit einem symbolisch - oder seltener geistig-real - erlebten Gang in die Erde, d.h. in das Erdinnere, verbunden - und das ist ein Gang durch die Unterwelt bzw. Hölle, der, wenn er nicht nur symbolisch erlebt wird, eine sehr einschneidende, dramatische, niederschmetternde, aber zugleich auch heilsame Erfahrung darstellen kann.

Im Aufnahmeritual der erkenntniskultischen Abteilung wurde der Kandidat dazu zuerst in spiraligem Kreis in einen Raum, die Kammer des Nachdenkens, geführt, der die Hölle darstellte; dann hörte er das Fallen von Ketten und das Zufallen eines Schlosses. Dann sprach der Myste aus dem Osten zu ihm:

„Du Seele, du bist an dem Orte, wo der Sehnsucht deiner Seele Erfüllung werden kann. Du bist in deiner eigenen Welt. Du wirst fortan nie wieder mit deinem Blicke auf eine Schöpfung stoßen, welche nicht aus deiner eigenen Seele stammt. Du wirst ganz in deiner eigenen Welt leben und wirst alleiniger Herr in ihr sein können. Doch wisse, daß du in alle Ewigkeiten hinein in deiner isolierten Welt leben wirst. Nichts aber auch von alle dem, was dir lieb und teuer geworden ist in der Welt, in welche ich dich geführt habe, wirst du jemals wiederfinden können. Du wirst in Ewigkeiten nichts erfahren von Wesen, welche du lieb gewonnen hast, denen du gerne helfen wolltest. Sie werden niemals ferner das geringste von dir erfahren können. Du wirst in aller Zukunft von nichts als nur von dir selber wissen. Und erkenne so auch das Schweigen, die Einsamkeit, die dich endlos von außen umgeben werden. Und wisse, daß je weiter du nur in dir leben wirst, desto furchtbarer wird dein Leben sein. Du wirst in eine leere zukünftige Ewigkeit schauen, in welcher du nichts als deine eigene Wesenheit wirst genießen können! Dies Leben mit dem Ausblick in die Ewigkeit wird schreckensvoller, je weiter du ihm so entgegenlebst. Dazu hat dich deine Neigung zu meinem Gegner verurteilt; die Richter meines furchtbaren Totengerichtes haben nur in Worte gebracht, wozu sich deine Seele selbst verurteilt hat. —“ (Lit.:GA 265, S. 175f)

Nach einer Originalhandschrift von Marie Steiner heißt es:

„Ihr sitzet sinnbildlich in der Kammer des Nachdenkens, dies zum Zeichen dafür, daß ihr in diesem Augenblicke einen tiefen Blick in euer Inneres, in den Mittelpunkt eures Wesens tun sollt, denn derjenige, der den okkulten Pfad betritt, muß sich klar werden, daß er in bezug auf seine Empfindungen, Gefühle, Meinungen und Willensimpulse alles aus dem tiefsten Mittelpunkt seines eigenen Wesens hervorholen muß. Nur derjenige Mensch, der so den festen Stützpunkt in sich selber findet, kann ein Bürger unseres Erdenplaneten sein. Dadurch wird der Mittelpunkt seines Wesens mit dem Mittelpunkt seines Planeten fest verbunden und er findet mit der Erdenmission zusammen seine eigene Entwickelung. Bei allen Verrichtungen des Lebens muß der okkult Strebende aus eignem freien Empfinden, Fühlen, Denken und Wollen seine Impulse holen. Dies durch einen tiefen Blick in euer Inneres euch klarzumachen und noch einmal reiflich nachzudenken darüber, ob ihr bei eurem gefaßten Entschlüsse bleiben wollt, in unsre Gemeinschaft aufgenommen zu werden, sitzet ihr symbolisch in dieser Kammer des Nachdenkens. Es wird eine kurze Zeit vollkommener Stille um euch herum sein, da sollt ihr über diese beiden Dinge mit euch zu Rate gehen. Dann wird ein langer Hammerschlag die Stille unterbrechen und wenn ihr bei eurem Vorsatze beharrt, werdet ihr mir auf meine Frage mit einem deutlich vernehmbaren Ja antworten.“ (S. 207f)

„Ihr sitzet nun symbolisch in der Hölle. Dies zum Zeichen dafür, daß in das Leben hineinragen die Kräfte des Leides, des Schmerzes, des Bösen ebenso wie die des Idealen, der Freude, des Guten. Wer den okkulten Pfad betritt, muß sich klar machen, daß er diesen Kräften der Hölle ebenso unbefangen entgegentreten muß, wie den Kräften des Himmels. Frei nach dem Guten kann nur derjenige streben, der auch das Böse wählen kann. Daß ihr euch klar macht, daß euer Weg auch über die Kräfte der Hölle führt - [dazu] ist dieses sinnbildliche Sitzen in der Hölle.“ (S. 208)

„Das Sitzen in der Kammer des Nachdenkens und in der Hölle wird symbolisch die Erdenprobe genannt, weil die Seele in ihrem gegenwärtigen materiellen Dasein sich fest mit dem Mittelpunkt der Erde verknüpft wissen soll. Das folgende Wandeln durch die wasserfreie Luft erinnert sinnbildlich an die Luftprobe der Menschheit und jetzt seid ihr im Sinnbild erinnert an die große Wasserprobe der Menschheit während der atlantischen Zeit. Alle Religionen und Weltanschauungen, die auf die okkulte Weisheit gebaut waren, haben sich im Sinnbild der Wassertaufe oder Wasserprobe die Erinnerung an diese große Wasserprobe der Menschheit erhalten.“ (S. 211)

Die wohl umfassendste Darstellung der mit der Erdenprobe verbundenen Höllenfahrt gab wohl Dante Alighieri im „Inferno“, dem ersten Teil seiner «Göttlichen Komödie».

Auch der Prophet Jona hatte die Erdenprobe zu bestehen. Wie die Schilderung im Alten Testament deutlich zeigt, wurde er während seiner dreitägigen Einweihung in die Unterwelt geführt. Der Fisch, von dem Jona verschlungen wird, repräsentiert hier die ganze Erde, die von dem gewaltigen Meer der Astralwelt umtost wird.

„1 Der Herr aber schickte einen großen Fisch, der Jona verschlang. Jona war drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches 2 und er betete im Bauch des Fisches zum Herrn, seinem Gott: 3 In meiner Not rief ich zum Herrn und er erhörte mich. Aus der Tiefe der Unterwelt schrie ich um Hilfe und du hörtest mein Rufen. 4 Du hast mich in die Tiefe geworfen, in das Herz der Meere; mich umschlossen die Fluten, all deine Wellen und Wogen schlugen über mir zusammen. 5 Ich dachte: Ich bin aus deiner Nähe verstoßen. Wie kann ich deinen heiligen Tempel wieder erblicken? 6 Das Wasser reichte mir bis an die Kehle, die Urflut umschloss mich[1]; Schilfgras umschlang meinen Kopf. 7 Bis zu den Wurzeln der Berge, tief in die Erde kam ich hinab; ihre Riegel schlossen mich ein für immer. Doch du holtest mich lebendig aus dem Grab herauf, Herr, mein Gott. 8 Als mir der Atem schwand, dachte ich an den Herrn und mein Gebet drang zu dir, zu deinem heiligen Tempel. 9 Wer nichtige Götzen verehrt, der handelt treulos. 10 Ich aber will dir opfern und laut dein Lob verkünden. Was ich gelobt habe, will ich erfüllen. Vom Herrn kommt die Rettung. 11 Da befahl der Herr dem Fisch, Jona ans Land zu speien.“

Jona: 2,1-11 EU

Tatsächlich ist die Erdenprobe in ihrer höchsten Form auch mit einer tieferen Erkenntnis des Erdinneren verbunden. Dass die Einweihung Jonas tatsächlich in diesem Sinn zu verstehen ist, wird aus den Worten des Christus deutlich, in denen er seine bevorstehende Höllenfahrt vorverkündet, durch die er drei Tage im Herzen der Erde sein werde, und die er mit der Geschichte Jonas verglich (vgl. auch Lit.: Baan, S. 81ff).

„40 Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein.“

Matthäusevangelium: 12,40 LUT
Darstellung der Einweihung des Jona in der Grabkammer 25 der Calixtus-Katakombe in Rom:
Rechts wird Jona über Bord geworfen und schon von dem Fisch erwartet, der hier einem drachenartigen Meeresungeheuer, dem Leviathan, gleicht; im mittleren Bild wird Jona am dritten Tag von dem Meeresdrachen wieder ausgespien; links ruht Jona unter dem Rizinusstrauch (Jon 4,1-11 EU).

Anmerkungen

  1. Ein Hinweis auf die ebenfalls zu bestehende Wasserprobe.

Literatur

  1. Bastiaan Baan, Conrad Schaefer (Übers.): Alte und neue Mysterien: Von der Seelenprüfung zur Lebenseinweihung, Urachhaus Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3825176426
  2. Rudolf Steiner: Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule von 1904 bis 1914, GA 265 (1987), ISBN 3-7274-2650-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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