Ernst Müller

Aus AnthroWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Ernst Müller (ca. 1939)
Ernst Müller in Palästina (1907 - 1909)
Friederike Müller, geb. Schorr (1900 - 1995), Jugendbild aus den 1920er Jahren
Ernst und Frieda Müller (1940er Jahre, London)
Ernst Müller (1953)

Ernst Müller (* 21. November 1880 in Mißlitz, Mähren; † 5. August 1954 in London) war ein österreichischer Zionist und Anthroposoph.

Leben

Der in seiner mährischen Geburtsregion aufgewachsene Müller schrieb schon als Schüler in jüdischen Zeitungen, wobei er Partei für den Zionismus ergriff. 1897 begegnete er in Brünn erstmals Theodor Herzl. 1898 maturierte er in Brünn mit Auszeichnung und begann danach in Wien ein Jura-Studium, das er aber nach einer schweren Krise abbrach. Nach einem Aufenthalt in einer Kaltwasserheilanstalt nach Wien zurückgekehrt, studierte er Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaften. 1903 erhielt er die Lehrbefähigung als Gymnasiallehrer und 1905 promovierte er bei Laurenz Müllner und Friedrich Jodl an der Universität Wien mit einer Arbeit über "Bewusstseinsprobleme".

Schon 1900 hatte Ernst Müller in Wien Martin Buber kennengelernt und schrieb seither regelmäßig für das von Buber redigierte zionistische Zentralorgan Die Welt. 22-jährig leitete Müller dann die Redaktion der zionistischen Jugendzeitschrift „Unsere Hoffnung“. Zu dieser Zeit war er Samuel Hugo Bergman begegnet, einem Klassenkameraden und Freund von Franz Kafka, der später Philosophieprofessor und Rektor der Hebräischen Universität in Jerusalem wurde.[1]

Ab 1906 lehrte Müller für ein Jahr an einem Gymnasium in Ungarisch-Brod (Mähren). 1907 ging er nach Palästina, wo er am neu gegründeten hebräischen Gymnasium in Jaffa lehrte, das er aber wegen ständiger interner Zwistigkeiten bereits ein halbes Jahr später wieder verließ. Für die nächsten anderthalb Jahre hielt er sich mit Privatstunden und dem Unterricht an einer Landwirtschaftsschule über Wasser.

Bedingt durch eine Malariaerkrankung kehrte Ernst Müller 1909 nach Wien zurück, wo ihn sein Bruder Edmund in die theosophische Gemeinschaft um Frau Reif-Busse einführte, aus der später der erste Zweig der Anthroposophischen Gesellschaft in Wien hervorging.

1910 hörte Ernst Müller in Wien Rudolf Steiners Vortragszyklus über Makrokosmos und Mikrokosmos und hatte auch einige persönliche Gespräche mit Steiner. Noch im selben Jahr nahm er in München an der Uraufführung von Rudolf Steiners erstem Mysteriendrama Die Pforte der Einweihung teil. Auf Anregung Steiners begann sich Müller mit den mathematischen Untersuchungen von Oskar Simony zur Verallgemeinerung der Rechenoperationen zu beschäftigen. In der Folge studierte er Simonys Arbeiten zur Topologie der Knoten und gefalteten Bänder und deren Zusammenhang mit den Primzahlen.

1911 wurde Müller Bibliothekar und später Vizedirektor der umfangreichen Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Das waren ideale Voraussetzungen für seine Studien zur jüdischen Esoterik, Mystik und insbesondere zur Kabbala, der er seine ersten Buchveröffentlichungen nach dem 1. Weltkrieg widmete und von wo er die Brücke zu dem anthroposophisch vertieften Christentum zu schlagen vermochte. Darüber hinaus interessierte sich Müller auch für die Sprachwissenschaften.

Müller publizierte Zeit seines Lebens in unterschiedlichsten Zeitschriften[2], hielt Vorträge und Kurse in jüdischen und anthroposophischen Zusammenhängen, engagierte sich im christlich-jüdischen Dialog und verfasste zahlreiche Artikel für das Jüdische Lexikon. Zudem betätigte er sich als Übersetzer: So erschienen etwa seine Nachdichtungen von Gedichten Chaim Nachman Bialiks[3] und die bis heute immer wieder aufgelegte Übersetzung von Teilen des Sohar.

Während des Ersten Weltkriegs diente Müller als Verpflegsoffizier ohne Kampfeinsatz zuerst in Baja in Ungarn und später in Zelenika an der Boka Kotorska in Montenegro.

In den 1920er Jahren drohten latente antisemitische Untertöne Ernst Müller immer wieder der Anthroposophischen Gesellschaft zu entfremden, wovor er nur durch seinen Freund Hans Erhard Lauer bewahrt wurde.

1924 kam Ernst Müller in engeren Kontakt mit Elisabeth Vreede, der Leiterin der neu gegründeten Mathematisch-Astronomischen Sektion der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum in Dornach und auch mit George Adams. Auch wurde er Mitglied der Ersten Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft.

An der 1927 gegründeten Rudolf Steiner-Schule Wien, die sich damals im 1. Wiener Gemeindebezirk in der Habsburgergasse 1 befand, gab Ernst Müller Gesangsunterricht und dichtete und komponierte zahlreiche Kinderlieder für die Schüler.

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich emigrierte Ernst Müller am 21. Juni 1939, vor allem durch die Hilfe George Adams, über die Schweiz weiter nach London. Seine spätere Frau Frieda folgte bald nach; die Hochzeit erfolgte 1941.

Von Krankheit beschwert, verbrachte er hier im Exil seine letzten Lebensjahre in bescheidenen Verhältnissen. Bis zuletzt widmete er sein Leben unermüdlich der Verbindung von Judentum, Christentum und Anthroposophie und pflegte einen regen Gedankenaustausch mit jüdischen und anthroposophischen Kreisen und auch mit Priestern der Christengemeinschaft.

Ernst Müller starb am 5. August 1954 in London. Der Nachlass befindet sich im Archiv des Leo Baeck Instituts New York.[4]

Werke

  • Die Anamnesis: Ein Beitrag zum Platonismus, in: Archiv für Geschichte der Philosophie, 1912, Nr. 2
  • Der Sohar und seine Lehre, Einleitung in die Gedankenwelt der Kabbalah, Löwit, Berlin Wien 1920
  • Buch der Einheit von Abraham ibn Esra. Aus dem Hebräischen, Welt-Verlag, Berlin 1921
  • Kinderlieder, Wien 1930
  • Vom Zahlenerleben in der Musik, in: DD 1930, Nr. 9 und 10
  • Oskar Simony und seine topologischen Untersuchungen, in: Mathesis, Stuttgart 1931
  • Vom Aufbau des Dodekaeders, Stuttgart 1931
  • History of Jewish Mysticism, Oxford 1946, London 1948
  • Mein Weg durch Judentum und Christentum, in: Judaica, 1952, Nr. 4

Übersetzungen:

  • Abraham ibn Esra: Buch der Einheit, Welt-Verlag, Berlin 1921
  • Ch. Byaliḳ, Ḥayim Naḥman: Ausgewählte Gedichte,R. Löwit, Wien 1922, 2. Aufl. 4-6. Tsd.
  • Der Sohar, Hugendubel, Kreuzlingen 2005, Auf Grundlage der Ausg. Wien 1932 neu ed.

Literatur

  • Hans Erhard Lauer, Dr. Ernst Müller, in: Blätter für Anthroposophie 1954, Nr. 9;
  • F. Halla: Dr. Ernst Müller zum Gedächtnis, in: Nachrichtenblatt (Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht) 1955, Nr. 2
  • H.-J. Bracker: Ernst Müller. Porträt eines Mitteleuropäers, in: Novalis 1994, Nr. 2/3
  • H.-J. Bracker: Der Einzelne und die Einheit der Menschheit. Ein Hinweis auf den Zionisten und Anthroposophen Ernst Müller, in: Novalis 1997, Nr. 5
  • Renatus Ziegler: Biografien und Bibliografien, Dornach 2001.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Hans-Jürgen Bracker: Humanistischer Zionismus. In: Info 3
  2. Ausführliche Bibliografie in: Biographien und Bibliographien. Mitarbeiter und Mitwirkende der Mathematisch-Astronomischen Sektion am Goetheanum. Dornach 2001, ISBN 3-7235-1112-0
  3. Erstmals 1911 als Gedichte im Jüdischen Verlag in Köln
  4. Vgl. online-Findhilfe [1]
Dieser Artikel basiert (teilweise) auf dem Artikel Ernst Müller aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU Lizenz für freie Dokumentation und der Creative Commons Attribution/Share Alike. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.