Esoterik

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Esoterik (von griech. ἐσωτερικός esōterikós „innerlich“, „dem inneren Bereich zugehörig“) ist ursprünglich die Bezeichnung für eine geistig-philosophische oder mystische Lehre, die, im Gegensatz zu Exoterik, nur einem auserwählten Personenkreis zugänglich war. Wer würdig befunden wurde, in die Mysterien eingeweiht zu werden, musste sich zu strenger Geheimhaltung verpflichten. Auf Mysterienverrat stand in der Regel die Todesstrafe.

Das Geheimhaltungsgebot hat im gegenwärtigen Bewusstseinsseelenzeitalter seine Berechtigung verloren. Heute besteht die Verpflichtung, das esoterische Wissen allgemein öffentlich zugänglich zu machen, soweit es überhaupt in Worte gefasst werden kann[1]. Das esoterische oder okkulte Wissen ist ein solches, das nicht durch äußere sinnliche Anschauung und äußere Verstandestätigkeit gefunden, wohl aber durch ein vorurteilsloses Denken begriffen werden kann. So kann und muss sich heute jeder sein eigenes Urteil darüber bilden; blinder Autoritätsglaube ist in einer zeitgemäßen Esoterik völlig fehl am Platz und schädlich. Wer sich der Mühe des ernsthaften eigenen Denkens nicht unterziehen will, für den bleibt das geoffenbarte Wissen eben «geheim», d.h. esoterisch, egal wie sehr es auch exoterisch verbreitet werden mag. Wie weit man den Zugang zu dem geheimen Wissen suchen will oder nicht, muss heute der völlig freien Entscheidung des Individuums überlassen bleiben.

"Von der Offenbarung des Krishna darf man sagen: Es ist diese in einer gewissen Weise eine Geheimlehre. Warum eine Geheimlehre? Eine Geheimlehre einfach aus dem Grunde, weil wenige Menschen sich die innere Eignung verschaffen können, um zu der geistigen Höhe emporzuklimmen, um die Dinge zu verstehen. Man braucht solche Dinge, die Krishna geoffenbart hat, nicht durch äußere Mittel abzuschließen, nicht einzusperren, damit sie geheim bleiben; denn sie bleiben aus keinem anderen Grunde geheim, als weil die wenigsten Menschen zu der Höhe sich hinauferheben, zu der es notwendig ist sich zu erheben, um sie zu verstehen. Man kann solche Offenbarungen wie die des Krishna noch so sehr unter die Leute verteilen, man kann sie jedem in die Hand geben, sie bleiben doch geheim. Denn das Mittel, sie aus der Geheimlehre herauszubringen, ist nicht, dass man sie unter die Leute verteilt, sondern dass die Seelen hinaufschreiten, damit sich die Menschen damit vereinigen. Das ist es, dass solche Dinge in einer gewissen geistigen Höhe schweben und dann noch in einer Weise reden, die eine Art geistigen Höhepunktes darstellt. Wer die Worte aufnimmt, die aus solchen Offenbarungen kommen, darf noch lange nicht glauben, dass er solche Offenbarungen kennt, selbst wenn er ein Gelehrter des zwanzigsten Jahrhunderts ist. Man versteht es vollständig, wenn von vielen Seiten heute gesagt wird, es gebe keine Geheimlehre; man begreift es, weil oft die, welche solche Dinge behaupten, die Worte haben und damit glauben alles zu haben. Aber das Geheimlehrenartige liegt darin, dass sie das, was sie haben, nicht verstehen." (Lit.: GA 139, S. 92f)

Der Missbrauch esoterischen Wissens liegt heute nicht in seinem "Verrat", in seiner Veröffentlichung, da es sich ohnehin nur denen offenbart, die auch bereit sind, es bewusst zu ergreifen. Viel schädlicher ist es heute, dieses Wissen nur in einem engen "auserwählten" Menschenkreis zurückzuhalten und dadurch als Machtmittel zu missbrauchen, wie es gewisse Geheimbünde heute noch versuchen:

"Was liegt da eigentlich zugrunde? Das ist ein sehr wichtiges Problem. Es liegt das zugrunde, daß wenn man irgendeinen solchen Inhalt, der aus dem Geiste heraus geboren ist, als Geheimbesitz betrachtet, dann gibt er Macht, während wenn er popularisiert wird, er nicht mehr diese Macht gibt. Und das bitte ich Sie nun wirklich einmal ganz gehörig ins Auge zu fassen: Irgendein Inhalt, den man als Erkenntnisinhalt hat, wird zu einer Machtkraft, wenn man ihn geheim hält. Daher sind diejenigen, die gewisse Lehren geheimhalten wollen, sehr unangenehm berührt, wenn die Dinge popularisiert werden. Das ist gegeradezu ein Weltgesetz, daß dasjenige, was popularisiert einfach Erkenntnis gibt, Macht gibt, wenn es sekretiert wird." (Lit.: GA 202, S. 60)

Rudolf Steiner hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch die von ihm begründete Geisteswissenschaft oder Anthroposophie ein solches Wissen mit wissenschaftlicher Strenge der Allgemeinheit zu überliefern und auch klar und deutlich den geistigen Schulungsweg darzustellen, auf dem dieses gefunden werden kann.

"Es könnte sehr leicht der Glaube entstehen, daß derjenige, der nun in die geistige Welt eintritt, unbedingt selber. ein Geistesforscher werden müsse. Das ist nicht nötig, obwohl ich beschrieben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» so viel von dem, was die Seele aus sich machen muß, damit sie wirklich eintreten kann. Und es kann es heute bis zu einem gewissen Grade jeder, aber es braucht es nicht jeder. Das, was man als Seelisches entwickelt hat, ist eine rein innerliche Angelegenheit; das aber, was daraus entsteht, ist, daß die erforschten Wahrheiten in Begriffe geformt werden, daß man in solche Vorstellungen, wie ich sie heute entwickelt habe, einkleidet, was der Geistesforscher geben kann. Dann kann es mitgeteilt werden. Für das, was der Mensch braucht, ist es ganz gleichgültig - ich spreche damit ein Gesetz der Geistesforschung aus - , ob man die Dinge selber erforscht hat, oder ob man sie von anderer glaubwürdiger Seite erhalten hat. Es kommt nicht darauf an, die Dinge selbst zu erforschen, sondern es kommt darauf an, daß man sie in sich hat, daß man sie in sich entwickelt hat. Es ist daher eine irrtümliche Vorstellung, wenn man glaubt, ein jeder müsse ein Geistesforscher werden. Der Geistesforscher wird nur heute das Bedürfnis haben, wie ich selber das Bedürfnis gehabt habe, über seinen Forschungsweg gewissermaßen Rechenschaft zu geben. Und nicht nur aus dem Grunde, weil heute bis zu einem gewissen Grade jeder ohne allen Schaden den Weg gehen kann, den ich beschrieben habe, sondern auch, weil jeder berechtigt ist zu fragen: Wie hast du es gemacht, daß du zu solchen Resultaten gekommen bist? - daher habe ich diese Dinge beschrieben. Und ich glaube, daß auch jeder, der nicht ein Geistesforscher werden will, wenigstens sich überzeugen wird wollen, wie der Geistesforscher zu den Resultaten kommt, die ja heute jeder braucht, der im Sinne der heutigen menschlichen Entwickelung die Grundlage legen will für das Leben, das sich in den Menschenseelen entwickeln muß.

Es ist heute die Zeit vorüber, die in alten Zeiten bezüglich der Geistesforschung da war, wo man so sehr zurückgehalten hat dasjenige, was Seelenentwickelung bewirkt hat. Es war in alter Zeit streng verboten, das Verborgene mitzuteilen. Auch heute noch halten diejenigen, die von diesen Geheimnissen des Lebens wissen - es sind ja ihrer nicht wenige -, mit diesen Dingen zurück. Wer bloß als Schüler diese Dinge bekommen hat von einem andern Lehrer, der wird unter allen Umständen nicht gut tun, die Dinge weiterzugeben! Es ist heute nur ratsam, dasjenige weiterzugeben, worauf man selber gekommen ist, was man selber erforscht hat. Das aber kann und muß der übrigen Menschheit dienen." (Lit.: GA 178, S. 38ff)

Siehe auch

Literatur

  1. Antoine Faivre: Esoterik im Überblick. Geheime Geschichte des abendländischen Denkens, Herder, Freiburg 2001, ISBN 978-3451049613
  2. Arthur Versluis: Magic and Mysticism: An Introduction to Western Esoteric Traditions, Rowman & Littlefield Publishers 2007, ISBN 978-0742558366
  3. Anton Kimpfler: Praktische Esoterik. Der Weg ins dritte Jahrtausend, Verlag am Goetheanum, Dornach 1999, ISBN 978-3723510629
  4. Rudolf Steiner: Das Markus-Evangelium, GA 139 (1985), ISBN 3-7274-1390-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  5. Rudolf Steiner: Individuelle Geistwesen und ihr Wirken in der Seele des Menschen, GA 178 (1992), ISBN 3-7274-1780-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  6. Rudolf Steiner: Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physische des Menschen, GA 202 (1993), ISBN 3-7274-2020-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org


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Weblinks

Einzelnachweise

  1. vgl. Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus (7): "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen."