Farbkreis

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Farbkreis, Zeichnung von Johann Wolfgang von Goethe.

Der Farbkreis (auch Farbenkreis genannt) ist eine kreisförmige Anordnung ausgewählter Farbtöne, um deren gegenseitige Beziehungen zueinander zu veranschaulichen. Da die Beziehungen der Farben zueinander vieldimensional und komplex sind, gibt es für die Auswahl und Anordnung der verschiedenen Farbtöne eine Vielzahl von Möglichkeiten. Man kann dabei beispielsweise rein technisch-physikalische Kriterien berücksichtigen, oder sich mehr auf die unmittelbare Farbwahrnehmung des Menschen stützen, wie es etwa Goethe in seiner Farbenlehre getan hat und dadurch insbesondere auch den künstlerischen und geistig-wesenhaften Aspekten der Farbe gerecht werden. Dabei ist es immerhin auffällig, dass normalsichtige Personen auch ohne irgendwelcher weiteren Vorkenntnisse über die Prinzipien der Farbwahrnehmun die Farbtöne in der Regel genau in der selben Abfolge anordnen, wobei Anfang und Ende dieser Farbskala einander so ähnlich sind, dass sie bruchlos zu einem Kreis geschlossen werden kann.

Das Grundprinzip jedes Farbkreises beruht darauf, dass ähnliche, miteinander verwandte Farben nahe beieinander angeordnet werden, während die Gegenfarben den zugehörigen Ursprungsfarben diametral entgegengesetzt werden. Die Gegenfarbe oder Komplementärfarbe ist dabei jene Farbe, die mit der Ursprungsfarbe gemischt einen unbunten, also farbneutralen Grauton ergibt. Die Projektion der natürlichen Farbenvielfalt auf eine ebene Fläche bedingt dabei notwendig eine starke Vereinfachung ("Verflachung") der mannigfaltigen Farbbeziehungen. Die Darstellung auf einer gekrümmten Oberfläche, wie sie etwa der deutsche Maler und Bekannte Goethes Philipp Otto Runge (1777-1810) mit seiner Farbenkugel versucht hat, bietet diesbezüglich einen etwas größeren Spielraum.

Im sechsteiligen Farbenkreis Goethes ordnen sich alle Farberscheinungen so, wie sie sich sukzessive aus der Polarität des Hellen und Dunklen gemäß der chromatischen Urphänomene und weiter durch Mischung und Steigerung ergeben, mit dem tieferen seelischen Erleben des Menschen zu einem harmonischen Ganzen zusammen. Hier wird die geistige Weite von Goethes Werk fühlbar. Goethe scheut dabei auch nicht davor zurück, zuletzt auf den allegorischen, symbolischen und mystischen Gebrauch der Farbe einzugehen:

„Dass zuletzt auch die Farbe eine mystische Deutung erlaube, lässt sich wohl ahnden. Denn da jenes Schema, worin sich die Farbenmannigfaltigkeit darstellen lässt, solche Urverhältnisse andeutet, die sowohl der menschlichen Anschauung als der Natur angehören, so ist wohl kein Zweifel, dass man sich ihrer Bezüge, gleichsam als einer Sprache, auch da bedienen könne, wenn man Urverhältnisse ausdrücken will, die nicht ebenso mächtig und mannigfaltig in die Sinne fallen. Der Mathematiker schätzt den Wert und Gebrauch des Triangels; der Triangel steht bei dem Mystiker in großer Verehrung; gar manches lässt sich im Triangel schematisieren und die Farbenerscheinung gleichfalls, und zwar dergestalt, dass man durch Verdopplung und Verschränkung zu dem alten geheimnisvollen Sechseck gelangt.“

Goethe: Farbenlehre, § 918

Und weiter heißt es:

„Wenn man erst das Auseinandergehen des Gelben und Blauen wird recht gefasst, besonders aber die Steigerung ins Rote genugsam betrachtet haben, wodurch das Entgegengesetzte sich gegeneinander neigt, und sich in einem Dritten vereinigt, dann wird gewiss eine besondere geheimnisvolle Anschauung eintreten, dass man diesen beiden getrennten, einander entgegengesetzten Wesen eine geistige Bedeutung unterlegen könne, und man wird sich kaum enthalten, wenn man sie unterwärts das Grün und oberwärts das Rot hervorbringen sieht, dort an die irdischen, hier an die himmlischen Ausgeburten der Elohim zu gedenken.“

Goethe: Farbenlehre, § 919