Farbwahrnehmung

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Die Farbwahrnehmung, die Art, wie der Mensch die Farben wahrnimmt, hat sich im Lauf der Jahrtausende wesentlich verändert. In alten Zeiten, namentlich auf der alten Atlantis, sah der Mensch die Farben noch nicht so an der Oberfläche der materiellen Dinge fixiert, wie das heute der Fall ist. Er sah die Gegenstände und Wesen der Außenwelt von einer farbigen Aura umhüllt, durch die sich ihre inneren wesenhaften Qualitäten kundgaben. Seelische und sinnliche Wahrnehmung waren miteinander verwoben. Erst in der nachatlantischen Zeit schwand die seelische Wahrnehmung vollständig dahin und machte der bloßen sinnlichen Farbwahrnehmung Platz. Da wurden dann vorallem die aktiven rotgelben Farbtöne sehr intensiv empfunden, währen die passiven blauvioletten Farben noch als verschwommenes Einerlei erlebt wurden. So war es noch in der Antike bei den Griechen. Rudolf Steiner spricht von der Blaublindheit der Griechen im Vergleich zur heutigen Farbwahrnehmung. Erst gegen die Zeitenwende zu wurde die Farbwahrnehmung so, wie wir es heute noch gewohnt sind. Ein gewisser Höhepunkt der sinnlichen Farbwahrnehmung war damit erreicht, über den wir aber heute schon wieder hinausgeschritten sind. Wer etwas feiner zu beobachten versteht, wird erkennen, dass die Sensibilität für feine Farbnuancen und Farbharmonien hat bereits zu schwinden begonnen hat. Geht die Entwicklung in diese Richtung weiter, wird die sinnliche Farbenwelt immer mehr verblassen und einem einförmigen abstrakten Grau weichen.

Die wahren Ursachen für diese sich im Zug der Menschheitsgeschichte wandelnde Art der Farbwahrnehmung ist nicht primär in Veränderungen der physischen Sinnesorgane zu suchen, sondern in der seelisch-geistigen Entwicklung der Menschheit. Wir sind noch nicht am Ende dieser Entwicklung angelangt:

"Werden die materialistischen Auffassungen noch einige Generationen anhalten, so wird wirklich das Rot der Rose verschwinden. Die Menschen werden wirklich die kleinen grauen Atome draußen sich schwingen sehen, als Atomwirbel, nicht weil der Mensch sie sehen muß, weil sie da sind, sondern weil er sich selber dazu bereitet hat, sie zu sehen. Das ist es, was notwendig macht, Geisteswissenschaft zu verkündigen, daß nicht nur physische Atomwirbel in der Zukunft bloß da sein werden. Wir reden auch nicht von dem physischen Äther, sondern von demjenigen Äther, der lebendiges Gedankenwesen ist. Das muß zuerst erkannt werden, daß in der Rose nicht Atome wirbeln, sondern daß Lebendes, Webendes, aber wirklich lebende, webende Elementarwesen hinter der Rose stehen. Die Theorie von der geistigen Welt ist Nebensache, die Hauptsache ist, daß die Empfindung sich zusammendrängt, daß wir uns fühlen lebend und webend in dieser für uns neu erwachten Empfindung der Realität der geistigen Welt. Das ist das Auferstehen der geistigen Welt in unserer Seele, das wahrhafte, interkonfessionelle Osterereignis." (Lit.: GA 154, S. 131ff)

Am Farbwahrnehmungsprozeß ist nicht nur das physische Sinnesorgan beteiligt. Dieses funktioniert ähnlich wie ein physikalischer Apparat. Und ebensowenig wie eine Kamera die Bilder, die sie einfängt, auch erlebt, ebensowenig erlebt das physische Auge die Farben. Erst indem sich die höheren ätherischen, seelischen und geistigen Wesensglieder des Menschen an der Farbwahrnehmung beteiligen, kommt es zum bewussten Farberlebnis. Wird der physische Sinnesprozess nicht auch seelisch ergriffen, kommt es zur seelischen Blindheit, die ein in der Medizin wohlbekanntes Phänomen ist. Heute, wo sich die menschliche Seelentätigkeit sehr wesentlich auf den abstrakten Verstand konzentriert, beginnt sie die Aufmerksamkeit für die reine Sinneswahrnehmung zu verlieren. Was so als seelische Veränderung beginnt, wird aber später auch auf die physischen Sinnesorgane so zurückwirken, dass allmählich die physischen Werkzeuge für die Farbwahrnehmung verkümmern - ähnlich wie das heute bei den meisten höheren Säugetieren der Fall ist, die im Gegensatz etwa zu den Reptilien nur über ein wenig ausgeprägtes Farbensehen verfügen. Wie diese Entwicklung des Farbensehens beim Menschen genau verlaufen wird, hängt ganz von seiner künftigen seelisch-geistigen Entwicklung ab.

"Die Menschheit entwickelt sich, und die Art und Weise, wie der Mensch in der Welt drinnensteht, ist verschieden in den verschiedenen Epochen. Wenn wir hinter das 15., 14. Jahrhundert zurückgehen, da finden wir weitaus mehr Menschen als in der Gegenwart, die nicht bloß von dem physischen Leib wissen, sondern die da wirklich wissen, daß im physischen Leib etwas lebt, was wir heute mit dem Ausdruck «Ätherleib» bezeichnen, die wirklich etwas Aurisches an dem physischen Leib wahrnahmen. Natürlich waren es im Mittelalter, ich möchte sagen, nur noch die letzten Überreste, die letzten Fetzen eines alten Wahrnehmens; aber immerhin schaute man auch im 10. Jahrhundert dem Menschen nicht bloß so wie heute ins Auge, indem man einfach sein physisches Auge betrachtete. Man sah noch, indem man das physische Auge betrachtete, etwas vom Aurischen, etwas vom Ätherischen. Man sah noch in gewisser Weise ein aufrichtiges Auge, ein falsches Auge, aber nicht bloß etwa durch ein äußeres Urteil, sondern indem man unmittelbar das Aurische, das das Auge umspielte, wahrnahm. Und so mit anderem.

Aber indem man dieses Aurische beim Menschen wahrnahm, nahm man es in viel, viel größerem Maße beim Tiere wahr, auch bei der Pflanze. Was heute wiederum, nur künstlich, hervorgerufen werden kann - Sie kennen alle diese Beschreibung aus meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» -, daß, wenn man ein Samenkorn betrachtet, man es anders aufstrahlen sieht als ein anderes Samenkorn, das war den Leuten in früheren Jahrhunderten noch eine ganz alltägliche, allgewöhnliche Erscheinung. So daß der Mensch nicht etwa mit dem Mikroskop erst untersuchen mußte, was man ja heute in den meisten Fällen auch nicht mehr kann, von welcher Pflanze irgendein Samenkorn ist, sondern aus dem Licht, aus der Lichtaura, die das Samenkorn umschloß, konnten die Menschen solches noch bestimmen. Und bei dem Mineral finden Sie in den älteren Schriften noch Beschreibungen der Mineralien so, daß man in einer bestimmten Art untereinander die Mineralien unterschied nach deren Wert in der Welt. Wenn die Alten das Gold ansahen, sprachen sie vom Gold all dasjenige, was sie aussprachen, nicht aus ihrer Phantasie heraus, sondern weil ihnen das Gold in der Tat in einer anderen Weise erschien als zum Beispiel das Silber. Wenn sie das Gold mit dem Sonnenlicht, das Silber mit dem Mondenlicht in Zusammenhang brachten, so beruhte das wirklich auf einer Beobachtung. Es beruhte wirklich darauf, daß derjenige, der das beobachtete, niemals etwas anderes empfand, indem er aussprach: Das Gold ist reines Sonnenlicht, das nur zusammenverdichtet ist, das Silber Mondenlicht und so weiter, ebenso, wie man in der Außenwelt noch das Elementare sah, das elementar Aurische, was sich für die Menschen der neueren Zeit verloren hat, weil die Menschheit der neueren Zeit eben die Entwickelung durchmachen soll zur Freiheit hin, die nur dadurch gegeben werden kann, daß man ganz und gar nur auf das heute Physisch-Gegenständliche schauen kann...

Also das ist das Wesentliche, daß die Menschen dazu gekommen sind und daß sie gar noch nicht lange dabei sind, die Welt so äußerlich ohne alles Aurische zu sehen, wie das heute der Fall ist, und so innerlich, ohne alles Bewußtsein, daß der Wille hinunter rieselt in den astralischen Leib und den ganzen Organismus durchrieselt. Das ist erst vor kurzem so geworden.

Wenn noch eine lange Zeit weiter vorübergegangen sein wird, dann wird eine andere Zeit über die Menschheit kommen. Dann wird dem äußeren Anblick auf dem physischen Plan noch mehr weggenommen worden sein, und dem inneren wird auch noch mehr weggenommen worden sein. Wir wissen ja, daß wir heute erst ein paar Jahrhunderte in der fünften nachatlantischen Periode stehen, vom 14. Jahrhundert ab -, denn wir zählen die vierte nachatlantische Periode ungefähr seit der Gründung Roms bis in das 15. Jahrhundert herein, die fünfte nachatlantische vom 15. Jahrhundert bis eben wiederum so lange, also daß wir jetzt eigentlich erst im ersten Drittel der fünften nachatlantischen Periode drinnen sind. Aber die Menschheit steuert zu einer ganz anderen Art des Wahrnehmens. Sie steuert zu einer viel größeren Ödheit und Leerheit in der äußeren Welt. Heute sieht der Mensch, indem er über die Natur hinblickt, noch so auf diese Natur hin, daß er ihr glaubt, sie sei grün, oder daß er dem Himmelsgewölbe glaubt, es sei blau. Er sieht so hin über die Natur, daß er ihr ihre Farben durch einen natürlichen Vorgang glaubt. In der sechsten nachatlantischen Periode wird er ihr ihre Farben nicht mehr glauben können! Heute sprechen nur die Physiker davon, daß außer uns ja nur Schwingungen vorhanden sind, und die Schwingungen rufen in uns das Rot hervor. Das, wovon heute die Physiker träumen, das wird Wahrheit werden. Heute ist es der Traum der Physiker; dann wird es Wahrheit werden. Die Menschen werden nicht mehr richtig unterscheiden können zwischen einem mehr oder wenig geröteten oder einem mehr oder weniger blassen Gesicht. Das werden sie wissen, daß das alles durch ihre eigene Organisation hervorgerufen wird. Sie werden es für einen Aberglauben halten, daß Farben draußen seien und die Gegenstände tingieren. Grau in grau, möchte man sagen, wird die äußere Welt sein, und der Mensch wird sich bewußt sein, daß er selber die Farben hineinträgt in die Welt. So wie heute die Menschen sagen: Ach, ihr verdrehten Anthroposophen, ihr redet davon, daß ein ätherischer Leib vorhanden ist, das ist aber nicht wahr, den träumt ihr nur in Dinge hinein! - so werden später diejenigen, die nun bloß die äußere Wirklichkeit sehen, zu den anderen sagen, die noch Farben in voller Frische sehen: Ach, ihr Träumer, ihr glaubt, daß draußen in der Natur Farben vorhanden sind? Ihr wißt nicht, daß ihr selber aus eurem Innern heraus diese Farben nur in die Natur hineinträumt. - Immer mehr wird die äußere Natur mathematisiert, immer mehr geometrisiert werden. So wie wir heute nur noch reden können vom ätherischen Leib und wie man uns in der Außenwelt nicht glaubt, daß er vorhanden ist, so wird man in der Zukunft nicht glauben, daß die Möglichkeit, Farben zu sehen, in der äußeren Welt irgendeine objektive Bedeutung hat, sondern man wird ihr nur eine subjektive Bedeutung zuschreiben." (Lit.: GA 166, S. 109ff)

Farbwahrnehmung und Denken

"Der Grieche erlebte den Gedanken als etwas Wahrgenommenes, nicht als etwas aktiv Ausgebildetes. Und daher waren die Griechen eigentlich nicht ein nachdenkliches Volk in dem Sinne, wie wir es sind. Nachdenklich sind die Menschen eigentlich erst geworden seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Der Denkprozeß hat sich verinnerlicht. Er hat sich verinnerlicht gleichzeitig mit dem Gang des Sinnesprozesses. Die Griechen sahen, ich möchte sagen mehr auf den aktiven Teil des Spektrums hin, auf die rote, die warme Seite des Spektrums; sie empfanden nur undeutlich die kalte, blaue Seite des Spektrums. Und wir haben heute ganz gewiß eine ganz andere Vorstellung von der roten und warmen Seite des Spektrums, wir sehen es viel mehr gegen das Grüne hin verschoben als die Griechen, die es über unser äußerstes Rot hinaus noch sensitiv verfolgten. Es war das griechische Spektrum ganz nach der roten Seite verschoben. Die Griechen sahen daher auch den Regenbogen anders als wir. Und dadurch, daß wir mehr nach der anderen Seite des Spektrums hin unsere Sensitivität verschoben haben, dadurch wenden wir gewissermaßen unsere Aufmerksamkeit dem Dunklen zu, und das ist schon etwas wie das Eingehen in eine Art von Dämmerung. Da wird man nachdenklich." (Lit.: GA 073a, S. 69)

"Wenn wir in die älteren Zeiten Griechenlands zurückgehen, da konnten die Menschen noch nicht so wie wir heute deutlich sinnlich die Farbe Blau sehen. Sie hatten nicht die Sinnesempfindung für die Farbe Blau, sie hatten vielmehr das Sinnesvermögen nach der anderen Seite ausgebildet, nach den lebhaften Farben, dem Rot und so weiter, so daß für die Griechen das Blau viel mehr ins Grünliche ging als für uns heute. Von diesem Gesichtspunkt aus muß man alles das auffassen, was die Alten empfanden. Man muß sich auch klar darüber sein, daß das aktive Denken zusammenhängt mit der in der Entwickelung der Menschheit heraufkommenden Blauempfindung. Wenn in älteren Schriften von Blau die Rede ist, so ist das immer ein Irrtum, denn das Erlebnis des Blau und damit auch das heutige aktive Verstandeserlebnis hatten diese Menschen nicht. Sie hatten nicht jene im Anschauen des Blau sich entwickelnde Hingabe an das Objektive, das Ausfließen des Ich in das Objektive, sie hatten viel mehr das [Erlebnis], das im Rot liegt, das vorn Objektiven nach dem Subjektiven [gehende], das sich aktiv von außen her Berührtfühlen und Aufnehmen, worin eben das Gewahrwerden des Göttlichen in den Objekten lag." (Lit.: GA 343a, S. 291)

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Fachwissenschaften und Anthroposophie, GA 73a (2005), ISBN 3-7274-0735-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Wie erwirbt man sich Verständnis für die geistige Welt?, GA 154 (1985), Notizen aus dem Vortrag in Prag, 17. April 1914
  3. Rudolf Steiner: Notwendigkeit und Freiheit im Weltgeschehen und im menschlichen Handeln, GA 166 (1982), Fünfter Vortrag, Berlin, 8. Februar 1916
  4. Rudolf Steiner: Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken, II, GA 343a (1993), ISBN 3-7274-3430-9 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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