Felix Koguzki

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Felix Koguzki

Felix Koguzki war Kräutersammler, ein einfacher Mann aus dem Volk, der aber tiefe Einblicke in die geistige Welt hatte. Rudolf Steiner lernte ihn während seiner Studentenzeit im Jahre 1880 kennen, als er regelmäßig mit dem Zug von Inzersdorf nach Wien hineinfuhr. Er war das lebende Vorbild des Felix Balde aus Steiners Mysteriendramen. Zuweilen wird Felix Koguzki auch als der Bote jenes geheimen Meisters betrachtet, über den in GA 262 (S. 30 - 31) berichtet wird. Dort heißt es: "Nicht sogleich begegnete ich dem M. (Meister), sondern zuerst einem von ihm Gesandten, der in die Geheimnisse der Wirksamkeit aller Pflanzen und ihres Zusammenhanges mit dem Kosmos und mit der menschlichen Natur vollkommen eingeweiht war." (GA 262, S 16). Über seine Begegnung mit Koguzki schreibt Steiner in "Mein Lebensgang":

"Da geschah es, daß ich mit einem einfachen Manne aus dem Volke bekannt wurde. Er fuhr jede Woche mit demselben Eisenbahnzuge nach Wien, den ich auch benützte. Er sammelte auf dem Lande Heilkräuter und verkaufte sie in Wien an Apotheken. Wir wurden Freunde. Mit ihm konnte man über die geistige Welt sprechen wie mit jemand, der Erfahrung darin hatte. Er war eine innerlich fromme Persönlichkeit. In allem Schulmäßigen war er ungebildet. Er hatte zwar viele mystische Bücher gelesen; aber, was er sprach, war ganz unbeeinflußt von dieser Lektüre. Es war der Ausfluß eines Seelenlebens, das eine ganz elementarische, schöpferische Weisheit in sich trug. Man konnte bald empfinden: er las die Bücher nur, weil er, was er durch sich selbst wußte, auch bei ändern finden wollte. Aber es befriedigte ihn nicht. Er offenbarte sich so, als ob er als Persönlichkeit nur das Sprachorgan wäre für einen Geistesinhalt, der aus verborgenen Welten heraus sprechen wollte. Wenn man mit ihm zusammen war, konnte man tiefe Blicke in die Geheimnisse der Natur tun. Er trug auf dem Rücken sein Bündel Heilkräuter; aber in seinem Herzen trug er die Ergebnisse, die er aus der Geistigkeit der Natur bei seinem Sammeln gewonnen hatte. Ich habe manchen Menschen lächeln gesehen, der zuweilen als Dritter sich angeschlossen hatte, wenn ich mit diesem «Eingeweihten» durch die Wiener Alleegasse ging. Das war kein Wunder. Denn dessen Ausdrucksweise war nicht von vorneherein verständlich. Man mußte gewissermaßen erst seinen «geistigen Dialekt» lernen. Auch mir war er anfangs nicht verständlich. Aber vom ersten Kennenlernen an hatte ich die tiefste Sympathie für ihn. Und so wurde es mir nach und nach, wie wenn ich mit einer Seele aus ganz alten Zeiten zusammen wäre, die unberührt von der Zivilisation, Wissenschaft und Anschauung der Gegenwart, ein instinktives Wissen der Vorzeit an mich heranbrächte.

Nimmt man den gewöhnlichen Begriff des «Lernens», so kann man sagen: «Lernen» konnte man von diesem Manne nichts. Aber man konnte, wenn man selbst die Anschauung einer geistigen Welt hatte, in diese durch einen Ändern, in ihr ganz Feststehenden, tiefe Einblicke tun.

Und dabei lag dieser Persönlichkeit alles weltenferne, was Schwärmerei war. Kam man in sein Heim, so war man im Kreise der nüchternsten, einfachen Landfamilie. Über der Türe seines Hauses standen die Worte: «In Gottes Segen ist alles gelegen.» Man wurde bewirtet, wie bei ändern Dorfbewohnern. Ich habe immer Kaffee trinken müssen, nicht aus einer Tasse, sondern aus einem «Häferl», das nahezu einen Liter faßte; dazu hatte ich ein Stück Brot zu essen, das Riesendimensionen hatte. Aber auch die Dorfbewohner sahen den Mann nicht für einen Schwärmer an. An der Art, wie er sich in seinem Heimatorte gab, prallte jeder Spott ab. Er hatte auch einen gesunden Humor und wußte im Dorfe mit jung und alt bei jeder Begegnung so zu reden, daß die Leute an seinen Worten Freude hatten. Da lächelte niemand so wie die Leute, die mit ihm und mir durch die Wiener Alleegasse gingen und die in ihm zumeist etwas sahen, das ihnen ganz fremd erschien.

Mir blieb dieser Mann, auch als das Leben mich wieder von ihm weggeführt hatte, seelennahe. Man findet ihn in meinen Mysteriendramen in der Gestalt des Felix Balde." (Lit.: GA 28, S 46ff)

Felix Koguzki hatte sich besonders intensiv mit den Schriften des deutschen Mystikers Joseph Ennemoser beschäftigt. Rudolf Steiner berichtete darüber in einem Vortrag:

"Es ist in Niederösterreich, an einem Orte, von dem aus man, wenn man nach Süden sieht, besonders schön im Abendrot die Berge überschaut, den niederösterreichischen Schneeberg, den Wechsel, diejenigen Berge, welche den Nordrand der Steiermark bilden, ein kleines, sehr unscheinbares Häuschen. Über der Eingangstür stand: «In Gottes Segen ist alles gelegen». Ich selber war in diesem Häuschen nur ein einziges Mal während meiner Jugendzeit. Dort aber wohnte ein Mann, der äußerlich sehr unscheinbar war. Kam man in sein Häuschen, so war es überall voll von Heilkräutern. Er war Heilkräutersammler. Und diese Heilkräuter packte er sich an einem bestimmten Tage der Woche in einen Ranzen, mit diesem Ranzen auf dem Rücken fuhr er dann dieselbe Strecke nach Wien, die ich auch dazumal zur Schule fahren mußte, und wir fuhren immer zusammen, gingen dann noch ein Stückchen zusammen durch die Straße, die vom Südbahnhof zur Stadt hineinführt, «auf der Wieden» in Wien. Dieser Mann war gewissermaßen in allem, was er sprach, man möchte sagen, die Verkörperung des in der dortigen Gegend herrschenden Geistes, wie er sich aber als solcher herrschender Geist aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, die damals noch nicht lange vorüber war, erhalten hatte. Dieser Mann sprach eigentlich eine Sprache, die ganz anders klang als die Sprache der übrigen Menschen. Wenn er von den Baumblättern sprach, wenn er von den Bäumen selbst sprach, namentlich aber, wenn er von der wunderbaren Wesenhaftigkeit seiner Heilkräuter sprach, so merkte man, wie dieses Mannes Seele zusammenhing mit alledem, was den Geist der Natur gerade in jener Gegend ausmachte, was aber auch den Geist der Natur im weiteren Umkreise bildete. Dieser Mann war ein Weiser auf seine eigene Art, durch seine eigene innere Wesenheit, und aus dieser inneren Wesenheit sprach viel mehr, als sonst oftmals die innere Wesenheit eines Menschen birgt. Dieser Mann, Felix hieß er mit seinem Vornamen, der gewissermaßen ein geistiges Band zwischen seiner Seele und der Natur hatte, er sprach sehr viel auch von allerlei Lektüre. Denn außer den Heilkräutern, die sozusagen sein kleines Häuschen ausstopften, hatte er eine ganze Bibliothek von allerlei bedeutungsvollen Werken, die aber im Grunde genommen alle verwandt waren in ihrem Grundzuge, in ihrem Grundcharakter mit demjenigen, was der Grundcharakter, der Grundzug seiner eigenen Seele war. Der Mann war ein armer Kerl. Denn man verdiente durch den Handel mit Heilkräutern, die man sich in den Bergen mühsam zusammenholte, arg wenig, außerordentlich wenig. Aber dieser Mann hatte ein außerordentlich zufriedenes Gesicht und war innerlich außerordentlich weise. Er sprach oftmals von dem deutschen Mystiker Ennemoser, der seine liebste Lektüre bildete, und der ja in seinen Schriften vieles enthält von dem, was durch den deutschen Geist, aber eben durch den deutschen Geist gerade in den großen Zeiten gegangen war, als noch lebendig waren die Gedankenimpulse Lessings, Herders, Schillers, Goethes und derjenigen, die im Hintergrunde standen. Denn hinter diesen Geistern stand da eben die geistige Welt, die sie in ihrer Art in ihren Schriften in das, was sie der Welt bekundeten, überfließen ließen. - Das aber, was in der gestern an mich gekommenen Nummer des «Reich» aus dem Nachlasse Ennemosers gedruckt worden ist, war mir bis gestern völlig unbekannt. Es enthält den Schlußabschnitt aus Joseph Ennemosers «Horoskop der Weltgeschichte » - ich bemerke dazu: Ennemoser ist im Jahr 1854 gestorben - und ist aus seinem Nachlasse veröffentlicht. Ich möchte Ihnen zur Einleitung der heutigen Besprechung einiges aus diesen Ausführungen Ennemosers vorlesen:

«... Der die deutschen Gauen mit Schnee und Eis bedeckende Winter mag noch lange dauern, bis der wahre Frühling kommt, allein er wird kommen, der Samen der Freiheit ist gesät, und er wird aufgehen, das Naturgesetz wird weder List noch Heeresmacht aufheben. Wie einst dem rohen Stamm der germanischen Nation die Idee des Christentums eingepflanzt und in seinem Leben aufgenommen wurde, so wird dieser lebenskräftige Stamm erst noch die grünen Zweige aus sich zu frischen Blüten entfalten; wie der Leib der Kirche im deutschen Baustile bereits in seinen Umrissen vollendet ist, worin das fertige Glaubensdogma gepredigt wird, so werden auch die noch fast überall fehlenden Türme mit dem Weihrauch der wahren Andacht gen Himmel steigen, und es wird das immer geistige Leben und die Organisation der persönlichen Beziehungen zum Göttlichen erst noch zum selbstbewußten Verständnisse ausreifen, das symbolische Gebälke muß erst noch in die lebendige Bewegung der Zweckbestimmungen aufgehen, die Schwere der Kirche muß gelichtet, die Stabilität des Dogma von der Sonderheit in die Strömung des allgemein Menschlichen geleitet werden; wie die Freiheit sich innerhalb der Gesetze der Gerechtigkeit bewegen soll, so muß die Religion mit dem Lichte der Wissenschaft eine erleuchtete Wahrheit, und die Kunst eine Pflegerin der geistigen Schönheit am natürlichen Stoffe werden!

Ist es nicht ein utopischer Traum und wird Deutschland auch nur entfernt ein solches Erfordernis zu erfüllen imstande sein? Deutschland wird seinen Beruf erfüllen, oder auf das allerschmählichste untergehen und mit ihm die europäische Kultur. Die Entscheidung naht, die Zeit drängt, es weht der Wind von Osten und Westen, es kann ein Sturm losbrechen! Der Stamm der alten Politik steht auf faulen Wurzeln, der Kalkül der Diplomaten möchte wohl zuschanden werden, ihre Kunst ist zur verzerrten, von niemand verstandenen Künstelei geworden. Kann man von den Disteln Feigen, von den Dornen Trauben lösen? Das wahre Leben der Freiheit sproßt nur auf den grünen Zweigen des Rechts und aus der warmen Quelle der Nächstenliebe! Oder kann die Unnatur bestehen und die in alle Glieder ausgeschlagene Disharmonie wieder zur alten Ordnung der abgewelkten Leiber umkehren?

Es will Abend werden, die erste Zeit ist vergangen, aber Deutschlands Ende ist noch nicht gekommen; bisher hatte es kindische Anschlage, es kommt eine zweite Zeit, darin wird es das < Kindische> ablegen und <männliche> Anschläge haben. Die Zeit eines Volkes ist erst dann zu Ende, wenn es keine Fragen mehr hat und sich um des Lebens höhere Güter nicht kümmert, oder wenn es unfähig ist, sich auf die Lösung der Zeitfragen einzulassen! Der Deutsche hat nichts weniger als seine Spannkraft verloren, der Sinn ist klar, der Mut fest, und wer zweifelt an der Kraft des Armes? Überall wirken lebendige Geister, nicht als Nachbildner, - Originale stellen sie auf. Der wahre Hunger der Deutschen ist die Sehnsucht nach einer höheren Freiheit des Geistes; der Durst und das Verlangen nach dem Lichte der Wahrheit und des Rechtes sind die Haupttriebfedern, die rüstigen Hände an Werke zu legen, die alle noch unvollendet sind, ein Ziel zu erstreben, das der Menschheit noch ferne liegt. Oder soll der Strom wieder zurückfließen an die Quellen seines Ursprungs? Sollen die Völker wieder zu Familien-Fideikommissen der Fürsten werden oder handelt es sich um Staats- und Völkerrechte? Es waltet ein höheres Gesetz in der Natur und Geschichte, dem sich kein Volk zu entziehen vermag, keines kann über sein Ziel hinaus, keines aber auch die Ordnung des Ganzen stören und dahinter zurückbleiben, als wohin seine Fähigkeit und der Geist der Sprache es treibt! Und die Reaktion, wird sie nicht das Rad wieder in das alte Geleise lenken? Eitle Toren, die sich nur an ihren Jugendträumen ergötzen! Das vielseitig hervorbrechende Feuer kannst du dämpfen, die innere einmal entzündete Glut aber nicht mehr löschen; die Reaktion wird selbst das Mittel zur Freiheit, der Druck bringt die beschleunigte Bewegung, der Haß der Parteien wirkt stärker als die Liebe auf die Begebenheiten der Zukunft; es bedarf vielleicht nur irgendeines zündenden Funkens, und die unterdrückte Geisteskraft der ganzen Nation bricht in hellen Flammen der Begeisterung aus. <Nescit vox missa reverti>, die Geister des Lebens schlummern unter dünner Decke, keine freie Handlung kann der Geist wieder zurücknehmen, fremde Geister, Stimmungen und irdische Mächte wirken allein oder zusammen auf den menschlichen Willen, und treiben ihn mit unwiderstehlicher Macht zu Taten, die nach göttlicher Anordnung zur Vereinigung der Gegensätze, zur Versöhnung der Parteien und zur endlichen Erfüllung des Berufes führen!»

Das sind die Sätze eines Mannes, der im Jahre 1854 gestorben ist. Ich mußte auch denken, als ich das eine Mal den guten Felix in seinem Häuschen besuchte, daß ich damals auch noch aufsuchte die Wohnung der Schulmeisters-Witwe jenes Schulmeisters, der schon vor einigen Jahren gestorben war, die ich aber aufsuchte aus Gründen, weil jener niederösterreichische Schulmeister auch eine höchst interessante Persönlichkeit war. Die Witwe hatte noch eine reiche Literatur, die er in seiner Bibliothek gesammelt hatte. Alles war da zu finden, was deutsche Gelehrsamkeit über deutsche Sprache, über Mythen- und Legendenwesen gesammelt und aufgeschrieben hat, um es zu versenken in die Kräfte des deutschen Volkes. Der einsame Schulmeister hatte niemals Gelegenheit gehabt bis dahin, an die Öffentlichkeit zu treten, bis zu seinem Tode nicht; erst nach seinem Tode hat jemand einiges aus seinem Nachlaß ausgegraben. Noch immer aber sind mir nicht zu Gesicht gekommen jene langen Tagebücher, die jener einsame Schulmeister geführt hat, in denen Perlen der Weisheit standen. Ich weiß nicht, was aus diesen Tagebüchern geworden ist. Dieser einsame Schulmeister wirkte auf der einen Seite unter seinen Kindern; aber auf der anderen Seite, wenn er aus der Schulstube hinausging, versenkte er sich - wie mancher solcher Mensch aus der alten Zeit der deutschen Entwickelung - in das, was auf solche Art als Substanz des deutschen Wesens fortlebte. Man mußte, wenn man dann, hinweggehend von solchen, wiederum nach Wien hineinfuhr, so recht sehen, wie zusammenfließen uralte Zeit und neueste Zeit. In dieser neuesten Zeit leben wir drinnen, und an uns ist es, diese neueste Zeit etwas zu verstehen, sie zu verstehen, um in ihr die Möglichkeit zu finden, soweit es an uns ist, mitzutun in den großen Aufgaben, die von dieser Zeit aus der Menschheit gestellt werden." (Lit.: GA 192, 22.6.1919)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Mein Lebensgang, GA 28 (2000), Kapitel III.
  2. Rudolf Steiner: Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen, GA 192 (1991)
  3. Rudolf Steiner/Marie Steiner: Briefwechsel und Dokumente 1901 - 1925, GA 262 (2002)
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