Flor und Blancheflor

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«Ave, formosissima, gemma pretiosa,
ave, decus virginum, virgo gloriosa,
ave, lumen luminum, ave, mundi rosa,
Blanziflour et Helena, Venus generosa!»

«Heil dir, schönste, köstliche Perle!
Heil dir, Zierde der Frauen! Jungfrau, hochgelobt!
Heil dir, Leuchte der Welt! Heil dir, Rose der Welt!
Blanziflor und Helena! Noble Venus!»
                                    Carmina Burana, 77/8

Konrad Fleck: Flore und Blanscheflur Digitalisat
al-Andalus um 913
Das Zweistromland von Euphrat und Tigris, wo ein großer Teil der Geschichte spielt.
Floire wird zum König gekrönt, Darstellung aus einer Handschrift aus Heidelberg
Darstellung aus Warqa und Gulschah, Miniaturmalerei, 13. Jahrhundert
Floire et Blancheflor in einer Ausgabe von Jan van Doesborch, ca. 1517
Die Sage von Flor und Blancheflor. Flor im Gespräch mit dem Turmwächter.
Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cod. Pal. Germ 362, S. 300 [1]

Flor und Blancheflor (franz. Floire et Blancheflor) ist eine provencalische Sage, die im Mittelalter wiederholt als Epos gestaltet wurde. Sie zählte damals zu den bekanntesten mittelalterlichen Erzählungen und wurde in alle Literatursprachen der damaligen Zeit übersetzt. Die bedeutsamste deutsche Fassung brachte Konrad Fleck um 1220 bis 1230 in alemannischem Dialekt in 8.006 Versen in Gedichtform. Er berief sich dabei auf eine Vorlage eines weiter nicht bekannten Ruopreht von Orbênt[1]. Konrad Flecks Dichtung ist in vier Handschriften überliefert, von denen die beiden späteren aus der Werkstatt von Diebold Lauber (* vor 1427; † nach 1471) im Elsass vollständig sind. Flecks Dichtung folgt weitgehend der urspünglichen 3000 Verse umfassenden altfranzösischen höfischen „version aristocratique“ von „Floire et Blancheflor“, die um 1160 von einem allerdings unbekannten französischen Trobador verfasst wurde. Um 1200 war daraus auch eine volkstümliche „version populaire“ mit teils veränderten Episoden und unterschiedlich gezeichneten Charakteren entstanden.

Erwähnt wird der Name von Blancheflor auch in den ebenfalls um 1230 niedergeschriebenen moralisch-satirische Lied- und Dramentexten Carmina Burana, wo sie in einer Marienpreis-Imitation in Carmina amatoria 77/8 neben Helena und Venus als Sinnbild mythischer Schönheit steht.

Der orientalische Ursprung der Sage

Die Sage selbst ist orientalischen Ursprungs. So beschrieb im 11. Jahrhundert der persische Dichter Ayyuqi die Liebe und die Abenteuer von Warqa und Gulschah, die zu den frühesten persischen Liebesepen zählt und wegen seiner farbigen Schilderung des kriegerischen Nomadenlebens und des Luxus bei Hofe berühmt wurde. Warqa und Gulschah lieben einander schon von frühester Kindheit an, doch kurz vor der Hochzeit wird die Braut von Nomaden entführt. Doch die beiden bleiben einander auch über den Tod hinaus treu und ihre Liebe wird auf märchenhafte Weise belohnt.[2] Nach Ayyuqis eigener Angabe basiert die Geschichte auf einer arabischen Vorlage, nämlich auf der von Abū l-Faradsch al-Isfahānī (897-967) in seinem Buch der Lieder überlieferten Romanze von Urwa und Afra. Hier ist es die Mutter der jungen Afra, die die Heirat mit dem wenig begüterten Urwa verhindern will und ihrer Tochter an einen reichen Mann verheiratet. Als Urwa aus der Ferne heimkehrt, gaukelt sie ihm mit einem falschen Grabmahl vor, Afra sei gestorben. Doch später macht Urwa seine Geliebte ausfindung, besucht sie im Haus ihres Gatten und gibt sich durch seinen Ring zu erkennen.[3]

Eine verwandte Thematik behandeln u.a. auch das von dem persichen Dichter Gorgani zwischen 1050 und 1055 verfasste höfische Epos Wīs und Rāmīn und die von dem ebenfalls persischen Dichter Nezāmi geschriebene Bearbeitung von Madschnūn Lailā („Der von Laila Besessene“), dessen früheste Fassung in die zweite Hälfte des 7. Jahrhunderts zurückreicht. Meisterhaft ist vor allem sein um 1200 entstandenes Epos Chosrau und Schirin, das auf einer wahren Begebenheit beruht. Die christliche Armenierin Schirin ist darin das Symbol für die Liebe an sich, und Chosrou († 628), der letzte bedeutende persische Großkönig der Sassaniden, muss auf seinem geistigen Entwicklungsweg von der Erotik (entsprechend seiner erste Frau Maria) über die Ästhetik (entsprechend seiner zweiten Frau Schakkar, „Zucker“) zur wahren Liebe (Schirin, „Süß“) aufsteigen.

Karl der Große und die Legende von Flor und Blancheflor

Flor und Blancheflor waren die Bewahrer des esoterischen Christentums und sollen der genannten Sage nach die Großeltern mütterlicherseits Karls des Großen gewesen sein, wie Konrad Fleck und seine französische Vorlage gleichermaßen berichten. Bertrada die Jüngere (* 720; † 783), die Gattin Pippins des Jüngeren (* 714; † 768) und Mutter Karls, von der auch die Berthasage berichtet und die unter dem Namen „Bertha mit dem großen Fuß“ mit der Göttin Perchta verschmolzen wurde, soll - allerdings nur der Sage nach, denn ihr urkundlich erwähnter Vater war Heribert von Laon (Charibert De Laon) - die Tochter von Flor und Blancheflor gewesen sein. Die Sage gibt nicht die äußere Realität, aber ihren geistigen Ursprung wieder. In den fast 20 Fassungen der Berthasage wird Bertrada meist als Braut im Wald ausgesetzt und gegen eine falsche Bertha ausgetauscht, bis die echte gefunden und an ihren Füßen erkannt wird, von denen einer größer als der andere ist.

Inhalt

Übersicht

„Blancheflor, die in heidnischer Gefangenschaft geborene Tochter eines christlichen Grafen, und der heidnische Königssohn Floire wachsen gemeinsam in Spanien auf und lieben sich zärtlich von Kindesbeinen an. Floires Vater ist davon nicht sehr erbaut; deshalb verkauft er Blancheflor insgeheim an ehrbare Kaufleute, die das schöne Kind für einen ansehnlichen Haufen Gold an den Emir von Babylon weiter verschachern. Als Floire hinter die Tat seines Vaters kommt, schlägt er Krach und begibt sich auf die Suche nach Blancheflor, findet auch überall Spuren, gelangt nach Babylon und läßt sich, in einem Blumenkorb versteckt, heimlich in den Harem einschmuggeln, der Blancheflor beherbergt. Das Paar wird entdeckt und zum Feuertod verurteilt. Aber Unschuld und Edelmut der beiden vermögen den Emir zu besänftigen: er gibt sie frei. Und damit nicht genug. Obwohl er die vorsichtige Angewohnheit hat, seine Frauen immer nur für ein Jahr zu heiraten, macht er Blancheflor zuliebe eine Ausnahme und heiratet deren Freundin Claris gleich auf Lebenszeit. Inzwischen ist Floires Vater gestorben; man kann also beruhigt nach Spanien zurückkehren; Floire wird Christ, und mit ihm läßt sich sein ganzes Volk taufen. So werden die Spanier christlich! Unsere Liebenden regieren als Königspaar bis an ihr seliges Ende.“ (Lit.: Köhler, S 205)

Die Handlung im Detail

König Fenix[4], der heidnische (sarazenische) Herrscher von Hispanien (→ al-Andalus), zieht mit seinen Schiffen nach Galicien im Nordwesten Spaniens, um gegen seine Feinde, die Christen, zu kämpfen [370-379]. Seine Truppe greift eine Gruppe von Pilgern an, die auf dem Weg nach Santiago de Compostela sind. Unter ihnen befindet sich auch ein französischer Ritter mit seiner schwangeren Tochter, deren Gatte kurz zuvor in einer Schlacht gefallen war. Nun wird auch ihr Vater im Kampf getötet. Die Tochter wird gefangengenommen und nach Neapel gebracht [498], wo sie Fenix seiner Königin zum Geschenk macht und wo auch alle seine Krieger ihren Lohn empfangen. Die Königin nimmt sie gerne auf und erlaubt ihr, den christlichen Glauben zu behalten. Die junge Frau dient nun treu der Königin und lehrt sie auf deren Wunsch die französische Sprache [537]. Immer sieht man die beiden beieinander sitzen und bald ist die junge Christin am ganzen Hof beliebt. Schließlich bemerkt die Königin, die selbst schwanger ist, dass auch ihre treue Dienerin ein Kind erwartet. Am selben Tag, einem Palmsonntag [577], bringen beide ihre Kinder zur Welt: Dienerin ein Töchterchen, dass sie Blancheflur nennt, und die Königin ihren Sohn Flore [589-598].

Beide Kinder wachsen gemeinsam auf und sind bald so miteinander vertraut, dass sie stets zusammen sein wollten, und mit fünf Jahren sind sie so lieblich und anmutig, dass es wohl nie schönere Kinder gegeben haben mag [621]. Flore bittet nun seinen Vater, gemeinsam mit Blancheflur zur Schule gehen zu dürfen, was der König gerne gewährt [640-659] und einen Pfaffen zum Lehrmeister bestellt. Die beiden lernen fleißig Lesen und Schreiben, wie niemals Kinder zuvor [680f], sie lesen von der reinen Minne und in einem schönen Baumgarten lauschen sie gemeinsam dem Vogelgesang, erfreuen sich an den Blumen und Bäumen, küssen einander zärtlich und keusch und gestehen einander ihre reine Liebe [757-806]. Ihre Schreibtafeln sind von Elfenbein und ihre Griffel aus Gold und oft schreiben sie einander Liebesbriefe in lateinischer Sprache [828f].

Allmählich ist König Fenix besorgt, dass sein Sohn die Heirat mit Blancheflur begehren könnte, was gar nicht in seine Pläne passt, da er für diesen eine standesgemäßere Ehe vorgesehen hat. So beschließt er, Blancheflur töten zu lassen [860-879]. Doch seine Gattin, die Königin, rät ihm ab, denn Flor würde dran zerbrechen [919f]. Mit der Ausrede, dass der Lehrmeister erkrankt sei und die Kinder nicht mehr unterrichten könne, solle Flore alleine auf eine weiter entfernte Schule nach Montorio nahe Bologna geschickt werden, während Blancheflur daheim verweilen müsse, um ihre Mutter zu pflegen, die auf Befehl des Königs eine Krankheit vortäuschen solle [956f]. In einem Traum, in dem zwei Tauben von einem Habicht getrennt werden und den ihr Flore ausdeutet, hat Blancheflur die bevorstehenden Trennung schon voausgeahnt [1088f]. Betrübt nehmen die beiden voneinander Abschied und tauschen als Zeichen ihre Liebe ihre Schreibgriffel aus [321-324].

Man verspricht, Blancheflur bald nachzuschicken und Flore macht sich auf den Weg. Doch als sie nach zehn Tagen immer noch nicht kommt, ist Flore sehr niedergeschlagen und auch Blancheflur leidet schwer unter der Trennung. Wieder will der König das Mädchen töten lassen, denn sie habe Flore durch Zauberlist an sich gebunden [1446f]. Wieder rät ihm seine Gattin ab und schlägt vor, Blancheflur stattdessen zum Hafen zu führen und dort zu verkaufen [1501f]. Und so geschieht es auch; der König lässt zwei reiche Kaufleute kommen, die das Mädchen verkaufen sollen. Tatsächlich finden diese zwei andere Kaufleute, die ihnen Blancheflur abkaufen und dafür einen reichen Schatz geben, nämlich sechzig Pfund Gold, hundert Pfund Silber, hundert Tücher aus Zindal[5], hundert rote Mäntel, hundert gute Pferde und dreihundert Vögel, Falken, Habichte und Sperber, und einen köstlichen goldenen Becher, den Vulcanus geschmiedet und darauf den Raub der Helena durch Paris abgebildet hatte.

Die beiden Kaufleute fahren nun mit Blancheflur nach Babylonien und stellen sie dort dem Amiral[6] vor. Der findet solchen Gefallen an Blancheflur, dass er sie den Händlern abkauft und reichlich mit Gold aufwiegt [1679f]. Dann lässt sie in den Jungfrauenturm bringen.

König Fenix ist indessen glücklich über die reichen Schätze, die er für Blancheflur bekommen hat. Doch die Königin ist besorgt um Flore, den der Verkauf des geliebten Mädchens wohl zu Tode betrüben würde. Da lässt König Felix auf ihren Rat [1935f] ein prachtvolles Grabmal errichten, versehen mit den köstlichsten Edelsteinen, Saphire, Chalcedone, Amethysten, Topase, Türkise, Jaspisse, Chrysolithe, Diamanten und Hyazinthe, und in goldenen Lettern sollte darauf stehen: In diesem Grab liegt Blancheflur, die den Jüngling Flore mit treuem Herzen geliebt hat. Und alle am Hof mussten sagen, dass Blancheflur gestorben sein.

Als Flore heimkommt und vom vermeintlichen Tod seiner Geliebten erfährt [2158f], bricht er erschüttert ohnmächtig zusammen [2181]. Das Leben ist ihm nun wertlos geworden und mit einem goldenen Griffel, den ihm Blancheflur gegeben hatte, will er sich an ihrem Grabmal erdolchen [2358f]. Seine Mutter kann es gerade noch verhindern [2392f] und eilt verzagt zu ihrem Gatten und meint, man müsse Flore die Wahrheit sagen [2445f]. Zum Beweis, dass Blancheflur noch lebe, lässt sie das leere Grab öffnen [2548].

Flore ist überglücklich und schwört, dass er nicht rasten werde, bis er seine Geliebte gefunden habe [2576]. Dem König bleibt nun nichts anderes übrig, als Flore mit reichen Kleidern, Knechten, Pferden und ausreichend Geld ziehen zu lassen [2652f]. Die Mutter gibt ihm einen goldenen Ring mit einem wundertätigen Stein, der ihn stets beschützen werde solange er ihn am Finger trage [2884-2905].

Flore zieht nun zum Hafen und nimmt dort Herberge bei einem reichen Mann, doch ist er so niedergeschlagen, dass er kaum isst und trinkt. Da spricht ihn der Wirt auf Drängen der Wirtin an und erzählt ihm, dass eine schöne Jungfrau, die ihm an Gestalt, Sitten und Gebärden aufs Haar gleiche und Blancheflur genannt werde, von zwei Kaufleuten nach Babylon gebracht worden sei [3079]. Überglücklich springt Flore auf, schenkt dem Wirt als Dank einen goldenen Becher [3194] und macht sich mit seinem Gefolge per Schiff auf die Reise nach Babylon.

Nach vierzehn Nächten erreichen sie zunächst Bagdad [3319], das an dem bis dorthin schiffbaren Tigris liegt, wo Flore Herberge bei dem besten Wirt nimmt [3361]. Wieder sitzt er abwesend und ohne Appetit an der Tafel. Da erzählt ihm der Wirt, dass unlängst zwei Kaufleute mit einem traurigen jungen Mädchen, welches ihm sehr ähnlich sehe, vorbeigekommen seien und sie in Babylon verkaufen wollten. Zum Dank schenkt ihm Flore einen roten Mantel.

Flore macht sich mit seinen Leuten rasch auf den Weg und bald kommen sie an ein Wasser. An einem Zypressenbaum hängt ein Horn, mit dem er den Fährmann herbeiruft, der sie übersetzt [3505f]. Auch er berichtet von den zwei Kaufleuten und von Blancheflur, die Flore sehr ähnlich sehe [3554f]. Das Mädchen sei an den Amiral von Babylon verkauft worden, der sie zur Frau nehmen wolle [3565f]. Auf Flores Bitte verweist er ihn an einen guten Freund in der Stadt, der ihn beherbergen könne. Tagsüber sei er Zöllner an der Brücke, die über den großen Fluss (→ Euphrat) vor der Stadt führe. Als Erkennungszeichen gibt er Flore einen Ring mit [3604f].

Am nächsten Tag zieht Flore zur Stadt und trifft an der Brücke tatsächlich auf den Zöllner Daries, der ihn sogleich als er den Ring erblickt zu seinem Turm verweist, der direkt neben dem Jungfrauenturm des Amirals steht [3690f]. Flore ist froh und zugleich ängstlich besorgt, wie er seine Liebste wiedersehen könne [3724f]. So findet Daries Flore abends in schweren Sorgen und will ihm helfen [3871], doch Flore wagt es nicht, den wahren Grund zu nennen. Die Wirtin meint, dass es wohl nur um Blancheflur gehen können, die ihm so ähnlich sehe, dass sie wohl seine Schwester sein müsse [4017f]. Da gesteht Flore spontan, dass sie seine Liebe ist, korrigiert sich aber sofort. Nein, sie sei seine Schwester, der Wein habe ihn nur eben verwirrt. Doch Daries durchschaut ihn sofort und beruhigt ihn, er wolle ihm nicht schaden, sondern helfen [4056]. Da wagt es Flore, ihn offen um Rat zu bitten.

Daries will ihm nichts vormachen. Siebzig Königreiche seien dem Amiral untertan. Um Blancheflur zu behalten, habe er sie in den Turm gebracht, der zweifellos so fest gebaut sei wie sonst keiner. Innen ist er prachtvoll ausgestaltet wie ein Paradies, mit Gold und Edelsteinen, mit siebzig Kemenaten für die schönsten Frauen und einer Kuppel aus purem Gold [4154f]. Unten ist ein Brunnen, von dem das kühle Wasser durch einen hohlen, innen mit Silber ausgeschlagenen turmhohen Pfeiler kunstvoll zu den Kemenaten geleitet wird [4224f]. Der Turm ist so bewehrt, dass ihn niemand einnehmen könne. Mitten drinnen hat der Amiral seinen großen Ratssaal und daneben seine prachtvolle Kammer, wo er mit seiner jeweiligen Freundin schläft. Zwei Mädchen habe er zu seinem Dienst erkoren, die ihm abends und morgens Wasser ans Bett bringen müssten [4322] Eine Frau erwähle sich der Amiral immer nur für ein Jahr, dann lasse er sie töten, damit sie nach ihm niemals eines anderen Mannes Weib werden könne. In seinem paradiesischen Baumgarten versammelt er dann alle seine Fürsten und Mädchen [4370f]. Der Garten wird von Euphrat umflossen und in seiner Mitte steht ein rotblühender Baum, in dessen Zweigen die Nachtigall singt [4442f]. Der Baum müsse wohl verzaubert sein, meint Daries, denn von ihm müsse ein rotes Blatt auf jenes Mädchen falllen, das er von Herzen liebe. In drei Wochen sollen sich die Fürsten wieder versammeln und der Amiral habe Blancheflur so lieb gewonnen [4516f], dass sie und ihre Freundin Claris im täglich morgens das Wasser ans Bett bringen müssten [4529f]. Blancheflur sei nun in großen Ängsten, dass sie gewählt würde.

Um in den Turm zu gelangen, rät ihm der Wirt, zunächst die Aufmerksamkeit des Torwächters zu erregen. Er solle dazu seine besten Kleider anlegen und so tun als wolle er den Turm vermessen, um einen gleichen in seinem eigenen Land zu erbauen [4620f]. Der Wächter würde zuerst erzürnt sein, doch ihn dann als edlen Mann erkennen und zu einer Schachpartie überreden [4660]. Um zu gewinnen solle er den Wächter geschickt mit dem prächtigen Ring seiner Mutter ablenken. Dann solle dem Wächter aber nicht nur dessen verlorenen Einsatz, sondern dazu auch noch seinen eigenen Einsatz überlassen. Dann werde ihn der Wächter für den nächsten Tag zu einer neuerlichen Partie einladen. Da solle Flore genauso verfahren, aber mit verdoppeltem Einsatz und ebenso am dritten Tag, wieder mit doppeltem Einsatz. Zum Dank werde ihn der Turmwächter zu einem Festmahl einladen [4835f]. Da solle Flore ganz beiläufig den wertvollen goldenen Becher mitbringen. Um den werde der Wächter auch spielen wollen, doch Flore solle ihm den Becher schenken. Der werde dafür so dankbar sein, dass er ihm jede nur denkbare Hilfe zusagen werde.

So geschieht es auch. Flore gewinnt an allen drei Tagen und schenkt dem Wächter den goldenen Becher und bittet ihn dann, ihn in den Turm zu Blancheflur zu bringen [5351f]. Zwar reut den Wächter nun seine voreilige Zusage [5377f], doch will er tun, was Flore verlangt [5411]. Ganz in Rot gekleidet [5440f] wird Flore drei Tage später in einen Korb gelegt und vollständig mit Rosen bedeckt [5524]. Dann tragen zwei Gehilfen den Korb in den Turm, bringen ihn aber versehentlich nicht zu Blancheflur [5571f], sondern zu dessen Freundin Claris [5630]. Da beider Kammern miteinander durch eine Tür verbunden sind, können Flore und Blanche dennoch überglücklich wieder zusammenkommen [5832f]. Lange sprechen sie sich aus. Claris achtet indessen darauf, dass sie niemand entdeckt [6130f].

Doch das Glück währt nicht lange. Drei oder vier Tage später verschläft Blancheflur. Zwar wird sie von Claris geweckt und verspricht nachzukommen, doch schläft sie wieder ein [6179f]. Claris muss allein zum Amiral. Mit der Ausrede, dass Blancheflur für ihn gebetet habe und dann in tiefen Schlaf gefallen sei, lässt er sich beschwichtigen. Doch als sich das am nächsten Tag wiederholt, wird der Amiral misstrauisch. Er schickt einen Kämmerer, um nachzusehen [6310f], und der findet Blancheflur und Flore so lieblich und tief schlafend eng beieinanderliegen, Wange zu Wange und Mund zu Mund gekehrt, dass er sie nicht wecken will. Auch kann er nicht recht erkennen, ob der völlig bartlose Flore Mann oder Weib ist [6338f]. Schnell berichtet der Kämmerer alles seinem Herrn. Blass vor Zorn verlangt dieser nach seinem Schwert [6372f], stürmt in Blancheflurs Kammer und lässt die beiden wecken und in Fesseln in seinen großen Ratssaal führen [6407f]. Dort stellt er Flore zur Rede und will ihn sogleich mit dem Schwert töten, doch dieser bittet darum, zuerst den Rat, der schon zur bevorstehenden Hochzeit angereist sei, zur Rechtsprechung zusammenzurufen [6429f].

Der Amiral willigt ein und versammelt alle Großen seines Reichs und fordert sie auf das Todesurteil auszusprechen, das einzig ihm Genugtuung geben könne [6559f]. Doch einer der von ihm eingesetzten Könige meint, man solle die beiden Kinder zuerst anhören [6601f]. Doch Fürst Galfier aus Nubien widerspricht [6628]. Die Schuld sei zweifelsfrei bewiesen, darum solle man sie sogleich auf dem Scheiterhaufen verbrennen und die anderen Fürsten stimmen ihm zu [6652f]. Doch Flore beschwört, dass er allein alle Schuld trage, darum sei es nur gerecht, Blancheflur zu verschonen [6670f]. Dann gibt er Blancheflur den Ring, den er von seiner Mutter erhalten hatte [6713f]. Desgleichen will Blancheflur für Flore sterben, denn sie allein trage die Schuld, dass er hierher gekommen sei und darum wolle sie ihm auch den Ring wieder zurückgeben [6730f]. So geht es einige Male in immer heftigerem Streit hin und her. Zuletzt wirft sie Flore den Ring zornig vor die Füße. Ein Herzog, der wohl schon von der Zaubermacht des edlen Steins des Ringes gehört hatte, hebt ihn auf [6780f].

Mittlerweile sind sie in den Hof gelangt, wo die versammelte Menge die beiden wunderschönen edlen Kinder bestaunt und niemand mehr ihnen etwas Böses will, was auch immer sie getan hätten [6805f]. Ausführlich wird nun beider Schönheit und Anmut beschrieben. Zuletz flehen alle den Amiral an, er möge den Kindern verzeihen [6973f]. Doch noch ist das Herz des Amirals verhärtet wie ein Stein und will beide auf einem Scheiterhaufen vor der Stadt verbrennen lassen. Da tritt der Herzog, der den Ring aufgehoben hatte, vor den Amiral hin und spricht ganz offen aus, wie sehr dessen ungerechter Zorn allen missfalle [7008]. Niemals noch habe man von einer so großen Liebe und einer so gleichen treuen Gesinnung gehört, wie von den beiden. Und er spricht auch von der Zauberkraft des Ringes, der niemand sterben lasse, der ihn am Finger trage und wie die beiden darum gestritten hätten, dass der jeweils andere in annehmen müsse, um sein Leben zu bewahren [7028f].

Da lässt der Amiral die beiden zu sich rufen und fordert sie auf, zu erzählen, wer sie seien und woher sie kämen [7043f]. Unerschrocken und ohne Scham beginnt Flore von seiner Liebe zu Blancheflur zu berichten. Der Amiral ist darüber so erzürnt, dass er ihn sogleich eigenhändig mit dem Schwert töten will [7151f]. Doch dass kann Blanchflur nicht zulassen, sie wolle zuerst sterben, was wiederum Flore nicht geschehen lassen kann. Wieder geraten die beiden bald eine Stunde lang in heftigen Streit [7190f]. Der ganze Hof ist davon so zu Tränen gerührt, dass alle den Amiral um Gnade anflehen. Und auch dieser ist zuletzt so ergriffen, dass er das Schwert sinken lässt [7228f]. Auch der Herzog, der den Ring aufgehoben hatte, bittet um Gnade. Und damit auch seinem Herrn Gerechtigkeit widerfahre, solle Flore nun verraten, wer im geholfen habe in den Turm zu gelangen [7272]. Doch Flore fordert, dass auch auch seinem Helfer verziehen werde, dem er die Treue nicht brechen, sondern lieber sterben wolle [7310f]. Der Amiral gesteht auch dieses zu [7333].

Von allen wird nun Flore gebeten, ganz von Anfang an von dem Schicksal zu erzählen, das ihn mit Blancheflur verbindet, was Flore auch gerne tut [7396f]. Zuletzt fleht er den Amiral an, dass er ihm die Liebe seines Lebens zurückgeben möge [7454]. Der Amiral gewährt auch dies und schlägt Flore nach der Sitte des Landes zum Ritter [7474]. Die beiden werden vermählt und der Amiral nimmt feierlich Blancheflurs Freundin Claris zur endgültig letzten und einzigen Frau fürs ganze Leben [7542].

Bald danach überbringen zwei fremde Ritter die Botschaft, dass Flores Vater Fenix vor einem halben Jahr gestorben sei. Das Volk sei in großer Not und Flore solle nun nach dem Ratschluss der Fürsten die Herrschaft übernehmen [7660f]. So kehren die beiden Liebenden heim. Flore wird Christ und mit ihm sein ganzes Volk [7825f]. Nach 35 glücklich verlebten Ehejahren wird ihre Tochter Berta geboren, die Mutter Karls des Großen [7856f]. Nach einem langen gemeinsamen Leben sterben beide hundertjährig am selben Tag zur selben Stunde [7890f].

Die in eckigen Klammern angegebenen Verszahlen beziehen sich auf die von Emil Friedrich Julius Sommer herausgegebene Versfassung [2]

Geistiger Hintergrund

Rudolf Steiner gibt uns Auskunft über den geistigen Hintergrund der Sage von Flor und Blancheflor und den Zusammenhang mit Christian Rosenkreutz, dem Begründer des Rosenkreuzer-Schulungswegs:

„In den Eingeweihtenkreisen sagte man: Dieselbe Seele, die in Flos oder Flor war und die besungen wird in dem Liede, ist wiederverkörpert erschienen im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert zur Begründung einer neuen Mysterienschule, welche in einer neuen, der Neuzeit entsprechenden Weise das Christus-Geheimnis zu pflegen hat, in dem Begründer des Rosenkreuzertums.“ (Lit.:GA 57, S. 422f)

„Es ist eine verhältnismäßig wenig beachtete Sage, die 1230 von Konrad Fleck in dichterische Form gebracht wurde. Sie gehört zu den Sagen und Mythen der Provence, und schließt sich an an die Einweihung der Gralsritter oder Templeisen. Sie redet von einem alten Paar «Flor und Blancheflor». Das bedeutet ungefähr in heutiger Sprache: die Blume mit roten Blättern oder die Rose, und die Blume mit weißen Blättern oder die Lilie. Früher wurde viel mit dieser Sage verbunden. Nur skizzenhaft zusammengedrängt kann das heute gesagt werden. Man sagte sich: Flor und Blancheflor sind Seelen, in Menschen verleiblicht, die schon einmal gelebt haben. Die Sage bringt sie zusammen mit den Großeltern Karls des Großen. In Karl dem Großen aber sahen die, welche mit den Sagen sich intimer beschäftigten, die Gestalt, die in gewisser Weise in Beziehung gebracht hat das innere esoterische mit dem exoterischen Christentum. Das ist in der Kaiserkrönung ausgedrückt. Geht man zu seinen Großeltern zurück, zu Flor und Blancheflor, so lebten in ihnen Rose und Lilie, die rein bewahren sollten das esoterische Christentum, wie es zurückgeht auf Dionysios den Areopagiten. Nun sah man in der Rose, in Flor oder Flos das Symbolum für die menschliche Seele, die den Persönlichkeits-, den Ich-Impuls in sich aufgenommen hat, die das Geistige aus ihrer Individualität wirken läßt, die bis in das rote Blut hinein den Ich-Impuls gebracht hat. In der Lilie aber sah man das Symbolum der Seele, die nur dadurch geistig bleiben kann, daß das Ich außerhalb ihrer bleibt, nur bis an die Grenze herankommt. So sind Rose und Lilie zwei Gegensätze. Rose hat das Selbstbewußtsein ganz in sich, Lilie ganz außer sich. Aber die Vereinigung der Seele, die innerhalb ist, und der Seele, die außen als Weltengeist die Welt belebt, ist dagewesen. Flor und Blancheflor drückt aus das Finden der Weltenseele, des Welten-Ich durch die Menschenseele, das Menschen-Ich.

Das, was später durch die Sage vom Heiligen Gral geschah, ist auch hier durch diese Sage ausgedrückt. Es ist kein äußerliches Paar. In der Lilie ist ausgedrückt die Seele, die ihre höhere Ichheit findet. In der Vereinigung von Lilienseele und Rosenseele wurde das gesehen, was Verbindung finden kann mit dem Mysterium von Golgatha. Daher sagte man sich: Gegenüber der Strömung europäischer Einweihung, die herbeigeführt wird durch Karl den Großen, und durch die zusammengeschmiedet wird exoterisches und esoterisches Christentum, soll lebendig gehalten, soll rein fortgesetzt werden das rein esoterische Christentum. In den Eingeweihtenkreisen sagte man: Dieselbe Seele, die in Flos oder Flor war und die besungen wird in dem Liede, ist wiederverkörpert erschienen im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert zur Begründung einer neuen Mysterienschule, welche in einer neuen, der Neuzeit entsprechenden Weise das Christus-Geheimnis zu pflegen hat, in dem Begründer des Rosenkreuzertums. Da tritt uns das Geheimnis von der Rose schon in einer verhältnismäßig alten Zeit entgegen. Die Sage wird sogar schon versetzt in die Zeit vor Karl dem Großen. Und so flüchtete sich das esoterische Christentum in das Rosenkreuzertum. Das Rosenkreuzertum hat seit dem dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert die Eingeweihten herangebildet, welche die Nachfolger der alten europäischen Mysterien und die Nachfolger der Schule vom Heiligen Gral sind.“ (Lit.:GA 57, S. 437ff)

Nach Rudolf Steiner wurde die Legende inspiriert von dem hohen Eingeweihten Titurel, dem Stammvater der Gralshüter.

„Und der Hüter des Grals, König Titurel, war die Wiederverkörperung des hohen Eingeweihten, der eine bestimmte Periode in der Geschichte vorbereiten sollte. Es gibt eine altfranzösische Legende, die Legende von Flore und Blanscheflur, die von Titurel inspiriert wurden und die im Laufe der Inkarnationen eine Persönlichkeit hervorbringen und inspirieren mußten, die in der Weltgeschichte und in der Entwicklung eine große Rolle spielen sollte. Diese Persönlichkeit war Karl der Große.“ (Lit.:GA 266a, S. 503)

Literatur

  1. Johann Christoph Bürgel (Hrsg.): Tausendundeine Welt: klassische arabische Literatur vom Koran bis zu Ibn Chaldûn, C.H.Beck 2007, ISBN 978-3406563218
  2.  Ayyuqi: Warqa und Gulschah. Manesse Verlag, Zürich 1992, ISBN 3717518208., Übersetzung aus dem Persischen und Nachwort von Alexandra Lavizzari; Neuausgabe:
  3.  Ayyuqi: Die Geschichte der Liebe von Warqa und Gulshah. Manesse, Zürich 2001, ISBN 3293202144.
  4. Christine Putzo: Konrad Fleck: Flore und Blanscheflur: Text und Untersuchungen, De Gruyter 2015, ISBN 978-3110349597
  5. Erich Köhler: Vorlesungen zur Geschichte der Französischen Literatur, Herausgegeben von Henning Krauß und Dietmar Rieger Band 1,1 online
  6. Rudolf Steiner: Wo und wie findet man den Geist?, GA 57 (1984)
  7. Rudolf Steiner: Aus den Inhalten der esoterischen Stunden, Band I: 1904 – 1909, GA 266/1 (1995), ISBN 3-7274-2661-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
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Weblinks

 Wikisource: Le Conte de Floire et Blanchefleur – Quellen und Volltexte (français)

Einzelnachweise

  1. Vers 142
  2. Ayyuqi: Die Geschichte der Liebe von Warqa und Gulshah. In: Sandammeer. Die virtuelle Literaturzeitschrift
  3. Johann Christoph Bürgel (Hrsg.): Tausendundeine Welt: klassische arabische Literatur vom Koran bis zu Ibn Chaldûn, C.H.Beck 2007, S. 386f
  4. auch Felix, Felis oder Fenis
  5. Zindal: ein kostbarer Seidenstoff, der auch als Unterfutter verwendet wurde Mittelhochdeutsches Wörterbuch von Benecke, Müller, Zarncke
  6. franz. Amiral „Admiral“, weil die Sarazenen damals vielfach als Seefahrer bzw. Piraten wahrgenommen wurden.