Göttliche Komödie/Paradiso

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Büste Dantes

Paradiso

Siehe auch: Inferno und Purgatorio

Des Höchsten Herrlichkeit durchströmt nach Dantes Schilderung als Allbeweger das Universum in abgestufter Strahlendichte. Gehoben von den himmlischen Liebesströmen befindet sich Dante jetzt im Himmel, der vom stärksten Licht erfüllt ist. Er bekennt, wie schwer es ist, davon zu singen und ruft Apollo um Hilfe an.

Übersicht

Carl Wilhelm Friederich Oesterly: Dante und Beatrice
Poul S. Christiansen, Dante und Beatrice im Paradies, 1835
1       Anruf an Apollon. Aufstieg durch die Feuersphäre zur Mondsphäre.
2      Mondsphäre. Belehrung über die finsteren Stellen auf der Mondfläche.
3      Niedrigste Form der Seligkeit. Piccarda. Gelübde.
4      Zusammenhang der Seelen mit den Sternen (Plato) über gebrochene Gelübde.
5      Merkursphäre Die Ehrgeizigen im edelen Sinne.
6      Kaiser Justinian. Geschichte Roms.
7      Lehre der Erlösung ,Nella Fiamma d'Amor'.
8      Venussphäre Diejenigen die viel geliebt haben. Karl Martell.
9      Cunizza; Folco von Marseille (Minnesänger).
10    Sonnensphäre. Kreis von Lichtern: die Weisen. S. Thomas von Aquino Reigen.
11    Lobrede über S. Franziscus von Assisi durch S. Thomas.
12    Zweiter Lichtkreis. S. Bonaventura lobt und preist S. Dominicas.
13    Reigen der 24 Lichter. Thomas belehrt Dante über Adam und Christus,
       über die Schöpfung.
14    König Salomon spricht über den Auferstehungsleib.
        Dritter Lichtkreis. Aufstieg zur Marssphäre; Kreuz der Märtyrerseelen.
15    Dantes Vorfahr Cacciaguida.
16    Cacciaguidas Bild der alten Stadt Florenz.
17    Prophetie Cacciaguidas über Dantes Schicksal.
18    Aufstieg zur Jupitersphäre. Gerechte Fürsten.
19    Der Adler der gerechten Seelen. Gerechtigkeit Gottes.
20    Göttlicher Gnade; Trajanus. Ripheus.
21    Saturnsphäre Die kontemplativen Seelen. Himmelleiter. Schallender Ruf.
22    Erklärung des Rufes: Erniedrigung des Bonifacius VIII durch Frankreich.
       S. Benedictus.
       Sphäre der Fixsterne. Dante in seinem Sternbild: Zwillinge.
23    Erscheinung Christi und Mariae.
24    Petrus. Frage über den Glauben. Dantes Credo.
25    Jacobus Frage über die Hoffnung. Johannes. Dante erblindet.
26    Johannes Frage über die Liebe. Dante wird wieder sehend. Gespräch mit Adam.
27    Bußrede Petri gegen die Entartung der Kirche. Primum Mobile.
28    Im Kristallhimmel. Die Engelswelt und Körperwelt in ihrer Beziehung; die Intelligenzen.
       Belehrung: über die Engelshierarchie in neun Kreisen.
29    Beatrices Belehrung über die Engel.
30    Empyreum. Außerhalb des Raumes und der Zeit. Das Lichtmeer.
        Die Himmelsrose. Sessel der seligen Geister.
31    Himmelsrose. Beatrice nimmt ihren Sessel ein. S. Bernardus von Clairvaux.
        Dantes Danksagung.
32    Erklärung der Einteilung der Himmelsrose.
33    S. Bernardus' Gebet an Maria. Die drei Zirkel. Antlitz Gottes: Visio Dei.
       Dante fühlt seinen Willen und seine Sehnsucht aufgenommen in die Liebe,
      die das All bewegt.

Mondsphäre

Siehe auch: Mondsphäre

Gemeinsam mit Beatrice erhebt sich Dante von der Spitze des Läuterungsberges in die Mondsphäre. Dante ist verwundert, wie mühelos ihm mit seinem schwerebehafteten Körper der Aufstieg in diese leichte, schwerelose ätherische Sphäre gelingt. Hier seien alle Dinge nach göttlichem Ratschluss zueinander geordnet, erklärt ihm Beatrice, und jedes fände dadurch genau den Platz, der seinem Wesen entspräche. Eine Kraft lenke darum mondwärts alle Flammen, die andre klopfe im Herz der Lebewesen, die dritte halte den Erdenbau zusammen. Mit Vorsehung werde alles von der jenseits der Fixsterne gelegenen höchsten und schnellsten Himmelssphäre (dem Primum Mobile oder Kristallhimmel bzw. der „Feste“ (firmamentum) der Genesis, 1 Mos 1,6-8) angetrieben, die ihr Licht von der unbewegten, jenseits von Raum und Zeit ewig in sich ruhenden Helligkeit der Wohnstatt Gottes (dem Empyreum) empfange. Je weiter sich jedoch etwas von dieser göttlichen Quelle entferne, umso weniger empfange es von diesem überhimmlischen Licht und es erscheine dann oft nur verzerrt, wie ein Werk, das der Absicht des Künstlers nicht mehr voll entspreche.

Dante fragt nun nach der Ursache der Mondflecken, die nach allgemeiner Meinung auf unterschiedliche Körperdichte zurückgeführt würden. Das sei falsch, belehrt ihn Beatrice und erklärt, dass die Mondflecken nicht durch materielle Eigenschaften des Mondes bedingt seien, sondern durch die verschiedenen Formkräfte (Ätherkräfte) der geistigen Wesenheiten entstehen, die mit den stufenweise übereinander gereihten Planetensphären verbunden sind und dadurch das Bild Gottes, das sie von diesem empfangen haben, als Abbild schrittweise - da stärker, dort schwächer - in den unteren Sphären verwirklichen.

112 Im Himmel, wo der Frieden Gottes ruht,[1]
Dreht sich ein Kreis, in dessen Kraft und Walten
Das Sein all deß, was er enthält, beruht.
115 Der nächste Himmel, reich an Lichtgestalten,
Vertheilt dies Sein verschiednen Körpern drauf,
Von ihm gesondert, doch in ihm enthalten.
118 Aus andern Kreisen von verschiednem Lauf
Nimmt die verschiedne Kraft, in ihnen lebend.
Dann jeder Stern nach seinen Zwecken auf.
121 So siehst du diese Weltorgane schwebend,
In sich im Kreis bewegt von Grad zu Grad,
Von oben nehmend und nach unten gebend.
124 Betrachte wohl den Weg, den ich betrat,
Auf dem ich dir erwünschte Wahrheit weise,
Dann findest du wohl künftig selbst den Pfad.
127 Kraft und Bewegung nehmen jene Kreise
Von Lenkern an, die ew’ges Heil beglückt,
Wie Stein sich formt nach seines Künstlers Weise.
130 Dem Himmel, der die Schaar der Sterne schmückt,
Wird von dem Geist, durch den sie rollend schweben,
Gepräg’ und Bildniß mächtig eingedrückt.
133 Und wie die Seele, noch vom Staub umgeben,
Durch Glieder von verschiedner Art beweist,
Was in ihr für verschiedne Kräfte leben,
136 So zeiget seine Huld der Weltengeist,
Der ewig Einer ist, hier, vielgestaltet,
Im Sternenheer, das durch den Himmel kreist.
139 Daher verschiedne Kraft verschieden waltet
Im Himmels-Körper, welchen sie durchdrang,
In dem sie, wie in euch das Leben, schaltet.
142 Und da sie heiterer Natur entsprang,
Glänzt diese Kraft in jedes Sternes Lichte,
Gleichwie im Augenstern der Wonne Drang.
145 Durch sie also, und nicht durch’s Dünn’ und Dichte,
Erhält verschiednen Glanz der Sterne Schaar;
Daß sie ein Denkmal ihrer Huld errichte,
148 Schafft diese Bildnerin, was trüb’ und klar.“
                                                  (Paradiso 2,112-148)

In der Mondsphäre sieht Dante verwundert die Seelen wie bloße Spiegelbilder, wie Gesichter, die sich im Wasser spiegeln, was Dante mit der Täuschung des Narziss vergleicht, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte.

„Wie bei Ovid (Metam. III, 407 ff.) Narziß sein Spiegelbild im Wasser für eine wirkliche Gestalt nimmt, in die er sich verliebt, so hält Dante umgekehrt die wirklichen Gestalten der Mondensphäre für Spiegelbilder. Damit charakterisiert er wieder die Mondenwelt. Der Mond ist für die Erde der große kosmische Spiegel des Sonnenlichtes, der uns, ähnlich dem Spiegel, immer die gleiche Seite zukehrt. Silber ist das Metall des Mondes. Zu den charakteristischen Eigenschaften des Silbers gehört seine Eignung zur Spiegelbildung. Traumhaft-unwirklich erscheinen Dante die Mondenseelen, schwer erkennbar wie eine Perle auf weißer Frauenstirn. Auch dieser Vergleich mit der wie Mondlicht schimmernden Perle ist nicht zufällig; denn die Perle ist dem Mond astrologisch zugeordnet. Diese erste Begegnung mit den Mondenseelen ist überstrahlt von der Stille und dem milden Glanz des Mondlichtes. Es sind Frauen, die Dante hier begegnen, nicht Männer; denn die Frau ist bis ins Physische der menses ein mondbestimmtes Wesen.“ (Lit.: Schult, S. 497)

Die Leiber sind hier aus Licht gewoben und werden aufsteigend von Planetensphäre zu Planetensphäre immer feiner und strahlender. Sie erscheinen nicht mehr so dicht wie die Luftleiber der Büßer im Purgatorio oder gar wie die noch gröberen Leiber im Inferno.

„Wie ganz anders wurden die ersten Erscheinungen in der Hölle vom Dichter geschildert. Da drang ein Tumult von Stimmen und Leibern auf Dante ein. Die Gestalten erschienen in scheinbar physischer, grob-plastischer Formung. Die erste Begegnung im Purgatorio war eine scheue, milde Seelenherde. Ihre Leiber bestanden aus Luft und Licht. Jetzt, im Paradiso, erscheinen die seligen Seelen als reine Lichtwesen. Es sind „vere sustanze“, „wahre Wesen“, „wahre Substanzen“, denn das wahre, von der Materie nicht mehr getrübte Wesen des Menschen ist lichthafter Natur. Dante muß erst lernen, diese Lichtwesen zu erkennen.“ (Lit.: Schult, S. 497)

Dennoch seien es reale Seelen, klärt ihn Beatrice schmunzelnd auf, die nur deshalb hier so erschienen, weil sie ihr Gelübde nicht erfüllt hätten.

Eine dieser Seelen ist die Nonne Piccarda Donati, die Schwester von Forese und Corso Donati (Purg. 23,24), die von Corso aus dem Kloster geraubt und mit dem florentinischen Adeligen Rossellino della Tosa zwangsverheiratet worden war. Ähnlich war es Kaiserin Konstanze (1153-1198) ergangen, die Piccarda begleitet. Weil aber ihre Willenskraft nicht stark genug gewesen sei, ins Kloster zurückzukehren, nachdem der Zwang nachgelassen habe, hätten sie dennoch ihr Gelübde gebrochen, erläutert Beatrice und nennt das Beispiel großer Märtyrer, die auch in der größten Folter ihrem Bund mit Gott treu geblieben wären. Doch seien Piccarda und Konstanze, obwohl sie vielleicht den Atem Gottes schwächer empfänden, nicht weiter von ihm entfernt als andere himmlische Geister, denn nicht in den Planetensphären sei ihre wahre Wohnung, sondern alle lebten jenseits der räumlichen und zeitlichen Welt in unmittelbarer Gottesnähe (im Empyreum) und hier erscheine nur ihr Bild. Das herrlichste Geschenk, das Gott dem Menschen gegeben und ihm allein vorbehalten habe, sei die Willensfreiheit. Das aus freiem Willen geleistete Gelübde wiege darum schwer und können nicht durch anderes Gutes ersetzt werden, denn auf unser Ja-Wort schenke uns Gott das seine.

Merkursphäre

Siehe auch: Merkursphäre

Dante und Beatrice steigen zur Merkursphäre auf, wo ihnen singend tausend Lichter zu nahen scheinen. Beatrice belehrt nun Dante über die Erlösung. Da Adam versäumt hatte, seine Willenskraft vor Gott zu beugen, ging ihm und seinem Stamm, d.h. der ganzen Menschheit, das Heil verloren. Daher war auch der Kreuzestod Christi, was seine menschliche Natur betrifft, höchst gerecht und notwendig. Im Hinblick auf seine göttliche Natur war sie jedoch ein Verbrechen - und zugleich das unvergleichliche Gnadenopfer Gottes, das verhindert, dass der Mensch unausweichlich der Hölle verfällt. Durch die Auferstehung Christi könne der Mensch in einem solchen Leib zum Himmel steigen, wie ihn auch das erste Menschenpaar vor dem Sündenfall empfangen habe.

Venussphäre

Siehe auch: Venussphäre

Dante und Beatrice steigen nun weiter auf in die Venussphäre, in das Reich der Liebe. Mit hellen Hosianna-Rufen erscheinen Lichter, die sich langsam oder schnell im Kreise drehen. Dante sieht hier seinen Jugendfreund Karl Martell von Anjou (1271-1295) und Cunizza da Romano, die in Florenz lebte und für ihre Liebschaften, aber auch für ihre Güte bekannt war und so den Weg zur tätigen christlichen Liebe fand. Der provenzalische Minnesänger Folco von Marseille (um 1150-1231) erzählt, dass auch die Dirne Rahab hier zu finden sei, da sie bei der Belagerung und Zerstörung Jerichos durch die Israeliten zwei von Josua gesandte Kundschafter in ihrem Haus versteckt und dadurch gerettet hatte (vgl. Jos 2).

Sonnensphäre

Thomas von Aquin (postumes Gemälde von Carlo Crivelli, 1476)
Siehe auch: Sonnensphäre

In der Sonnensphäre empfängt Dante und Beatrice ein strahlender Lichterkranz und schlichter heller Gesang. Die 12 Lichter repäsentieren die bedeutendsten theologischen Denker. Hier treffen Dante und Beatrice auf Thomas von Aquin (um 1225-1274) und dessen Lehrer Albertus Magnus (um 1200-1280), mit denen die auf Aristoteles aufbauende Scholastik ihre Blüte entfaltete. Nicht nur christliche Weisheitslehrer finden sich in diesem Kranz, denn das fünfte Licht in diesem Kreis ist der alttestamentarische König Salomo. Die Lichter halten indessen in ihrem Kreisen inne und erscheinen nun wie Kerzen auf einem Kronleuchter. Dann beginnt sich der Lichterreigen wieder zu drehen und wird von einem zweiten, gegenläufig sich drehenden Lichterkranz umschlossen, dem die 12 wichtigsten christlichen Mystiker angehören. Ihm entsteigt der Franziskaner Bonaventura (1221-1274), von Papst Sixtus V. als Doctor seraphicus bezeichnet und nach Leo XIII. der „Fürst unter allen Mystikern“, der zahlreiche theologische und philosophische Schriften verfasst hatte und als Platoniker unter den Scholastikern galt.

Dante vergleicht die zwei gegenläufigen Lichterkränze mit 24 Sternen des Himmels, nämlich mit den nach Ptolemäus 15 hellsten Sternen, den 7 Sternen des Großen Wagens und den 2 Sternen vom Horn, d.h. von der Deichsel, des kleinen Wagens, von denen der eine der Polarstern ist, um den sich das ganze Himmelsgewölbe dreht. Dann beginnt wieder Thomas von Aquino zu sprechen und belehrt Dante über Adam und Christus und – mit Hinblick König Salomo - über das stufenweise Herabsteigen der Weisheit im Zuge der Schöpfung. Er zeigt damit zugleich, wie sich die göttlichen Urbilder schrittweise zu den mannigfaltigsten sinnlichen Abbildern verdichten. Das ewig in sich einige göttliche Schöpfungslicht spiegelt sich in absteigender Folge in den neun himmlischen Sphären wider und wird dabei gradweise schwächer und prägt sich als Abbild der Stoffeswelt ein wie das Siegel dem Wachs. Je reiner und damit bildsamer das Wachs ist, desto vollkommener wird es durch das göttliche Urbild geformt. Einzig in Adam, als er unmittelbar von Gott geschaffen wurde, und in Christus, als er sich auf Erden inkarnierte, hat sich das göttliche Vorbild in vollkommener Reinheit abgebildet. Unter allen Königen der Erde hat aber König Salomo am meisten von dem göttlichen Weisheitslicht empfangen.

37 Du glaubst: der Brust, aus der die Ripp’ entnommen[2]
Zum Stoff des Weibes, deren Gaum hernach
Der ganzen Welt so hoch zu stehn gekommen,
40 Und jener, die, als sie der Speer durchstach,
So nach wie vor so große Gnüge brachte,
Daß sie die Macht jedweder Sünde brach,
43 Sei alles Licht, das je dem Menschen lachte,
Und deß er fähig ist, voll eingehaucht
Von jener Kraft, die jen’ und diese machte;
46 Und staunst, daß ich vorhin das Wort gebraucht:
Der fünfte Glanz[3] sei bis zum tiefsten Grunde
Der Weisheit, wie kein zweiter mehr, getaucht.
49 Erschließ’ jetzt wohl die Augen meiner Kunde;
Mein Wort und deinen Glauben siehst du dann
Im Wahren, wie den Mittelpunkt im Runde.
52 Das, was nicht stirbt, und das, was sterben kann,[4]
Ist nur als Glanz von der Idee erschienen,
Die, liebreich zeugend, unser Herr ersann.
55 Denn jenes Licht des Lebens, das entschienen
Dem ew’gen Lichtquell, ewig mit ihm Eins
Und mit der Lieb’, als Drittem, Eins in Ihnen,
58 Eint gnädiglich die Strahlen seines Scheins,
Sie, wie in Spiegeln, in neun Himmeln zeigend,
Im ewigen Verein des Einen Seins.
61 Von dort sich zu den letzten Kräften neigend,
Wird schwächer dann der Glanz von Grad zu Grad,
Zufäll’ges nur, von kurzer Dauer, zeugend.
64 Zufäll’ges, wie mein Wort bezeichnet hat,
Das sind die Dinge, welche die Bewegung
Des Himmels zeugt, mit oder ohne Saat.
67 Ihr Wachs ist ungleich, wie die Kraft der Prägung,
Und von des Urgedankens Glanz gewahrt
Man drum hier schwächere, dort stärkre Regung;
70 Daher denn auch von Bäumen gleicher Art
Bald bessere, bald schlechtre Früchte kommen,
Und euch verschiedne Kraft des Geistes ward.
73 Wär’ irgendwo das Wachs rein und vollkommen,
Und ausgeprägt mit höchster Himmelskraft,
Rein würde das Gepräg’ dann wahrgenommen.
76 Doch die Natur giebt’s immer mangelhaft
Und wirkt dem Künstler gleich, der wohl vertrauen
Der Uebung kann, doch dessen Hand erschlafft.
79 Drum bildet heiße Lieb’ und klares Schauen
Der ersten Kraft, dann wird sie, rein und groß,
Vollkommenes erschaffen und erbauen.
82 So ward gewürdiget der Erdenkloß,
Die thierische Vollkommenheit zu zeigen,
Und so geschwängert ward der Jungfrau Schooß.
85 Darum ist deine Meinung mir auch eigen:
Daß menschliche Natur in jenen Zwei’n
Am höchsten stieg und nie wird höher steigen.
88 Hielt ich mit meinen Lehren jetzo ein,
So würdest du die Frage nicht verschieben:
Wie konnt’ ein Dritter ohne Gleichen sein?
91 Doch, daß erscheine, was versteckt geblieben,
So denke, wer er war, und was zum Flehn,
Als ihm gesagt ward: „Bitt’!“ ihn angetrieben.
94 Aus meiner Rede konntest du ersehn:[5]
Als König fleht’ er um Verstand, beflissen,
Damit dem Reiche gnügend vorzustehn –
97 Nicht um der Himmelslenker Zahl zu wissen,
Nicht, ob Nothwend’ges und Zufälligkeit
Nothwendiges als Schluß ergeben müssen;
100 Nicht, was, zuerst bewegt, Bewegung leiht,
Nicht, ob ein Dreieck in dem halben Kreise
Noch anderen, als rechten Winkel, beut. –
103 Was ich gemeint, erhellt aus dem Beweise.
Du siehst, ein Seher sonder Gleichen war
Durch Königsklugkeit jener hohe Weise.
106 Auch ist mein Wort: dem nie ein Zweiter, klar;
Von Kön’gen sprach ich nur an jenem Orte,
Die selten gute sind, ob viele zwar.
109 Mit diesem Unterschied nimm meine Worte,
Daß nicht im Streit damit dein Glaube sei
Vom ersten Vater und von unserm Horte. –
                                  Paradiso 13, 37-109

Der Auferstehungsleib

Beatrice fühlt, dass für Dante noch Fragen offengeblieben sind. Auf ihre Bitte spricht Salomo über die Verklärung des Leibes und die Auferstehung.

10 „Ihm thut es Noth, obwohl er’s euch nicht kund
In Worten giebt, noch läßt im Innern lesen,
Zu spähn nach einer andern Wahrheit Grund.
13 Sagt ihm, ob dieses Licht, das euer Wesen
So schön umblüht, euch ewig bleiben wird
Im selben Glanze, wie’s bis jetzt gewesen;
16 Und, bleibt’s, so sagt, damit er nimmer irrt,
Wie, wenn ihr werdet wieder sichtbar werden,[6]
Es euren Blick nicht blendet und verwirrt.“
                                      (Paradiso 14,10-18)

Dante wird daraufhin von Salomo belehrt: So wie die heller strahlende Kohle in dem sie umgebenden Glanz noch sichtbar bleibe, so werde auch die menschliche Gestalt im verklärten himmlischen Licht bewahrt. Und würde auch die schwache irdische Sehkraft von dem hellen Glanz so geblendet, dass sie die Gestalt nicht mehr wahrnehmen könnte, so sei doch die Sehkraft des Auferstehungsleibes so vollkommen, dass sie an der Wahrnehmung nicht gehindert würde. Je heller das Licht strahle, desto mehr würde sie sehen, ohne je geblendet zu werden. Darauf hatte schon Thomas von Aquin in seiner «Summe der Theologie» hingewiesen: „So mag die Luft so viel erleuchtet fein wie sie wolle, sie kann immer mehr das Sehen vermitteln; und je mehr sie durchleuchtet ist, desto klarer sieht man, wenn nicht die Schwachheit der Sehkraft ein Hindernis ist.“ (III, Supplement 82,4)

37 „So lang die Lust im himmlischen Gefilde,
So lange währt auch unsre Lieb’ und thut
Sich kund um uns in diesem Glanzgebilde.
40 Und seine Klarheit, sie entspricht der Glut,
Die Glut dem Schau’n, und dies wird mehr uns frommen,
Je mehr auf uns die freie Gnade ruht.
43 Wenn wir den heil’gen Leib neu angenommen,
Wird unser Sein in höhern Gnaden stehn,
Je mehr es wieder ganz ist und vollkommen.
46 Drum wird sich das freiwill’ge Licht erhöhn,
Das wir vom höchsten Gut aus Huld empfangen,
Licht, welches uns befähigt, Ihn zu sehn,
49 Und höher wird zum Schau’n der Blick gelangen,
Höher die Glut sein, die dem Schau’n entglüht,
Höher der Strahl, der von ihr ausgegangen.
52 Doch wie die Kohle, der die Flamm’ entsprüht,
Sie an lebend’gem Schimmer überwindet
Und bleibt erkennbar, wie auch jene glüht;
55 So wird der Glanz, der jetzt schon uns umwindet,
Dereinst besiegt von unsres Fleisches Schein,
Wenn Gott es seiner Grabeshaft entbindet.
58 Nicht wird uns dann so heller Glanz zur Pein,
Denn stark, um alle Wonnen zu genießen,
Wird jedes Werkzeug unsers Körpers sein.“
                                       (Paradiso 14,37-60)

Die Liebeskraft des Christus ist es, die die düsteren Kräfte, die uns am geistigen Aufstieg im nachtodlichen Leben hindern würden, aus unseren Wesensgliedern herausreißt – und das war auch schon in vorchristlicher Zeit seit dem Sündenfall so. Diese finsteren und kalten Seelenkräfte sind es, die sich vor allem in den Erdentiefen sammeln bzw. als düstere Decke über die Erde breiten und von denen Dante in den Gesängen des Infernos und des Purgatorios spricht. Diese Kräfte sind es aber auch, die unserer Hüllennatur ihre undurchdringliche Festigkeit verleihen - allerdings auf verfehlte Weise, denn sie materialisieren unsere Hüllen zu einem sterblichen stofflichen Körper, der immer wieder dem Zerfall anheim gegeben wird, weil er sich spröde den gestaltenden geistigen Kräften widersetzt und unter deren Ansturm notwendig zerbricht. Im geistigen Leben nach dem Tode fehlen uns daher wesentliche Teile unserer Hüllennatur. Vom Astralleib fällt alles ab, was mit irdisch egoistischen Begierden durchsetzt ist. Vom Ätherleib, der der Träger des Gedächtnisses und u.a. auch der menschlichen Temperamente ist, können wir nur einen schwachen Auszug in das geistige Dasein mitnehmen. Und der physische Leib, der am meisten von der „Verstofflichung“ befallen ist, wird mit dem Tode fast völlig abgestreift. Dabei ist daran zu erinnern, dass physischer Leib und stofflicher Leib nicht gleichbedeutend sind. Der physische Leib ist die nur übersinnlich erfahrbare Formgestalt des Menschen, von Rudolf Steiner auch als Phantomleib bezeichnet, die nur dadurch sinnlich sichtbar wird, dass sie sich mit irdischer Stofflichkeit erfüllt. Alles irdisch Stoffliche verfällt dem Grab, und das ist für das nachtodliche Leben kein Verlust. Aber wir verlieren eben auch wesentliche Teile unserer physischen Formgestalt – und das ist eine entscheidende Einbuße, denn gerade diese Formgestalt gibt uns jene feste Grenze, ohne die wir unser Selbstbewusstsein nicht weiterentwickeln können. Das einmal im irdischen Dasein erworbene Ichbewusstsein geht zwar nicht verloren, aber es kann im Leben nach dem Tod wegen des mangelnden Grenzerlebnisses nicht weiterentwickelt werden. Das geht erst wieder im nächsten Erdenleben. Damit der Mensch einmal aus dem Kreislauf der Wiedergeburten herauskommen und dauerhaft in ein geistigeres Leben übertreten kann, muss erstens seine Ich-Kraft gestärkt werden und zweitens seine Hüllennatur vor dem Verfall gerettet werden. Alle Verfehlungen, die wir im irdischen Leben begannen haben, schwächen unsere Ich-Kraft. In einem neuen Erdenleben können wir aber diese Fehler im Zuge des Schicksalsgeschehens selbst ausgleichen. Unsere Hüllen hingegen können wir nicht alleine aus eigener Kraft vor dem Sturz in die Finsternis bewahren. Dazu bedarf es der lichten Auferstehungskraft des Christus, die sich durch das Mysterium von Golgatha mit der Erdensphäre verbunden hat. Nur wenn wir uns mit dieser lichten Auferstehungskraft durchdringen, werden wir fähig, das strahlende Licht der geistigen Welt zu ertragen, ohne dass unser Ichbewusstsein durch ihren Glanz so überstrahlt wird, dass wir uns selbst vergessen und verlieren. In seiner Schilderung der geistigen Sonnensphäre weist Dante darauf sehr deutlich hin.

Das magische Quadrat der Sonne mit 6 x 6 Zahlen nach Agrippa von Nettesheim[7]. Die Spalten- und Zeilensummen betragen jeweils 111 und entsprechen Nachiel, der Intelligenz der Sonne. Die Gesamtsumme beträgt 666, die Zahl des Tieres, und entspricht dem Sonnendämon Sorat.

Angefacht vom Wehn des Heiligen Geistes erscheint ein dritter Lichterkranz mit wieder 12 Lichtern. Insgesamt sind es nun 3 x 12 = 36 Lichter, die Dante und Beatrice umkreisen. Die Zahl 36 ist charakteristisch für die Sphäre der Sonne. Agrippa von Nettesheim hat ihr daher auch ein magisches Quadrat mit 6 x 6 = 36 Zahlen zugeordnet.

70 Wie, wenn allmählich an der Abend bricht,
Am Himmel Punkte, klein und bleich, erglänzen,
So daß der Anblick wahr erscheint und nicht:
73 So glaubt’ ich jetzt in neuen Ringeltänzen,
Noch zweifelnd, neue Wesen zu erspähn,
Weit außerhalb von jenen beiden Kränzen.
76 O wahrer Schimmer, angefacht vom Wehn
Des heil’gen Geist’s so plötzlich hell! – Geblendet
Konnt’ ihm mein Auge jetzt nicht widerstehn.
79 Doch als ich zu Beatrix mich gewendet,
War sie so lachend schön, so hoch beglückt,
Daß solches Bild kein irdisch Wort vollendet.
82 Da ward von neuer Kraft mein Aug’ entzückt;
Ich schlug es auf, und sah mich schon nach oben
Mit ihr allein zu höherm Heil entrückt.
                                        (Paradiso 14, 70-84)

Marssphäre

Siehe auch: Marssphäre

Beatrice erhebt sich nun mit Dante in die rötlich leuchtende Marssphäre. Geblendet erschaut Dante ein strahlendes Kreuz, das von den leuchtenden Seelen der Märtyrer gebildet wird. In dem Kreuz erscheint Christus und Dante vernimmt in seinem Inneren die Worte: „Du wirst siegreich auferstehen.“

85 Wohl nahm ich wahr, ich sei emporgehoben,
Denn glühend lächelte der neue Stern,
Und schien von ungewohntem Roth umwoben.
88 Vom Herzen, in der Sprache, welche fern[8]
Und nah’ gemeinsam ist den Völkerschaaren,
Bracht’ ich Dankopfer dar dem höchsten Herrn.
91 Und lustentzündet konnt’ ich schon gewahren,
Eh’ ich die ganze Glut ihm dargebracht,
Daß angenehm dem Herrn die Opfer waren.
94 Denn Lichter, in des Glanzes höchster Macht,
Sah ich aus zweien Schimmer-Streifen scheinen,[9]
Und rief: O Gott, du Schöpfer solcher Pracht! –
97 So thut, besä’t mit Sternen, groß’ und kleinen,
Galassia zwischen Pol und Pol sich kund,
Von welcher dies und das die Weisen meinen,
100 Wie diese Streifen, bildend auf dem Grund
Des rothen Mars das hochgeehrte Zeichen,
Gleich vier Quadranten, wohlgefügt im Rund.
103 Wohl muß die Kunst hier dem Gedächtniß weichen,[10]
Denn von dem Kreuz hernieder blitzte Christus;
Wo gäb’s ein Bild, ihm würdig zu vergleichen?
106 Doch wer sein Kreuz nimmt, folgend seinem Christus,
Von ihm wird das, was ich verschwieg, verziehn,
Denn blitzen sieht auch Er im Glanze Christus.
109 Von Arm zu Arm, vom Fuß zur Höh’ erschien
Bewegtes Licht, hier hell in Glanz entbrennend,
Weil sich’s verband, dort beim Vorüberziehn.
112 So sieht man wohl, hier träg bewegt, dort rennend,
Atome, hier gerad’, dort krumm geschweift,
Und lang und kurz, sich einend und sich trennend,
115 Wirbelnd im Strahl, der durch den Schatten streift,
Nach dem, wenn heiß die Sonnengluten flirren,
Der Mensch mit Witz und Kunst begierig greift. –
118 Und wie harmonisch Laut’ und Harfe schwirren,
Sind nur die vielen Saiten rein gespannt,
Ob auch im Ohr die Töne sich verwirren;
121 So hört’ ich jetzt den Sang vom Kreuz, und stand,
Als ob in Lust die Sinne sich verlören;
Obwohl ich von der Hymne nichts verstand,
124 Doch hohen Preis vernahm ich in den Chören,
Denn: Du erstehst und siegst! – erklang’s und ich
Glich denen, welche nicht verstehn, doch hören.
127 Und so durchdrang hier süße Liebe mich,[11]
Daß, welche holde Band’ auch mich umfingen,
Doch keins bis dahin diesem Bande glich.
                                      Paradiso 14, 85-127

Dantes Urahne Cacciaguida

Aus der Schar der leuchtenden Seelen tritt Dantes Urahne Cacciaguida (1147-1149) hervor, der im zweiten Kreuzzug (1147-1149) gefallen war. Er sagt Dantes künftiges Schicksal voraus, seine Verbannung und Einsamkeit, und bestärkt ihn, ganz auf sich gestellt seiner politisch-poetischen Aufgabe weiter mit aller Kraft zu folgen: „Dein Laut wird sich, dem Sturme gleich, erheben, der hohe Gipfel stärker schüttelnd faßt.“

124 „Wer rein nicht sein Gewissen nennen darf,“[12]
Sprach er, „wen eigne Schmach, wen fremde drücket,
Dem schmeckt wohl deine Rede streng und scharf.
127 Dennoch verkünde ganz und unzerstücket
Was du gesehn, von jeder Schminke frei,
Und laß nur den sich kratzen, den es jücket.
130 Ob schwer dein Wort beim ersten Kosten sei,[13]
Doch Nahrung hinterläßt’s zu kräft’germ Leben,
Ist des Gerichts Verdauung erst vorbei.
133 Dein Laut wird sich, dem Sturme gleich, erheben,
Der hohe Gipfel stärker schüttelnd faßt,
Und dies wird Grund zu größrer Ehre geben.
136 Drum sind berühmte Seelen alle fast,
Die du im dunkeln wehevollen Schlunde
Und auf dem Berg und hier gesehen hast.
139 Denn Niemand traut beruhigt einer Kunde,
Verbirgt das Bild, das sie vor Augen stellt,
Die Wurzel tief im unbekannten Grunde,
142 Und nur was hell strahlt überzeugt die Welt.“
                                              (Paradiso 17, 124-142)

Jupitersphäre

Siehe auch: Jupitersphäre

Dann steigen Dante und Beatrice in den sechsten Kreis auf, in die von ungetrübtem weißen Silberlicht erfüllte und von Liebe funkelnde Jupitersphäre. Wie Vögel eilen Geschwader seliger Geister heran und formen zuerst die Worte Diligite iustitiam qui iudicatis terram („liebt die Gerechtigkeit, ihr, die ihr die Erde richtet“) und bilden dann die Gestalt eines Adlers, der zu Dante von der Gerechtigkeit und Gnade Gottes spricht.

Gustave Doré: Der Adler der gerechten Seelen (Paradiso 18)

64 Und wie das Roth der Scham, die glühend heiß
Gefärbet hat der zarten Jungfrau Wangen,
Bald wieder schwindet vor dem lautern Weiß;
67 So, nach dem rothen Licht, das mich umfangen,[14]
Sah ich mich in den Silberglanz entrückt
Des sechsten Sterns, der mich in sich empfangen.
70 Und in dem Stern des Zeus, den Freude schmückt,
War frohes Liebesfunkeln zu gewahren,[15]
Durch unsrer Sprache Zeichen ausgedrückt.
73 Wie Vögel, die empor vom Strande fahren,
Gemeinsam neuer Weide froh, sich bald
In runden, bald in langen Haufen schaaren;
76 So flatterten, vom Himmelslicht umwallt,
In Sängen Sel’ge hin, im Fluge zeigend
Des D und dann des I und L Gestalt,
79 Sich senkend nach der Melodie und steigend,
Und, war die Ordnung diesen Zeichen gleich,
Einhaltend in des Fluges Schwung und schweigend.
82 Kalliope, die du die Geister reich
An Ruhme machst, sie ewig zu erhalten,
Wie sie durch die verew’gen Stadt und Reich:
85 Erleuchte mich, damit ich die Gestalten
Getreu beschreibe, jetzt mit deinem Strahl;
Laß deine Kraft in kurzen Reimen walten! –
88 Vokal’ und Consonanten – sieben mal
Fünf waren’s, die mein Auge dort ergetzten,
Auch merkt’ ich wohl die Ordnung dieser Zahl.
91 Diligite iustitiam – so setzten[16]
Erst Haupt- und Zeitwort sich; dann sieh sofort:
Qui iudicatis terram – als die letzten.
94 Und alles blieb beim M im fünften Wort
Geordnet stehn, hiermit das Werk vollbringend.
So stand die Schrift wie Gold in Silber dort.[17]
97 Ich sah viel andres Licht, sich niederschwingend
Zum Haupt des M, dort still und unbewegt,
Vom Gut, so schien es, das sie anzieht, singend.[18]
100 Dann, wie wenn man mit Feuerbränden schlägt,[19]
Draus unzählbare Funken sprühend flammen,
Woraus die Thorheit wahrzusagen pflegt,
103 So hoben dort sich mehr als tausend Flammen[20]
Und die stieg mehr, und minder die empor,[21]
Wie sie die Sonne trieb, aus der sie stammen.
106 Als jed’ an ihrer Stelle war, verlor
Sich das Gewühl – da trat in Flammenzügen
Der Kopf und Hals von einem Adler vor.
109 Der dorten malt, weiß selbst sich zu genügen;[22]
Ihn leitet nichts; die Kraft entstammt durch Ihn,
Draus in den Nestern sich die Formen fügen.
112 Die andre Schaar, die erst befriedigt schien,
Das M bekrönend mit dem Lilienkranze,
Fügte sich, leicht bewegt, zum Ganzen hin.
115 So sah ich, schöner Stern, der Himmel pflanze
In uns die Keime der Gerechtigkeit,
Der Himmel, den du schmückst mit deinem Glanze.
                                      Paradiso 18, 64-115

So soll es dem gerechten Kaiser Trajan durch die Gebete Papst Gregors des Großen und durch die Gnade Gottes ermöglicht worden sein, zu einer neuerlichen irdischen Inkarnation herabzusteigen, in der er als getaufter Christ sterben durfte. Und Ripheus, nach Vergils «Äneis» (II, 532–3) der Gerechteste unter den Verteidigern Trojas, habe so tief und mit unendlicher Liebe das Licht von Gottes Gerechtigkeit in sich aufgenommen und selbst noch in der Schattenwelt der Vorhölle empfunden, dass ihn die drei christlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung in die Himmelswelt führen konnten.

Saturnsphäre

Siehe auch: Saturnsphäre

Dante und Beatrice steigen auf zum siebenten Kreis, in die Saturnsphäre. Der Saturn steht gerade im Zeichen des Löwen. Dante schaut die goldene Himmelsleiter, auf der die beschaulichen Seelen auf- und niedersteigen. Das Licht erscheint gedämpft, die Himmelschöre sind verstummt – aus Rücksicht auf Dantes sterbliches Wesen, das die Helle und den Klang nicht ertragen könne, wie ihn Pietro Damiano (1007-1072) belehrt, der einstmals ein bedeutender Theologe und Kardinalbischof von Ostia gewesen war und sich besonders um die Hebung der Klosterzucht bemühte hatte. Selbst Beatrices Mine zeigt hier kein Lächeln mehr, weil dieses Dante zu Asche werden ließe.

Das Licht beginnt sich um seine eigene Mitte zu drehen. Dante sieht hundert Kugel leuchten, die sich gegenseitig ihren Lichtglanz schenken. Die größte dieser Himmelsperlen tritt hervor: Benedikt von Nursia (480-543), der Begründer des Benediktinerordens, der den Apollotempel auf dem Monte Cassino zerstört und dort das damals größte abendländische Kloster aufgebaute hatte, beklagt den Verfall seines Ordens. Dante fragt, ob ihm die große Gnade zuteil würde, Benedikts Antlitz unverhüllt zu schauen. Dieser hohe Wunsch, antwortet Benedikt, werde ihm in der höchsten Sphäre, dem wahren Sitz der Seligen, erfüllt, in der auch jede andere Sehnsucht gestillt wird.

Fixsternsphäre

Dantes Himmelsspirale. Illustration zu Dantes Divina Commedia von William Blake.
Siehe auch: Fixsternsphäre

Beatrice geleitet Dante Sprosse für Sprosse rasch die Himmelsleiter hoch hinauf bis in den Fixsternhimmel hin zum Sternbild der Zwillinge, dem Geburtszeichen Dantes, von wo er auf die Planetenwelt zurückblickt. Die Erde erscheint von hier nur mehr winzig klein, wie eingeschrumpft. Dantes Blick ist nun so gestärkt, dass er Beatrices Augen zu schauen vermag. Die Scharen von Christi Siegeszug offenbaren sich in diesem Sphärenkreis jenseits der Planetenwelt. Wie eine Fackel kommt der Erzengel Gabriel herabgeschossen, formt sich zum Ring und wird zur Himmelskrone, die die Himmelskönigin umkreist. Alle Lichter singen gemeinsam den Marienhymnus „Regina coeli“.

Aus den leuchtenden Kugeln der Heiligen, die wie flammende Kometen kreisen, löst sich das hellste Licht – Petrus - heraus, umfliegt dreimal Beatrice und wendet sich dann zu Dante, um ihn auf Beatrices Bitte über das Wesen des Glaubens zu befragen. Dante gibt erschöpfend Antwort und spricht sein aus tiefstem Herzen empfundenes Glaubensbekenntnis, das von Petrus voll und ganz anerkannt wird. Daraufhin wird Dante dreimal von dem Licht des Heiligen Petrus umkreist.

Ein anderes Feuer aus dem Kreis um Petrus erscheint. Es ist Jakobus, der Dante über die Hoffnung befragt. Auch hier kann Dante befriedigende Antwort geben.

Zuletzt erscheint das Licht des Johannes, von dem Dante so geblendet ist, dass er erblindet. Johannes, der Lieblingsjünger Christi, befragt nun Dante nach dem Wesen der Liebe. Als Dante auch diese Prüfung besteht, singen die Heiligen und Beatrice: „Heilig, heilig, heilig!“ und Dante gewinnt sein Augenlicht wieder.

Adam naht und spricht über das Paradies, das er nur sieben Stunden lang erleben konnte, und über den Sündenfall, durch den er 4300 Jahre voller Sehnsucht nach dem Himmelslicht in der Vorhölle eingeschlossen gewesen sei. Dann berichtet er auch von der durch Nimrods ehrgeizigen Turmbau ausgelösten Sprachverwirrung.

Durch den Verfall des Papsttums verdüstert sich das Licht rötlich und Petrus hält mit donnernder Stimme seine Strafrede.

Kristallhimmel

Siehe auch: Kristallhimmel

Danach steigt Dante mit Beatrice zum Kristallhimmel, dem Primum Mobile, auf. Hier endet, vom Licht und der Liebe Gottes umfangen, die räumliche und zeitliche Welt. Als hell leuchtender Punkt spiegelt sich die Gottheit in Beatrices Augen. Sie belehrt Dante über die Beziehung der Engelswelt zur Körperwelt und über die in neun Kreisen geordneten Engelshierarchien und spricht auch über ihre Erschaffung und ihren Sündenfall. Aus allen Kreisen sprühen Funken und von Chor zu Chor erklingt Hosiannasingen bis hin zum innersten Punkt, welcher sie in ewigem Schwingen auf ihrer Bahn hält.

Die Engelhierarchien

Gustave Doré, Illustration zu Dantes Paradiso
John Flaxman: Un punto vidi che raggiava (Mir strahlt’ ein Punkt, so glanzentglüht und scharf...)
Siehe auch: Hierarchien

Im 28. Gesang wird Dantes Blick für die geistigen Hierarchien eröffnet:

13 Ich sah jetzt das mir in die Augen dringen,
Als ich die Blicke suchend rückwärts warf,
Was die erspähn, die diesen Kreis erringen.
16 Mir strahlt’ ein Punkt, so glanzentglüht und scharf,[23]
Daß nie ein Auge, das er mit dem hellen
Glutschein bestrahlt, ihm offen trotzen darf.
19 Ließ sich zu ihm das kleinste Sternlein stellen,[24]
Ein Mond erschien’ es, könnt’ es seinem Licht,
So nah’, wie Stern dem Stern, sich beigesellen.
22 So weit, als Sonn’ und Mond ein Hof umflicht,
Vom eignen Glanz der beiden Stern’ entsprungen,
Wenn sich in dichtem Dunst ihr Schimmer bricht,
25 War um den Punkt ein Kreis, so schnell geschwungen[25]
In reger Glut, daß er auch überwand
Den schnellsten Kreis, der rings die Welt umschlungen.
28 Und dieser war vom zweiten rings umspannt,
Um den der dritte dann, der vierte wallten,
Die dann der fünfte, dann der sechst’ umwand.
31 Drauf sah man sich den siebenten gestalten,
So weit, daß Iris halber Kreis, auch ganz,[26]
Doch viel zu enge wär’, ihn zu enthalten.
34 Dann wand der achte sich, der neunte Kranz,
Und jeder war langsamer’n Schwungs, je weiter
Er ferne stand von jenem einen Glanz.
37 Und jedes’ Licht ist reiner mehr und heiter,
Je minder fern er ist von seiner Spur,
Und in der reinen Glut je eingeweihter.
40 Sie, die mich sehend, meinen Wunsch erfuhr,
Sprach ungefragt: „Von diesem Punkte hangen
Die Himmel ab, die sämmtliche Natur.
43 Sieh jenen Kreis, der ihn zunächst umfangen;
Das, was ihn treibt, daß er so eilig fliegt,
Es ist der heil’gen Liebe Glutverlangen.“[27]
46 Und ich zu Ihr: „„Wäre die Welt gefügt
Nach dem Gesetz, das herrscht in diesen Kreisen,
So hätte völlig mir dein Wort genügt.
49 Doch in der Welt, der sichtbaren, beweisen,
Die Schwingungen je größre Göttlichkeit,
Je ferner sie vom Mittelpunkte kreisen.
52 Drum soll in dieser Engels-Herrlichkeit,
Im Tempel, den nur Lieb’ und Licht umschränken,
Ich ruhig sein, von jedem Wunsch befreit,
55 So sprich: Wie kommt’s – ich kann mir’s nicht erdenken –
Daß Abbild sich und Urbild nicht entspricht
Und andere Gesetze beide lenken?““
58 „Genügt dein Finger solchem Knoten nicht,
So ist’s kein Wunder; weil ihn zu entstricken
Niemand versuchte, ward er fest und dicht.“
61 Sie sprach’s, und dann: „Nimm, um dich zu erquicken,
Das, was ich dir verkünden werd’; allein
Betracht’ es ganz genau mit scharfen Blicken.
64 Ein Körperkreis muß weiter, enger sein,
Je wie die Kraft, die sich durch seine Theile
Gleichmäßig ausdehnt, groß ist oder klein.
67 Die größre Güte wirkt zu größerm Heile,
Und größres Heil füllt größeres Gebiet,
Ward jeder Gegend gleiche Kraft zu Theile.
70 Der Kreis drum, der das Weltall mit sich zieht,
In seinem Schwung, entspricht in seiner Weise
Dem, der am meisten liebt, am tiefsten sieht.
73 Darum, wenn du dein Maß dem innern Preise,
Und nicht dem äußern Umfang angelegt,
Von dem, was dort erscheint, wie runde Kreise,
76 So wirst du, zur Bewunderung erregt,
Das Mehr und Minder sich entsprechen sehn
In jedem Kreis, und dem, was ihn bewegt.“ –
79 Wie rein das Blau erglänzt aus Aethershöhen,
Wenn Boreas Luft aus jener Backe stößt,[28]
Aus der gelinder seine Hauche wehen,
82 So, daß vom Dunst gereinigt und gelöst,
Der ihn getrübt, in seinen weiten Auen
Der Himmel lächelnd jeden Reiz entblößt;
85 So ward mir jetzt beim Worte meiner Frauen,[29]
Denn dieses ließ die Wahrheit mich so klar,
Wie einen Stern am reinen Himmel schauen.
88 Und als ihr heil’ges Wort beendet war,
Da stellten anders nicht, als siedend Eisen,
Sich jene Kreise, Funkend sprühend, dar.
91 Die Funken folgten den entflammten Kreisen
In größrer Meng’, als durch Verdoppelung
Schachfelder sich vertausendfacht erweisen.[30]
94 Dem festen Punkt, der sie ohn’ Aenderung
Dort, wo er sie erhält, auch wird erhalten,
Scholl Lobgesang aus dieser Kreise Schwung.
97 „Zwei Kreise sieh dem Punkt zunächst sich halten,“[31]
Sie sprach’s, stets wissend, was mein Geist ersinnt,
„Und Seraphim und Cherubim drin walten.
100 Sie folgen ihren Fesseln so geschwind,[32]
So viel sie können, Ihm sich anzuschließen,
Und können’s, wie sie hoch im Schauen sind.
103 Die Gluten drauf, die diese rings umfließen,
Die Throne sind’s, von Gottes Angesicht
Benannt, weil sie die erste Dreizahl schließen.
106 So groß ist Aller Wonn’, als ihr Gesicht,
Tief in die ew’ge Wahrheit eingedrungen,
Die alle Geister stillt mit ihrem Licht.
109 Durch Schau’n wird also Seligkeit errungen,
Nicht durch die Liebe, denn sie folgt erst dann,
Wenn sie dem Schau’n, wie ihrem Quell, entsprungen.
112 Und das Verdienst, das durch die Gnade man
Und Willensgüt’ erwirbt, ist Maß dem Schauen.
So steiget man von Grad zu Grad hinan.
115 Die andre Dreizahl, die in diesen Auen
Des ew’gen Lenzes blüht, und welcher nie
Das Laub entfällt bei nächt’gen Widders Grauen,[33]
118 Singt ewig in dreifacher Melodie
Hosiannasang in dreien sel’gen Schaaren,
Und also Eins aus Dreien bilden sie.
121 Herrschaften sind’s, die erst sich offenbaren,
Sodann die Kräfte sind im zweiten Kranz,
Im dritten sind die Mächte zu gewahren.
124 Die Fürstenthümer sieh zunächst im Tanz,
Dann die Erzengel ihre Lieb’ erproben;
Den letzten Kreis füllt Engelsfeier ganz.[34]
127 Die Ordnungen schau’n allesammt nach oben;[35]
Nach unten wirken sie, was lebt mit sich
Zu Gott erhebend und zu ihm erhoben;
130 Und Dionysius rang so brünstiglich,
Damit sein Blick die Ordnungen betrachte,
Daß er sie nannt’ und unterschied wie ich.
133 Wahr ist es, daß Gregorius anders dachte,[36]
Doch er belächelte dann seinen Wahn,
Sobald er erst in diesem Reich erwachte.
136 Hat solch Geheimniß kund ein Mensch gethan,
So staune nicht; von Ihm, der Alles schaute,
Hatt’ er davon auf Erden Kund’ empfahn,
139 Der sonst auch viel vom Himmel ihm vertraute.“
                                  (Paradiso 28, 13-139)

Empyreum

Dante wendet seinen Blick der grenzenlosen Schönheit Beatrices zu. Dann schaut er die weiße Himmelsrose, die durch die Rückstrahlung des göttlichen Lichtes vom Kristallhimmel gebildet wird. Hier haben die Seligen ihren höchsten Sitz. Beatrice lenkt Dantes Blick auf einen freien Platz im gelben Inneren der Rose. Hier werde schon bald Kaiser Heinrich VII. (1278-1313) sitzen, auf den Dante große Hoffnungen bezüglich der Rettung Italiens und auch für die Aufhebung seiner Verbannung gesetzt hatte. Papst Clemens V. werde jedoch der Hölle verfallen. Auch Beatrice nimmt nun ihren Platz in der Himmelsrose ein. Ein Greis naht, um Dante über die Einteilung der Himmelsrose zu belehren. Es ist der bedeutende christliche Mystiker Bernhard von Clairvaux (1091-1153), der für den zweiten Kreuzzug gepredigt hatte und eine wesentliche Rolle in der kirchlichen und weltlichen Diplomatie spielte. Maria überstrahlt indessen wie die Morgenröte im Osten den ganzen Himmel und Bernhard richtet sein Gebet an sie und fordert Dante auf, es ihm gleich zu tun.

Die Trinität

Siehe auch: Trinität

Immer tiefer dringt Dantes Blick in das Licht. In drei verschiedenfarbigen Kreisen gleicher Rundung und Größe erscheint ihm die Trinität. Zwei Kreise strahlen spiegelnd wie zwei Regenbogen, der dritte ist ein Feuerring und wie gemalt durch sein Augenpaar erscheint ihm ein Menschenantlitz. Wie vom Blitz getroffen ist sein Geist und der Phantasie bricht jede Spitze, doch Dantes Wunsch und Wille fühlt sich beflügelt durch die Liebe, die auch die Sonne bewegt, den Mond und alle Sterne.

Die durchlichte Liebeswärme, die der Christus in die Erdenwelt ergossen hat, entreißt den Widersachen die geraubten Teile unserer Wesenshüllen, die durch die "Sünde" korrumpiert sind. Der Christus hat diese Sünden, die substantiell die den Widersachern verfallenen Teile unserer Wesenshüllen sind, auf sich genommen und geheilt. Das ist die eigentliche Bedeutung der Worte Johannes des Täufers: "Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!" (Joh 1,29) Die von den Sünden gereinigte, von Liebeskraft durchdrungene Hüllennatur hält dem geistigen Licht bis in die höchsten Höhen stand. Die Begnadung durch das höchste Geistige kann dann der Mensch ertragen, und sich selbst als eigenständiges Bild des Göttlichen erfassen:

John Flaxman: De l'alto lume parvemi tre giri,
Di tre colori e d'una continenza...
(Im tiefsten Schooß vom lichten Strahlenschein
Schienen drei Kreise schimmernd mir zu sehen ...) Paradiso 33

115 Im tiefsten Schooß vom lichten Strahlenschein
Schienen drei Kreise schimmernd mir zu sehen,
Dreifarbig und an Umfang eins zu sein.
118 Wie Iris von der Iris glänzt, so zween
Im Wiederschein; der dritt’, als Gluth und Licht
Schien’ er gleichförmig beiden zu entwehen.
121 Für meine Vorstellung des Worts Bericht,[37]
Er ist zu arm! Und nehm’ ich, was beschieden
Mir war zu seh’n, wie arm ist diese nicht!
124 O ew’ges Licht, du, in dir selbst im Frieden,[38]
Allein dich kennend, und, von dir erkannt,
Dir selber lächelnd und mit dir zufrieden,
127 Als zu dem Kreis, den ich in dir erfand
Wie wiederscheinend Licht, die Aug’ ich wandte,
Und ihn verfolgend mit den Blicken stand:
130 Da schien’s, gemalt in seiner Mitt’ erkannte,
Mit eigner Farb’, ich unser Ebenbild,
Drob ich nach ihm die Blicke gierig spannte.
133 Wie eifrig strebend, aber nie gestillt,
Der Geometer forscht, den Kreis zu messen,
Und nie den Grundsatz findet, welcher gilt;
136 So ich beim neuen Schau’n – ich wollt’ ermessen,
Wie sich das Bild dem Kreise ein’ und wie
Die Züge mit dem Licht zusammenflössen.
139 Doch dies erflog der eigne Fittich nie. –
Da ward mein Geist von einem Blitz durchdrungen,
Der, was die Seel’ ersehnt hatt’, ihr verlieh.
142 Hier war die Macht der Phantasie bezwungen,
Schon aber folgten Will’ und Wünschen gerne,
Gleichwie ein Rad, gleichmäßig umgeschwungen,[39]
145 Der Liebe, die beweget Sonn’ und Sterne.[40]

                               Ende.
                                                (Paradiso 33, 115-145)

Zusammenfassung

Den Aufstieg durch die himmlischen Sphären fasst Rudolf Steiner so zusammen:

"Ihr, Beatrice, werden zuerst die Wesen des Mondes entgegengeführt, die ihr geistliches Gelübde gebrochen haben. Sie hatten das Gelübde, nur dem Geistigen zu dienen, gebrochen und waren wieder der Sinnlichkeit verfallen. Merkur war noch für die alte griechische Theosophie dasjenige Wesen, das mitgewirkt hat, als der alte Atlantier sich zu dem Begriff des Ich aufgeschwungen hat. Die ersten Atlantier hatten noch nicht das Ich-Bewußtsein. Die Wesenheit, in deren Zeichen das Persönliche steht, ist der Gott Merkur, Hermes. Der Mensch kommt zum Persönlichen, indem er zur Ichheit, zum Egoismus herunterfällt. Das hat uns zugleich zu den Menschen gemacht, die nach dem Besitz streben. Daher ist der Merkur auch der Gott der Kaufleute.

Auf dem Jupiter findet Dante die Fürsten, die Gerechtigkeit geübt haben. Auf der Sonne geht etwas sehr Wichtiges vor. Auf der Sonne wird Dante der eigentliche Charakter des Ewigen gezeigt; wie es aufzufassen ist, wenn man einen Tag erlebt, den man den Jüngsten Tag nennt. Der Jüngste Tag verändert die Verhältnisse. Da treten uns zwei Menschen entgegen: Thomas von Aquino und der König Salomo. Thomas von Aquino stellt das Leben im Sinne des Christentums, des Neuen Testamentes dar, und König Salomo ist der Lehrer des Alten Testamentes.

In dem Priestertum sah der Christ den körperlichen Ausdruck dessen, was ihm der Christus in der geistigen Entwickelung war. Nach dem Erdenleben ist der Christus entrückt und hält seinen Triumphzug in den Fixsternhimmel. Wer hier seinen geistigen Embryo so zubereitet hat, daß er geistig schauen kann, vermag Christus in dem Fixsternhimmel zu sehen. Der tiefsteingeweihte Jünger, Johannes, tritt als der Lehrer dieser Anschauung auf. Nur Christus und Maria konnten ihren Leib in den Fixsternhimmel mit hinaufnehmen. Eine Meisterindividualität hat auch den Körper ganz in der Hand. So wie der heutige Kulturmensch lernt, mit seinen sittlichen Ideen über die Leidenschaften Herr zu sein, so wahr lernt der Mensch auf höherer Stufe den physischen Leib beherrschen. Jesus und Maria hatten den physischen Leib so geheiligt, daß sie ihn in die höchsten Regionen mitnehmen konnten.

Dann übernimmt der heilige Bernhard die Führung in die höheren Gebiete, wo er die Gottesanschauung, die Versenkung in das göttliche Selbst erhält. Da wächst Dante über das Kirchlich-Christliche hinaus. Er sieht die drei Kreise, die dreifache Urwesenheit der Welt, Vater, Sohn und Geist Die indische Religion nennt sie Brahma, Vishnu, Shiva. Hier stellt sich die Dreifaltigkeit des Universums dar, wo Dante sich zur rein geistigen Anschauung, zur Kontemplation aufschwingt.

Am Schluß wird dargestellt, wie wir in Gott leben, weben und sind, aber uns nicht vermessen können, Gott zu verstehen. Nur das ahnende Gewißwerden der menschlichen Erkenntnis von Gott wird am Ende dargestellt. Für Dante war sein Gedicht das Schauspiel der Welt, von der andern Seite gesehen." (Lit.: GA 97, S. 35f)

Anmerkungen

  1. [112–144. Mit diesen Versen kommt D. auf seinen Hauptgegenstand in den zwei ersten Gesängen, auf die Belehrung über das Weltganze [410] zurück und man wird sagen müssen, mit erneuter, durchdringender poetischer Gestaltungskraft. – Das ausgesprochene System ist das schon in der Vorbemerkung zum Paradies skizzirte und es ist zum Verständniß unsrer Stelle nur dies hinzuzufügen: Die vom unbeweglichen Empyreum aus auf das primum mobile ausgehende Bewegungs- und Lichtkraft wird von diesem aus, in stufenweiser Abstufung, den weitern, innerhalb desselben in immer engeren Kreisen sich drehenden, Himmelskörpern zweckentsprechend und in verschiedenem Maaße mitgetheilt, 112–123. Diese Vertheilung geschieht aber nicht durch die Himmelskörper selbst, sondern durch selbstbewußte Principien, die sogenannten „Intelligenzen“ die Engel, V. 124–129. In dieser Function sucht die mystische Theologie, wenn auch nicht die einzige, doch die Hauptbeschäftigung jener seligen Geister. „Wie im Mikrokosmus, im Menschen, die Urkraft (des Herzens; Fegf.[WS 1] Ges. 25) durch die Seele formirt und in die Glieder vertheilt wird (V. 103–135), so wird im Makrokosmus der Welt, die von dem Urlicht (Empyreum) und der obersten Intelligenz (Gott, Weltseele) ausströmende Kraft durch die englischen Intelligenzen (Weltseelen) formirt und vertheilt zu verschiedener, eigenthümlicher Wirkung V. 136–141, (Boëthus, Platoniker).“ So ist das Weltall von heitrem Lichte allüberall durchlebt und in seiner sich drehenden Sphären Mitte steht die Erde fest, ist darum auch am meisten unter des ganzen Sternenhimmels Einfluß gestellt (Astrologie).]
  2. 37–48. Adam, von Gott unmittelbar erschaffen, und Christus, der Gottmensch, konnten doch dem Salomo nicht nachstehen.
  3. 47. Der „fünfte Glanz“ ist König Salomo.
  4. [52–87. Wir haben hier eine kurze Wiederholung der, schon zu Ges. 2, 112 und 7, 121 ff. auseinandergesetzten, Theorie von der mittelbaren und unmittelbaren Schöpfung, beziehungsweise eine nähere Auseinandersetzung ihrer letzten Principien, der drei göttl. Personen in ihrem Verhältnisse zur Schöpfung, welches ebenfalls schon in Ges. 1, 1 ff., 10, 1 ff. angedeutet worden. – Das Urbild (Idee) alles Erschaffenen, des Sterblichen und Unsterblichen, ruht in Christo (dem logos), als ein von Gott durch den h. Geist (Liebe) diesem eingestrahltes Licht V. 52–57. Die unmittelbare „Austrahlung“ (V. 58) jener Idee sind jene neun Engelchöre oder Intelligenzen, von welchen die erstgeschaffenen Kräfte in mittelbarer Schöpfungsthätigkeit auf die untergeordneten, elementaren Bildungskräfte ausgehen. Diese zeugen dann, mit oder ohne Samen, „kurzdauernde, sterbliche, [476] zufällige“ Dinge, V. 58–66, von mehrerer oder minderer Unvollkommenheit, V. 67–78, wie jene die unsterbliche, vollkommene Schöpfung bilden. Da nun aber auch Adam, der erste Mensch und nur dieser nebst Christo unmittelbare Geschöpfe Gottes sind, so mußten diese beiden alles Andere weit überragen und insofern hat der Dichter mit seinem, den Salomo betreffenden Zweifel (zu V. 34) Recht.]
  5. 94–111. Dennoch ist das wahr, was Thomas gesagt hat; denn er hat den Salomo nicht mit jenen Beiden, mit welchen er nicht verglichen werden konnte, sondern mit Seinesgleichen in Vergleichung gestellt. Als ihm nämlich Gott im Traum erschien, und sagte: Bitte, was ich dir geben soll, da flehte er nicht um die Wissenschaften, welche V. 97–102 angedeutet sind, sondern er dachte an seine Pflicht als König, und bat Gott: Gieb deinem Knechte ein gehorsames Herz (die Vulgata übersetzt cor docile, ein gelehriges Herz), daß er dein Volk richten möge, und verstehen, was gut und böse ist. 1. Kön. 3. [Eben der dortige Ausdruck, „daß Deines Gleichen nicht gewesen ist noch sein wird“ und seine mögliche, falsche Auslegung, andrerseits der theologische Streit, über die Seligkeit oder Nichtseligkeit des Salomo als Juden – dies beides mag für Dante der Anlaß zu diesem Excurs über ihn und der daran geknüpften allgemeinen Warnung vor vorschnellem Urtheil gewesen sein.]
  6. 17. Wenn ihr werdet wieder sichtbar werden, wenn euch nach dem Weltgerichte euer Körper wieder bekleiden wird. Er setzt nämlich voraus, daß, da den Seligen mit ihrem Körper auch alle Organe desselben wieder werden verliehen werden, das Licht, welches jetzt ihre Seelen umgiebt, für ihre Augen zu blendend sein werde.
  7. Agrippa von Nettesheim: Die magischen Werke, Fourier Verlag, Wiesbaden 1985, S 251
  8. 88. In der Sprache der Empfindung.
  9. 95–117. Der Dichter findet im Mars diejenigen, welche für Christum gestritten [vgl. Vorbem. zu Ges. 10.] Ihr vereinigter Glanz bildet in zweien Streifen, die sich durchschneiden, die Form eines Kreuzes. Diese Lichtstreifen mit ihren größeren und kleineren Lichtern vergleicht der Dichter der Milchstraße (Galassia). Die Lichter in diesem Kreuze bewegen sich so, wie wir in einem ganz verdunkelten Zimmer, in welches durch einen Spalt ein einzelner Lichtstrahl fällt, die, in ganz erleuchteten Zimmern nicht wahrnehmbaren Sonnenstäubchen sich schwebend bewegen sehen [112–117. Aber, zum Zeichen, daß es Selige sind, glühen sie in froher gegenseitiger Mittheilung und Liebe hier und dort auf, wenn sie zusammentreffen oder wenn sie aneinander vorüberziehen V. 110, 111.]
  10. [103 ff. Wie ist diese Erscheinung Christi hier zu denken? Ohne Zweifel bilden die leuchtenden Seelen selbst dessen Gestalt, wie später im Jupiter diejenige eines Adlers. – Ein ungemein schönes Bild, wie dieser ganze Gesang.]
  11. [127 ff. Er will entschuldigend sagen, der Reiz der, immer höhere Schönheit entfaltenden, „Siegel der Schönheit“, d. h. der verschiedenen [484] Himmel (Ges. 13, 71; mit Bianchi), zunächst des neuen, fünften Sterns, habe ihn eine Weile ganz überwältigt und von seinem einzigen Ziele, den Augen der Beatrix abgezogen, auf welche er ohnedies im Mars noch gar nicht geblickt habe (V. 135), was erst Ges. 15, 32 geschieht, wo er dann auch diese Wonne gewachsen findet, V. 138. 139.]
  12. [124. Von hier an die majestätische Stelle, in welcher das dichterische Prophetenbewußtseins D.’s seinen mächtigsten Ausdruck findet und in dem ihm im weitesten Sinne (weiter als Fgf. 32, 103 ff.) gegebenen Lehrauftrag für die Welt, klärlich auch die politische Absicht und Beziehung des Gedichts eingeschlossen liegt.]
  13. [130–132. Das treffendste Motte zur g. K.]
  14. 67. Mars glänzt bekanntlich, besonders wenn er aufgeht, in einem rothen, Jupiter in weißem Lichte.
  15. [71. Schönes Bild! Die seligen Geister sind gleichsam Funken der ewigen Liebe.]
  16. 91–93. Diligite iustitiam qui iudicatis terram – liebt die Gerechtigkeit, ihr, die ihr die Erde richtet. [Weisheit 1, 1. Andeutung, welche Bewohner hier sind: Gerechte Fürsten. Vgl. Vorbem. zu Ges. 10.]
  17. 96. Das weiße Licht des Jupiter bildet den silbernen Grund, auf welchem die goldene Schrift, aus den seligen Geistern zusammengesetzt, sich zeigt.
  18. [99. Vom Gut etc. – von der Gerechtigkeit im Himmel und auf Erden.]
  19. 100. Lombardi bemerkt, es geschehe wohl noch jetzt, daß die Leute, wenn sie aus zwei zusammengeschlagenen Holzbränden unzählige Funken herausfahren sähen, ausriefen: So viel Zechinen! So viel Dublonen!
  20. [103 ff. Es erfolgt eine neue Evolution und zwar von dem M aus. Dieses gestattet nämlich, besonders nach alter Schreibeform, in seinen beiden äußeren Strichen die Flügel eines heraldischen Adlers zu sehen. Nachdem nun der größere Theil der, nach V. 97 über dem M, zwischen dessen beiden Armen, niedergesenkten Seelen eine, Kopf und Hals andeutende, Spitze (dachartige) oben herüber gebildet (V. 103 ff.), so vollenden die übrigen, wie es scheint, die Figur von Hals und Kopf, V. 112 ff. – So steht denn der Adler da, das Machtsymbol des Weltkaiserthums (vgl. Fegf. 32, 112, Par. 6), welches D. im Himmel selbst gleichsam bekräftigt und verklärt zeigen will.]
  21. 104. Wie Gott in dem Reiche, dessen Bild durch den Adler dargestellt wird, sie höher oder niedriger stellte, und wie sie daher auch hier höher oder niedriger flogen, um den Platz einzunehmen, den jede nach der allgemeinen Anordnung einnehmen mußte, damit aus Allen der Adler sich bilde.
  22. [109–111. Gott, der himmlische Maler, braucht zu seinen Werken kein Vorbild. – Die folg. Verse aber sind eine crux der Auslegung. Manche denken bei den „Nestern“ an wirkliche Nester, deren Keime Gottes Schöpferkraft belebe. Dies erscheint jedoch dem poetischen Gedanken allzusehr zuwider. Schon Cesari weist auf die Sterne als „Nester“ hin. Und erinnern wir uns an die in Ges. 13, 52 ff. und sonst entwickelte Schöpfungstheorie, so scheint es in der That am Plausibelsten, den D. so verstehen: in den Sternen liegen durch Gottes erste Kraft die Urbilder der irdischen Dinge, die dann unter ihrem Einfluß entstehen. Sie sind die Principien, die „Nester“. So der Jupiter das des Adlers, der Gerechtigkeit. Dies wird ja in V. 115 ff. noch ausdrücklich gesagt, aus welchen Versen wir dann zugleich ersehen, weshalb die zu V. 91 genannte Classe von Seligen gerade in diesem Stern sich befinde.]
  23. [16. Ein Punkt, Gott, als die untheilbare Einheit.]
  24. 19. Allegorisch kann das heißen: Alles, was sich Gott nähert, wird groß und erhaben, sei es auch im Raume noch so klein; denn ihm nähert man sich nur durch Glauben und durch das Gesetz der Ordnung, in welchem alle Dinge gottähnlich werden. (S. Ges. 1 V. 103.)
  25. [25–78. Auch hier sei zum leichteren Verständniß Sinn und Gedankenfolge der folgenden schwierigen Stelle zum Voraus markirt. Um zu der letzten der fortlaufenden Belehrungen des Paradieses über die Engel, ihre Hierarchie und Wirksamkeit, ihre Schöpfung und ihren Fall, zu kommen, schickt der Dichter eine Gegenüberstellung der neun Engelskreise und der neun irdischen Himmelskreise voraus. – Diese höchst sinnvolle Parallele der Geisterwelt und der Sinnenwelt bewegt sich um folgende Vergleichungs-, bezhdl. Divergenz-Punkte: Die (ptolemäische) Ordnung der neun Himmel hat ihr Urbild in den neun Engelskreisen, V. 56. Von letzteren und ihrem göttlichen Mittelpunkt hängen jene, sammt der ganzen Natur, ab V. 41 ff. Denn sie sind, wie wir schon aus Ges. 2, 112–144, Ges. 8, 34 und Hölle 7, 74 wissen, die Intelligenzen, die Beweger jener. Dieses Urbild des Abbilds sieht nun D. hier V. 25–39. Und zwar gerade hier im Krystallhimmal, weil, wie wir ebenfalls wissen, von diesem aus die Wirksamkeit der Intelligenzen sich entfaltet. Aber D. entdeckt auch einen Widerspruch zwischen beiden V. 43–57. Denn sie verhalten sich in ihrer Stufenfolge nach Bewegung und Kraft gerade umgekehrt zu einander. Dort ist der geistige Mittelpunkt Gott und je kleiner und näher, desto schneller und lichter sind die Kreise. Hier ist der körperliche Mittelpunkt die Erde und je größer und ferner von ihr, desto schneller und lichter sind die Kreise. Dieser (scheinbare) Widerspruch wird ihm jedoch gelöst durch Beatrice V. 58–78. Er beruht auf einem naturnothwendigen Weltgesetz, welches D. nicht weiter beweist: Die Körperwelt ist räumlich und hat im Raum zu wirken. Darum sind auch ihre unsichtbaren Kräfte an räumliche Verhältnisse geknüpft (V. 64–66) und die edelste Kraft, die „zum größten Heile“ wirken soll, strebt am Meisten nach Raum, muß also den größten Raum, gleichmäßig vertheilt, erfüllen (V. 67–69). Daher der schnellste und größte neunte Himmel, in welchem wir uns jetzt befinden, das primum mobile, eben zugleich der gotterfüllteste ist (V. 70) und in seiner Weise dem kleinsten und gottesnächsten Engelskreise entspricht (V. 71. 72). Denn bei letzteren, der körperlosen Welt, herrscht das intensive, wie dort das extensive Princip (V. 73–75). Und so besteht also kein Widerspruch, sondern ein bewundernswerthes Ineinandergreifen, vermöge dessen der größte und wichtigste Körperkreis primum mobile von dem kleinsten und gotteskräftigsten Engelkreis, der nächste kleinere (Fixstern-) Himmel von dem nächsten größeren Engelskreis – und so weiter – bewegt wird (V. 76–78).]
  26. [32. D. h. der, zum ganzen Kreis vollendete, Regenbogen.]
  27. [45. „Die Liebe,“ die Sehnsucht, sich dem Einen, Göttlichen zu verbinden, ist die Urbewegerin von allem. Dies ist hinlänglich bekannt aus dem ganzen Paradies. Vgl. übrigens zu Ges. 27, 106–120 und gegenwärtigen Ges. V. 100. 101.]
  28. [80 ff. Der klärende Nordost.]
  29. 85. Meiner Frauen, für: meiner Herrin. Man möge jene Form, die ohnehin nicht ungewöhnlich ist, z. B. das Kloster unserer lieben Frauen, zu gut halten.
  30. [93. Man kennt die Geschichte, wornach der Erfinder des Schachspiels von seinem Fürsten so viele Getreidekörner zum Lohn forderte, als herauskämen, wenn man auf das erste Feld des Bretts ein Korn und auf jedes weitere immer doppelt soviele legen würde, als auf das vorangegangene. Der König lachte ob der Kleinigkeit, bis ihm der Andere nachwies, daß die ungeheuerste Zahl von vielen Billionen und mehr herauskomme.]
  31. [97. Die Hierarchie der Engel im Einzelnen, wie sie im Folgenden dargestellt wird, ist, nächst den Stellen Ephes. 1, 21, Col. 1, 16, dem Pseudo-Dionysius (Areopagita), V. 115 ff., speziell seinem Buch „de coelesti hierarchia“ entnommen.]
  32. [100 ff. Vgl. zu 45. „Ihre Fesseln,“ die Bande der Liebe, die sie ewig in Gottes Nähe fesselt, aber auch ewig umschwingt, um sich Ihm immer näher zu verbinden – was sie nach dem Maß ihres Schauens erreichen. Denn, V. 109 ff., je mehr wir Gott erkennen, desto mehr lieben wir ihn. – Darum ist ja durch’s ganze Paradies das „Schauen Gottes“ die Seligkeit, die der Mensch erringen soll, wie sie der Engel schon hat. Und gleichwie unter den seligen Seelen Stufen des Schauens sind – vgl. Vorbem. S. 398 und zu Parad. 3, 49; 4, 19 – so unter den seligen Engeln.]
  33. 117. Im Frühlinge geht die Sonne im Widder auf und unter, bewegt sich also mit ihm durch den Himmel und macht ihn unsichtbar. Im Herbste dagegen ist er des Nachts über dem Horizonte. Der Sinn ist: in der Wonne, die hier blüht, ist kein Wechsel.
  34. 126. Engelsfeier, im Ital.: angelici ludi, die untergeordnetsten, durch keine besondere Benennung ausgezeichneten Engel.
  35. [127 ff. Vgl. oben zu V. 25–76, Ges. 27, zu V. 106–120, Ges. 2, 112–144.]
  36. 133. Der heilige Gregor ordnete die Engel etwas anders, indem er an die Stelle der Throne die Mächte u. s. w. setzte.
  37. [121–123. Wie schon ähnlich V. 68, 74, 90, erinnert hier D. nochmals daran, daß sein Ausdruck der Darstellung seiner Gedanken, seiner Vorstellung des Geschauten nicht genüge, noch viel weniger seiner vollen Schau selber, gegen welche die zurückgebliebene Vorstellung selbst arm und winzig sei.]
  38. [124–144. Hier erfolgt weiterhin die Enthüllung des letzten und tiefsten Geheimnisses innerhalb der Trinität: der Menschwerdung. D. recapitulirt zuerst das Verhältniß der drei Personen V. 124–126: Der Vater ist das in und auf sich selbst ruhende Licht; sich selbst erkennend zeugt er den Sohn; der sich Erkennende und Erkannte, Sohn und Vater, sich selbst in Liebe lächelnd, lassen den Geist hervorgehen. – Dante wendet sich nun insbesondere gegen den mittleren Kreis und sieht diesem in dessen eigener Farbe das Menschenantlitz aufgeprägt, 127–132. Dies ist das Bild der Menschwerdung, zugleich aber auch der ursprünglichen, unauslöschlichen, durch den Sohn wieder erneuten Gottebenbildlichkeit des Menschen. Wie der Geometer die Quadratur des Zirkels sucht, so will nun D. ermessen, warum das Menschenbild dem zweiten Kreise, dem Sohn, zukomme [619] und wie darin die Vereinigung von Göttlichem und Menschlichem zu Stande komme, V. 133–138. Aber so wenig der Geometer je durch all’ sein Forschen jene Aufgabe löst, so wenig der Menschengeist dies Problem, 133, 139. Da plötzlich wird sein Geist von einem unmittelbar der Gottheit entströmenden Offenbarungsblitz, einer höheren Intuition durchdrungen (d. h. zugleich für die Erde: nur der Glaube versteht das Mysterium), unter deren Eindruck das Ersehnte kommt. Nämlich, während die Phantasie zu jeder Wiedergabe und Darstellung dieses Vorgangs unzulänglich ist, fühlt er sein Wollen und jedes daraus hervorgehende Verlangen selbst in jene volle, freie geheimnißvolle Lebenseinigung mit Gott hineingezogen, welche – das letzte und höchste Ziel de Seligkeit und S. 397 des Gedichtes – zugleich vollkommenes Wirken, Erkennen und Genießen ist und in welcher sich dem Dichter also eben jenes Räthsel V. 136 ff. auf eine unaussprechliche Weise löst.]
  39. [144. Räder nennt D. oftmals die Sterne (28, 46 u. a. im Original) mit Rücksicht auf ihr Kreisen durch die ewige Liebe. Diese ist ja die, vom Primum mobile aus, alle Himmelskreise umschwingende Kraft V. 145, welcher nun auch Dante’s Geist freiwillig folgt, wodurch er in die Einheit mit der ganzen göttlichen Weltordnung zurückgekehrt ist; vgl. 1, 103 ff.]
  40. [145. Mit dem Wort „Sterne“ schließt Dante jeden Theil seines Gedichts, um dessen letztes Ziel anzudeuten. – Und wer wäre auch, der sich nicht zur Sonnen- und Sternenhöhe erhabenster Ideale und himmlischer Ahnungen entrückt fühlte durch dies „Wunderlied des Mittelalters“, welches selbst in seiner Dreitheilung ein Symbol der göttl. Dreieinigkeit und der ganzen Weltentwicklung ist: der Gerechtigkeit des Vaters in der „Hölle“, der Weisheit des Sohnes durch die Welterlösung im „Fegfeuer“, der ersten Liebe des Geistes durch die Weltvollendung im „Paradies?“]
  1. Vorlage: Fef.

Literatur

  1. Giovanni Boccaccio, Otto von Taube (Übers.): Das Leben Dantes, Insel Verlag, Leipzig 1909 [1]
  2. Giovanni Boccaccio: Das Leben Dantes, Übertragen von Edmund Theodor Kauer, Deutsche Buchgemeinschaft, Berlin
  3. Robert L. John: Dante, Springer-Verlag, Wien 1946, ISBN 978-3-211-80023-2
  4. Arthur Schult: Dantes Divina Commedia als Zeugnis der Tempelritter-Esoterik, Turm-Verlag, Bietigheim 1979, ISBN 978-3799901840
  5. Joseph P. Strelka: Dante und die Templergnosis, A. Francke Verlag, Tübingen 2012, ISBN 978-3772084430
  6. Al-Ma'arri, Gregor Schoeler (Übers.): Paradies und Hölle. Die Jenseitsreise aus dem „Sendschreiben über die Vergebung“, Verlag C.H. Beck 2002, ISBN 978-3406484469
  7. Muhyiddin Ibn Arabi, Franz Langmayr (Übers.), Wolfgang Herrmann (Übers.): Reise zum Herrn der Macht: Meine Reise verlief nur in mir selbst, Chalice Verlag 2008, ISBN 978-3905272734
  8. Milena Rampoldi: Vergleich zwischen der Anschauung des Paradieses in Abu l-'Ala al-Ma'arri und Dante Alighieri, epubli GmbH 2014, ISBN 978-3844281422
  9. Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie, Übersetzung von Hans Werner Sokop in Original-Terzinen mit Erläuterungen. 100 Bilder von Fritz Karl Wachtmann., Akad. Druck- und Verlagsanstalt, Graz 2014, ISBN 978-3-201-01994-1
  10. Leonardo Olschki, Bernd Payer (Übers.): Der Mythos vom Filz, University of California, Berkeley und Los Angeles 1949
  11. Willem Frederik Veltman: Dantes Weltmission, J. Ch. Mellinger Verlag, Stuttgart 1979, ISBN 9783880690066
  12. Rudolf Steiner: Metamorphosen des Seelenlebens - Pfade der Seelenerlebnisse, Zweiter Teil, GA 59 (1984), Berlin, 12. Mai 1910, Die Mission der Kunst, siehe auch TB 603 (1983), S 175 ff.
  13. Rudolf Steiner: Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft, GA 96 (1989), Berlin, Ostermontag, 16. April 1906
  14. Rudolf Steiner: Das christliche Mysterium, GA 97 (1998), ISBN 3-7274-0970-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  15. Rudolf Steiner: Mitteleuropa zwischen Ost und West, GA 174a (1982), ISBN 3-7274-1741-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  16. Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge, Sechster Band, GA 240 (1986), Arnheim, 18. Juli 1924
  17. Rudolf Steiner: Vom Leben des Menschen und der Erde. Über das Wesen des Christentums, GA 349 (1980), ISBN 3-7274-3490-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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