Ganzheit

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Von einer Ganzheit (griech. ὅλον, holon) kann man sprechen, insoferne die irreduzible Einheit des Ganzen mehr ist als die bloße Summe seiner Teile und auch die gesetzmäßige strukturelle und gegebenenfalls auch funktionelle Beziehung der Teile zueinander umfasst. Eine höhere Form der Ganzheit liegt vor, wenn die Teile in spezifischer Weise derart Abbilder des Ganzen sind, dass sich in ihnen die Gesamtstruktur, als das Verhältnis aller Teile zueinander, in meist charakteristisch metamorphosierter Form widerspiegelt. So ist beispielsweise der menschliche Organismus mehr als die Summe seiner Organe und in jedem einzelnen Organ spiegelt sich der ganze Mensch wider, allerdings auf so spezifische Weise, dass das nicht immer leicht zu entdecken ist.

„Jedes Lebendige ist kein Einzelnes, sondern eine Mehrheit; selbst insofern es uns als Individuum erscheint, bleibt es doch eine Versammlung von lebendigen selbständigen Wesen, die der Idee, der Anlage nach gleich sind, in der Erscheinung aber gleich oder ähnlich, ungleich oder unähnlich werden können. Diese Wesen sind teils ursprünglich schon verbunden, teils finden und vereinigen sie sich. Sie entzweien sich und suchen sich wieder und bewirken so eine unendliche Produktion auf alle Weise und nach allen Seiten.
Je unvollkommener das Geschöpf ist, desto mehr sind diese Teile einander gleich oder ähnlich, und desto mehr gleichen sie dem Ganzen. Je vollkommner das Geschöpf wird, desto unähnlicher werden die Teile einander. In jenem Falle ist das Ganze den Teilen mehr oder weniger gleich, in diesem das Ganze den Teilen unähnlich. Je ähnlicher die Teile einander sind, desto weniger sind sie einander subordiniert. Die Subordination der Teile deutet auf ein vollkommneres Geschöpf.“

Goethe: Zur Morphologie: Die Absicht eingeleitet.[1]

Die ganze Welt, der ganze Kosmos, war ursprünglich als Ganzheit ausgelegt; doch wäre es alleine dabei geblieben, hätten sich die Teile niemals selbstständig machen und zu eigenständigen Ganzheiten heranreifen können. Um namentlich dem Menschen den Raum zu geben, die eigene Individualität auszubilden, mußte die Ureinheit des Kosmos bis zu einem gewissen Grad zerbrochen werden und diese notwendige Arbeit haben die Widersachermächte übernommen.

„So bis ins 13., 14. Jahrhundert herein legte man gar keinen so großen Wert darauf, im menschlichen Denken ein Ganzes aus seinen Teilen zusammenzusetzen. Das kam erst später auf. Der Baumeister baute viel mehr aus der Idee des Ganzen heraus und gliederte in die Teile, als daß er aus Teilen ein Gebäude zusammengesetzt hätte. Das Zusammensetzen aus Teilen kam eigentlich erst später in die Menschheitszivilisation hinein. Und das hat dann dazu geführt, daß die Menschen überhaupt angefangen haben, alles aus kleinsten Teilen sich zusammengesetzt zu denken. Daraus kam die atomistische Theorie in der Physik. Die kommt nur aus der Erziehung. Unsere hohen Gelehrten würden gar nicht so sprechen von diesen winzigen kleinen Karikaturen von Dämonen - denn es sind Karikaturen von Dämonen -, von den Atomen, wenn man sich nicht in der Erziehung daran gewöhnt hätte, aus Teilen alles zusammenzusetzen. So ist der Atomismus gekommen. Wir kritisieren heute den Atomismus; aber eigentlich sind die Kritiken ziemlich überflüssig, weil die Menschen nicht loskommen von dem, was sie sich seit vier bis fünf Jahrhunderten angewöhnt haben verkehrt zu denken: Statt von dem Ganzen in die Teile hinein zu denken, von den Teilen auf das Ganze zu denken.“ (Lit.:GA 311, S. 84f)

Dass die Welt auch aus physikalischer Sicht letzlich als Ganzheit zu betrachten ist, hat der Physiker Hans-Peter Dürr nachdrücklich betont.

„So steht das Getrennte (etwa durch die Vorstellung isolierter Atome) nach neuer Sichtweise nicht am Anfang der Wirklichkeit, sondern näherungsweise Trennung ist mögliches Ergebnis einer Strukturbildung, nämlich: Erzeugung von Unverbundenheit durch Auslöschung im Zwischenbereich (Dürr 1992). Die Beziehungen zwischen Teilen eines Ganzen ergeben sich also nicht erst sekundär als Wechselwirkung von ursprünglich Isoliertem, sondern sind Ausdruck einer primären Identität von allem. Eine Beziehungsstruktur entsteht also nicht nur durch Kommunikation, einem wechselseitigen Austausch von Signalen, verstärkt durch Resonanz, sondern gewissermaßen auch durch Kommunion, durch Identifizierung...

Die holistischen Züge der Wirklichkeit, wie sie in der neuen fundamentalen Struktur der Materie zum Ausdruck kommen, bieten hierbei die entscheidende Voraussetzung dafür, daß die für uns wesentlichen Merkmale des Lebendigen dabei nicht zu mechanistischen Funktionen verstümmelt werden.“ (Lit.: Dürr 1997)

Anmerkungen

  1. Goethe-HA Bd. 13, S 56f

Literatur

  1. Hans-Peter Dürr (Hrsg.): Rupert Sheldrake in der Diskussion, Scherz-Verlag, Bern München Wien 1997, S 227ff
  2. Rudolf Steiner: Die Kunst des Erziehens aus dem Erfassen der Menschenwesenheit, GA 311 (1989), ISBN 3-7274-3110-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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