Gebet

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Die frühen Christen beteten in der Orantenhaltung.
Albrecht Dürer, Betende Hände (um 1508)
Anbetung der Heiligen Drei Könige oder auch Zanobi-Altar (1475), Tempera auf Holz, von Alessandro Botticelli

Das Gebet (von dt. bitten) ist eine bittende, aber nicht egoistische, nur innerlich oder auch äußerlich sprechende Hinwendung zu Gott oder anderen höheren geistigen Wesen und zugleich eine Vorstufe der mystischen Versenkung, bei der das Ich-Bewusstsein nicht ausgelöscht, sondern gestärkt wird.

Bei der Anbetung (lat. adoratio, eng. worship) tritt die Bitte als solche zurück und die reine Verehrung und Lobpreisung des Gottes in den Vordergrund. Die Grenzen zwischen Gebet und Anbetung sind jedoch fließend und jedes echte Gebet, muss von der Stimmung echter Anbetung getragen sein.

Die frühen Christen beteten noch vornehmlich in der aus dem Orient übernommenen Orantenhaltung, selbstbewusst mit in Schulterhöhe ausgebreiteten Armen vor Gott stehend, den Blick bittend zum Himmel erhoben oder auch demütig gesenkt. Seltener wurde auch mit vor der Brust gekreuzten Händen gebetet. Das Falten der Hände mit aneinandergelegten offenen Handflächen (gotische Gebetshaltung), wie es auch bei Huldigung des Lehnsherren im mittelalterlichen Feudalwesen üblich war, verbreitete sich etwa ab dem 11. Jahrhundert. Mit dabei verschränkten Fingern wurde erst seit der Reformation gebetet. Die Berührung der beiden Hände aneinander fördert das Selbstbewusstsein (Lit.: GA 158, S. 113ff).

Rudolf Steiner weist auf zwei Grundstimmungen hin, die die Voraussetzung für wirkliches Beten sind, nämlich eine erwärmende Andacht und Gottinnigkeit, die aus dem Gefühl der Unzulänglichkeit und des Versagens in der Vergangenheit hervorgeht, und zweitens die erleuchtende Ergebenheit in das Zukünftige, hervorgegangen aus einer Überwindung von Furcht und Angst (Lit.: GA 059, S. 103f).

Seelenstimmungen drücken sich in Farben aus. Wenn die Seele in rechter Weise andächtig in das Gebet versunken ist, lebt sie in einer violetten Farbstimmung (Lit.: GA 282, S. 290f).

In den alten Sprache, die noch einen viel stärker mantrischen Charakter hatten, wirkten die Gebete stärker. Durch die Übersetzung in die modernen Sprachen verlieren sie an Kraft. Das christliche Urgebet, das Vaterunser, hatte seine größte Kraft in der aramäischen Sprache (Lit.: GA 097, S. 99).

"Wenn man von Gebet spricht im christlichen Sinne, muß man sich vor allen Dingen klarmachen, daß die Form des Gebetes kaum etwas anderes darstellt als die Versenkung, die Hingabe an das Göttliche. In denjenigen großen Religionen, die diese Hingabe mehr in gedanklicher Versenkung zu erreichen suchen, spricht man von Meditation; bei denjenigen Religionen, wo die Hingabe mehr vom Herzen als vom Kopfe ausgeht, mehr von der Persönlichkeit ausgeht, nennt man diese Hingabe Gebet. In der christlichen Religion hat diese Hingabe einen persönlichen Charakter bekommen; in den alten Religionen war sie viel mehr Unbewußtes, Unpersönliches. Der Mensch hat vor Jahrtausenden schon gewußt, daß es ein Ewiges, ein Göttliches gibt. Beispiel vom Sklaven, der sich sagt: Ein Leben unter vielen. - Lebenshoffnung, Mut, Kraft und Sicherheit lebten darum damals in den Menschen. Eine Art Hinausblicken vom Zeitlichen ins Ewige war es. Es mußte aber für die Menschheit ein Zeitalter kommen, wo der Mensch persönlich zu seinem Gotte aufsieht. Das exoterische Christentum sagt: Von der Persönlichkeit, die von der Geburt bis zum Tode geht, hängt ungemein viel ab. So nahm darum die Meditation auch diesen persönlichen Charakter des Gebets an. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß es im Christentum ein Urgebet gibt: «Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.»

Wenn Sie diese Stimmung erzeugen, dann haben Sie ein christliches Gebet. Dasjenige Gebet, das für seine Persönlichkeit, für seine Angelegenheiten bittet, ist kein christliches Gebet. Da sind zum Beispiel zwei Heere, die zur Schlacht gerüstet sind, beide beten um Sieg. - Zwei Bauern, der eine bittet um Regen, der andere um Sonnenschein. Was soll der Gott tun? Mit solchen persönlichen Wünschen und Begehren hat das wahre christliche Gebet nichts zu tun. Das persönliche Gebet, das wahre Gebet, kann auch bei persönlicher Bitte da sein, aber der oberste Grundsatz muß dabei sein: «Nicht mein, sondern dein Wille geschehe!» Damit ist aus dem christlichen Urgebet des Christus Jesus, des Herrn, heraus die Stimmung angegeben, die das Gebet haben soll. Es gibt viele christliche Gebete, aber das Vaterunser, das christliche Urgebet, ist dasjenige, von dem man sagen kann, daß es kaum etwas gibt auf der Welt, was so viel und so wichtiges enthält, wie dieses Vaterunser. Und dann erinnern wir uns daran, wie der Christus Jesus dieses Gebet einsetzt. «Wenn du betest, so gehe in dein Kämmerlein», sagt er.

Überall, in allen Religionen finden Sie Meditationsformeln, Zauberformeln. Diese Zauberformeln haben meditativ sogar die gleiche Bedeutung wie die Meditationen. Der Mensch hat sich seinem Gotte damit meditativ hingeben wollen, auch durch Zauberüben hat er sich seinem Gotte hingeben wollen. Der Christus Jesus aber mahnt: «Ihr sollt nicht beten um das, was auf der Straße geschieht, ihr sollt tief, tief in euer Inneres gehen, wenn ihr betet.» Es lebt in dem Menschen etwas von der göttlichen Wesenheit, ein Tropfen der göttlichen Wesenheit lebt im Menschen, der von demselben Stoffe ist wie die Gottheit. - Das ganze Meer und der Tropfen Wasser sind auch vom selben Stoffe." (Lit.: GA 097, S. 118f)

Beten für andere Menschen

Obwohl das Beten für andere Menschen (Fürbittengebet) eine weithin geübte Praxis ist, gibt es darüber nur sehr wenige einschlägige Äußerungen Rudolf Steiners, z.B. im Zusammenhang der Thematisierung des Betens für die im Felde stehenden Soldaten, und für die gefallenen Soldaten (1.Weltkrieg), in GA 157, und an anderen Orten, im Zusammenhang der Thematisierung des Betens für Verstorbene. Einige mantrische Sprüche oder Meditationen Rudolf Steiners für andere Menschen sind z.B. in GA 268 Seite 191ff. "Zur Hilfe für Andere" aufgezeichnet.

Zwei Aspekte des Betens für andere scheinen in den folgenden Zitaten im Zusammenhang mit dem gesamten Wortlaut der Vorträge und der Gebete, die gesprochen wurden, angedeutet: Einmal kann der Betende mit seinem Gebet den- oder diejenigen Menschen, für die gebetet wird, direkt unterstützen (Gedanken sind Kräfte), zum anderen kann sich der Betende an die Schutzgeister dieser Menschen wenden:

"Und wenn es wirklich möglich ist, dass sich in unserer harten, schicksalschweren Zeit bewährt, dass die Seelen, die durch Geisteswissenschaft gegangen sind, in der Lage sind, geistbefruchtende Gedanken in die geistige Welt hinaufzusenden, dann wird die rechte Frucht hervorgehen aus dem, was in so schweren Kämpfen und mit so harten Opfern geschieht ..." (Es folgt der Text eines Gebetes) (GA 157, S. 50, Ende des 2. Vortrages)

"Unsere ersten Gedanken sollen auch diesmal wieder hin zu den schützenden Geistern gerichtet sein, welche diejenigen bewahren, die draußen auf den Feldern der Ereignisse unserer Tage stehen; an die schützenden Geister derjenigen richten wir uns, die mit uns innerhalb unserer Bewegung stehen, jetzt aber draußen sind und mit ihrem Leben und mit ihrem ganzen physischen Sein einzutreten haben für das, was die Zeit von ihnen fordert. Und im weiteren Sinne wenden wir uns auch an die schützenden Geister aller derjenigen, die, auch ohne dass sie unserer Gemeinschaft angehören, draußen auf diesen Feldern Leben und Leib darzubringen haben ..." (Es folgt der Text eines Gebetes) (GA 157, S. 51, Anfang des 3. Vortrages)

Das Vaterunser enthält in der Wortverwendung von "unser", "uns" schon ein Beten für andere. Im hohepriesterlichen Gebet (Joh. 17) bittet Jesus Christus für seine Jünger, für die Menschen, die ihm schon nachfolgen:

"Heiliger Vater, bewahre sie, die durch dich zu mir kamen, in der Kraft deines Wesens, damit sie eine Einheit seien, so wie wir eine Einheit sind." (Joh. 17,11 Übersetzung Emil Bock)

Und er bittet für diejenigen, die durch das Evangelium, das die Jünger in die Welt tragen, in Zukunft zu ihm finden werden.

"Und nicht nur für sie bitte ich bei dir, sondern auch für die, die sich durch ihre Verkündigung mit mir verbinden werden, damit sie alle eine Einheit seien; so wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen sie in uns sein, damit die Welt zum Glauben komme, daß du mich gesandt hast. (...) damit die Welt erkennt, daß du mich gesandt hast ..." (Joh. 17,20-21, sowie 23, Übersetzung Emil Bock)

Unter Fürbitte ist jedoch lt. Bibellexikon www.bibilex.de nicht nur das Beten für andere Menschen zu verstehen:

"Ein Aspekt der Fürbitte, der im Deutschen hinter dem Verständnis des Betens für andere zurücktritt, ist das Beten anstelle von anderen. Häufig sind beide Aspekte – das Beten zugunsten von und das Beten anstelle von – nicht voneinander abzuheben."

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Metamorphosen des Seelenlebens – Pfade der Seelenerlebnisse. Zweiter Teil, GA 59 (1984)
  2. Rudolf Steiner: Das christliche Mysterium, GA 97 (1998)
  3. Rudolf Steiner: Der Zusammenhang des Menschen mit der elementarischen Welt, GA 158 (1993)
  4. Rudolf Steiner: Sprachgestaltung und Dramatische Kunst, GA 282 (1981)
  5. Rudolf Steiner: Ausgewählte Gebete, Meditationen und mantrische Sprüche, BOD, Norderstedt 2012
  6. Hans-Werner Schroeder: Das Gebet. Übung und Erfahrung, Fischer TB, Frankfurt a.M. 1986
  7. Flensburger Hefte Nr. 43: Gebet heute, Flensburger Hefte Vlg., Flensburg 1993
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
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Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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