Gedächtnis

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Das menschliche Gedächtnis (von mhd. gedǣhtnisse, "das Denken an etwas, die Erinnerung"; ahd. kithēhtnissi, "das Denken an etwas, Andacht, Hingabe"), als die Fähigkeit, früher Erfahrenes gegenwärtig, wenn auch meist nur abgeblasst, wieder ins Bewusstsein zu rufen, hängt sehr wesentlich mit der lebendigen Tätigkeit des Ätherleibs, sehr spezifisch aber auch mit der organischen Tätigkeit des physischen Leibes zusammen. Rudolf Steiner hat sehr detailierte Angaben aus anthroposophischer Sicht zum Prozess der Gedächtnisbildung gegeben.


Gedächtnisbildung

Gedächtnisbildung

Alle sinnliche Wahrnehmung und alle Gedanken werden uns zunächst dadurch bewusst, dass sich die Nerventätigkeit in das Blut, in die Bluttafel einschreibt. Damit das unmittelbar seelisch Erlebte im Gedächtnis verankert werden kann, müssen die vom Herzen aufsteigenden Ätherströme dazu kommen. Diese strahlen von der Zirbeldrüse wie von einer elektrisch geladenen Spitze aus.

Dem entgegen kommt aus dem unteren Organismus eine zweite, mit der Lymphe verbundene aufnahmebereite Ätherströmung, die ihre letzten Ausläufer bis zur Hypophyse sendet. Das Gedächtnis bildet sich, indem sich die Spannung zwischen diesen beiden Strömungen ausgleicht und so das zu Erinnernde in die Tiefe des Organismus aufgenommen wird. Das gilt auch für jene Kräfte, die in den Organen für die nächste Inkarnation aufgespeichert werden.

Damit es zur Gedächtnisbildung kommt, muss also das, was an Gedankenformen durch das Ich dem vom Herzen aufsteigenden Ätherstrom eingeprägt wurde, den naturhaften Ätherkräften des Leibes übergeben werden. Das Erlebte wird dadurch unabhängiger von Ich und Astralleib und versinkt deshalb zunächst im Unterbewusstsein.

Drei goldene Regeln für die Gedächtnisentwicklung

Die drei von Rudolf Steiner formulierten Regeln für die Gedächtnisbildung sind vor allem für die Pädagogik von zentraler Bedeutung:

"Begriffe belasten das Gedächtnis;
Anschaulich-Künstlerisches bildet
das Gedächtnis;
Willensanstrengung, Willensbetätigung
befestigt das Gedächtnis." (Lit.: GA 269, S. 180)

Wiedererkennen als Vorstufe des Gedächtnisses

Dem sprichwörtlichen Elefantengedächtnis zum Trotz gibt es einen vergleichbaren Prozess bei den Tieren nicht. Bloßes Wiedererkennen, wie es auch die Tiere haben, ist nur eine Vorstufe der menschlichen Erinnerungsfähigkeit:

"Wir befinden uns am Schnittpunkt zwischen Wiedererkennen und Erinnern. Tiere werden ganz oder überwiegend vom Wiedererkennen geleitet. Wir kennen das ja auch: Wir verlassen unseren zu packenden Koffer absichtsvoll, um im Schrankraum zu bemerken, dass das Ziel der Absicht verloren ging. Wir kehren sogleich zum offenen Koffer zurück und der „zeigt" uns geradezu: „Den Pyjama habe ich vergessen". So könnte ich den Weg vom Bahnhof Florenz zur Accademia einem, der Florenz nicht kennt, keineswegs verlässlich angeben. Komme ich aber selber an, verlasse ich mich getrost auf die Landmarken: da die Trattoria, dort die Brücke, die mich verlässlich leiten werden. Das Wiedererkennen ist die ältere und meist verlässliche Form unserer Orientierung; und wir sind nur zu wenig aufmerksam, um das zu bemerken. In der Regel aber sind wir gewohnt, zurückliegende Bilder abrufen zu können; wir sagen dann: uns ihrer zu erinnern." (Lit.: Riedl, S 42f)

Tiere haben kein Gedächtnis im menschlichen Sinne und sie können auch keine Kräfte in eine nächste Inkarnation hinüberbringen. Zwar leben die Erlebnisse des Astralleibes als Bilder bzw. als vitale Kräfte im Ätherleib fort, aber diese Bilder können nicht bewusst erinnert und auf vergangene Erlebnisse bezogen werden. Es kann allerdings eine starke emotionale Spannung ausgelöst werden, wenn diese Bilder mit ähnlichen gegenwärtigen Erlebnissen korrespondieren - das liegt dem Elefantengedächtnis zugrunde. Zur wirklichen Gedächtnisbildung muss sich das individuelle Ich, über das die Tiere nicht verfügen, mit dem Erlebten verbinden.

Gedächtnis und Traumleben

In der Nacht, wenn unser Astralleib herausgeht, gestaltet er, im Ätherleib die Gedächtnisspuren lesend, die Erinnerungen zu bewegten Traumbildern um:

"Wenn Sie den Versuch machen, einmal genau sich zu erinnern, wie das Gedächtnis des Menschen eigentlich wirkt, namentlich wenn Sie einschließen in diese Rückerinnerung Ihre Träume, dann werden Sie finden, daß zum Beispiel in die Träume im wesentlichen dasjenige hineinspielt, was eigentlich kurz vorher verlaufen ist, nicht in den inneren Gang des Träumens, aber in die Bilderwelt des Traumes spielt hinein, was in der letzten Zeit verlaufen ist. Mißverstehen Sie mich nicht. Es kann natürlich Ihnen etwas träumen, was vor vielen Jahren an Sie herangetreten ist; aber es wird Ihnen nicht träumen dasjenige, was vor vielen Jahren an Sie herangetreten ist, wenn nicht in den allerletzten Tagen etwas eingetreten ist, was in irgendeiner Gedanken- oder Empfindungsbeziehung zu dem ist, was vor Jahren da war. Die ganze Natur des Träumens hat etwas zu tun mit demjenigen, was unmittelbar in den letzten Tagen verlaufen ist. Beobachtung darüber setzt natürlich voraus, daß man sich eben einläßt auf solche Feinheiten des menschlichen Lebens. Wenn man sich einläßt, so liefert die Beobachtung so exakte Ergebnisse, wie nur irgendeine exakte Naturwissenschaft liefern kann." (Lit.: GA 201, S. 187f)

Damit hängt zusammen, dass sich die Gedächtnisbildung sich erst nach zwei bis drei Tagen konsolidiert:

"Ungefähr nach zweieinhalb bis drei Tagen, manchmal eben auch schon nach eineinhalb Tagen, nach zwei Tagen, aber nicht, ohne daß wir darüber geschlafen haben, drückt sich dasjenige, was wir erleben im Umgange mit der Welt, von unserem astralischen Leibe aus in unseren Ätherleib ein. Damit es dadrinnen befestigt sei, braucht es immer eine Zeit. Und wenn wir mit dieser Tatsache die andere vergleichen, daß wir im gewöhnlichen Leben wechselweise trennen physischen Leib und Ätherleib - astralischen Leib und Ich im Schlafen und im Wachen wieder zusammenfügen, so müssen wir uns sagen, es ist ein gewisser loserer Zusammenhang zwischen physischem Leib und Ätherleib auf der einen Seite und Ich und astralischem Leib auf der anderen Seite. Ätherleib und physischer Leib bleiben zwischen Geburt und Tod immer beisammen, Ich und astralischer Leib bleiben auch beisammen. Aber astralischer Leib und Ätherleib bleiben nicht beisammen. Die gehen jede Nacht auseinander. Da ist ein loserer Zusammenhang zwischen Astralleib und Ätherleib als zwischen Ätherleib und physischem Leib. Dieser losere Zusammenhang, der drückt sich dadurch aus, daß erst gewissermaßen ein Auseinandersein da gewesen sein muß zwischen dem astralischen Leib und dem Ätherleib, bis das, was wir erleben durch unseren astralischen Leib, sich eindrückt in den Ätherleib. Und wir können sagen, wenn irgendein Ereignis auf uns wirkt, wirkt es ja im wachen Zustand auf uns. Bedenken Sie doch nur, wenn Sie einem Ereignisse bei tagwachendem Zustand gegenüberstehen, so wirkt das Ereignis auf Ihren physischen Leib, Ätherleib, astralischen Leib und auf Ihr Ich. Nun ist aber dennoch ein Unterschied in bezug auf die Aufnahme. Der astralische Leib, der nimmt die Sache sofort auf. Der Ätherleib braucht eine gewisse Zeit, um die Sache so in sich befestigen zu lassen, daß nun ein voller Einklang ist zwischen dem Ätherleib und dem astralischen Leib." (Lit.: GA 201, S. 187f)

Die Zahl Sieben und die Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses

Die Zahl 7 scheint von entscheidender Bedeutung für die Kapazität des Kurzzeitgedächtnises zu sein, die mit der durch den Atemrhythmus bestimmten, subjektiv gefühlte Dauer des Augenblicks zusammenhängt. Während dieser Zeitspanne von 3 - 4 Sekunden können bis etwa 7 Objekte (z. B. Ziffern, Buchstaben oder ganze Worte) erfasst und wieder erinnert werden - und zwar, insofern sie als ein Ganzes erfasst werden, weitgehend unabhängig von deren spezifischem Informationsgehalt. Dieses sogenannte seven phenomenon wurde schon im 17. Jahrhundert von John Locke experimentell entdeckt und wird heute als die sogenannte Millersche Zahl (engl. The Magical Number Seven, Plus or Minus Two) bezeichnet, benannt nach dem US-amerikanischen Psychologen George A. Miller, der in seinem 1956 veröffentlichten Artikel "The Magical Number Seven, Plus or Minus Two: Some Limits on Our Capacity for Processing Information"[1], der zu den meistzitierten Artikel aus dem Fachbereich der Psychologie zählt, ebenfalls feststellte, dass der Mensch gleichzeitig nur 7±2 Gedächtniseinheiten (Chunks) mit dem Kurzzeitgedächtnis erfassen kann.

„And finally, what about the magical number seven? What about the seven wonders of the world, the seven seas, the seven deadly sins, the seven daughters of Atlas in the Pleiades, the seven ages of man, the seven levels of hell, the seven primary colors, the seven notes of the musical scale, and the seven days of the week? What about the seven-point rating scale, the seven categories for absolute judgment, the seven objects in the span of attention, and the seven digits in the span of immediate memory? For the present I propose to withhold judgment. Perhaps there is something deep and profound behind all these sevens, something just calling out for us to discover it. But I suspect that it is only a pernicious, Pythagorean coincidence.“

G. A. Miller: The magical number seven, plus or minus two[1]

Neuere Untersuchungen an der University of Missouri lassen allerdings vermuten, dass sich die Kapazität des Kurzzeitgedächtnissses auf nur 3 - 4 Objekte beschränkt[2]. Das entspricht der Anzahl der Objekte, die man mit einem Blick erfassen kann, ohne sie explizit zu zählen.

Gedächtnisbildung und Verdauung - das Langzeitgedächtnis

Bei der Gedächtnisbildung sind auf seelischer Ebene dieselben Kräfte tätig, die auf leiblicher Ebene an der Verdauung beteiligt sind.

"Eine sehr wichtige Kraft für das gewöhnliche Leben - wir haben es öfters besprochen - ist die Gedächtniskraft, die Erinnerungsfähigkeit. Diese Erinnerungsfähigkeit, wir beherrschen sie seelisch dann, wenn wir uns an irgend etwas, das wir erlebt haben, eben, wie wir sagen, erinnern. Aber Sie wissen alle: Mit dieser Erinnerungskraft ist es etwas Eigenartiges. Wir beherrschen sie und beherrschen sie doch nicht ganz. Gar mancher Mensch kämpft diesen oder jenen Augenblick seines Lebens damit, daß er sich an etwas erinnern möchte, aber er kann sich nicht erinnern. Dieses Sich-erinnern-Mögen und Sich-nicht-vollständig- erinnern-Können, das rührt davon her, daß dieselbe Kraft, die wir seelisch als Erinnerungskraft benützen, dazu dient, unsere aufgenommenen NahrungsStoffe umzuwandeln in solche Substanzen, die von unserem Leib gebraucht werden können. Wenn Sie also ein Stück Brot essen und dieses Brot umgewandelt wird in Ihrem Leib in eine solche Substanz, daß diese Substanz Ihrem Leben dient, so ist das scheinbar ein physischer Vorgang. Aber dieser physische Vorgang wird beherrscht von übersinnlichen Kräften. Diese übersinnlichen Kräfte sind dieselben, die Sie anwenden, wenn Sie sich erinnern. So daß dieselbe Kräfteart verwendet wird auf der einen Seite zur Erinnerung, auf der anderen Seite zur Verarbeitung der NahrungsStoffe im menschlichen Leben. Und Sie müssen eigentlich immer ein wenig hin und her pendeln zwischen Ihrer Seele und zwischen Ihrem Leibe, wenn Sie sich der Erinnerungskraft hingeben wollen. Verdaut Ihr Leib allzugut, dann, sehen Sie, können Sie vielleicht nicht so viel Kräfte abgewinnen diesem Leib, daß Sie sich gut erinnern können an gewisse Dinge. Sie müssen immer einen inneren Kampf, der im Unbewußten sich abspielt zwischen einem Seelischen und einem Leiblichen, ausführen, wenn Sie sich erinnern wollen an irgend etwas. Sie haben, wenn Sie so die Gedächtniskraft anschauen, die beste Art zu begreifen, wie unsinnig es im Grunde von einem höheren Gesichtspunkte aus ist, wenn die einen Menschen Idealisten sind und die anderen Menschen Materialisten. Das Verarbeiten der Nahrungsstoffe im menschlichen Leibe ist zweifellos ein materieller Vorgang. Die Kräfte, die ihn beherrschen, sind dieselben, die bei einem ideellen Vorgang wirksam sind: die Kräfte des Erinnerungsvermögens, die Gedächtniskräfte. Nur dann sieht man die Welt richtig, wenn man sie weder materialistisch noch idealistisch sieht, sondern wenn man imstande ist, dasjenige, was sich als materialistisch offenbart, ideell zu sehen, und dasjenige, was sich als Ideelles offenbart, ganz materiell verfolgen zu können." (Lit.: GA 191, S. 33)

Gedächtnisbildung und Luzifer

Wenn wir die Gedächtnisbildung durch Memorieren unterstützen, rufen wir Luzifer zu Hilfe. Wir wecken dabei künstlich alte Kräfte, die heute weitgehend in den Hintergrund getreten sind, die aber in der atlantischen Zeit - und wie in einem Abglanz davon auch noch in der griechisch-lateinischen Zeit - in überreichem Maß vorhanden waren:

"Warum muß denn eine luziferische Kraft in dieser Art beim Gedächtnisse angerufen werden? In einer der heutigen Menschheit gar nicht mehr bewußten Art hatte das Gedächtnis in alten, aber gar nicht weit zurückliegenden Zeiten der Menschheitsentwickelung eine ganz andere Stärke als heute. Wir brauchen verhältnismäßig lange, um uns eine längere Dichtung anzueignen. So lange brauchten die alten Griechen nicht. Eine große Zahl der alten Griechen kannte von Anfang bis zum Ende die homerischen Gesänge. Aber sie memorierten nicht in der Weise, wie wir heute auswendig lernen. Es war eben die gedächtnismäßige Kraft dieser Zeit anders ausgebildet. Was geschah denn eigentlich dazumal in diesem vierten nachatlantischen Zeitraum? Es geschah gewissermaßen eine Wiederholung desjenigen, was in noch stärkerem Maße im atlantischen Zeitraum selbst geschehen ist, und was ich schon dargestellt habe in den Aufsätzen, die über die atlantische Entwickelung handeln. Das, was vom Mond noch herübergekommen war wie eine Kraft, die fähig macht, wie einen Kometenschweif die traumhaften imaginativen Erlebnisse nachzuziehen, diese Kraft ging gewissermaßen von einer solchen äußeren, im Wechselverkehre mit der Welt sich abspielenden Kraft in das Innere über. Durch dieses Übergehen in das Innere entwickelte sich beim atlantischen Menschen das Gedächtnis wie ein erstes Aufleuchten an etwas, was ihm die Welt dazumal wie von selber gab. Und während der atlantischen Zeit brauchte sich wahrhaftig der Mensch nicht sehr anzustrengen, um das Gedächtnis zu entwickeln, denn es war wie ein Hereinfließen desjenigen, was eine Kraft im äußeren Verkehr mit der "Welt war, in das Innere des Menschen. Und dieses wiederholte sich für den vierten nachatlantischen Zeitraum. Im Innern war gewissermaßen eine Wiederholung da desjenigen, was früher, ohne daß der Mensch etwas dazu tat, sich im Wechselverkehre mit der Welt abspielte.

Indem der Mensch nun eingetreten ist in den fünften nachatlantischen Zeitraum, muß er immer mehr und mehr Anstrengung verwenden, um die Gedächtniskraft zu seiner eigenen zu machen. Damit sie beizutragen hat zu seiner Individualisierung und zu seiner Freiheit, dazu muß dasjenige, was wie von selbst kam während der atlantischen Zeit und in der Wiederholung im vierten nachatlantischen Zeitraum, angeeignet werden. Immer, wenn später etwas angeeignet wird, was eigentlich einer früheren Kraft entspricht, wenn also dem Gedächtnis zu Hilfe gekommen wird mit Kräften, die früher naturgemäß waren, so haben wir es mit einer luziferischen Wirkung zu tun. Indem wir künstlich dasjenige hereintragen in unsere Zeit, was naturgemäß war in der Griechenzeit, das selbstverständliche Sich-Aneignen des Gedächtnisses, wird es zum Luziferischen. Dadurch aber, daß Sie dieses Luziferische so vor Ihre Seele treten lassen, verspüren Sie die Rolle, die Luzifer in der Menschheitsentwickelung hat. Sie müssen sie verspüren, wenn die Dinge so geschildert werden. Ihm waren gewissermaßen noch Grenzen gesetzt in der griechisch-lateinischen Zeit. Er war noch an seinem Platze. Jetzt ist er nicht mehr in derselben Weise an seinem Platze. Jetzt muß der Mensch, um das Gedächtnis weiter auszubilden, ein Bündnis mit ihm eingehen. Der Mensch muß aus einer Selbsttätigkeit heraus für sein Gedächtnis das tun, was ohne sein Zutun mit ihm geschah noch während der griechisch-lateinischen Zeit. Aber dadurch wird das, was während der griechisch-lateinischen Zeit mit ihm geschah, heute zu einer luziferischen Tat.

In dem Augenblicke aber, in dem also eine luziferische Tätigkeit auftritt, kommt gewissermaßen auch die andere Seite der Waage in Tätigkeit: das Ahrimanische. Und während wir auf der einen Seite memorieren, also Luzifer zu Hilfe rufen für das Gedächtnismäßige, hat die Menschheit immer mehr und mehr die andere, die ahrimanische Unterstützung des Gedächtnisses entwickelt, das Aufschreiben. Denn ich habe öfter schon angedeutet: Dies ist eine richtige Empfindung der Menschen des Mittelalters noch gewesen, daß sie insbesondere die Druckkunst als eine «schwarze Kunst» empfunden haben." (Lit.: GA 170, S. 199ff)

Der Erinnerungsvorgang

Das Erinnerungsvermögen besteht in der Fähigkeit, Inhalte vorwiegend des Langzeitgedächtnisses in Form von Erinnerungsvorstellungen wieder ins Bewusstsein zu rufen. Alle Erinnerung ist eigentlich ein Lesen im Ätherleib, bzw. früher sogar ein Lesen in der Ätherwelt selbst gewesen. Bei der Erinnerung lesen wir mehr von außen im eigenen Ätherleib. Ich und Astralleib trennen sich ganz leise vom Ätherleib, wie es ähnlich auch im Schlaf geschieht (hier allerdings viel stärker, so dass das Bewusstsein schwindet). Man kommt so dem Erleben des eigenen Astralleibes näher.

Der Ätherleib ist der Träger des Gedächtnisses, und sich zu erinnern bedeutet, dass man im Ätherleib lesen gelernt hat – und zwar in jenem Teil, der nicht für die Erhaltung des physischen Organismus benötigt wird. Solange sich die Gedächtnisprozesse aber rein ätherisch abspielen, kommt es noch nicht zu einem individuellen, sondern zu einem kollektiven Gedächtnis, das durch die ganze Ahnenreihe fließt, die durch einen gemeinsamen Lebensstrom, durch die Blutsbande, verbunden ist. Das war noch beim Atlantier der Fall. Mit dem Übergang vom kollektiven zum individuellen Gedächtnis ging auch allmählich das Bewusstsein für die wiederholten Erdenleben verloren. Das Erinnerungsvermögen schränkte sich auf die einzelne irdische Persönlichkeit ein.

Die Umwandlung des kollektiven zum individuellen Gedächtnis wurde wesentlich durch die in der nachatlanischen Zeit aufgekommene Kultur des Weintrinkens gefördert. Der Alkohol löscht die alte atlantische Gedächtnisform aus. Im Neuen Testament wird das durch die Hochzeit von Kaana angedeutet:

"Auf der Hochzeit zu Kana wird das Wasser in Wein verwandelt. An diese Tatsache knüpft sich ein symbolischer universeller Sinn: Im religiösen Kultus soll das Wasseropfer zeitweise durch das Weinopfer ersetzt werden.

Es gab in der Geschichte der Menschheit eine Zeit, in welcher der Wein noch unbekannt war. Zur Zeit der Veden kannte man ihn kaum. Nun, solange die Menschen keine alkoholischen Getränke tranken, war die Vorstellung von vorhergehenden Daseinsstufen und von der Vielzahl von Erdenleben überall verbreitet, und niemand zweifelte daran. Seitdem die Menschheit Wein zu trinken begann, verdunkelte sich die Idee der Reinkarnation ganz schnell und verschwand schließlich aus dem allgemeinen Bewußtsein. Sie wurde nur bewahrt durch die Eingeweihten, die sich des Weingenusses enthielten. Denn der Alkohol hat auf den menschlichen Organismus eine besondere Wirkung, insbesondere auf den Ätherleib, in dem das Gedächtnis seinen Sitz hat. Der Alkohol verschleiert das Gedächtnis, verdunkelt es in seinen inneren Tiefen. Der Wein schafft Vergessenheit, sagt man. Dabei handelt es sich nicht um ein oberflächliches, momentanes Vergessen, sondern um ein tiefes und dauerndes Vergessen, um eine Verfinsterung der Gedächtniskraft im Ätherleib. Daher verloren die Menschen, als sie sich anschickten Wein zu trinken, nach und nach ihr ursprüngliches Gefühl für die Wiederverkörperung.

Nun hatte aber der Glaube an die Wiederverkörperung und an das Karmagesetz einen mächtigen Einfluß nicht nur auf die Persönlichkeit, sondern auch auf ihr soziales Empfinden. Er ließ sie die Ungleichheit der menschlichen Lebensumstände hinnehmen. Wenn der unglückliche ägyptische Arbeiter an den Pyramiden arbeitete, wenn der Hindu der untersten Klasse an den gigantischen Tempeln im Herzen der Berge baute, sagte er sich, daß ein anderes Dasein ihn für die tapfer ertragene schwere Arbeit entschädigen würde, wenn er gut war; daß sein Meister schon durch ähnliche Prüfungen hindurchgegangen war; oder daß er später durch noch härtere Prüfungen hindurchgehen müsse, wenn er an der Gerechtigkeit zweifelte und übel gesinnt wäre.

Als aber das Christentum herannahte, sollte die Menschheit durch eine Epoche hindurchgehen, in der sie sich ganz auf ihre Erdenaufgabe einstellte. Sie sollte an der Verbesserung dieses Lebens wirken, an der Entwickelung des Intellekts, an der verstandesmäßigen wissenschaftlichen Erkenntnis der Natur. Das Bewußtsein von der Wiederverkörperung sollte demgemäß für zweitausend Jahre verlorengehen. Und das Mittel, das zu diesem Zweck angewendet wurde, war der Wein.

Das ist der tiefe Grund der Verehrung des Bacchus, des Gottes des Weines, der Trunkenheit. Es war dies die volkstümliche Form des Dionysos der alten Mysterien, der an sich einen ganz anderen Sinn hatte. Das ist auch der symbolische Sinn der Hochzeit zu Kana. Das Wasser spielt seine Rolle beim alten Opferdienst, der Wein beim neuen. Die Worte des Christus: « Selig, die nicht sehen und doch glauben», beziehen sich auf die neue Ära des Menschen, wo der Mensch, ganz seinen Erdenaufgaben hingegeben, weder die Erinnerung an frühere Inkarnationen noch die direkte Schau in die geistige Welt haben soll." (Lit.: GA 094, S. 50ff)

Das Gedächtnis wird erst individualisiert, wenn bei der Gedächtnisbildung dem physischen Leib deutliche Spuren eingegraben werden. Für rein geistige Erlebnisse ist das nicht möglich, sondern nur für das, was sinnlich wahrgenommen und verstandesmäßig bedacht wird. Das Erlebte wird dadurch zunächst gewissermaßen in die Tiefe des Organismus hinein vergessen, und der sonst freie Teil des Ätherleib wird nun an den physischen Leib gebunden, um die Gedächtnisspuren zu bewahren. Beim Erinnerungsvorgang wird der Ätherleib kurzfristig vom physischen Leib abgezogen, so dass wieder im Ätherleib gelesen werden kann. Der Erinnerungsvorgang bedeutet also eine ganz reale kurzfristige Vergeistigung. Die Spuren im physischen Leib beginnen sich dadurch aufzulösen, werden allerdings nach dem vollendeten Erinnerungsvorgang wieder regeneriert, meist in leicht modifizierter Form.

Denken und Gedächtnis

Das Gedächtnis des heutigen Menschen hängt, wie unser deutsches Wort dafür zurecht andeutet, sehr wesentlich mit dem Denken zusammen. In der Regel können wir uns heute nur an die Erlebnisse erinnern, die wir mit dem mehr oder minder wachen Denken begleitet haben.

Im Denken erschaffen wir ununterbrochen Elementarwesen, die fortan in unserem Ätherleib leben. In ihnen leben unsere Gedanken weiter, sie sind das lebendige ätherische Gedächtnis. Wir werden uns ihrer heute aber normalerweise erst bewusst, wenn sie sich mit dem physischen Leib verbinden und genau in diesem Moment von diesem aus einen schwachen und teils verzerrten Reflex in unser Seelenleben werfen. Der physische Leib wirkt wie ein – allerdings stark beschlagener und verunreinigter – Spiegel. Indem sich die Gedankenlebewesen mit dem physischen Leib verbinden, arbeiten sie gestaltend an diesem. Durch die Verbindung mit dem festen physischen Leib nehmen die Gedankenlebewesen eine erstarrte Gestalt an – wie Eisblumen auf einer Fensterscheibe. Die lebendigen Gedanken werden so zum Gedächtnisschatz abgelähmt. Dieser ruht zunächst unter der Schwelle des Bewusstseins in den Tiefen der leiblichen Organisation. Beim Erinnerungsvorgang lösen sich diese Elementarwesen kurzfristig vom physischen Leib und werfen beim Wiederverbinden das blasse Erinnerungsbild in unsere Seele.

Das Gedächtnis als gesteigerte Antipathie

Das Denken, alle unsere gedankenhaften Vorstellungen, sind ein Bild des vorgeburtlichen Lebens, wie das schon Platon in seiner Ideenlehre angedeutet hat. Der Wille hingegen ist im Erdenleben nur ein Keim, der sich erst im Leben nach dem Tod voll entfaltet.

Zeichnung aus GA 293, S 34

"Wir haben uns also vorzustellen: Vorstellung auf der einen Seite, die wir als Bild aufzufassen haben vom vorgeburtlichen Leben; Willen auf der anderen Seite, den wir als Keim aufzufassen haben für späteres. Ich bitte, den Unterschied zwischen Keim und Bild recht ins Auge zu fassen. Denn ein Keim ist etwas Überreales, ein Bild ist etwas Unterreales; ein Keim wird später erst zu einem Realen, trägt also der Anlage nach das spätere Reale in sich, so daß der Wille in der Tat sehr geistiger Natur ist. Das hat Schopenhauer geahnt; aber er konnte natürlich nicht bis zu der Erkenntnis vordringen, daß der Wille der Keim des Geistig-Seelischen ist, wie dieses Geistig-Seelische sich nach dem Tode in der geistigen Welt entfaltet." (Lit.: GA 293, S. 33f)

Im Erdenleben entfaltet sich das Seelenleben im Wechselspiel von Sympathie und Antipathie:

"Wir tragen die Kraft der Antipathie in uns und verwandeln durch sie das vorgeburtliche Element in ein bloßes Vorstellungsbild. Und mit demjenigen, was als Willensrealität nach dem Tode hinausstrahlt zu unserem Dasein, verbinden wir uns in Sympathie. Dieser zwei, der Sympathie und der Antipathie, werden wir uns nicht unmittelbar bewußt, aber sie leben in uns unbewußt und sie bedeuten unser Fühlen, das fortwährend aus einem Rhythmus, aus einem Wechselspiel zwischen Sympathie und Antipathie sich zusammensetzt.

Zeichnung aus GA 293, S 35

Wir entwickeln in uns die Gefühlswelt, die ein fortwährendes Wechselspiel - Systole, Diastole - zwischen Sympathie und Antipathie ist. Dieses Wechselspiel ist fortwährend in uns. Die Antipathie, die nach der einen Seite geht, verwandelt fortwährend unser Seelenleben in ein vorstellendes; die Sympathie, die nach der anderen Seite geht, verwandelt uns das Seelenleben in das, was wir als unseren Tatwillen kennen, in das Keimhafthalten dessen, was nach dem Tode geistige Realität ist. Hier kommen Sie zum realen Verstehen des geistig-seelischen Lebens: wir schaffen den Keim des seelischen Lebens als einen Rhythmus von Sympathie und Antipathie." (Lit.: GA 293, S. 35)

Wird die Antipathie, die das Vorstellungsleben bewirkt, noch gesteigert, entstehen das Gedächtnis:

"Wenn Sie nun jetzt vorstellen, so begegnet jedes solche Vorstellen der Antipathie, und wird die Antipathie genügend stark, so entsteht das Erinnerungsbild, das Gedächtnis, so daß das Gedächtnis nichts anderes ist als ein Ergebnis der in uns waltenden Antipathie. Hier haben Sie den Zusammenhang zwischen dem rein Gefühlsmäßigen noch der Antipathie, die unbestimmt noch zurückstrahlt, und dem bestimmten Zurückstrahlen, dem Zurückstrahlen der jetzt noch bildhaft ausgeübten Wahrnehmungstätigkeit im Gedächtnis. Das Gedächtnis ist nur gesteigerte Antipathie. Sie könnten kein Gedächtnis haben, wenn Sie zu Ihren Vorstellungen so große Sympathie hätten, daß Sie sie «verschlucken» würden; Sie haben Gedächtnis nur dadurch, daß Sie eine Art Ekel haben vor den Vorstellungen, sie zurückwerfen - und dadurch sie präsent machen. Das ist ihre Realität." (Lit.: GA 293, S. 36)

Umgekehrt entsteht durch Steigerung der Sympathie die Phantasie, die, wenn sie den ganzen Menschen bis in die Sinne hinein durchdringt, die sinnliche Anschauung bewirkt.

Die organische Grundlage des Gedächtnisses

Der physische Leib als Bildbewahrer

"Wenn ich ein Schema aufzeichnen wollte, so würde es so sein: Nehmen wir einmal an, wir haben hier den physischen Leib (siehe Zeichnung, rot), wir haben hier den Ätherleib (orange), wir haben hier den astralischen Leib (grün), und wir haben endlich hier das Ich (weiß). Jetzt wirkt ein Sinneserlebnis. Dieses Sinneserlebnis wird zunächst aufgenommen in das Ich. Es wird die Vorstellung daran geknüpft, indem es sich einlebt in den astralischen Leib; es wirkt die Kraft, die dann die Erinnerung möglich macht, indem es sich einlebt als Bewegung in den Ätherleib. Nun muß es sich aber stauen. Es darf nicht weitergehen, es

Tafel 9 aus GA 206, S 125

darf nicht den physischen Leib ganz durchdringen, sondern muß sich hier stauen. Im physischen Leib entsteht nämlich, natürlich zunächst ganz unbewußt, von dem, was in der Erinnerung lebt, ein Bild. Das Bild ist gar nicht ähnlich dem, was das Erlebnis war, es ist eine Metamorphose; aber es entsteht ein Bild. So daß gesagt werden muß: Ebenso wie mit dem Ätherleib das Gedächtnis verbunden ist, so ist mit dem physischen Leib ein wirkliches inneres Bild verbunden. - Wir haben immer im physischen Leib, wenn sich solch eine Bewegung staut, die vom Ätherleib ausgeht, eine Imprägnierung, ein Bild; dieses Bild kann natürlich erst erreicht werden mit imaginativem Vorstellen. Da sieht man, wie in der Tat der physische Leib der Träger wird von all diesen Bildern." (Lit.: GA 206, S. 124f)

Die Bedeutung des physischen Leibes für die Gedächtnisbildung

Der Ätherleib ist zwar der eigentliche Bewahrer des Gedächtnisses, doch müssen die Erlebnisse während des Erdenlebens bis in den physischen Leib als Bilder eingeschrieben werden, um wieder ins Bewusstsein gerufen, d.h. erinnert werden zu können. Das liegt daran, dass sich unsere Erinnerungen während des Erdenlebens auf physisch-sinnliche Erlebnisse beziehen. Diese Art der Erinnerungsfähigkeit hört etwa drei Tage nach dem Tod auf. Solange hält der Ätherleib noch eine gewisse Beziehung zum physischen Leib, die ihm diese Art des Gedächtnisses ermöglicht, obwohl es auch da schon bedeutsame Veränderungen erfährt, da sich der Ätherleib bereits im Kosmos zu zerstreuen beginnt. Während dieser drei Tage erlebt der Mensch ein umfassendes und lückenloses Lebenspanorama.

Seelisch-geistige Erlebnisse können grundsätzlich nicht auf diese Art erinnert werden, da sie sich nicht in den physischen Leib einschreiben.

"Der Bewahrer des Gedächtnisses ist der Ätherleib, aber ohne den physischen Leib würde er schlecht bewahren können. Die Nerven werden beeindruckt, und es muß hineingeschrieben werden in den physischen Leib. Der ist sozusagen der Aufschreibeapparat für das, was der Mensch behalten will. Und wenn der Mensch sich erinnern will an etwas, so durchdringt er mit dem Ätherleib den physischen Leib bis zu der Stelle, wo das, was erinnert werden soll, eingeschrieben steht, und dann wird das Erinnerungsbild lebendig, und der Mensch liest es dann ab vom physischen Leib. Schüler machen es ja so, wenn sie etwas auswendig zu lernen haben, daß sie es sich solange wiederholen, bis es sich eingeschrieben hat. Aber da kann es vorkommen, daß, wenn sie z. B. lernen: «Es stand vor alten Zeiten ...», sie es sich gewaltsam einpressen in den physischen Leib dadurch, daß sie den Laut zu Hilfe nehmen.

Gewohnheitsmäßig muß ein solches Einschreiben und Ablesen werden dadurch, daß es uns zur inneren Gewohnheit wird, alle Verrichtungen mit Aufmerksamkeit und Nachdenken zu durchdringen.

Für geistige Erlebnisse kann man den physischen Leib nicht brauchen als Erinnerungsorgan, an die Stelle muß das Gewohnheitsmäßige treten. Wir müssen uns die dazu gehörende Empfindungsnuance vor die Seele rufen." (Lit.: GA 266c, S. 246)

Der physische Leib als differenzierter Spiegelungsapparat

Im Kopf konzentrieren sich die nach außen geöffneten Sinnesorgane, während im restlichen Organismus die Organe ihre Tätigkeit wesentlich im Innern entfalten.Im Kopfbereich entfalten auch die drei seelischen Wesensglieder am stärksten ihre Wirkungen und sie bilden die Grundlage für das wache Tagesbewusstsein und das damit verbundene Selbstbewusstsein. In diesen seelischen Wesensgliedern lebt das Ich bewusst. Das Ich erlebt sich in diesen drei seelischen Wesensgliedern in unmittelbarer Geistesgegenwart. Es ist hier zunächst kein Rückblick auf die Vergangenheit, also auch keine Erinnerungsfähigkeit möglich, wie auch kein prophetischer Vorblick auf die Zukunft.

Indem der restliche Organismus die Seelenerlebnisse in sehr differenzierter Weise an der Oberfläche der einzelnen Organe zurückspiegelt, wird er zum unentbehrlichen Werkzeug für das Gedächtnis - und gibt dadurch auch erst dem Ich-Bewusstsein seine notwendige Kontinuität. Teilweise wirken die Erlebnisse auch ins Innere der Organe hinein und werden von den Drüsenorganen zu Absonderungen umgewandelt bzw. werden hier in Verbindung mit der Tätigkeit des Stoffwechsel-Gliedmaßen-Systems sogar Kräfte aufgebaut, die in der nächsten Inkarnation den Organismus gestalten:

So spiegelt die Lungenoberfläche abstrakte Gedanken wider. Gedanken, die sich an äußere Wahrnehmungen anknüpfen gehen in das Innere der Lunge und werden hier zu Kräften, die in der nächsten Inkarnation den Kopf äußerlich formen. Werden diese Kräfte schon in dieser Inkarnation frei, führen sie zu Illusionen - bei Lungenerkrankungen kann man das oft bemerken.

Die Leberoberfläche spiegelt emotional gefärbte Gedanken. Insbesondere hängt die Leber mit dem musikalischem Empfinden zusammen. Die Klangätherkräfte wirken sehr stark im Chemismus der Leber. Musikalische Menschen haben im vorigen Leben lebendige Eindrücke mitfühlend aufgenommen und konnten leicht von Fröhlichkeit zu Traurigkeit - und umgekehrt - übergehen. Die Kräfte, die sich im Inneren der Leber ausbilden, bewirken in der nächsten Inkarnation die innere Disposition des Gehirns. Wirken sie schon in dieser Inkarnation, entstehen Halluzinationen, Visionen.

Im Nierensystem bereitet sich die künftige Temperamentsanlage vor, aber so, wie sie dann vornehmlich durch den Kopf wirkt und dessen Tätigkeit emotional beeinflusst. Werden diese Kräfte schon jetzt aktiv, entstehen Hypochondrie, Depression etc.

Am Herzen werden Gewissensbisse reflektiert. Im Innern bereiten sich die Kräfte vor, die in der nächsten Inkarnation das äußere Leben bzw. unsere Taten mitbestimmen - das sind also die eigentlichen karmischen Anlagen. Werden diese Kräfte jetzt schon aktiv, äußert sich das in Tobsucht.

Esoterische Entwicklung und Gedächtnis

"Das, was man gewöhnlich als Gedächtnis hat, erleidet durch eine esoterische Entwickelung fast immer eine Herabstimmung. Man bekommt zunächst ein schlechteres Gedächtnis. Wer ein schlechteres Gedächtnis nicht haben will, kann eben eine esoterische Entwickelung nicht durchmachen. Namentlich hört auf stark tätig zu sein dasjenige Gedächtnis, das man als mechanisches Gedächtnis bezeichnen kann, das gerade in den Kindes- und Jugendjahren bei Menschen am besten ausgebildet ist und was ja zumeist gemeint ist, wenn vom Gedächtnis die Rede ist. Und gar mancher Esoteriker wird zu klagen haben über die Herabstimmung seines Gedächtnisses, denn man kann das recht bald bemerken. Das Gedächtnis, das für das äußere Leben da ist, geht schon einmal verloren; aber wir brauchen gar keinen Schaden zu nehmen, wenn wir darauf achten, für alles das, was uns im Leben angeht, mehr Interesse zu entwickeln, tieferes Interesse, mehr Anteil zu entwickeln, als wir das vorher gewohnt waren. Wir müssen anfangen, uns für die Dinge, die für uns Bedeutung haben, namentlich ein gefühlsmäßiges Interesse anzueignen. Das haftet um so besser, mit dem man seelisch zusammenwächst. Man muß daher versuchen, geradezu systematisch dieses seelische Zusammenwachsen zu bewirken." (Lit.: GA 145, S. 51f)

Die Metamorphose der Gedächtniskräfte nach dem Tod

Das wirkliche lebendige ätherische Gedächtnis lernen wir erst nach dem Tod, wenn wir vom physischen Leib befreit sind, in Form eines unfassenden Lebenspanoramas kennen, das die Summe aller von uns während des irdischen Lebens geschaffenen Gedankenlebewesen umfaßt, von denen oben die Rede war, die dann gleichzeitig vor unserem geistigen Blick stehen. Die Zeit wird dann nicht als ein Nacheinander erlebt, sondern als ein Nebeneinander. Die zeitliche Orientierung finden wir dadurch, dass wir den Gedankenlebewesen gleichsam ihr jeweiliges Alter ansehen.

Etwa drei Tage nach dem Tod verblaßt das Lebenspanorama indem unser Ätherleib der allgemeinen Ätherwelt übergeben wird. Doch gehen die Kräfte, die wir durch die Gedächtnisbildung unserem Organismus eingeschrieben haben, nicht verloren. Nach dem Tod verschwinden die gestaltbildenden Kräfte des Kopfes sehr bald, während die Kräfte des restlichen Organismus den Kopf der neuen Inkarnation zu gestalten beginnen. Innere Organe werden so ihren Gestaltkräften nach zu Nerven-Sinnesorganen. Das Blutsystem wird zum Nervensystem (so wird etwa die Aderhaut des Auges zur Netzhaut) und das Herz zur Zirbeldrüse. Die Milz schlüpft gleichsam durch die Leber hindurch und erscheint in der neuen Inkarnation im Gehörorgan wieder.

In der Erinnerungskraft wird künftig der Christus mitleben

"Hineinzuleiten diesen Christus-Impuls in das aufrechte Gehen, in Sprechen und Denken, das ist durch dasjenige möglich, was seit Jahrtausenden für die Menschen da ist mit der Menschheitskultur. In ein viertes Element hineinzuleiten den Christus-Impuls, vorzubereiten dieses Hineinleiten in ein viertes menschliches Vermögen, daran müssen wir auch denken, wenn wir uns im rechten Sinn auf den Boden der Geisteswissenschaft stellen. Daran müssen wir auch denken! Wo hinein der Christus- Impuls noch nicht geleitet werden kann, wo hineingeleitet zu werden er sich aber vorbereitet, das ist die menschliche Erinnerung, das Erinnern des Menschen. Denn außer dem Aufrechtgehen und -stehen, dem Reden oder Sprechen, dem Denken, tritt jetzt die Christus-Kraft in das Erinnern ein. Wir können verstehen den Christus, wenn er durch die Evangelien zu uns spricht. Aber wir werden als Menschen erst dazu vorbereitet, daß der Christus auch eintritt in die Gedanken, die dann als erinnerte Gedanken und Vorstellungen in uns leben und sind und so weiter in uns leben. Und eine Zeit wird herankommen für die Menschheit, die allerdings erst vollständig werden wird in der sechsten größeren Periode der Menschheitsentwickelung, aber jetzt sich vorbereitet, wo die Menschen hinsehen werden auf das, was sie erlebt und erfahren haben und was als Erinnerung in ihnen lebt, und werden sehen können, daß in der Kraft des Erinnerns der Christus mitlebt. Durch jede Vorstellung wird der Christus sprechen können. Und auch wenn wir unsere Vorstellungen in der Erinnerung wiederbeleben, so wird in der Erinnerung, in dem, was so eng, so intim mit uns verbunden ist wie unsere Erinnerung, der Christus mit verbunden sein. Zurückblicken wird der Mensch können auf sein Leben und sagen wird er sich: So wie ich mich erinnere, so wie die Kraft des Gedächtnisses in mir lebt, so lebt in diesem Gedächtnis der hineingegossene Christus- Impuls. Der Weg, der den Menschen geboten wird, immer mehr und mehr wahr zu machen die Worte: Nicht ich, der Christus in mir, - der Weg wird dadurch geebnet, daß in die Erinnerungskraft allmählich der Christus-Impuls einziehen wird. Er ist jetzt noch nicht darinnen. Wenn er darinnen sein wird, wenn nicht nur im Verständnis des Menschen der Christus-Impuls lebt, sondern wenn der Christus-Impuls sich über den ganzen Saum, über den ganzen Streifen von Erinnerungen ausgießen wird, dann wird der Mensch zum Beispiel nicht nur angewiesen sein darauf, aus äußeren Dokumenten Geschichte zu lernen, denn dann wird sich seine Erinnerungskraft erweitern. Der Christus wird in dieser Erinnerung leben. Und der Mensch wird dadurch, daß der Christus in seine Erinnerungskraft eingezogen ist, dadurch, daß der Christus in der Erinnerungskraft lebt, der Mensch wird dadurch wissen, wie bis zum Mysterium von Golgatha hin der Christus außerirdisch gewirkt hat, wie er es vorbereitet hat und durchgegangen ist durch dieses Mysterium von Golgatha, und wie er als Impuls weiterwirkt in der Geschichte. So wahr und wirklich wird der Mensch das überschauen, wie jetzt im gewöhnlichen Leben die Erinnerung da ist. Man wird die irdische Entwickelung der Menschheit nicht anders überschauen können innerlich als so, daß man dann den Christus-Impuls im Mittelpunkt erblickt. Alle Erinnerungskraft wird durchsetzt und zugleich verstärkt werden durch das Eindringen des Christus-Impulses in die Gedächtniskraft, in die Erinnerungskraft." (Lit.: GA 152, S. 115f)

Anmerkungen

  1. 1,0 1,1 MILLER, G.A. (1956): The magical number seven, plus or minus two: Some limits on our capacity for processing information. In: Psychological Review, 63, 1956, S.81-97.
  2. MU Psychologists Demonstrate Simplicity of Working Memory, 23. April 2008

Literatur

  1. Rupert Riedl: Meine Sicht der Welt, Seifert Verlag, Wien 2004
  2. Rudolf Steiner: Kosmogonie, GA 94 (1979), Paris, 31. Mai 1906
  3. Rudolf Steiner: Vorstufen zum Mysterium von Golgatha , GA 152 (1990), ISBN 3-7274-1520-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Das Rätsel des Menschen. Die geistigen Hintergründe der menschlichen Geschichte, GA 170 (1992), ISBN 3-7274-1700-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  5. Rudolf Steiner: Soziales Verständnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis, GA 191 (1989), ISBN 3-7274-1910-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  6. Rudolf Steiner: Entsprechungen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos. Der Mensch - eine Hieroglyphe des Weltenalls., GA 201 (1987), Zwölfter Vortrag, Dornach, 8. Mai 1920
  7. Rudolf Steiner: Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist – Zweiter Teil, GA 206 (1991), ISBN 3-7274-2060-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  8. Rudolf Steiner: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik, GA 293 (1992), ISBN 3-7274-2930-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  9. Rudolf Steiner: Aus den Inhalten der esoterischen Stunden, Band III: 1913 und 1914; 1920 – 1923, GA 266/3 (1998), ISBN 3-7274-2663-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  10. Rudolf Steiner: Ritualtexte für die Feiern des freien christlichen Religionsunterrichtes und das Spruchgut für Lehrer und Schüler der Waldorfschule, GA 269 (1997), ISBN 3-7274-2690-X html
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