Geist

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Phönix in Flammen, Detail aus dem Aberdeen Bestiary (12. Jahrhundert)

Geist (abgeleitet von der idg. Wurzel *gheis-, "erregt, aufgebracht sein, schaudern") ist die Quelle aller schöpferischen Tätigkeit und seine Grundtätigkeit besteht darin, sich selbst beständig aus sich selbst heraus neu als Geist zu erschaffen, wie es symbolisch etwa durch das Bild des Vogels Phönix angedeutet wird.

"Der Geist ist Aktivität, ist immer Tätigkeit. Der Geist ist schöpferisch. Der Geist ist das absolut Produktive. Der Intellekt ist das passive Bild des Geistes." (Lit.: GA 305, S. 29)

Der Geist verfügt niemals über ein abgeschlossenes, fertiges Sein, sondern er ist in einem ewigen Werden begriffen. Aus dem Überfließen dieser eigenschöpferischen Tätigkeit entsteht stufenweise die äußere Schöpfung in Form seelischer, ätherischer und schließlich auch physischer Wesen und Gebilde.

"Was sprechen wir denn dem Geiste eigentlich zu, wenn wir von Geist reden? Wir sprechen ihm dasjenige als Realität, als äußere Wirklichkeit zu, was wir sozusagen in uns selber in unserer Intelligenz erleben. Indem sie in uns gleichsam in ein zeitliches Dasein tritt, schöpferisch auftritt, bilden wir uns einen Begriff von Intelligenz, von vernünftigem Erleben, von vernunftgemäßem Schaffen, und schauen uns ringsherum das Weltall an. Wir müßten sehr kurzsichtig sein, wenn wir Intelligenz, alles was wir Geist nennen, nur uns selbst zuschreiben wollten. Wenn wir aber hinausschauen und sehen, daß die Dinge des Raumes und der Zeit sich so aussprechen, daß unsere Intelligenz die Gesetzmäßigkeit umfassen kann, dann sagen wir: Was in uns als Intelligenz lebt, das ist ausgebreitet in Raum und Zeit und wirkt dort in Raum und Zeit. Wenn wir uns umsehen im weiten, toten Naturreich, sprechen wir davon, daß der Geist in diesem weiten, toten Naturreich gleichsam im Stoffe erstarrt ist, und daß wir das, was in den Formen, in der gesetzmäßigen Wirksamkeit des Stoffes sich ausprägt, hereinlassen, auffangen können in unserer Intelligenz, und dadurch in unserer Intelligenz eine Art Spiegelung des die Welt durchwebenden und durchwirkenden Geistes haben." (Lit.: GA 60, S. 73f)

Der Geist des Menschen ist sein unvergängliche geistiger Wesenskern, sein individuelles Ich. Durch dieses ist er selbstschöpferisch tätig. Das wird ganz besonders stark im Moment des Todes erlebt und gerade daran entzündet sich das Ich-Bewusstsein nach dem Tod.

"Zu seiner Geburt sieht der physische Mensch nicht zurück in der physischen Welt, auf den Tod sieht er zurück in der ganzen Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Dieses Zurückschauen, dieses Treffen auf das Todeserlebnis, das ist es, was das Ich-Bewußtsein erzeugt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, dem verdanken wir es.

Der Anblick des Todes ist ja nur von der Seite des physischen Erlebens aus gesehen, wenn überhaupt, etwas Schreckliches. Nur da hat er Grausen und Schrecken, wenn man ihn von dieser Seite aus sieht. Der Tote sieht ihn aber von der anderen Seite. Und von dieser Seite aus gesehen, hat das Wissen wirklich nichts Furchtbares, daß gewissermaßen der Moment des Todes bleibend ist für das ganze Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Denn wenn er auch Vernichtung ist, angesehen von dieser physischen Seite des Lebens, so ist er das Herrlichste, das Größte, das Schönste, das Erhabenste, was immerfort gesehen werden kann von der anderen Seite des Lebens aus. Da bezeugt er fortwährend den Sieg des Geistes über die Materie, die selbstschöpferische Lebenskraft des Geistes. In diesem Erfühlen der selbstschöpferischen Lebenskraft des Geistes ist das Ich-Bewußtsein vorhanden in den geistigen Welten.

In den geistigen Welten hat man also dieses Ich-Bewußtsein gerade dadurch, daß man fortwährend sich innerlich selbst erzeugt, daß man niemals an ein bestehendes Sein appelliert, sondern immer sich selbst erzeugt, und in diesem Selbst-Erzeugen gewissermaßen sich berührt rückwärts hin nach dem Momente, da der Tod eingetreten ist. Also wir können auch angeben, auf welche Weise das Ich-Bewußtsein, das Selbst-Bewußtsein in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt erzeugt wird." (Lit.: GA 174b, S. 99f)

Im weiteren Sinne sind mit dem menschlichen Geist auch jene höheren Wesensglieder gemeint, die durch die bewusste geistige Arbeit des Menschen an seinen niederen Wesensgliedern gebildet werden und das Ich derart innerlich erfüllen, dass sie zu einem unverlierbaren Bestandteil der geistigen Individualität des Menschen werden. Rudolf Steiner hat diese rein geistigen Wesensglieder als Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch bezeichnet. Durch das Geistselbst ist er schöpferisch in seinem Astralleib tätig, durch den Lebensgeist im Ätherleib und durch den Geistesmenschen sogar im physischen Leib.

Aristoteles Unterscheidung

"Aristoteles unterscheidet (...) den unbewegten Geist (nous poietikos) vom bewegten Geist (nous pathetikos). Während der erste als <<choristos>> frei und vom Körper unabhängig ist, ist der bewegte Geist leidend und vergänglich." (Lit.: Karl-Heinz Tritschler, S. 8).


Das menschliche Haupt als Abbild des Geistes

Das menschliche Haupt in seiner weitgehend sphärischen Gestalt ist ein (individuelles) Abbild des ganzen Kosmos und dadurch auch des tätigen Geistes, der diesen geschaffen hat:

"Der menschliche Kopf ist schon seiner äußeren Form nach, wenn Sie von der Kopfbasis absehen, dem Kosmos nachgebildet. Er ist ja eigentlich kugelig gebildet. Er ist herausgeholt in seiner Form aus dem Kosmos. Es wirken ja auch alle kosmischen Kräfte im Leibe der Mutter zusammen, um in der Embryonalbildung zuerst das menschliche Haupt zu erzeugen. Wenn wir geistig auf die Sache eingehen, so ist es so, daß dasjenige, was vom Menschen geistig-seelisch in einer geistig-seelischen Welt lebt, bevor der Mensch heruntersteigt ins physisch-irdische Dasein, sich zunächst mit den kosmischen Kräften verbindet und dann erst die Vererbungskräfte ergreift. Der eigentliche geistig-seelische Mensch bildet sich zuerst aus dem Äther der Welt heraus und geht dann erst an die physisch ponderablen Materien, die ihm im Leibe der Mutter dargereicht werden. Eigentlich ist also dieses Haupt aus dem Kosmos heraus gebildet, und das, was vom Menschen heruntergestiegen ist aus geistig-seelischen Welten auf die Erde, ist eingebildet dieser kosmischen Gestaltung. Daher versteht auch im Physischen niemand den Bau des menschlichen Hauptes, der ihn nicht im geistigen Sinne so erklärt, daß er sagt: Das Haupt des Menschen ist ein Abbild, ein unmittelbarer Abdruck des Geistigen. Diese wunderbaren Gehirnwindungen, alles, was da physiologisch im menschlichen Haupte zu entdecken ist, ist so, als wenn es kristallisierter Geist wäre, in materieller Form vorhandener Geist. Das menschliche Haupt ist als physischer Leib unmittelbar Abbild des Geistes. Wenn jemand den Geist als solchen als Bildhauer darstellen sollte, so müßte er eigentlich einen durchgeistigten Menschenkopf studieren. Er wird natürlich, wenn er Modellkünstler ist, nichts Besonderes treffen; aber wenn er nicht Modellkünstler ist, sondern aus dem Geistigen heraus schafft, dann wird er gerade ein wunderbares Abbild der innersten Natur der kosmischen Geisteskräfte zuwege bringen, wenn er das menschliche Haupt schafft. Es ist Intuition, Inspiration, Imagination der kosmischen Geistigkeit, was im menschlichen Haupte vorliegt. Es ist, wie wenn die Gottheit selber ein Bild des Geistigen hätte schaffen wollen und dem Menschen sein Haupt aufgesetzt hätte. Es ist deshalb im Grunde genommen drollig, wenn die Menschen Bilder vom Geist suchen, während sie das beste, das großartigste, das gewaltigste Bild des Geistes, aber eben das Bild des Geistes, nicht den Geist selbst, im menschlichen Haupte haben." (Lit.: GA 213, S. 163f)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Theosophie, GA 9 (2002), Kapitel Die geistige Wesenheit des Menschen, ISBN 3-7274-0090-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org}
  2. Rudolf Steiner: Antworten der Geisteswissenschaft auf die großen Fragen des Daseins, GA 60 (1983) pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org}
  3. Rudolf Steiner: Die geistigen Hintergründe des Ersten Weltkrieges, GA 174b (1994), ISBN 3-7274-1742-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Menschenfragen und Weltenantworten, GA 213 (1987) pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  5. Rudolf Steiner: Die geistig-seelischen Grundkräfte der Erziehungskunst. Spirituelle Werte in Erziehung und sozialem Leben., GA 305 (1991) pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  6. Karl-Heinz Tritschler: Der blinde Fleck. In: Wochenschrift "Das Goetheanum", Nr. 24, 16.06.2012, S. 8 - 9.
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