Geistesgegenwart

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Geistesgegenwart, die Fähigkeit, in unvorhergesehenen Situationen schnell zu reagieren und zielsicher ohne lange Überlegung das Richtige zu tun, ist auch die Grundvoraussetzung für jede Form der geistigen Wahrnehmung.

Die Luftprobe ist die dritte Probe, vor die sich der Geistesschüler auf dem Schulungsweg gestellt sieht (Lit.:GA 10, S. 85ff). Zuvor musste er die Feuerprobe und die Wasserprobe bestehen. Nun muss er absolute Geistesgegenwart entwickeln. Es darf kein Zögern und kein Zweifeln mehr geben. Der Geistesschüler muss sich ganz sicher und fest auf sich selbst stützen. Er agiert nun ganz selbstständig aus seinem höheren Selbst. Er darf sich nicht verlieren. Das heißt aber auch, dass er seine geistigen Fähigkeiten jederzeit ganz präzise einschätzen muss. Man muss dazu nicht im absoluten Sinne vollkommen sein, denn dazu bedarf es noch eines weiten Weges – aber man muss sich ganz schonungslos seines eigenen Wertes und auch seines Unwertes bewusst werden.

„Für die Betrachtung des Geistigen ist etwas nötig, was man gerade bezeichnen kann als Geistesgegenwart. Denn das Allerwichtigste und Wesentlichste im Erleben tritt an die Seele aus der geistigen Welt so heran, daß es ganz schnell auftritt - und vorüberhuscht, ohne daß man es beobachten kann. Deshalb entgehen dem Menschen die Geheimnisse der geistigen Welt, weil er nicht Geistesgegenwart genug hat. Eine der besten Übungen, um sich in der geistigen Welt zurechtzufinden, ist, daß man sich schon im äußeren Leben daran gewöhnt, Geistesgegenwart zu entwickeln, daß man sich gewöhnt, in einer Situation nicht lange zu zögern, nicht eine Viertelstunde zu brauchen, um sich zu entschließen, diesen oder jenen Gedanken zu haben. Je mehr Geistesgegenwart man hat und besonders in Situationen, die ein rasches Denken erfordern, desto mehr schult man sich, um das zu erhaschen, was die geistige Welt bietet. Daher werden Menschen, die in gewissen Situationen des äußeren Lebens rasch entschlossen sind, die nicht alles zwei- und dreimal umkehren, sondern die Sache machen und richtig machen können, auch wenn sich nur kurz die Gelegenheit dazu bietet, diese Menschen werden am geeignetsten sein, um geistige Beobachtungen zu machen.“ (Lit.:GA 67, S. 23f)

„Um uns in geistigen Welten orientieren zu können, um nun wirklich in der geistig-übersinnlichen Welt wahrzunehmen, dazu brauchen wir aber noch eine besondere innere Charaktereigenschaft. Wir brauchen dasjenige, was ich Geistesgegenwart nennen möchte. Das ist im gewöhnlichen Leben das, was man braucht, um in einer bestimmten Situation ohne Zögern eine bestimmte Entscheidung treffen zu können. Man muß viele Übungen in solcher Geistesgegenwart machen, damit man in der übersinnlichen Welt beobachten lernt. Denn ohne diese Geistesgegenwart hätte man nicht Zeit, das Erlebnis zu erfassen, man würde bei dem geistigen Erlebnis erst so spät ankommen, daß es vorbei wäre. Die ungeheure Schnelligkeit, diese schnelle Besonnenheit, sie muß eintreten in dem Augenblick, wenn man zum gehirnfreien Denken vorgeschritten ist.“ (Lit.:GA 211, S. 150)

Imagination und Inspiration

„Sobald der Mensch nun zum imaginativen Erkennen vorrückt, wird er immer mehr und mehr in die Lage versetzt, genau ins Seelenauge, ins innere Anschauen zu fassen, was sich erleben läßt, ich möchte sagen, wie vorübergehend, im Status nascendi. Man hat es und muß es rasch erfassen, aber man kann es erfassen. Man hat vor sich, was in dem Momente des Aufwachens und Einschlafens besonders scharf beobachtet werden kann. Diese Momente des Einschlafens und Aufwachens können beobachtet werden für ein imaginatives Erkennen. Sie wissen ja, daß unter den Vorbereitungen, welche notwendig sind, um zu höheren Erkenntnissen zu kommen, von mir in dem vorhin angeführten Buche erwähnt worden ist die Heranerziehung einer gewissen Geistesgegenwart. Die Menschen reden ja im gewöhnlichen Leben so wenig von den Beobachtungen, die sich von der geistigen Welt her machen lassen, weil ihnen diese Geistesgegenwart fehlt. Würde diese Geistesgegenwart in ausgiebigerem Sinne bei den Menschen heranerzogen, so würden heute schon alle Menschen reden können von geistig-übersinnlichen Impressionen, denn sie drängen sich eigentlich im eminentesten Maße auf beim Einschlafen und Aufwachen, insbesondere beim Aufwachen. Nur weil so wenig heranerzogen wird, was Geistesgegenwart ist, deshalb bemerken die Menschen das nicht. Im Momente des Aufwachens tritt ja vor der Seele eine ganze Welt auf. Aber im Entstehen vergeht sie schon wiederum, und ehe sich die Menschen darauf besinnen, sie zu erfassen, ist sie fort. Daher können sie so wenig reden von dieser ganzen Welt, die da vor die Seele sich hinstellt und die wahrhaftig zum Begreifen des inneren Menschen von ganz besonderer Bedeutung ist.

Was sich da vor die Seele hinstellt, wenn man wirklich dazu kommt, in Geistesgegenwart den Aufwachemoment zu ergreifen, das ist eine ganze Welt von flutenden Gedanken. Nichts Phantastisches braucht dabei zu sein. So wie man im chemischen Laboratorium beobachtet, mit derselben Seelenruhe und Besonnenheit kann man sie beobachten. Und dennoch ist diese flutende Gedankenwelt, die sehr genau zu unterscheiden ist vom bloßen Träumen, da. Das bloße Träumen spielt sich so ab, daß es erfüllt ist von Lebensreminiszenzen. Was sich da abspielt im Momente des Aufwachens, das sind nicht Lebensreminiszenzen. Sie sind sehr gut zu unterscheiden von Lebensreminiszenzen, diese flutenden Gedanken. Man kann sie sich in die Sprache des gewöhnlichen Bewußtseins übersetzen, aber es sind im Grunde genommen fremdartige Gedanken, Gedanken, die wir sonst nicht erfahren können, wenn wir sie nicht in dem Momente, der entweder durch geisteswissenschaftliche Schulung in uns möglich gemacht ist, oder eben in diesem Momente des Aufwachens erfassen.“ (Lit.:GA 207, S. 49f)

„Sie werden auch darüber in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» Aufschlüsse finden. Man muß sich nämlich noch etwas aneignen, wenn man zu dieser inspirierten Erkenntnis kommen will. Das ist Geistesgegenwart. Geistesgegenwart hat man, wenn man, in irgendeine Lebenssituation gebracht, schnell handeln kann, nicht erst nachklappt mit seinem Urteil, bis die Gelegenheit zum Handeln schon vorüber ist. Man muß gerade durch solche Dinge sich üben, die einem notwendig machen, schnell zu handeln, schnell zuzugreifen, weil nämlich dasjenige, was durch Inspiration auftritt, schnell vorüberhuscht; im Status nascendi, im Momente des Entstehens entschwindet es auch schon. Man muß die Aufmerksamkeit schnell darauf werfen können.“ (Lit.:GA 303, S. 86)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, GA 10 (1993), ISBN 3-7274-0100-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Das Ewige in der Menschenseele. Unsterblichkeit und Freiheit, GA 67 (1992), ISBN 3-7274-0670-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Anthroposophie als Kosmosophie – Erster Teil, GA 207 (1990), ISBN 3-7274-2070-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Das Sonnenmysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung, GA 211 (1986), ISBN 3-7274-2110-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  5. Rudolf Steiner: Die gesunde Entwickelung des Menschenwesens. Eine Einführung in die anthroposophische Pädagogik und Didaktik., GA 303 (1978), ISBN 3-7274-3031-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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