Gesetz der universellen Brüderlichkeit

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Das Gesetz der universellen Brüderlichkeit besagt, dass ein Geistesforscher okkulte Tatsachen, die bereits früher von anderen Geistesforschern erkundet wurden, nur dann selbsttätig wieder erforschen kann, wenn er zuvor auf dem Weg äußerer Überlieferung davon Kenntnis erhalten hat. Es wird damit die lückenlose Kontinuität der Geistesforschung über die Zeiten hinweg garantiert und es wird damit erklärlich, warum das ausgiebige Studium der geisteswissenschaftlichen Überlieferung die unverzichtbare Grundlage für eigene geistige Forschungen sein muss. Das Studium der geisteswissenschaflichen Schriften ist daher zurecht die erste Stufe des Rosenkreuzer-Schulungswegs. Rudolf Steiner knüpfte darum für sein eigenes Wirken notwendigerweise zunächst an die theosophische Überlieferung an und studierte sehr ausgiebig die grundlegenden Werke von Helena Petrovna Blavatsky, A.P. Sinnett, Annie Besant und anderen.

Im Grunde geht hier die Geistesforschung den selben Weg, den auch die äußere Wissenschaft notwendig beschreiten muss. Die Prinzipien der Mathematik, so mag man vielleicht entgegenhalten, kann theoretisch jeder Mensch von Grund auf aus sich selbst schöpfen; grundsätzlich mag das wohl stimmen, in der Praxis wird man damit aber kaum sehr weit kommen. Auch hier kann man nicht in rechtem Sinn aktuelle Forschung betreiben, ohne sich genügend Kenntnisse von dem verschafft zu haben, was bereits erforscht wurde. Tatsächlich kann das Erkenntnisstreben überhaupt niemals als Einzelunternehmung gedeihen, sondern muss als Gemeinschaftsunternehmen in historischer Kontinuität mit anderen Menschen betrieben werden, die in gleicher Richtung tätig waren und sind. Das gilt insbesondere auch für die Geistesforschung:

"Warum müssen wir uns denn eigentlich mit theosophischen Gedanken und Theorien beschäftigen, ehe wir selbst in der geistigen Welt etwas erleben können? Mancher wird sagen: Mitgeteilt werden uns die Resultate der seherischen Forschung; ich selbst kann aber noch nicht hineinschauen. Wäre es da nicht richtiger, wenn uns nicht hellseherische Forschungsergebnisse, sondern wenn vor allen Dingen uns nur gesagt würde, wie ich selbst mich zum Hellseher entwickeln kann? Dann könnte jeder ja selbst die weitere Entwickelung nachher durchmachen. - Wer außerhalb der okkulten Forschung steht, der mag glauben, daß es gut wäre, wenn nicht schon vorher von solchen Dingen und Tatsachen gesprochen würde. Aber es gibt in der geistigen Welt ein ganz bestimmtes Gesetz, dessen ganze Bedeutung wir uns durch ein Beispiel klarmachen wollen. Nehmen Sie einmal an, in irgendeinem Jahre hätte ein beliebiger, regelrecht geschulter Hellseher dies oder jenes in der geistigen Welt wahrgenommen. Nun stellen Sie sich vor, daß zehn oder zwanzig Jahre später ein anderer ebenso geschulter Hellseher dieselbe Sache wahrnehmen würde, auch dann, wenn er von den Resultaten des ersten Hellsehers gar nichts erfahren hätte. Wenn Sie das glauben würden, wären Sie in einem großen Irrtum, denn in Wahrheit kann eine Tatsache der geistigen Welt, die einmal von einem Hellseher oder einer okkulten Schule gefunden worden ist, nicht zum zweiten Mal erforscht werden, wenn der, welcher sie erforschen will, nicht zuerst die Mitteilung erhalten hat, daß sie bereits erforscht ist. Wenn also ein Hellseher im Jahre 1900 eine Tatsache erforscht hat, und ein anderer im Jahre 1950 so weit ist, um dieselbe wahrnehmen zu können, so kann er das erst, wenn er zuvor gelernt und erfahren hat, daß einer sie schon gefunden und erforscht hat. Es können also selbst schon bekannte Tatsachen in der geistigen Welt nur geschaut werden, wenn man sich entschließt, sie auf gewöhnlichem Wege mitgeteilt zu erhalten und sie kennenzulernen. Das ist das Gesetz, das in der geistigen Welt für alle Zeiten hindurch die universelle Brüderlichkeit begründet. Es ist unmöglich, in irgendein Gebiet hineinzukommen, ohne sich zuerst zu verbinden mit dem, was schon von den älteren Brüdern der Menschheit erforscht und geschaut worden ist. Es ist in der geistigen Welt dafür gesorgt, daß keiner ein sogenannter Eigenbrötler werden und sagen kann: Ich kümmere mich nicht um das, was schon vorhanden ist, ich forsche für mich allein. - Alle die Tatsachen, die heute in der Theosophie mitgeteilt werden, würden von auch noch so sehr Ausgebildeten und Vorgeschrittenen nicht gesehen werden können, wenn man nicht vorher davon erfahren hätte. Weil dem so ist, weil man sich verbinden muß mit dem, was schon erforscht ist, deshalb mußte auch die theosophische Bewegung in dieser Form begründet werden.

Es wird in verhältnismäßig kurzer Zeit viele Menschen geben, die hellsehend sein werden; diese würden nur Wesenloses, aber nicht die Wahrheit in der geistigen Welt schauen können, weil sie nicht das Wichtige, das schon erforscht ist in der geistigen Welt, sehen könnten. Erst muß man diese Wahrheiten, wie sie die Theosophie gibt, lernen, dann erst kann man sie wahrnehmen. Also selbst der Hellseher muß erst das lernen, was schon erforscht ist, und dann kann er bei gewissenhafter Schulung die Tatsachen selbst schauen. Man kann sagen: Befruchten nur einmal, für ein erstes Sehen, die göttlichen Wesenheiten eine Menschenseele, und hat diese einmalige, jungfräuliche Befruchtung sich vollzogen, dann ist es notwendig für die andern, den Blick erst auf das zu richten, was sich diese erste Menschenseele erworben hat, um ein Anrecht zu haben, sich ein gleiches zu erwerben und es zu schauen. - Dieses Gesetz begründet zuinnerst eine universelle Brüderlichkeit, eine wahre Menschenbruderschaft. Von Epoche zu Epoche ist so das Weisheitsgut durch die okkulten Schulen gewandert und von den Meistern treulich aufbewahrt worden. Und auch wir müssen diesen Schatz tragen helfen und Brüderlichkeit halten mit denen, die schon etwas erreicht haben, wenn wir hinauskommen wollen in die höheren Gebiete der geistigen Welt. Das, was als moralisches Gesetz auf dem physischen Plan angestrebt wird, das ist also ein Naturgesetz der geistigen, der spirituellen Welt." (Lit.: GA 264, S. 350ff)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der esoterischen Schule 1904 - 1914, GA 264 (1984), Budapest, 4. Juni 1909
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Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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Weblinks

  1. Projekt: Grundlagen der Anthroposophie - Eine ausführliche Untersuchung zu Rudolf Steiners Quellenstudium der philosophischen und thesophischen Literatur.