Gewandformen

Aus AnthroWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Gewandformen ergeben sich aus den beiden grundlegenden Funktionen, die die Bekleidung für den Menschen erfüllen soll. Sie bietet einerseits Schutz gegen die Unbilden der äußeren Natur und ist dann nach praktischen äußeren Gesichtspunkten gestaltet; sie stellt sich anderseits als Schmuck dar, der idealerweise ein treffendes sinnliches Bild des menschlichen Seelewesens, d.h. seiner inneren Werte und Begabungen ist. Die Gewandformen und -farben waren dementsprechend in den älteren Kulturen nicht als Ausdruck modischer Willkür, sondern vielfach als symbolisches sinnliches Abbild der menschlichen Aura gestaltet.

„Der alte Römer und Grieche hat noch gewußt, wenn er herumgeht und seinen nackten Leib zeigt, so ist das nicht der ganze Mensch, sondern da gibt es einen übersinnlichen Leib. Diesen übersinnlichen Leib hat er in seiner Toga nachgeahmt. Die Toga ist nichts anderes als der astralische Leib. Und in dem Faltenwurf, der da kunstvoll der Toga gegeben worden ist, kamen die Kräfte des astralischen Leibes zum Vorschein.“ (Lit.:GA 352, S. 99)

Kopfbedeckungen, Hüte, Helme, Kappen usw. haben ihr Vorbild in der Kopfaura. Heute findet das, abgesehen von liturgischen Gewändern, in den westlichen Kulturkreisen nur mehr wenig bewusste Beachtung. In der Art, wie sich ein Mensch kleidet, drückt sich allerdings unbewusst oft sehr viel von seinem Seelenwesen aus.

„Ja, meine lieben Freunde, auch die Kulturgeschichte wird noch manche Bereicherung erfahren aus dem Okkultismus. Ich erinnere Sie daran, daß man in alten Zeiten doch eben solche Dinge gesehen hat, und das, was in der alten Zeit noch sichtbar war, den Aurenteil, hat man in der Gewandung nachgeahmt. Helme haben sich die Menschen deshalb aufgesetzt, weil sie den Helm im Sinne der astralen Mütze oder Haube, die jeder Mensch aufhat, geformt haben. Alle äußere Gewandung ist an ihrer ursprünglichen Stelle so entstanden, daß dasjenige, was der Mensch ätherisch oder astralisch um sich herum hat, in der Gewandung nachgeahmt worden ist. Und wenn wir die alten Gewandungen, namentlich die Priestergewandungen, verstehen wollen, wenn wir wissen wollen, warum das eine so oder so entstanden ist, dann brauchen wir bloß hellseherisch hinzuschauen auf die Dinge, die um die Menschen entweder als ätherische Aura oder als astralische Aura herum sind. Denn die Gestaltungen der ätherischen oder astralischen Aura wurden in den alten Gewandungen nachgeahmt und werden noch nachgeahmt in den Gewandungen, welche mit irgendeinem Kultus oder Ritual zu tun haben. Es ist daher — das bemerke ich nur in Parenthese — einer Zeit, welche dem Materialismus so verfallen ist, daß sie die Aura leugnet, ganz angemessen, daß sie auch keine Gewandung mehr haben will, die hervorgegangen ist aus der Nachahmung dessen, was der Mensch an sich trägt. Und wenn die Schrulle der Nacktkultur jetzt in unserer heutigen Zeit auftritt, so rührt das davon her, daß der materialistische Sinn nichts mehr wissen will von jenen höheren ätherischen und astralischen Aurenbildungen, die der Mensch um sich herum hat und aus denen heraus er die Formen seiner Gewandung gebildet hat. Ältere Zeiten, aber gar nicht so alte Zeiten, haben noch die Färbungen der Aura nachgebildet in der Gewandung der Menschen. Und wenn Sie die Bilder der älteren Maler sich anschauen, dann können Sie ein, man möchte sagen, noch in seinen alten Resten auftretendes Bewußtsein darin erblicken, daß das Aurische in den Farben der Gewänder auftritt. Sehen Sie sich die Bilder an, wie sie die Maria in der Regel mit ganz bestimmten Farben des Unterkleides und mit ganz bestimmten Farben des Übergewandes und wie sie mit anderen Farben zum Beispiel die Magdalena darstellen! Das Kleid der Magdalena mit der gelben Farbe konnte der alte Maler nicht verwenden für das der Maria. Warum nicht? Weil die Aura einer Magdalena verschieden ist von der Aura einer Maria. Der alte Maler hat noch durchaus das Bewußtsein zum Ausdruck gebracht, daß das Gewand der Ausdruck ist für dasjenige, was der Mensch übersinnlich, wie eine Art Gewandung mit sich herumträgt. Und wenn Sie namentlich auf das blicken, was nicht nur als Gewandung, sondern als Helmgestalt oder dergleichen die griechischen Göttergestalten an sich tragen, wie zum Beispiel die Pallas Athene dieses oder jenes an sich trägt, so hängt das davon ab, wie sich der griechische Künstler die Aura bei den alten Göttergestalten nach diesen Voraussetzungen denken mußte.“ (Lit.:GA 129, S. 198ff)

In der vollständigen Bekleidung drückt sich die Dreigliederung des Menschen aus und besteht daher auch im wesentlichen aus drei Stücken. Im Kopf ist besonders der Ätherleib wirksam und hier ist das Zentrum des Denkens; dem entspricht der Mantel, der ursprünglich mit Kapuze versehen und damit zugleich Kopfbedeckung, Kappe (siehe auch → Kopfaura), Hut, Mütze (siehe auch → Phrygische Mütze) usw. war. Auch das Kopftuch, der Schleier, der Schal und die Krawatte (auch Schlips, bei Uniformen auch Langbinder, in der Schweiz auch Querbinder) bzw. die Krawattenschleife (auch Fliege, Querbinder, österreich. Mascherl) leiten sich davon ebenso ab wie die heute viel diskutierten Gewandformen der muslimischen Frauen. Auch Gehrock, Herrenrock, Zylinderhut und Frack, Sakko (auch Sacco, Jackett) und Jacke fallen unter diese Rubrik.

Im Brustbereich überwiegt der Astralleib und das Fühlen; dem entspricht Hemd und Bluse, deren früher noch kunstvoller Faltenwurf die Beweglichkeit des rhythmischen Systems ausdrückt, die im modernen T-Shirt nicht mehr so deutlich sichtbar wird. Auch die Weste gehört hierher.

Im Stoffwechsel-Gliedmaßen-System und dem damit verbundenen Willen wirkt am stärksten das Ich; dem entspricht das Schurzfell, dem ursprünglichsten Kleidungsstück überhaupt (schon im Paradies bedecken sich Adam und Eva nach dem Sündenfall mit einem Schurz), das dann besonders im alten Ägypten kunstvoll hervortrat und sich symbolisch noch im Maurerschurz der Freimaurer wiederfindet oder im schottischen Kilt. Dazu gehören dann später auch alle Beinkleider, Hosen usw., die einen noch stärkeren Inkarnationswillen ausdrücken.

„Der Mensch hat drei Glieder schon als physischer Mensch. Er hat seinen Kopf, seine Brustorgane, wo vorzugsweise Atmung und Blutzirkulation sind, also innere Bewegung, und er hat die äußere Bewegung in den Gliedmaßen. Der Mensch besteht also schon seinem physischen Leibe nach aus drei Teilen: aus dem Kopf, aus dem Brustsystem - ich nenne es immer das rhythmische System, weil sich alles im Rhythmus bewegt - und der äußeren Bewegung der Organe, der äußeren Bewegungsorganisation.

Nun, sehen Sie, wirksam ist im Kopf ganz besonders der Ätherleib, in der Brust, in der Blutzirkulation und in der Atmung der astralische Leib und in den willkürlichen Bewegungen das Ich. Wenn Sie alle Kleidung, mit Ausnahme der etwas gar zu einfachen Kleidung der wilden Menschen - nicht wahr, der ganz Wilden - betrachten: Sie können immer sehen, was auch für Firlefanz darauf gemacht ist, im wesentlichen besteht alle Kleidung aus drei Stücken, irgendwie aus drei Stücken. Es ist natürlich überall etwas verändert; Sie müssen nur bedenken, daß das im Laufe der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit sich furchtbar verändert hat, es ist Firlefanz dazugebracht worden, Wischiwaschi dazugebracht worden, aber eigentlich besteht jede Kleidung aus drei Teilen. Das eine ist dasjenige, was ursprünglich aus dem Schurzfell entstanden ist - und die Männer bei den alten Ägyptern haben im wesentlichen nur Schurzfelle getragen. Wofür ist das die Kleidung beim Menschen? Für die Gliedmaßen. Der Mensch hat ausgedrückt, daß er mit den Füßen gehen kann, indem er die Füße bedeckt hat. Die Kraft der Füße, der Bewegungsorganisation, sollte mit dem Schurzfell ausgedrückt werden.

Interessant ist, daß solche Dinge sich dann forterben, und daß die Freimaurer bei ihren Versammlungen das Schurzfell als eine besondere Auszeichnung tragen. Das ist eine alte ägyptische Erbschaft. Geradesowenig meistens, wie die Leute heute wissen, warum sie sich Orden anheften, ebensowenig wissen die Leute, warum sie sich das Schurzfell anlegen. Das Schurzfell wird angezogen als Zeichen, daß man mit seinen Gliedmaßen besonders stark wirken soll. Und aus dem Schurzfell ist alles entstanden, was in irgendeinder Weise die Gliedmaßen betrifft, zum Beispiel unsere Hosen, allerdings so stark verändert, daß sie uns eher hindern am Gang, als fördern. Das bezieht sich also auf die Gliedmaßen. Das Schurzfell haben die Ägypter besonders künstlich ausgebildet, das sie in besonderer Weise anliegend gemacht haben an die Gliedmaßen; sie haben die Arme dann hineingestreckt, und es ist so das Schurzfell entstanden, das heraufgeht, Brustlatz kriegt, Ärmel, so daß auch die oberen Gliedmaßen darin eingespannt werden.

Das zweite, meine Herren, das ist, daß der Mensch das Brustsystem in der Kleidung zum Ausdruck bringt. Und dieses Brustsystem bringt er am besten in alledem zum Ausdruck, was hemdartig ist und über den Kopf gezogen wird. Das war besonders bei den alten Assyrern ausgebildet. Da wurde das hemdartige Kleidungsstück ausgebildet, wo man oben durchschlüpft und was dann glatt hinuntergeht. Das ist der Ausdruck für das Brustsystem, für die innere Bewegung. Daher werden auch die Falten so gemacht. Die Griechen haben dann das übernommen von Asien herüber und haben diesen künstlichen Faltenwurf hinzugefügt, der gewissermaßen sogar die Blutadern nachahmen sollte in ihrem wichtigsten Verlauf. Es war so gehalten, daß die wichtigste Blutzirkulation und die Strömung da drinnen nachgemacht wurde.

Das dritte ist der Mantel, der Mantel, der übergeworfen wird. Nun, der Mantel, der übergeworfen wird, der ist ursprünglich nicht bloß über die Schultern geworfen worden, sondern auch über den Kopf. Sie können das in gewissen Landesgegenden sehen, da wird es noch in derselben Art gemacht. Der Mantel wird so über den Kopf geworfen, daß er auch den Kopf bedeckt. Im Mantelwurf, da drückt sich wiederum der Gedanke für alles, was aus dem Kopf kommt, aus; im Schurzfell mehr der Wille, der in den Gliedern lebt; in dem Hemdartigen, das wir haben - nicht wahr, es ist nur noch wenig in unserer Weste enthalten, aber bei dem Priesterkleid, bei dem Kleid der katholischen Priester können Sie es noch sehr gut ausgebildet finden -, das ja in der weiblichen Kleidung noch immer vorliegt, da ist die Brustkleidung. Und die Kopfkleidung ist der Mantel. Nur natürlich hat das Wandlungen durchgemacht. Denken Sie sich den Mantel, der geworfen wird um die Schultern und auch über den Kopf, da herübergeworfen wird (siehe Zeichnung), er bedeckte ursprünglich den Kopf. Wenn es ein roter Mantel ist, ist es sehr schön. Die rote Farbe, die ist so, daß man gar nicht danach trachtet, sie

Zeichnung aus GA 352, S. 138

zu entstellen. Es ist dann die Zeit gekommen, von der ich das letzte Mal gesprochen habe, wo die Menschen nicht mehr aufmerksam sind auf die Farben. Da haben sie sich auch einen schwarzen Mantel oder einen blauen gemacht. Und was haben sie getan? Sie haben den Mantel hier abgeschnitten und die Kopfbedeckung extra gemacht! Der Hut ist daraus geworden. Das kann man ihm natürlich heute nicht mehr ansehen. Aber ich muß doch noch sagen: Wenn ich einen Menschen mit Frack und Zylinderhut daherkommen sehe, so sage ich mir immer: Donnerwetter, wie hast du dich verändert! - denn ursprünglich war Frack und Zylinderhut ein Mantel. Dann ist der Mantel heruntergeschnitten worden, hat seine schreckliche Form bekommen vom Frack, und oben ist der Zylinderhut geblieben, der bedeckt den Kopf. Da kann man es ursprünglich noch sehen. Sehen Sie einmal einen Zylinderhut mit einem Frack zusammen, und versuchen Sie dann den Zylinderhut vorne auseinanderzuschneiden, daß Sie das ganze über den Kopf werfen können, dann haben Sie das, woraus Frack und Zylinder entstanden ist. So muß man zurückgehen auf die alte Kleidung, dann kriegt man heraus, woraus die Kleidung entsteht; ...“ (Lit.:GA 352, S. 136ff)

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen, GA 129 (1977), Neunter Vortrag, München, 26. August 1911
  2. Rudolf Steiner: Natur und Mensch in geisteswissenschaftlicher Betrachtung, GA 352 (1981


Steiner big.jpg
Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.