Goethes Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie

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Der Fährmann und die zwei Irrlichter; Illustration zu Goethes Märchen von Gustav Wolf (1922)

Goethes Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie ist als letzte Erzählung in dem Novellenzyklus Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten enthalten, der erstmals 1795 in der von Friedrich Schiller herausgegeben Zeitschrift Die Horen erschienen ist. Das Märchen zeigt in bildhafter Form, wie sich der Mensch in einer dem Bewusstseinsseelenzeitalter gemäßen Form in ein bewusstes, freies Verhältnis zur übersinnlichen Welt setzen kann. Goethes geheime Offenbarung, wie Rudolf Steiner das Märchen auch nannte, bildete den Ausgangspunkt zur Entwicklung der Anthroposophie (s.u.); ausführliche Betrachtungen Steiners dazu finden sich etwa in GA 53, S. 329ff und GA 57, S. 23ff. Auch die Mysteriendramen Rudolf Steiners sind auf Grundlage des Märchens entstanden (Lit.: GA 14).

Personen

Inhalt

Mitten in der Nacht wird der alte Fährmann von zwei Irrlichtern gebeten, sie über den vom starken Regen geschwollenen Fluss überzusetzten. Er tut es und zum Dank wollen die beiden Irrlichter ihn mit Goldstücken bezahlen, die sie mühelos von sich abschütteln. Doch entsetzt weist der Alte diesen gefährlichen Lohn zurück. Wäre nur eines der Goldstücke in den Fluss gefallen, der dieses Metall nicht leiden kann, so hätten sich die Wellen gewaltig erhoben. Der alte Fährmann fordert einen ganz anderen Lohn. Er will mit Früchten der Erde entschädigt werden, mit drei Kohlhäuptern, drei Artischocken und drei Zwiebeln. Als die Irrlichter diese Forderung ignorieren und schnell scherzend davonschlüpfen wollen, merken sie, dass sie an den Boden gefesselt sind. Er als sie fest versprechen, die Forderung nächstens zu erfüllen, werden sie freigelassen.

Indessen macht sich der alte Fährmann auf, das gefährliche Gold in der Erde zu versenken. Er wirft es in eine ungeheure Kluft zwischen hohen Felsen und kehrt dann heim zu seiner Hütte.

In dieser Kluft haust auch die schöne grüne Schlange, die durch das Geklimper der Goldstücke geweckt wird und nun begierig das Gold verschlingt, worauf sie auf die wunderbarste Weise von innen her im schönsten Smaragdgrün zu leuchten beginnt. Fröhlich verläßt sie die Erdentiefen und trifft endlich auch auf die zwei Irrlichter, die sie zu ihrer höchsten Freude mit weiterem Gold versorgen. Gerne würde sie daher auch die Bitte der Irrlichter erfüllen, sie zur schönen Lilie zu bringen, doch diese haust leider auf dem anderen Ufer, von dem die Irrlichter eben erst herübergesetzt haben. Der Fährmann, so eröffnet ihnen die Schlange, könne sie nicht wieder zurückbringen, denn er dürfe zwar jemanden herüber, aber niemand hinüber führen. Doch gäbe es zwei andere Wege. Der eine könne nur zu Mittag beschritten werden, wenn sie selbst, die grüne Schlange, zu dieser Stunde eine Brücke über den Fluss bilden würde. Der zweite Weg hingegen erscheint nur in der Morgen- oder Abenddämmerung, wenn der große Riese, der nicht weit von hier wohnt, seinen Schatten über den Fluss wirft. Auf diesem Schatten könne man hinübergleiten.

Nachdem sich die Irrlichter mit einer leichten Verbeugung entfernt haben, kriecht die Schlange weiter durch das Gestein, um jene Ort wiederzufinden, wo sie schon früher eine seltsame Entdeckung gemacht hatte. Zwar nicht gesehen, doch gefühlt hatte sie schon damals, dass dieser unterirdische Ort künstlich angelegt war und sie hatte auch verschiedene merkwürdige Gegenstände unterscheiden können, doch nun wollte sie all das auch durch ihr neu erworbenes Licht beleuchten und mit eigenen Augen sehen. Die grüne Schlange erreicht auch bald den Ort, doch reicht ihr Licht nicht hin, das ganze Heiligtum - denn ein solches ist es - zu erleuchten. Doch immerhin erkennt sie im Vorübergleiten drei sitzende Könige. Einer ist aus lauterem Gold, der zweite aus Silber und der dritte aus Erz geformt. In einer entfernteren Ecke meint sie noch einen vierten König zu gewahren, den sie aber nur undeutlich erkennt. Als sie an dem goldenen König vorbeikriecht, spricht dieser sie an:

"Wo kommst du her? – Aus den Klüften, versetzte die Schlange, in denen das Gold wohnt. – Was ist herrlicher als Gold? fragte der König. – Das Licht, antwortete die Schlange. – Was ist erquicklicher als Licht? fragte jener. – Das Gespräch, antwortete diese."

Da tritt plötzlich ein bäuerlich gekleideter alter Mann mit einer kleinen Lampe herein, die mit einem Schlag den ganzen unterirdischen Dom erhellt. Diese Lampe hatte die merkwürdige Eigenschaft, dass sie nur dort Licht verbreiten konnte, wo schon welches war:

"Warum kommst du, da wir Licht haben? fragte der goldene König. – Ihr wißt, daß ich das Dunkle nicht erleuchten darf. – Endigt sich mein Reich? fragte der silberne König. – Spät oder nie, versetzte der Alte."

Mit einer starken Stimme fing der eheren König an zu fragen: Wann werde ich aufstehn? – Bald, versetzte der Alte. – Mit wem soll ich mich verbinden? fragte der König. – Mit deinen älteren Brüdern, sagte der Alte. – Was wird aus dem jüngsten werden? fragte der König. – Er wird sich setzen, sagte der Alte.

Ich bin nicht müde, rief der vierte König mit einer rauhen stotternden Stimme."

Beim Schein der Lampe konnte die Schlange nun erkennen, dass der vierte aus einer Mischung aller drei Metalle geformt war und sehr schwerfällig erschien.

"Indessen sagte der goldne König zum Manne: Wie viel Geheimnis weißt du? – Drei, versetzte der Alte. – Welches ist das wichtigste? fragte der silberne König. – Das offenbare, versetzte der Alte. – Willst du es auch uns eröffnen? fragte der eherne. – Sobald ich das vierte weiß, sagte der Alte. – Was kümmerts’s mich! murmelte der zusammengesetzte König vor sich hin.

Ich weiß das vierte, sagte die Schlange, näherte sich dem Alten und zischte ihm etwas ins Ohr. – Es ist an der Zeit! rief der Alte mit gewaltiger Stimme. Der Tempel schallte wider, die metallenen Bildsäulen klangen, und in dem Augenblicke versank der Alte nach Westen und die Schlange nach Osten, und jedes durchstrich mit großer Schnelle die Klüfte der Felsen."

Während der Alte so durch die unterirdischen Gänge wandelte, füllten sie sich sogleich mit Gold, denn seine Lampe hatte noch eine weitere wunderbare Eigenschafte. Sie konnte zwar nicht die Dunkelheit erhellen, doch verwandelte sie im Dunkeln alles Gestein zu Gold, alles Holz zu Silber und tote Tiere zu wunderschönen Edelsteinen.

Als der Alte endlich seine an den Berg angebaute Hütte erreichte kam ihm seine Frau betrübt und weinend entgegen. Sie war von den zwei Irrlichtern besucht worden. In ihrer Gutmütigkeit hatte sie versprochen, die Schuld, die die beiden bei dem Fährmann offen hatten, für sie mit den gewünschten Früchten der Erde zu bezahlen. Die Irrlichter aber hätten mit größter Begier das ganze Gold von den Wänden der Hütte abgeleckt, worauf sie viel größer, breiter und glänzender geworden waren und eine Unzahl von Goldstücken von sich abgeschüttelt hätten. Und schlimmer noch, ihr treuer Mops hätte einige der Goldstücke gefressen und wäre daraufhin gestorben.

Der Alte tröstet nun seine Frau und mit HIlfe seiner Lampe überzieht er die Wände sogleich wieder mit dem schönsten Gold und den Mops verwandelt er in einen wunderschönen Onyx. Dann bittet er seine Frau, die Schuld der Irrlichter zu begleichen, denn sie könnten ihnen später noch dienlich sein. Die Früchte und auch den zum Onyx verwandelten Mops solle sie in einen Korb legen und damit zum Fährmann gehen und weiter zur Mittagstunde über die von der Schlange gebildete Brücke in das Reich der schönen Lilie hinüberwechseln.

"Bring ihr den Onyx, sie wird ihn durch ihre Berührung lebendig machen, wie sie alles Lebendige durch ihre Berührung tötet; sie wird einen treuen Gefährten an ihm haben. Sage ihr, sie solle nicht trauern, ihre Erlösung sei nahe, das größte Unglück könne sie als das größte Glück betrachten, denn es sei an der Zeit."

So machte sich die Alte auf den Weg. Der Onyx trug sich ganz leicht, doch die Früchte der Erde beschwerten sie. Plötzlich naht sich der mächtige Riese, der gerade im Fluss gebadet hatte, und raubt ein Kohlhaupt, eine Artischocke und eine Zwiebel aus dem Korb und macht sich davon.

Als endlich der Fährmann erschien, der soeben einen seltsam unglücklich scheinenden jungen, edlen, schönem Mann über das Ufer gesetzt hatte, wollte ihn die Alte mit den verbliebenen Früchten bezahlen, die ihr schon eine schwere Last geworden waren, doch das wies dieser zurück. Drei Früchte jeder Art müssten es sein, das hinge gar nicht von ihm ab, denn "was mir gebührt, muß ich neun Stunden zusammen lassen, und ich darf nichts annehmen, bis ich dem Fluß ein Dritteil übergeben habe." Nur wenn sie sich dem Fluss gegenüber für ihre Schuld verbürge, könne er einstweilen die sechs verbliebenen Früchte übernehmen, mit der Bedingnis, dass er die restlichen zwei rechtzeitig erhalten würde. Zum Zeichen des Schwures muss die Alte nun ihre Hand in den Fluss tauchen und wie sie sie wieder herauszieht, muss sie zu ihrem Schrecken erkennen, dass sie ganz schwarz geworden ist und allmählich dahinzuschwinden scheint.

"Jetzt scheint es nur so, sagte der Alte; wenn ihr aber nicht Wort haltet, kann es wahr werden. Die Hand wird nach und nach schwinden und endlich ganz verschwinden, ohne daß ihr den Gebrauch derselben entbehrt. Ihr werdet alles damit verrichten können, nur daß sie niemand sehen wird. – Ich wollte lieber, ich könnte sie nicht brauchen und man säh’s mir’s nicht an, sagte die Alte; indessen hat das nichts zu bedeuten, ich werde mein Wort halten, um diese schwarze Haut und diese Sorge bald los zu werden."

Eilig bricht nun die Alte auf, aber nicht, ohne zuvor mit dem traurigen Jüngling ins Gespräch zu kommen, um die Ursache seines Kummers zu erfragen. Der greift nach dem zum wunderschönen Onyx verwandelten toten Mops, der in dem Korb der Alten liegt, und klagt endlich sein Leid:

"Glückliches Tier! rief er aus, du wirst von ihren Händen berührt, du wirst von ihr belebt werden, anstatt daß Lebendige vor ihr fliehen, um nicht ein trauriges Schicksal zu erfahren. Doch was sage ich traurig! ist es nicht viel betrübter und bänglicher durch ihre Gegenwart gelähmt zu werden, als es sein würde von ihrer Hand zu sterben! Sieh mich an, sagte er zu der Alten; in meinen Jahren, welch eine elenden Zustand muß ich erdulden. Diesen Harnisch, den ich mit Ehren im Kriege getragen, diesen Purpur, den ich durch eine weise Regierung zu verdienen suchte, hat mir das Schicksal gelassen, jene als eine unnötige Last, diesen als eine unbedeutende Zierde. Krone, Zepter und Schwert sind hinweg, ich bin im übrigen so nackt und bedürftig, als jeder andere Erdensohn, denn so unselig wirken ihre schönen blauen Augen, daß sie allen lebendigen Wesen ihre Kraft nehmen, und daß diejenigen, die ihre berührende Hand nicht tötet, sich in den Zustand lebendig wandelnder Schatten versetzt fühlen."

Gemeinsam mit der Alten schreitet er nun über die durch die Schlange gebildete Brücke zurück in das Reich der Lilie. Die Brücke sieht jetzt ganz anders aus als in früherer Zeit und erscheint wie aus durchsichtigem Smaragd und Beryll gemacht. Kaum dass sie drüben waren, senkte sich die Schlange nieder und glitt den Wanderern nach. Auch hört man nun ein seltsames Gezische. Es sind die Irrlichter, die sich dem Zug anschliessen, und die man bei Tag nur hören, aber nicht sehen kann.

Schließlich erreicht die ganze bunte Gesellschaft den Garten der schönen Lilie, die gerade mit Tränen in den Augen mit sanften Harfentönen ihren toten Kanarienvogel betrauert. Durch einen wilden Habicht erschreckt, war er an ihre Brust geflüchtet und durch die Berührung sofort getötet worden. Die Alte überingt nun die Worte ihres Mannes, denn "es sei an der Zeit", wie dieser gesagt habe, und überreicht der Lilie den Onyx, den sie sich zu einem neuen, lieben Gefährten wiederbeleben solle. Auch spricht sie von der Schuld, die sie zu tilgen hat und weist traurig ihre dahinschwindende schwarze Hand vor. All das sind für die Lilie höchst bemerkenswerte Zeichen, doch lindert es ihren Kummer nur wenig:

Was helfen mir die vielen guten Zeichen?
Des Vogels Tod, der Freundin schwarze Hand?
Der Mops von Edelstein, hat er wohl seinesgleichen?
Und hat ihn nicht die Lampe mir gesandt?

Entfernt vom süßen menschlichen Genusse,
Bin ich doch mit dem Jammer nur vertraut.
Ach! warum steht der Tempel nicht am Flusse!
Ach! warum ist die Brücke nicht gebaut!

Da meldet sich die Schlange:

"Die Weissagung von der Brücke ist erfüllt! rief sie aus; fragt nur diese gute Frau wie herrlich der Bogen gegenwärtig erscheint. Was sonst undurchsichtiger Japsis, was nur eine Prasem war, durch den das Licht höchstens auf den Kanten durchschimmerte, ist nun durchsichtiger Edelstein geworden. Kein Beryll ist so klar und kein Smaragd so schönfarbig.

Ich wünsche Euch Glück dazu, sagte die Lilie, allein verzeihet mir, wenn ich die Weissagung noch nicht erfüllt glaube. Über den hohen Bogen Eurer Brücke können nur Fußgänger hinüber schreiten und es ist uns versprochen, daß Pferde und Wagen und Reisende aller Art zu gleicher Zeit über die Brücke herüber und hinüber wandern sollen. Ist nicht von den großen Pfeilern geweissagt, die aus dem Flusse selbst heraussteigen werden?"

Dann bittet die schöne Lilie die Alte, sie mögen den toten Kanarienvogel, ehe die Verwesung einsetze, noch vor Sonnenuntergang zu ihrem Mann bringen, damit dieser ihn mit der Lampe in einen schönen Topas verwandeln könnte, den sie sich wieder zum Gefährten erwecken würde. Inzwischen wolle sie den Mops zum Gespielen nehmen. Eilig packt nun die Alte den Kanarienvogel in ihren Korb und eilt davon. Indessen meldet sich die Schlange wieder:

"Wie dem auch sei, sagte die Schlange, indem sie das abgesprochene Gespräch fortsetzte, der Tempel ist erbauet.

Er steht aber noch im Flusse, versetzte die Schöne.

Noch ruht er in den Tiefen der Erde, sagte die Schlange; ich habe die Könige gesehen und gesprochen.

Aber wann werden sie aufstehn? fragte Lilie.

Die Schlange versetzte: Ich hörte die großen Worte im Tempel ertönen: es ist an der Zeit.

Eine angenehme Heiterkeit verbreitete sich über das Angesicht der Schönen. Höre doch, sagte sie, die glücklichen Worte schon heute zum zweitenmal; wann wird der Tag kommen, an dem ich sie dreimal höre?"

Darauf erschien drei schöne Mädchen, die Dienerinnen der Lilie. Die erste nahm ihr die Harfe ab. Dieser folgte eine andre, die den elfenbeinernen geschnitzten Feldstuhl, worauf die Schöne gesessen hatte, zusammenschlug und das silberne Kissen unter den Arm nahm. Eine dritte, die einen großen, mit Perlen gestickten Sonnenschirm trug, zeigte sich darauf, erwartend, ob Lilie auf einem Spaziergange etwa ihrer bedürfe.

Dann berührte die schöne Lilie den Mops, der sofort munter herumzuspringen begann, was der Lilie gar sehr gefiel.

Jetzt erst tritt auch der schöne Jüngling herein, der zur Erbitterung der Lilie den Habicht ganz ruhig auf seinem Arm trägt.

"Schilt den unglücklichen Vogel nicht! versetzte darauf der Jüngling; klage vielmehr dich an und das Schicksal, und vergönne mir, daß ich mit dem Gefährten meines Elends Geschäfte mache."

Dass sich die Lilie so sehr mit dem Mops abgibt, macht den Jüngling so wütend, dass er ihn rasch von ihrer Seite reißen will, doch stürzt er dabei unversehens in die Arme der Lilie und fällt augenblicklich tot zu Boden. Da scheint das Herz im Busen der Lilie zu stocken und verzweifelt sieht sie sich um Hilfe um. Indessen hatte sich die Schlange rasch in Bewegung gesetzt und bildet nun einen Kreis um den Leichnam des Jünglings, indem sie das Ende ihres Schwanzes mit den Zähnen fasste.

Alsbald erscheinen auch wieder die drei Dienerinnen der Lilie. Die eine bringt ihr wieder den elfenbeinernen Feldstuhl, die zweite einen feuerfarbigen Schleier, den sie der Lilie über das Haupt legt, und die dritte die Harfe. Die Lilie entlockte der Harfe einige Töne und der Schmerz erhöhte ihre Schönheit, der Schleier ihre Reize, die Harfe ihre Anmut, und so sehr man hoffte ihre traurige Lage verändert zu sehen, so sehr wünschte man ihr Bild ewig, wie es gegenwärtig erschien, festzuhalten. Die erste Dienerin holte nun noch rasch einen runden Spiegel, mit dem sie die Blicke der Lilie auffing.

Nun könne nur noch der Alte mit der Lampe helfen, zischte die Schlange. Da kam soeben die Alte, deren Hand indessen schon ganz klein geworden war, weinend zurück. Weder der Riese, noch der Fährmann hätten sie über den Fluss gesetzt, dessen Schuldnerin sie noch immer sei. Vergebens habe sie hundert Kohlhäupter und Zwiebeln geboten, doch die Artischocke, die der Fährmann forderte, sei in dieser Gegend nicht zu finden gewesen.

Die Schlange rät nun der Alten, dass sie die Irrlichter suchen sollte. Diese könnten in der Dämmerung wohl über den Schatten des Riesen hinübergleiten und den Alten verständigen. Sie eilt davon und schon bald bricht die Abenddämmerung herein, nur der Habicht, der nun aufsteigt, fängt noch mit seinem Gefider die letzten Strahlen der Sonne auf und kurz darauf erscheint tatsächlich der Alte mit der Lampe. Die Sonne war nun schon untergegangen und der Alte läßt auch den toten Kanarienvogel in den Kreis legen. Schon rückte die Mitternacht heran und die drei Dienerinnen der Lilie waren längst eingeschlafen. Da blickt der Alte zu den Sternen auf und spricht:

"Wir sind zur glücklichen Stunde beisammen, jeder verrichte sein Amt, jeder tue seine Pflicht und ein allgemeines Glück wird die einzelnen Schmerzen in sich auflösen, wie ein allgemeines Unglück einzelne Freuden verzehrt."

Der Alte weist nun den Habicht an, mit dem Spiegel die ersten Strahlen der bald aufgehenden Sonne auf die schlafenden Mädchen herunterzulenken. Die Schlange löste indessen ihren Kreis auf und bewegte sich auf den Fluss zu. Die Alte und ihr Mann zogen solange an dem Korb, bis er groß genug war, um den Jüngling aufzunehmen. Den Kanarienvogel legte man auf seine Brust, die Lilie nahm den Mops auf ihren Arm, und alle gingen nun in einer merkwürdigen Prozession zum Fluss hinunter. Unten angelangt, fragt der Alte die Schlange, was sie nun beschlossen habe. "Mich aufzuopfern, ehe ich aufgeopfert werde", antwortet die Schlange. Auf Geheiß des Alten berührte nun die Lilie mit ihrer Linken die Schlange und faßte mit ihrer Rechten die Hand des Jünglings. Sofort scheint neues Leben diesen zu durchströmen und alsbald richtet er sich auf und der Kanarienvogel flattert auf seine Schulter. Das Leben ist nun wieder in ihm, doch noch nicht der Geist. Indessen ist der Leib der Schlange in tausende grüne Edelsteine zerfallen, die nun von der Alten und dem Alten rasch eingesammelt und alle in den Fluss geworfen werden, sodass kein einziger an Land zurückbleibt. Dann weist der Alte die Irrlichter an, alle zum unterirdischen Tempel zu führen und dessen Pforten zu öffnen. Diese lecken auch schnell das goldene Schloss weg, die Pforten springen auf, man tritt ein und alle begrüßen ehrfürchtig die großen Könige. Nach einer Pause fragt der goldene König:

"Woher kommt ihr? – Aus der Welt, antwortete der Alte. Wohin geht ihr? fragte der silberne König. – In die Welt, sagte die Alte. – Was wollt ihr bei uns? fragte der eherne König. – Euch begleiten, sagte der Alte."

Die Irrlichter schleichen indessen zu dem gemischten König, um das Gold aus ihm herauszulecken.

"Wer wird die Welt beherrschen? rief dieser mit stotternder Stimme. – Wer auf seinen Füßen steht, antwortete der Alte. – Das bin ich! sagte der gemischte König. – Es wird sich offenbaren, sagte der Alte, denn es ist an der Zeit.

Da fällt die Lilie dem Alten glücklich um den Hals, denn zum dritten Mal war nun das bedeutungsvolle Wort erklungen. Der ganze Tempel begann sich nun zu bewegen, stieg durch die Erde auf und tauchte schließlich aus dem Fluss. Die Trümmer der kleinen hölzernen Hütte des Fährmanns, die der Tempel gestreift hatte, fielen durch die Kuppelöffnung herein und bedeckten den Jüngling und den Alten. Das Licht seiner Lampe verwandelte das Holz sogleich zu Silber und auf einmal stand ein herrlicher kleiner Tempel inmitten des großen. Über eine Treppe kam der Alte mit dem Jüngling heraus, der Fährmann folgte ihnen mit einem silbernen Ruder in der Hand und die schöne Lilie eilte ihnen über die Treppe entgegen. Von unten rief die Alte: "Soll ich doch noch unglücklich werden?", denn ihre Hand war nun beinahe vollständig dahingeschwunden. Doch der Alte wies sie an: Geh und bade dich im Fluss. Alle Schulden sind abgetragen!", worauf sie eilig verschwand. Als eben die ersten Sonnenstrahlen die Kuppel erhellten, trat der Alte zwischen den Jüngling und die Jungfrau und sprach mit mächtiger Stimme:

"Drei sind die da herrschen auf Erden: die Weisheit, der Schein und die Gewalt. Bei dem ersten Worte stand der goldne König auf, bei dem zweiten der silberne und bei dem dritten hatte sich der eherne langsam emporgehoben, als der zusammengesetzte König sich plötzlich ungeschickt niedersetzte."

Der Alte führte nun den immer nach starr und geistentleert blickenden Jüngling der Reihe nach zu den drei Königen. Der eherne König gab dem Jüngling sein Schwert und sagte mit mächtiger Stimme: "Das Schwert an der Linken, die Rechte frei!" Der silberne König überreichte ihm sein Zepter und sprach in gefälligem Ton: "Weide die Schafe!" Der goldene König drückte ihm schließlich seinen Eichenkranz aufs Haupt und sprach: "Erkenne das Höchste!" Da erwachte der Jüngling und sein Auge glänzte von unaussprechlichem Geist, und das erste Wort seines Mundes war "Lilie" und sprach dann weiter zu dem Alten:

"Herrlich und sicher ist das Reich unserer Väter, aber du hast die vierte Kraft vergessen, die noch füher, allgemeiner, gewisser die Welt beherrscht, die Kraft der Liebe."

Hierauf fiel er dem schönen Mädchen um den Hals; sie hatte den Schleier weggeworfen und ihre Wangen färbten sich mit der schönsten unvergänglichen Röte. Der Alte aber sagte lächelnd: Die Liebe herrscht nicht, aber sie bildet, und das ist mehr."

Draußen aber spannte sich über den Fluss eine breite, auf mächtigen Pfeilern ruhende Brücke, die sich selbst aus den Edelsteinen gebildet hatte, zu denen die Schlange durch ihre Opfertat zerfallen war. Die Brücke war sehr belebt und Menschen und Fuhrwerke zogen in großer Zahl über sie.

Indessen war auch der Riese erwachte und taumelte schlaftrunken und alles verwüstend über die Brücke bis in den Vorhof des Tempels hinein. Schon wollte der neue König zum Schwert greifen, um weiteren Schaden zu verhindern, da erstarrte er mitten im Hof zu einer gewaltigen Bildsäule und sein Schatten zeigte die Stunden, die in einem Kreis auf dem Boden um ihn her, nicht in Zahlen, sondern in edlen und bedeutenden Bildern, eingelegt waren.

In diesem Augenblick schwebte der Habicht mit dem Spiegel hoch über dem Dom, fing das Licht der Sonne auf und warf es über die auf dem Altar stehende Gruppe. Der König, die Königin und ihre Begleiter erschienen in dem dämmernden Gewölbe des Tempels, von einem himmlischen Glanz erleuchtet, und das Volk fiel auf sein Angesicht. Dann fielen auch noch Goldstücke aus der Luft, die wohl von den Irrlichtern stammten.

Endlich zerstreute sich das Volk nach und nach, doch

"bis auf den heutigen Tag wimmelt die Brücke von Wanderern, und der Tempel ist der besuchteste auf der ganzen Erde."

Goethes Märchen und die Anthroposophie

Rudolf Steiner ist den Weg, den Goethe durch sein Märchen bezeichnet hat, konsequent weiter gegangen und hat auf der Grundlage des Märchens nicht nur seine Mysteriendramen geschrieben, sondern die ganze Anthroposophie ist, nach Steiners eigenen Worten, aus der "Urzelle" jenes Vortrages über Goethes geheime Offenbarung hervorgegangen, den er am 29. September 1900 in der Theosophischen Bibliothek in Berlin gehalten hatte (Lit.: Lindenberg, S 298). Grundlage dieses Vortrags war der gleichnamige Aufsatz, den Steiner am 26. August 1899 anläßlich Goethes 150. Geburtstages über dessen Märchen veröffentlicht hatte (Lit.: GA 30, S. 86ff). In "Mein Lebensgang" schreibt Steiner:

"Der Wille, das Esoterische, das in mir lebte, zur öffentlichen Darstellung zu bringen, drängte mich dazu, zum 28. August 1899, als zu Goethes hundertfünfzigstem Geburtstag, im «Magazin» einen Aufsatz über Goethes Märchen von der «grünen Schlange und der schönen Lilie» unter dem Titel «Goethes geheime Offenbarung» zu schreiben. — Dieser Aufsatz ist ja allerdings noch wenig esoterisch. Aber mehr, als ich gab, konnte ich meinem Publikum nicht zumuten. - In meiner Seele lebte der Inhalt des Märchens als ein durchaus esoterischer. Und aus einer esoterischen Stimmung sind die Ausführungen geschrieben.

Seit den achtziger Jahren beschäftigten mich Imaginationen, die sich bei mir an dieses Märchen geknüpft haben. Goethes Weg von der Betrachtung der äußeren Natur zum Innern der menschlichen Seele, wie er ihn sich nicht in Begriffen, sondern in Bildern vor den Geist stellte, sah ich in dem Märchen dargestellt. Begriffe schienen Goethe viel zu arm, zu tot, um das Leben und Wirken der Seelenkräfte darstellen zu können.

Nun war ihm in Schillers «Briefen über ästhetische Erziehung» ein Versuch entgegengetreten, dieses Leben und Wirken in Begriffe zu fassen. Schiller versuchte zu zeigen, wie das Leben des Menschen durch seine Leiblichkeit der Naturnotwendigkeit und durch seine Vernunft der Geistnotwendigkeit unterliege. Und er meint, zwischen beiden müsse das Seelische ein inneres Gleichgewicht herstellen. In diesem Gleichgewicht lebe dann der Mensch in Freiheit ein wirklich menschenwürdiges Dasein.

Das ist geistvoll; aber für das wirkliche Seelenleben viel zu einfach. Dieses läßt seine Kräfte, die in den Tiefen wurzeln, im Bewußtsein aufleuchten; aber im Aufleuchten, nachdem sie andere ebenso flüchtige beeinflußt haben, wieder verschwinden. Das sind Vorgänge, die im Entstehen schon vergehen; abstrakte Begriffe aber sind nur an mehr oder weniger lang Bleibendes zu knüpfen.

Das alles wußte Goethe empfindend; er setzte sein Bildwissen im Märchen dem Schiller'schen Begriffswissen gegenüber.

Man ist mit einem Erleben dieser Goethe'schen Schöpfung im Vorhof der Esoterik.

Es war dies die Zeit, in der ich durch Gräfin und Graf Brockdorff aufgefordert wurde, an einer ihrer allwöchentlichen Veranstaltungen einen Vortrag zu halten. Bei diesen Veranstaltungen kamen Besucher aus allen Kreisen zusammen. Die Vorträge, die gehalten wurden, gehörten allen Gebieten des Lebens und der Erkenntnis an. Ich wußte von alledem nichts, bis ich zu einem Vortrage eingeladen wurde, kannte auch die Brockdorffs nicht, sondern hörte von ihnen zum ersten Male. Als Thema schlug man mir eine Ausführung über Nietzsche vor. Diesen Vortrag hielt ich. Nun bemerkte ich, daß innerhalb der Zuhörerschaft Persönlichkeiten mit großem Interesse für die Geistwelt waren. Ich schlug daher, als man mich aufforderte, einen zweiten Vortrag zu halten, das Thema vor: «Goethes geheime Offenbarung». Und in diesem Vortrag wurde ich in Anknüpfung an das Märchen ganz esoterisch. Es war ein wichtiges Erlebnis für mich, in Worten, die aus der Geistwelt heraus geprägt waren, sprechen zu können, nachdem ich bisher in meiner Berliner Zeit durch die Verhältnisse gezwungen war, das Geistige nur durch meine Darstellungen durchleuchten zu lassen." (Lit.: GA 28, S. 292f)

Tatsächlich hängt, wie Rudolf Steiner später ausführte, Goethes Märchen eng mit dem Karma der Anthroposophischen Gesellschaft und mit dem himmlischen Kultus zusammen, der von Michael Ende des 18. und bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts in der geistigen Welt eingerichtet wurde. Dieser himmlische Kultus war ein Ergebnis jener im Geistigen im 15. Jahrhundert begründeten Michael-Schule, mit der das 1879 beginnende Michael-Zeitalter vorbereitet werden sollte.

"Was mit dem 20. Jahrhundert hier auf der Erde sich vollzieht als das Zusammenströmen einer Anzahl von Persönlichkeiten zu der Anthroposophischen Gesellschaft, das hat sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dadurch vorbereitet, daß die Seelen dieser heute verkörperten Menschen, die da in großer Anzahl zusammenströmen, im Geistigen vereinigt waren, als sie noch nicht in die physisch-sinnliche Welt herabgestiegen waren. Und es ist dazumal in den geistigen Welten von einer Anzahl von Seelen, zusammen wirkend, eine Art von Kultus gepflegt worden, ein Kultus, der die Vorbereitung für diejenigen Sehnsuchten war, die in den Seelen aufgetreten sind, welche in Leibern jetzt zur Anthroposophischen Gesellschaft zusammenströmen. Und wer die Gabe hat, die Seelen in ihren Leibern wiederzuerkennen, der erkennt sie, wie sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit ihm zusammen gewirkt haben, als in der übersinnlichen Welt hingestellt worden sind mächtige kosmische Imaginationen, welche dasjenige darstellen, was ich nennen könnte: das neue Christentum." (Lit.: GA 240, S. 145)

Die mächtigen kosmischen Imaginationen, in denen der himmlische Kultus Michaels lebte, und die später zum eigentlichen Inhalt der Anthroposophie werden sollten, spiegeln sich in gedämpfter Form in Goethes Märchen wider.

"Davon sickerte so manches durch. Oben in der geistigen Welt spielte sich ab in mächtigen kosmischen Imaginationen die Vorbereitung für jene intelligente, aber durchaus spirituelle Erschaffung, die dann als Anthroposophie erscheinen sollte. Was da durchsickerte: auf Goethe machte es einen bestimmten Eindruck. Ich möchte sagen, es kam in Miniaturbildern bei ihm durch. Die großen, gewaltigen Bilder, die sich da oben abspielten, kannte Goethe nicht; er verarbeitete diese Miniaturbildchen in seinem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie». Eine wunderbare Erscheinung! Wir haben die ganzen Strömungen, die ich geschildert habe, so sich fortsetzend, daß sie zu jenen mächtigen Imaginationen führen, die oben in der geistigen Welt unter der Führung des Alanus ab Insulis und der anderen sich abspielen; wir haben das Mächtige, daß da Dinge durchsickern und Goethe an der Wende des 18. und 19. Jahrhunderts begeistern zu seinem spirituellen Märchen «Von der grünen Schlange und der schönen Lilie». Es war sozusagen ein erstes Herauskommen desjenigen, was zunächst in mächtigen Imaginationen im Beginne des 19., sogar schon am Ende des 18. Jahrhunderts sich in der geistigen Welt abspielte. Sie werden es daher nicht wunderbar finden, daß im Hinblick auf diesen übersinnlichen Kultus, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stattfand, mein erstes Mysteriendrama, «Die Pforte der Einweihung», das ja in einer gewissen Weise in dramatischer Form wiedergeben wollte, was sich da im Beginne des 19. Jahrhunderts abspielte, äußerlich in der Struktur etwas ähnlich wurde dem, was Goethe in seinem Märchen «Von der grünen Schlange und der schönen Lilie» dargestellt hat. Denn die Anthroposophie sollte von der Art, wie sie imaginativ in den ersten Zeiten in überirdischen Regionen gelebt hat, heruntersteigen in die irdische Region." (Lit.: GA 240, S. 178)

Literatur

Zitierte Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben (früher: Archiati-Verlag) basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.

Weblinks