Gottlob Frege

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Gottlob Frege (1878)
Das Titelblatt der Begriffsschrift

Friedrich Ludwig Gottlob Frege (* 8. November 1848 in Wismar; † 26. Juli 1925 in Bad Kleinen) war ein deutscher Logiker, Mathematiker und Philosoph, dessen Denken wesenlich vom Platonismus und vom deutschen Idealismus geprägt war.

Leben und Werk

Nach dem Besuch der Großen Stadtschule Wismar studierte Frege ab 1869 an der Universität Jena. 1871 wechselte Frege an die Universität Göttingen, wo er 1873 mit seiner Arbeit Über eine geometrische Darstellung der imaginären Gebilde in der Ebene promovierte. Danach kehrte Frege nach Jena zurück und habilitierte sich mit einer Arbeit über Rechnungsmethoden, die sich auf eine Erweiterung des Größenbegriffes gründen. Anschließend lehrte er zunächst als Privatdozent und wurde 1879 als ausserordentlicher Professor berufen.

Mit seiner 1879 veröffentlichten «Begriffsschrift, eine der arithmetischen nachgebildete Formelsprache des reinen Denkens» schuf Frege als erster eine formale Sprache und ermöglichte dadurch formale Beweise, die eine wesentliche Grundlage für die moderne Informatik und für formale Methoden in der linguistischen Semantik bildete. Seine Arbeiten, die insbesondere von Rudolf Carnap, der bei ihm studiert hatte, und von Bertrand Russell und Ludwig Wittgenstein aufgegriffen wurden, waren wegbereitend für die Analytische Philosophie, die zu den einflussreichsten Strömungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts zählt.

1887 heiratete Frege Margarete Lieseberg. 1896 wurde Frege von der Universität Jena zum ordentlichen Honorarprofessor berufen. Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1904 verfiel Frege in eine langanhaltende tiefe Lebenskrise. Während dieser Zeit veröffentlichte er nur kleine, unbedeutende Arbeiten. Erst nach seiner Emeritierung im Jahre 1917 begann er wieder umfangreicher zu publizieren.

In der 1918 veröffentlichten Schrift «Der Gedanke» formulierte Frege eine Drei-Welten-Lehre, die ihr Vorbild in der klassischen griechischen Philosophie mit ihrer Dreigliederung in Physis, Psyche und Logos hat. Eine ähnliche dreigliedrige Weltauffassung wurde auch von Sir Karl Raimund Popper und später von Roger Penrose vertreten. Frege unterscheidet in seiner Schrift die Welt der physischen Gegenstände, die Welt des (menschlichen) Bewusstseins und die Welt der an sich existierenden objektiven Gedankeninhalte, wie z.B. logische und mathematische Sätze. Der Gedanke an sich gehört weder der sinnlichen Aussenwelt, noch der innerlich erlebten Vorstellungswelt an.

„Ein drittes Reich muß anerkannt werden. Was zu diesem gehört, stimmt mit den Vorstellungen darin überein, daß es nicht mit den Sinnen wahrgenommen werden kann, mit den Dingen aber darin, daß es keines Trägers bedarf, zu dessen Bewußtseinsinhalte es gehört. So ist z. B. der Gedanke, den wir im pythagoreischen Lehrsatz aussprachen, zeitlos wahr, unabhängig davon wahr, ob irgendjemand ihn für wahr hält. Er bedarf keines Trägers. Er ist wahr nicht erst, seitdem er entdeckt worden ist, wie ein Planet, schon bevor jemand ihn gesehen hat, mit andern Planeten in Wechselwirkung gewesen ist.[1]

Gottlob Frege: Der Gedanke, S 69

Entsprechend unterscheidet Frege auch zwischen dem zeitlosen objektiven Gehalt des Gedankens und der subjektiven Form seines Auftretens im Bewusstsein, etwa als Vorstellung. Offen bleibt dabei zunächst noch die Frage, was die Wirklichkeit des objektiven Gedankens verbürgen könnte. Wie kann er überhaupt wirken, wenn er zeitlos und unveränderlich ist? Er wirkt, so antwortet Frege, indem wir ihn fassen, in uns und durch uns!

„Wie wirkt ein Gedanke? Dadurch, daß er gefaßt und für wahr gehalten wird. Das ist ein Vorgang in der Innenwelt eines Denkenden, der weitere Folgen in dieser Innenwelt haben kann, die, auf das Gebiet des Willens übergreifend, sich auch in der Außenwelt bemerkbar machen. Wenn ich z. B. den Gedanken fasse, den wir im pythagoreischen Lehrsatze aussprechen, so kann die Folge sein, daß ich ihn als wahr anerkenne, und weiter, daß ich ihn anwende, einen Beschluß fassend, der Beschleunigung von Massen bewirkt. So werden unsere Taten gewöhnlich durch Denken und Urteilen vorbereitet. Und so können Gedanken auf Massenbewegungen mittelbar Einfluß haben.“

Gottlob Frege: Der Gedanke, S 76-77

Die selbsttätige wesenhafte geistige Wirklichkeit der Gedanken, durch die sie wirksam gestaltend in die Natur eingreifen, unabhängig davon, ob sie vom Menschen bewusst erfasst werden, kann Frege damit allerdings noch nicht begreifen. Dazu blieb er noch zu sehr in seinen eigenen formal-abstrakten Vorstellungsbildern gefangen und weil er sich der Idee nicht erlebend gegenüberstellen konnte, verblieb er noch in ihrer Knechtschaft (Lit.: GA 4, S. 271).

Werke

  • Begriffsschrift, eine der arithmetischen nachgebildete Formelsprache des reinen Denkens. Louis Nebert, Halle a. S. 1879 (online)
  • Die Grundlagen der Arithmetik. Eine logisch mathematische Untersuchung über den Begriff der Zahl. Wilhelm Koebner, Breslau 1884 (im Internet-Archiv, dito)
  • Function und Begriff. Vortrag gehalten in der Sitzung vom 9. Januar 1891 der Jenaischen Gesellschaft für Medicin und Naturwissenschaft. Hermann Pohle, Jena 1891 (im Internet-Archiv)
  • Über Sinn und Bedeutung. In: Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik. 1892, S. 25–50 (Digitalisat und Volltext; online; PDF; 46 kB)
  • Über Begriff und Gegenstand. Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Philosophie XVI, 1892, S. 192–205.
  • Grundgesetze der Arithmetik. Hermann Pohle, Jena 1893 (Band I) 1903 (Band II) (online)
  • Was ist eine Funktion? In: Stefan Meyer (Hrsg.): Festschrift Ludwig Boltzmann gewidmet zum sechzigsten Geburtstage, 20. Februar 1904. Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1904, S. 656–666 (im Internet-Archiv, dito, dito)
  • Der Gedanke. Eine logische Untersuchung. In: Beiträge zur Philosophie des deutschen Idealismus. Band I: 1918–1919. S. 58–77 (online; PDF; 49 kB)
  • Die Verneinung. In: Beiträge zur Philosophie des deutschen Idealismus. Band I: 1918–1919. S. 143–157.
  • Gedankengefüge. In: Beiträge zur Philosophie des deutschen Idealismus. Band III: 1923. S. 36–51.
  • Grundlagen der Geometrie (Zweite Reihe). In: Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-Vereinigung. 15, 1906 (beim GDZ: I, II, III)
  • Anwendungen der Begriffsschrift. In: Jenaische Zeitschrift für Naturwissenschaft. 13 Supplement 2, 1879, S. 29 (im Internet-Archiv)

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit, GA 4 (1962) pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
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Weblinks

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 Wikisource: Gottlob Frege – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

  1. Man sieht ein Ding, man hat eine Vorstellung, man faßt oder denkt einen Gedanken. Wenn man einen Gedanken faßt oder denkt, so schafft man ihn nicht, sondern tritt nur zu ihm, der schon vorher bestand, in eine gewisse Beziehung, die verschieden ist von der des Sehens eines Dinges und von der des Habens einer Vorstellung.
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