Herzeloyde

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Herzeloyde und Parzival im Wald von Soltane. Wolfram von Eschenbach: Parzival (Handschrift), Hagenau, Werkstatt Diebold Lauber, um 1443-1446, Cod. Pal. germ. 339, I. Buch, Blatt 87r.

Herzeloyde (Herzeleide) ist nach den von Wolfram von Eschenbach verfassten Versepen Titurel (um 1220) und Parzival (um 1210) die Mutter Parzivals. Sie war eine der beiden Töchter Frimutels, des Sohnes Titurels, der als hoher Eingeweihter die Gemeinschaft der Gralsritter begründet hatte. Ihre Schwester Schoysiane starb bei der Geburt ihrer Tochter Sigune, die dann von Herzeloyde und ihrem Mann Gahmuret aufgenommen wurde. Hier wuchs Sigune gemeinsam mit Schionatulander, dem Edelknappen Gahmurets, auf und beide verliebten sich ineinander. Sie wurden schmerzlich getrennt, als Schionatulander Gahmuret auf dessen Orientfahrt begleiten musste. Noch vor der Geburt ihres Sohnes Parzival erfährt Herzeloyde, dass ihr Mann Gahmuret in einer Schlacht gefallen war. Darum beschloss sie, mit ihrem Sohn Parzival in der Wildnis zu leben, ängstlich bemüht, ihn vom Ritterleben fernzuhalten, um ihn nicht auch noch zu verlieren.

Frühere und spätere Inkarnationen

Das besondere Schicksal Herzeloydes hängt nach Rudolf Steiner mit ihrer früheren Inkarnation als Julian Apostata (331-363) zusammen. Julian war während seines Persienfeldzuges in der Schlacht von Maranga vermutlich von einem christlich-römischen Soldaten seines eigenen Heeres durch einen Speerstich in den Bauch getötet worden[1].

"Wenn man sich nun etwas bekannt macht mit dem, was in Julian Apostata lebte, dann wird man ja tief interessiert dafür: Wie lebte diese Individualität weiter? — Denn es ist eine ganz eigenartige Individualität, eine Individualität, von der man sagen muß: Mehr als Konstantin, mehr als Chlodwig, mehr als alle anderen wäre er geeignet gewesen, dem Christentum die Wege zu ebnen! Und es lag in seiner Seele. Er hätte, wenn die Zeit dazu günstig gewesen wäre, wenn die Verhältnisse dazu dagewesen wären, aus den alten Mysterien heraus eine geradlinige Fortsetzung bewirken können vom vorchristlichen Christus, von dem wirklichen makrokosmischen Logos, zu dem Christus, der fortwirken sollte in der Menschheit nach dem Mysterium von Golgatha. Und wenn man geistig auf den Julian eingeht, so findet man eben das Merkwürdige: Es ist Schale bei ihm gewesen dieses Apostata-Wesen, und auf dem Grunde seiner Seele findet man eigentlich einen Trieb, das Christentum zu erfassen, den er aber nicht heraufkommen ließ, den er unterdrückte, wegen der Albernheiten des Celsus, der über den Jesus geschrieben hat. Es kommt eben vor, daß auch eine geniale Persönlichkeit bisweilen auf Albernheiten von Leuten hereinfällt. Und so hat man das Gefühl, Julian wäre eigentlich die geeignete Seele gewesen, dem Christentum die Bahnen zu ebnen, das Christentum in die Bahn zu bringen, in die es gehört [...]

Was von Julian fortlebt, das lebt so fort, daß man immer sagen kann: Es will eigentlich verschwinden in der Menschenbetrachtung. Und wenn man es verfolgt, hat man sozusagen die größte Mühe, mit dem geistigen Blick dabeibleiben zu können. Es entzieht sich einem fortwährend. Man verfolgt es durch die Jahrhunderte bis in das Mittelalter herein: es entzieht sich einem. Und wenn es einem dann doch gelingt, die Sache zu verfolgen, dann landet man mit der Betrachtung an einer merkwürdigen Stelle, die eigentlich gar nicht historisch ist, die aber historischer als historisch ist: Man landet endlich bei einer weiblichen Persönlichkeit, in der man die Seele Julian Apostatas findet, bei einer weiblichen Persönlichkeit, die unter einem für sie selbst bedrückenden Eindrucke ein Wichtiges im Leben vollzog. Diese weibliche Persönlichkeit sah nicht in sich, sondern in einer anderen ein Abbild des Schicksals Julian Apostatas, insofern Julian Apostata einen Zug nach dem Oriente machte und im Orient durch Verrat umgekommen ist. Sehen Sie, das ist Herzeloyde, die Mutter des Parsifal, die eine historische Persönlichkeit ist, über die aber die Historie nicht berichtet, die in Gamuret, den sie geheiratet hat und der auf einem Zug nach dem Orient durch Verrat zugrunde gegangen ist, auf ihr eigenes Schicksal in dem früheren Julian Apostata hingewiesen wird. Durch diesen Hinweis, der ihr tief in die Seele ging, vollbrachte Herzeloyde, was nun legendär, aber ungemein historisch doch von der Erziehung des Parsifal durch Herzeloyde gesagt wird. Diese Seele des Julian Apostata, die so in den Untergründen geblieben war, bei der man glauben möchte, daß sie eigentlich wie berufen gewesen wäre, dem Christentum die rechte Bahn zu weisen, die findet sich dann im Mittelalter in einem weiblichen Leibe, in einer weiblichen Persönlichkeit, die den Parsifal aussendet, um dem Christentum die esoterischen Wege zu suchen und zu weisen." (Lit.: GA 238, S. 85ff)

Im 16. Jahrhundert wurde Herzeloyde als der Astronom Tycho de Brahe (1546-1601) wiedergeboren.

"Aber diese Seele hatte ja, weil sie zu denjenigen gehörte, die noch etwas von den alten Mysterien übernommen hatten, die noch drinnen gelebt hatten in der Substanz der alten Mysterien in einer Zeit, wo diese Mysterien in gewisser Beziehung helleuchtend noch waren, diese Seele hatte von der Spiritualität des Kosmos viel in sich aufgenommen. Das war gewissermaßen zurückgedrängt worden während der Herzeloyde-Inkarnation, drängte aber herauf in der Seele, und so finden wir diese Individualität wieder im sechzehnten Jahrhunderte. Und wir erkennen im sechzehnten Jahrhunderte bei dieser Individualität, wie aufsteigt verchristlicht dasjenige, was sie als Julian Apostata durchgemacht hatte. Es erscheint diese Individualität als Tycho de Brahe im sechzehnten Jahrhunderte und steht da gegenüber demjenigen, was in der abendländischen Zivilisation als die kopernikanische Weltanschauung herauftaucht." (Lit.: GA 238, S. 88f)

Anmerkungen

  1. Nach dem Bericht des Historikers Ammianus Marcellinus war es allerdings ein Pfeil der feindlichen Reiterei, der ihn am Arm streifte, durch die Rippen fuhr und im unteren Flügel der Leber stecken blieb (Lit.: Ammian 25,3) [1]

Literatur

  1. Ammianus Marcellinus: Römische Geschichte. Lateinisch und Deutsch und mit einem Kommentar versehen von Wolfgang Seyfarth. 4 Bände, Akademie Verlag, Berlin 1968–1971 (Schriften und Quellen der alten Welt 21, 1–4; Textausgabe mit Übersetzung).
  2. Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge. Vierter Band, GA 238 (1991), ISBN 3-7274-2380-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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