Humanismus

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Humanismus ist eine zusammenfassende Bezeichnung für teils sehr heterogene geistige Strömungen, denen gemeinsam ist, dass sie Gesellschafts- und Bildungsideal entwerfen, dass die bestmöglichste Entfaltung der einzelnen Persönlichkeit im Dienst der sozialen Gemeinschaft fördern soll. Nachdem die alten, nur mehr unverstanden in der Tradition weitergetragenen geistigen Quellen endgültig versiegt waren, begann damit eine neue Suche nach dem Wesen des Menschen. Je nach weltanschaulicher Position wurden dazu entsprechend dem damit verbundenen Menschenbild sehr unterschiedliche, oft ganz gegensätzliche Modelle entworfen. Die Wurzeln des Humanismus liegen bereits in der Antike, auf die auch der im Anbruch des Bewusstseinsseelenzeitalters in der Zeit der Renaissance in deutlicher Abgrenzung zum Mittelalter entstandene Renaissance-Humanismus zurückgriff, der insbesondere von Francesco Petrarca (1304–1374) angeregt wurde und sein überragendes Zentrum in Florenz hatte und von hier nach ganz Europa ausstrahlte.

„Wir haben es zu tun, zum Beispiel wenn wir die mehr südlichen Völker, wenn wir die Volksseele des italienischen Volkes betrachten, mit einem Zusammenwirken dieser Volksseele mit den einzelnen Menschen so, daß dasjenige, was die Volksseele verrichtet, was sie in einem Zwiegespräch mit der einzelnen Seele zu vollbringen hat, unmittelbar hineinströmt in die Empfindungsseele. So daß man sagen kann: Insofern der Angehörige des italienischen Volkes ein Italiener ist, spricht er sich aus dem Charakter seines Volkes heraus so aus, daß die Kräfte seines Volksgeistes nachzittern, nachwirken in seiner Empfindungsseele. Mit dieser Empfindungsseele hält der Volksgeist, die Volksseele ihre Zwiesprache. Selbstverständlich muß immer betont werden, daß sich die einzelne, individuelle Seele erheben und den allgemeinmenschlichen Charakter annehmen kann in jeder Nation. Was hier von den Beziehungen der Volksseele zur Nationalität gesprochen wird, gilt eben insoweit, als der Einzelne in seinen Lebensäußerungen mit der Volksseele verbunden ist. Und alles dasjenige, was die italienische Volksseele in der einzelnen Empfindungsseele des Italieners erregt, das ist im Grunde genommen die italienische Kultur. Daher das unmittelbar aus den Passionen, aus den Leidenschaften Herauskommende der italienischen Kultur, das man verfolgen kann von den einzelnen Volksimpulsen bis hinauf zu dem gewaltigen Gemälde, das Dante von der Welt entworfen hat. Daher wurde auch von Italien her in die Kultur Europas das eingeprägt, was man Humanismus nennt. Der Zusammenhang des ganzen Menschen mit der Empfindungsseele durch das, was man erfühlt, was man in den Gefühlsimpulsen hat, insofern das zur Geltung kommt, das durchströmt die ganze italienische Kultur.“ (Lit.:GA 64, S. 294f)

Im 16. Jahrhundert war Erasmus von Rotterdam einer angesehensten und einflussreichsten Humanisten im europäischen Raum nördlich der Alpen.

Die Bezeichnung „Humanismus“ wurde erst 1808 von dem Philosophen und Bildungspolitiker Friedrich Immanuel Niethammer (1766–1848) in seiner pädagogischen Kampfschrift «Der Streit des Philanthropinismus und Humanismus in der Theorie des Erziehungs-Unterrichts unsrer Zeit» eingeführt, in der er für die Erziehung die Orientierung an den „klassischen“ antiken Vorbildern und der dazu nötigen sprachlichen und literarischen Kenntnisse (Griechisch, Latein) einforderte.

„Eine Zeit steigt herauf, in der in der Menschheit das Gefühl auflebt, sie komme mit ihrer Einsicht nicht mehr an sich selbst heran. Ein Suchen nach der Erkenntnis der Menschenwesenheit beginnt. Man kann dieses nicht befriedigen durch das, was die Gegenwart vermag. Man geht historisch in frühere Zeiten zurück. Der Humanismus steigt in der Geistesentwickelung auf. Humanismus erstrebt man nicht, weil man den Menschen hat, sondern weil man ihn verloren hat. Solange man ihn hatte, hätten Erasmus von Rotterdam und andere aus einer ganz anderen Seelennuance gewirkt, als aus dem, was ihnen der Humanismus war.“ (Lit.:GA 26, S. 150f)

„So war das, was aus den Keimen der mitteleuropäischen Welt sich heraufentwickelte, durchsetzt - ich charakterisiere bloß, kritisiere nicht, denn alles, was da sich vollzogen hat, hat auch seinen Segen gebracht und war notwendig, war in der historischen Entwickelung in Mitteleuropa nicht zu umgehen —, es war durchsetzt, infiziert von dem juristisch-politischen Romanismus und dem griechischen Humanismus, von dem griechischen Geist-Seele-Begriff, Seelen-Geist-Begriff. Und erst als einschlug das moderne internationale wirtschaftliche Element mit allem, was es im Gefolge hatte, da war es eigentlich nicht mehr möglich, die alten Dinge aufrechtzuerhalten. Man konnte sehr gut klassisch gebildet sein und ein Ignorant sein in bezug auf die naturwissenschaftliche Bildung der neueren Zeit, aber man war dann eben trotzdem innerlich-seelisch ein Rückschrittler. Man konnte nicht mit seiner Zeit gehen, wenn man bloß klassisch gebildet war, wenn man nicht eindrang in dasjenige, was die naturwissenschaftliche Bildung der neueren Zeit gab. Und war man naturwissenschaftlich gebildet, war man vertraut mit dem, was die Naturwissenschaft der neueren Zeit bringen wollte, so konnte man wahrhaftig nur Kulturkrankheiten, Kulturscharlach, Kulturmasern durchmachen, wenn man sich bekanntmachte mit dem, was innerhalb des Zeitraumes, von dem ich Ihnen gesprochen habe, aus dem alten juristischen Romanismus geworden war. Im alten Imperium Romanum war dieser juristische Romanismus am Platze. Dann hatte sich dieses romanische Juristentum, die Res publica, beziehungsweise die Anschauungen darüber, vom alten Romanismus her, ebenso wie auf der anderen Seite die Nibelungenwildheit, durch die mitteleuropäische Bildung hindurch fortgepflanzt.“ (Lit.:GA 190, S. 189f)

Wahrer Humanismus kann nicht aus dem Rückgriff auf die Vergangenheit entstehen, aus dem Wiederauflebenlassen alter Formen, die ihre Aufgabe längst erfüllt und restlos ausgeschöpft haben. Wahrer Humanismus kann sich nur in jedem Augenblick neu entfalten in der Art, wie Menschen einander menschlich begegnen, wie sie ganz konkret im täglichen Leben miteinander umgehen, wie sie miteinander und füreinander fühlen, sprechen und leben.

„Man redet heute viel von Humanismus in dem Sinne, dass das Wahrhaft-Menschliche im Menschen gepflegt werden solle. Man wird ein solches Streben erst völlig wahr machen, wenn man mit ihm auf den einzelnen konkreten Gebieten des Lebens Ernst macht. Man denke nur, wieviel voller, intensiver ein Mensch sein Menschtum empfindet, als dies im abstrakten Spracherleben der Fall ist, welcher einmal ein ganz Anschauliches in das Wort- und Satz-Erleben hineingetragen hat. Man wird dabei allerdings nicht zu denken haben, dass jemand, der bei einem Bilde sagt: das ist entzückend, in dem Augenblicke des Besehens vor sich haben soll die Anschauung des Zuckens und des unwillkürlichen Hingerissenseins bis zum Ent-Zucken seiner Glieder. Aber wer einmal in dem Worte «entzücken» lebensvoll das ins Seelische Umgesetzte dieses Bildes gefühlt hat, der wird, wenn er das Wort ausspricht, doch anderes erleben als ein solcher, der es stets nur abstrakt erlebt hat. Notwendig wird der seelische Oberton im konventionellen und wissenschaftlichen Sprechen des Tages ein abstrakter sein; aber der Unterton soll dies nicht auch sein. Auf primitiven Kulturstufen erleben die Menschen ihre Sprache anschaulich; auf vorgerückteren müsste die Erziehung dafür sorgen, dass diese Anschaulichkeit nicht ganz verlorengehe.“ (Lit.:GA 280, S. 137)

Wahrer Humanismus erfordert eine Herzensbildung, die unmittelbar intuitiv (→ moralische Intuition) aus dem Geist geschöpft ist.

„Auch in die naturwissenschaftliche Weltanschauung muß der Geist eindringen. Und auch das religiöse Leben muß durchdrungen werden von demjenigen Lichte, das an der Geisteswissenschaft gewonnen werden kann. Fassen Sie selbst solche Dinge, wie sie heute hier gesagt und gemeint waren und die scheinbar die Zeitenbetrachtungen in übersinnliche Höhen hinaufführen, so auf, wie sie in Ihren Vorstellungen lebendig ergriffen werden können. Dann werden Sie schon sehen, daß mit anthroposophischer Bildung nicht nur Kopfbildung, daß damit Herzensbildung für die Menschheit gegeben werden kann. Sie ist schon Herzensbildung. Sie dient schon der ganzen Menschheit, nicht bloß derjenigen Menschheit, die eigentlich mit siebenundzwanzig Jahren sterben könnte. Sie dient schon dazu, den Menschen lebensmutig, lebenstüchtig das ganze Leben hindurch zu machen. Greisenhaft, nervös, unharmonisch, zerrissen wird diejenige Bildung ihn machen, welche das verschiedene Tempo von Kopf- und Herzensentwickelung nicht beachtet. Sehen Sie ins Leben, Sie werden dies bestätigt finden, denn das Leben kann ein großer Lehrmeister sein mit Bezug auf die Bestätigung desjenigen, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft aus den geistigen Höhen herunterholt. Nehmen Sie alles zusammen, was gesprochen ist, vor allen Dingen, wenn es von solchen Gesichtspunkten aus gesprochen ist wie heute, als zu Ihrem Herzen gesprochen, meine lieben Freunde, für die Bildung unseres Herzens durch den Geist der Welt; und halten Sie zusammen dasjenige, was das Band sein soll, das uns gerade als Glieder unserer Bewegung miteinander verknüpft. So wollen wir zusammenarbeiten, und so wollen wir uns vornehmen, weiterzuarbeiten, jeder an seinem Platz, so gut er es kann.“ (Lit.:GA 174b, S. 308)

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Anthroposophische Leitsätze, GA 26 (1998), ISBN 3-7274-0260-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Aus schicksaltragender Zeit, GA 64 (1959), ISBN 3-7274-0640-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Die geistigen Hintergründe des Ersten Weltkrieges, GA 174b (1994), ISBN 3-7274-1742-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Methodik und Wesen der Sprachgestaltung, GA 280 (1983), ISBN 3-7274-2800-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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