Hybernische Mysterien

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Hybernische Mysterien, die Mysterien Irlands (Hybernia), haben lange Zeit bestanden. Nachklänge der alten atlantischen Initiation wirkten hier noch lange nach und verbanden sich später mit dem Christentum, nachdem man im inneren geistigen Schauen das Mysterium von Golgatha zeitgleich zu den Ereignissen in Palästina miterlebt hatte.

"Die Mysterien von Hybernia, die irischen Mysterien, haben ja lange Zeit bestanden. Sie haben bestanden noch zur Zeit der Begründung des Christentums, und sie sind diejenigen, welche von einer gewissen Seite her die alten Weisheitslehren der atlantischen Bevölkerung am treuesten bewahrt haben. Nun möchte ich Ihnen ein Bild geben zunächst über die Erlebnisse, die jemand hatte, der in die irischen Mysterien in der nachatlantischen Zeit eingeweiht worden ist. Derjenige, der diese Weihe, diese Initiation empfangen sollte, mußte dazumal in einer strengen Art vorbereitet werden, wie überhaupt die Vorbereitungen in die Mysterien in alten Zeiten von einer außerordentlichen Strenge waren. Der Mensch mußte eigentlich innerlich in seiner Seelenverfassung, in seiner ganzen menschheitlichen Verfassung umgestaltet werden. Dann handelte es sich darum, daß bei den Mysterien von Hybernia der Mensch zunächst so vorbereitet wurde, daß er aufmerksam wurde, in starken inneren Erlebnissen aufmerksam wurde auf dasjenige, was trügerisch ist in dem den Menschen umgebenden Sein, in allen den Dingen, die den Menschen so umgeben, daß er ihnen zunächst der Sinneswahrnehmung nach das Sein zuschreibt. Und der Mensch wurde ferner aufmerksam gemacht auf all die Schwierigkeiten und Hemmnisse, die sich ihm gegenüberstellen, wenn er nach der Wahrheit, nach der wirklichen Wahrheit strebt. Der Mensch wurde aufmerksam gemacht, daß im Grunde genommen alles, was uns in der Sinneswelt umgibt, eine Illusion ist, daß die Sinne ein Illusionäres geben und daß sich die Wahrheit verbirgt hinter der Illusion, daß also eigentlich das wahre Sein vom Menschen durch die Sinneswahrnehmung nicht zu erreichen ist." (Lit.: GA 233, S. 62f)

Wenn der Geistesschüler das durchlebt hatte, dieses Spannungsfeld von Illusion und Wahrheit, dann wurde er vor zwei Bildsäulen geführt, eine männliche und eine weibliche. Die männliche Bildsäule, die Sonnensäule, war hohl und aus einem elastischen Stoff gefertigt und alle Gestaltungskräfte schienen hier vom Kopf auszugehen:

"Und die eine dieser Bildsäulen von gigantischer Größe, sie war so, daß sie innerlich hohl war; die Außenfläche, die den Hohlraum umgab, also die Gesamtsubstanz, aus der die Bildsäule bestand, war ein durchaus elastischer Stoff, so daß überall, wo man drückte, man hineindrücken konnte in die Bildsäule. Aber in dem Augenblicke, wo man mit dem Drücken nachließ, da stellte sich die Form wieder her. Die ganze Bildsäule war so gemacht, daß vorzugsweise das Haupt ausgebildet war und daß man, indem man ihr entgegentrat, das Gefühl hatte: vom Haupte aus strahlen die Kräfte in den übrigen kolossalen Körper, denn den hohlen Innenraum sah man natürlich nicht, nahm ihn nicht wahr, merkte ihn nur, wenn man drückte. Und man wurde angehalten zu drücken. Man hatte das Gefühl, daß der ganze übrige Körper außer dem Kopfe von den Kräften des Kopfes ausgestrahlt wird, daß der Kopf alles tut an dieser Bildsäule." (Lit.: GA 233, S. 64f)

Die weibliche Bildsäule, die Mondensäule, war nicht hohl und bestand aus einem plastisch verformbaren Material:

"Neben ihr stand eine andere, die einen weiblichen Charakter hatte. Sie war nicht hohl. Sie war aus einem nicht elastischen, aber plastischen Stoff. Wenn man an ihr drückte - und man wurde wieder angehalten, an ihr zu drücken -, zerstörte man die Form. Man grub ein Loch ein in den Körper.

Aber nachdem der Schüler an der einen Bildsäule erfahren hatte, daß durch Elastizität sich alles wieder herstellte in der Form, nachdem er an der anderen Bildsäule erfahren hatte, daß er sie deformiert hatte mit seinem Drücken, verließ er nach einigem anderen, von dem ich gleich sprechen werde, den Raum, und er wurde erst wiederum in diesen Raum geführt, wenn alle die Fehler, die Deformationen, die er vollbracht hatte an der plastischen, nicht elastischen Bildsäule, die einen weiblichen Charakter hatte, wieder ausgeglichen waren. Er wurde erst wiederum hineingeführt, wenn die Bildsäule intakt war. Und durch alle diese Vorbereitungen - ich kann die Sache nur skizzenhaft schildern -, die der Schüler durchgemach hatte, bekam er bei der Bildsäule, die einen weiblichen Charakter hatte, in seinem ganzen Menschenwesen nach Geist, Seele und Leib ein inneres Erlebnis. Dieses innere Erlebnis war ja auch schon früher bei ihm vorbereitet, aber es stellte sich in vollstem Maße ein durch die suggestive Wirkung der Bildsäule selber. Er bekam in sich ein Gefühl einer inneren Erstarrung, einer inneren frostigen Erstarrung. Und diese frostige Erstarrung wirkte so in ihm, daß er seine Seele mit Imaginationen aufgefüllt sah, und diese Imaginationen waren Bilder des Erdenwinters, Bilder, die darstellten den Erdenwinter. Also der Schüler wurde dazu geführt, von innen heraus das Winterliche zu schauen im Geiste.

Bei der anderen Bildsäule, der männlichen, war es so, daß der Schüler etwas empfand, wie wenn all sein Leben, das er sonst in seinem ganzen Leibe hatte, in sein Blut ginge, wie wenn das Blut durchdrungen würde von Kräften und an die Haut drückte. Während er also vor der einen Bildsäule glauben mußte, zum frostigen Skelett zu werden, mußte er vor der anderen Bildsäule glauben, daß sein ganzes inneres Leben in Hitze zugrunde gehe und er lebe in seiner ausgespannten Haut. Und dieses Erleben des ganzen Menschen, an dessen Oberfläche gedrückt, das führte den Schüler dazu, die Einsicht zu bekommen, sich zu sagen: Du verspürst dich, du empfindest dich, du erlebst dich so, wie du wärest, wenn von allem im Kosmos allein die Sonne auf dich wirkte. - Und der Schüler lernte auf diese Weise die kosmische Sonnenwirkung in ihrer Verteilung erkennen. Er lernte erkennen die Beziehung des Menschen zur Sonne. Und er lernte erkennen, daß der Mensch nur deshalb in Wirklichkeit nicht so ist, wie er sich jetzt unter der suggestiven Wirkung der Sonnenstatue vorkam, weil andere Kräfte von anderen Weltenecken aus diese Wirkung modifizieren. In solcher Art lernte sich der Schüler einleben in den Kosmos. Und wenn der Schüler die suggestive Wirkung der Mondenstatue empfand, wenn er also innerlich das Frostige hatte der Erstarrung, die winterliche Landschaft erlebte - bei der Sonnenstatue erlebte er sommerliche Landschaft im Geiste, wie aus sich selbst erzeugt -, dann fühlte der Mensch, wie er wäre, wenn nur die Mondenwirkungen da wären." (Lit.: GA 233, S. 65ff)

"Und es wurde eben durch die suggestive Wirkung der Sonnenstatue sein Wesen in seinem ganzen Blutumlauf konzentriert. Der Mensch lernte sich als Sonnenwesen kennen, indem er diese suggestive Wirkung in sich erlebte. Und der Mensch lernte sich als Mondenwesen kennen, indem er die suggestive Wirkung der weiblichen Statue erlebte. Und dann konnte er aus diesen seinen inneren Erlebnissen heraus sagen, wie Sonne und Mond auf den Menschen wirken, sowie heute der Mensch nach dem Erlebnis seines Auges sagen kann, wie die Rose wirkt, nach dem Erlebnis seines Ohres, wie der Ton cis wirkt und so weiter. Und so erlebten die Schüler dieser Mysterien noch in den nachatlantischen Zeiten das Eingegliedertsein des Menschen in den Kosmos. Das wurde für sie eine unmittelbare Erfahrung." (Lit.: GA 233, S. 67)

Die beiden Bildsäulen der hybernischen Mysterien

"Jetzt blieb aber der einweihende Priester, der Initiator, bei dem Schüler in dem Tempel drinnen. Und jetzt sah der Schüler, nachdem er erst wiederum in lautloser Stille hatte lauschen können auf dasjenige, was ihm die eigene Seele sagen konnte nach all diesen Vorbereitungen und Prüfungen, nachdem das längere Zeit gedauert hatte, wie aufsteigend seinen initiierenden Priester über dem Haupte dieser einen Gestalt zunächst. Und es erschien dann so, wie wenn die Sonne eben weiter rückwärts wäre, und in dem Räume, der da als Zwischenraum war zwischen der Statue und der Sonne, erschien der Priester, wie die Sonne bedeckend. Die Statuen waren sehr groß, so daß der Priester eigentlich in einer gewissen Kleinheit hier über der Statue nur dem Haupte nach erschien, gewissermaßen die Sonne bedeckend; mit dem anderen stand er unten. Dann kam wie aus einem Musikalisch-Harmonischen heraus wirkend - mit einem Musikalisch-Harmonischen begann die Zeremonie - die Sprache des Initiators. Und so, wie eben einmal der Schüler war in diesem Stadium, erschien es ihm so, wie wenn die Worte, die nun von den Lippen des Initiators ertönten, von der Statue gesagt wurden. Und zwar tönten ihm die Worte entgegen:

Ich bin das Bild der Welt,
Sieh, wie das Sein mir fehlt.
Ich lebe in deiner Erkenntnis,
Ich werde in dir nun Bekenntnis.

[...]

Nachdem der Priester wiederum zurückgestiegen war, der Schüler wiederum in lautlose Stille versetzt war, der Priester hinausgegangen war, den Schüler allein gelassen hatte, kam nach einiger Zeit ein zweiter Initiator. Der erschien dann über der zweiten Statue. Und wiederum erklang nun wie aus Musikalisch-Harmonischem heraus die Stimme dieses Priester-Initiators, und die ergab die Worte, die ich Ihnen so wiedergeben kann:

Ich bin das Bild der Welt,
Sieh, wie Wahrheit mir fehlt.
Willst du mit mir zu leben wagen,
So werd' ich dir zum Behagen.

[...]

Wiederum verschwand der Initiator. Wiederum wurde der Schüler allein gelassen. Und während dieser einsamen Stille empfand eigentlich jeder - wenigstens scheint das so, daß jeder es empfand - etwas, was sich vielleicht in den folgenden Worten ausdrücken läßt: Ich stehe an der Schwelle zur geistigen Welt.

[...]

Und während er so dieses Innerliche durchmachte, war es ihm, als ob die Bildsäulen selber sprechen würden. Er hatte nun etwas wie das innere Wort erlangt, und es war so, wie wenn die Bildsäulen selber sprechen würden. Und es sagte die eine Bildsäule:

Ich bin die Erkenntnis.
Aber was ich bin, ist kein Sein.

Und jetzt bekam der Schüler dieses ganze, man möchte sagen, schreckausstrahlende Gefühl: Was man an Ideen hat, ist ja alles eben nur Idee, da ist kein Sein darinnen. Strengt man den menschlichen Kopf an - so hatte der Schüler das Gefühl - , so kommt man zwar zu Ideen, aber nirgends ist ein Sein. Ideen sind Schein, kein Sein. Und die andere Bildsäule war wie sprechend; sie sagte:

Ich bin die Phantasie,
Aber was ich bin, hat keine Wahrheit.

So stellten sich vor den Schüler hin die beiden Bildsäulen, wovon die eine ihm vergegenwärtigte, was die Ideen sind ohne Sein, und die andere, was die Bilder der Phantasie sind ohne Wahrheit." (Lit.: GA 232, S. 110ff)

"Es waren diese hybernischen Mysterien große Mysterien. Und ihre eigentliche Blüte hatten sie in dem Zeitalter, das noch dem Mysterium von Golgatha voranging. Aber es war eben das Eigentümliche der großen Mysterien, daß in diesen großen Mysterien von dem Christus als dem Zukünftigen gesprochen wurde, wie später von den Menschen von dem Christus als dem durch vergangene Ereignisse Hindurchgeschrittenen gesprochen wurde. Und eigentlich wollte man nach der ersten Einweihung dem Schüler zeigen, indem man ihm beim Ausgange das Bild des Christus vorführte: alles das, was der Weltengang der Erde ist, tendiert hin nach dem Ereignis von Golgatha. Das wurde dazumal noch als ein Zukünftiges dargestellt.

[...]

Und als dann das Mysterium von Golgatha eintrat, da wurden, während sich drüben in Palästina die merkwürdigen Ereignisse zutrugen, die wir eben beschreiben, wenn wir das Christus Jesus-Erleben auf Golgatha und seiner Umgebung darstellen, innerhalb der hybernischen Mysterien und ihrer Gemeinde, das heißt dem Volke, das hinzugehörte zu den hybernischen Mysterien, große Feste gefeiert. Und was sich in Palästina wirklich zutrug, das trug sich in hundertfältiger Weise bildhaft zu, ohne daß das Bild das Andenken an Vergangenes war, auf der hybernischen Insel. Auf der hybernischen Insel erlebte man in Bildern das Mysterium von Golgatha gleichzeitig, während sich das Mysterium von Golgatha historisch in Palästina zutrug. Wenn später in den Tempel- und Kirchenstätten das Mysterium von Golgatha im Bilde erlebt wurde, im Bilde dem Volke gezeigt wurde, dann waren das Bilder, die an etwas erinnerten, was auf der Erde vergangen war, was also aus dem gewöhnlichen Bewußtsein heraus wie ein historisch Gedächtnismäßiges geholt war. Auf der hybernischen Insel waren diese Bilder vorhanden, als sie noch nicht durch das historische Gedächtnis aus der Vergangenheit heraus geholt werden konnten, sondern als sie erst herausgeholt werden konnten nur aus dem Geiste selber. Auf der hybernischen Insel wurde geistig geschaut dasjenige, was sich für das leibliche Auge in Palästina im Beginne unserer Zeitrechnung abspielte. Und so erlebte eigentlich auf der hybernischen Insel die Menschheit das Mysterium von Golgatha geistig. Und das bedeutet die Größe alles dessen, was später gerade ausgegangen ist für die übrige Zivilisation von dieser hybernischen Insel, was aber verschwunden ist in der späteren Zeit." (Lit.: GA 232, S. 138f)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Mysteriengestaltungen, GA 232 (1998), ISBN 3-7274-2321-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Die Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung und als Grundlage der Erkenntnis des Menschengeistes, GA 233 (1991), ISBN 3-7274-2331-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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