Ich-Gedanke

Aus AnthroWiki
(Weitergeleitet von Ich-Begriff)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Ich-Gedanke oder Ich-Begriff bzw. die damit verbundene Ich-Vorstellung entsteht dadurch, dass sich das Ich in seinem irdischen Körper erlebt und sich durch dessen Organe der sinnlichen Außenwelt gegenübergestellt sieht. Der Ich-Begriff ist der erste Begriff, den sich der Mensch bewusst im Erdenleben, etwa um das dritte Lebensjahr, bildet. Der Ich-Gedanke ist dabei aber nur ein unwirkliches Bild des wirklichen Ich.

"Eine Frage müssen wir uns dabei vorlegen: Finden wir unter all denjenigen Dingen, die uns in der äußeren Welt entgegentreten, die wir erleben vom Morgen bis zum Abend, finden wir unter diesen Außendingen das Ich? Wer sich unbefangen diese Frage aufwirft, wird sich sagen können: In allem, was ich als Erlebnisse der Außenwelt habe, woran sich meine Vorstellungen, Empfindungen und Willensimpulse anlehnen, finde ich das Ich nicht. Von keiner Außenwelt kann mir der Ich-Gedanke auftauchen, dennoch ist er vom Aufwachen bis zum Einschlafen da. - Was kann dasjenige sein, was vom Aufwachen bis zum Einschlafen in der Seele lebt, was immer in der Flut unserer Vorstellungen, Gemütsverfassungen und Willensimpulse gefunden werden kann, und was dennoch in dem Moment ausgelöscht werden kann, wo wir einschlafen? Da es nicht in der Außenwelt gefunden werden kann, so muß es seinem Ursprünge nach in unserer eigenen Innenwelt gesucht werden. Aber unser eigenes Innere ist wiederum so, daß wir dieses, was wir als unser eigenes Ich im normalen Bewußtsein haben, auslöschen. Es gibt im ganzen wehen Umkreise von Begriffen, die sich der Mensch bilden kann, keinen einzigen, der eine solche Tatsache wirklich zum Verständnis bringen könnte außer demjenigen, welcher annimmt, daß dies, was da von keiner Außenwelt gegeben, als der Ich-Gedanke auftritt, wie das normale Bewußtsein ihn hat, eben so nicht eine Wirklichkeit ist, denn eine Wirklichkeit könnte nicht so verschwinden, wie der Ich-Gedanke im Schlafe verschwindet. Eine Wirklichkeit ist dieser Ich-Gedanke nicht. Was ist er also dann? Wenn es keine Wirklichkeit ist, dann gibt es keine andere Möglichkeit, um die Sache zu verstehen, als daß man annimmt, daß es ein Bild ist, aber ein Bild, das uns im weiten Umkreise unserer Erfahrungswelt nicht werden kann, sondern zu dem wir nur durch einen Vergleich kommen, den Vergleich des Menschen mit seinem Spiegelbilde. Nehmen wir an, ein Mensch hätte nie Gelegenheit gehabt, sein Gesicht selber zu sehen. Es ginge ihm dann in bezug auf sein Äußeres wie mit seinem Ich. Das normale Bewußtsein erlebt das Ich immer nur als Bild, es kann nicht dahinterkommen, was dieses Ich ist, so wie ein Mensch im Äußeren sein Gesicht nicht anschauen kann. Wenn er aber vor den Spiegel tritt, dann erscheint ihm sein Gesicht, aber es ist das Bild seines Gesichtes. Und wenn er sich umschaut, was spiegelt sich dann? Wenn er sich umschauen würde, so würde er eben Tische, Stühle oder dergleichen sehen. Aber nicht alles, was um ihn herum ist, spiegelt sich. Doch wenn er sagen kann, daß es etwas ist, was er in seinem Umkreise nicht hat, was sich ihm nur spiegelt — denn nichts, was da ist, kann sich zunächst in unserem Bewußtsein so spiegeln, wie das Ich sich zeigt —, so ist es unser eigenes Wesen, zu dem aber zunächst das Ich im normalen Bewußtsein nicht kommt, es aber im Spiegelbilde erlebt. Und so wahr sich nicht spiegeln kann, was nicht da ist, so wahr muß das Ich da sein, weil es sich spiegelt und weil die Ursache vom Spiegelbilde nicht etwas anderes sein kann. Daß dies richtig ist, dazu genügt ein einziger Blick auf die Weltentatsachen. Daher müssen wir sagen: Da dem Menschen sein Ich zunächst nur im Spiegelbilde gegeben ist, kann es verschwinden, wie das Spiegelbild unseres Gesichtes verschwindet, wenn wir nicht mehr in den Spiegel hineinschauen. Ein Bild kann verschwinden, die Realität bleibt, sie ist da, trotzdem wir sie nicht wahrnehmen. Denn wer die Richtigkeit des letzten Satzes bestreiten wollte, der müßte behaupten, nur das sei vorhanden, was der Mensch wahrnimmt. Da würde er sehr bald die Absurdität dieses Satzes einsehen, sobald er ihn in seinen Konsequenzen verfolgen würde.

So müssen wir sagen: In dem Ich-Gedanken haben wir zunächst gar nicht eine Realität. Aber wir gewinnen aus ihm die Möglichkeit, eine Realität unseres Ich vorauszusetzen." (Lit.: GA 061, S. 454ff)

"Wovon hängt es denn ab, daß der Mensch überhaupt zum Bewußtsein seines Ich kommt? Das hängt davon ab, daß er so, wie er es im Wachzustande erlebt, sich seiner Körperlichkeit, seiner Leibesorgane bedient und sich mit seinem Leibe der ganzen Außenwelt gegenüberstellt. Sein Ich muß der Mensch erleben in seiner Körperlichkeit. Denn wenn der Mensch niemals auf die Erde heruntergestiegen wäre, um sich eines Leibes zu bedienen, so würde er sich in alle Ewigkeit hinein nur fühlen zum Beispiel als Glied eines Engels oder Erzengels, wie sich die Hand als Glied unseres Organismus fühlt. Niemals würde der Mensch zum Bewußtsein seiner Selbständigkeit kommen können. Das wäre ganz ausgeschlossen. Er könnte zu allen möglichen Bewußtseinsinhalten und zu allen möglichen großen Dingen der Welt kommen, aber nicht zu einem Ich-Bewußtsein, wenn er nicht in einen Erdenleib einkehren würde. Von diesem Erdenleib aus muß sich der Mensch sein Ich-Bewußtsein holen. Schon wenn Sie den Schlafzustand studieren und das, was der Traum zeigt, sehen Sie, daß da etwas arbeitet ohne Gemeinschaft mit dem Ich. Zu dem Ich- Bewußtsein gehört das Eingekerkertsein im Leibe, das Sich-Bedienen der Sinneswerkzeuge und auch des Werkzeuges des Gehirns. Wenn aber der Mensch, wie wir gesehen haben, nur in ganz geringem Maße in einer Verkörperung sich alles dessen bedienen kann, was ihm in dieser Verkörperung gegeben ist, so darf es nicht verwundern, sondern muß ganz begreiflich erscheinen, daß das hellseherische Bewußtsein sagt: Sofern ich ein Menschen-Ich wirklich durchforsche, insofern es sich mir in seiner wahren Gestalt zeigt, so finde ich in ihm als vorwiegendste Kraft und Trieb zunächst dies: immer wieder und wieder auf die Erde in immer neue Körper zu kommen, um das Ich- Bewußtsein immer weiter und weiter auszubilden und immer reicher und reicher zu machen." (Lit.: GA 115, S. 299)

Der Ich-Begriff, der erstmals um das dritte Lebensjahr aufleuchtet, ist der erste Begriff, den sich das Kind überhaupt bewusst bildet, nur kann er zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht wirklich erfasst werden. Doch ist damit der Punkt bezeichnet, bis zu dem man sich im späteren Leben zurückerinnern kann. Gerade dieses erste Ich-Erlebnis, an dem sich der Ich-Begriff bildet, ist eine bedeutsame Erfahrung, an die man sich später oft sehr leicht erinnern kann. Was bleibt, ist zunächst die Ich-Empfindung. Erst ab dem neunten Lebensjahr tritt dem Kind der Ich-Begriff als solcher bewusster entgegen.

"Der Mensch erinnert sich im heutigen normalen Leben bis zu einem gewissen Punkt seiner Kindheit, dann schwindet ihm die Erinnerung. Obwohl er sich ganz klar ist, daß er früher schon dabei war, erinnert er sich daran doch nicht. Er weiß, daß es sein gleiches geistig-seelisches Ich ist, das ihm das Leben aufgebaut hat, aber es fehlt ihm die Möglichkeit, sein Gedächtnis über diese Stufe auszudehnen. Wer viele Kindesleben betrachtet, wird daraus eine Beobachtung machen können. Die wird natürlich nur im wesentlichen sich im äußeren Leben verwirklicht finden, aber sie ist doch richtig. Aus der Beobachtung der kindlichen Seele wird man das Resultat gewinnen können, daß die Erinnerung genau so weit zurückgeht, bis sie den Zeitpunkt trifft, wo der Ich-Begriff, die Vorstellung von dem eigenen Ich in dem betreffenden Menschenwesen entstanden ist. Das ist eine außerordentlich wichtige Tatsache. In dem Moment, wo das Kind nicht mehr aus sich selbst heraus sagt: Karlchen will dies, oder: Mariechen will dies, sondern wo es sagt: Ich will das, - von dem Zeitpunkt, wo die bewußte Ich-Vorstellung anhebt, fängt auch die Rückerinnerung an." (Lit.: GA 060, S. 57)

"Wer das kindliche Leben in der richtigen Weise beobachten kann, der weiß, daß zwischen dem neunten und elften Jahr beim Kind ein Lebensentwicklungspunkt liegt, der - je nachdem, wie er von dem Erziehenden und Lehrenden erkannt wird - das Schicksal, das innere und oft auch das äußere Schicksal des Menschen im günstigen oder ungünstigen Sinne beeinflußt. Bis zu diesem Zeitpunkt sondert sich das Kind wenig ab von seiner Umgebung, und man muß Rücksicht darauf nehmen, daß das Kind eine Pflanze vor dem neunten Jahr anders beschrieben erhalten muß als nachher. Es identifiziert sich das Kind vorher mit allem, was es umgibt; dann lernt es sich unterscheiden; dann tritt ihm eigentlich erst der Ich-Begriff entgegen - vorher hatte es nur eine Ich-Empfindung. Wir müssen beobachten, wie das Kind sich verhält, wie es bestimmte Fragen anders zu formulieren beginnt von diesem Zeitpunkte an. Wir müssen bei jeder einzelnen kindlichen Individualität auf diesen wichtigen Zeitpunkt eingehen, weil der für das ganze folgende Leben ausschlaggebend ist." (Lit.: GA 297a, S. 26)

Der schwer zu fassende Ich-Begriff beruht auf der Freiheit, die die notwendige Voraussetzung zur Entwicklung der Liebe ist, welche die eigentliche Mission der ganzen Erdentwicklung ist.

"Dieser Ich-Begriff macht vielen Menschen Schwierigkeit. Es ist uns ja klar geworden, daß sich das Ich des Menschen herausentwickelt hat aus einer Gruppenseelenhaftigkeit, aus einer Art umfassenden All-Ichs, aus dem es sich herausdiflerenziert hat. Unrichtig wäre es, wenn der Mensch wieder das Verlangen haben würde, mit seinem Ich unterzugehen in irgendein Allbewußtsein, in irgendein Gesamtbewußtsein. Alles, was den Menschen streben läßt, sein Ich zu verlieren, mit ihm aufzugehen in ein Allbewußtsein, ist ein Erzeugnis der Schwäche. Nur der allein versteht das Ich, der da weiß, daß, nachdem er sich dieses Ich errungen hat im Laufe der kosmischen Entwickelung, es nunmehr unverlierbar ist, und der Mensch muß vor allen Dingen nach der starken Kraft streben, wenn er die Weltenmission versteht, dieses Ich immer innerlicher, immer göttlicher zu machen. Die wahren Anthroposophen haben nichts von jener Phrase in sich, die da immer wieder betont das Aufgehen des Ichs in einem All-Ich, das Zusammenschmelzen in irgendeinen Urbrei. Die wahre anthroposophische Weltanschauung kann nur als Endziel die Gemeinschaft der selbständig und frei gewordenen Iche, der individuell gewordenen Iche hinstellen. Das ist ja gerade die Erdenmission, die sich durch die Liebe ausdrückt, daß das Ich dem Ich frei gegenüberstehen lernt. Keine Liebe ist vollkommen, die hervorgeht aus Zwang, aus dem Zusammengekettetsein. Einzig und allein dann, wenn jedes Ich so frei und selbständig ist, daß es auch nicht lieben kann, ist seine Liebe eine völlig freie Gabe. Das ist sozusagen der göttliche Weltenplan, dieses Ich so selbständig zu machen, daß es aus Freiheit selbst dem Gott die Liebe als ein individuelles Wesen entgegenbringen kann. Es würde heißen, die Menschen an Fäden der Abhängigkeit führen, wenn sie irgendwie zur Liebe, wenn auch nur im entferntesten, gezwungen werden könnten." (Lit.: GA 104, S. 156f)

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Antworten der Geisteswissenschaft auf die großen Fragen des Daseins, GA 60 (1983), ISBN 3-7274-0600-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Menschengeschichte im Lichte der Geistesforschung, GA 61 (1983), ISBN 3-7274-0610-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Die Apokalypse des Johannes, GA 104 (1985), ISBN 3-7274-1040-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Anthroposophie – Psychosophie – Pneumatosophie, GA 115 (2001), ISBN 3-7274-1150-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  5. Rudolf Steiner: Erziehung zum Leben. Selbsterziehung und pädagogische Praxis., GA 297a (1998), ISBN 3-7274-2975-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
Steiner big.jpg
Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.