Nicht ich, sondern der Christus in mir

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«Nicht ich, sondern der Christus in mir» ist ein von Rudolf Steiner öfters zitiertes Wort des Paulus. Im griechischen Original und in der Übersetzung Martin Luthers lautet es:

ζῶ δὲ, οὐκέτι ἐγώ, ζῇ δὲ ἐν ἐμοὶ Χριστός.
zô dè, oùketi égó, zē dè én émoi Christós.“

„Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“

(Gal 2,20 LUT)

"Solche Leute, die da gerade dasjenige verurteilen, was Geisteswissenschaft über den Christus und über das Mysterium von Golgatha zu sagen hat, die lehnen sich wenig an das schöne Paulinische Wort an: Nicht ich, sondern der Christus in mir. - Geisteswissenschaft ist sich klar darüber, daß der Christus aus übersinnlichen Höhen hineingezogen ist in diese Erdenentwicklung und daß er mit dieser Erdenentwicklung so verbunden ist, daß der heutige Mensch nicht aus passivem Hoffen heraus in den kommenden Tag hineinleben kann, sondern daß er in seinem eigenen Innern die Kraft als Mensch entwickeln muß, die diesen kommenden Tag herbeiführen wird. Weil aber die Kraft des Christus durch das Mysterium von Golgatha in die Menschheitsentwicklung eingezogen ist, so wird derjenige, der sich mit dieser Christuskraft verbindet, in dem Christus nicht bloß haben den «Erlöser des sündigen Menschen», der passiv rechnet auf seinen Erlöser, sondern er wird in sich haben den Helfer bei dem Herbeiführen des kommenden Tages. Er wird in Wahrheit sagen: Nicht ich, sondern der Christus in mir -, aber der Christus nicht bloß als Sündenerlöser, sondern der Christus als Anfeurer und Auferwecker all der Kräfte, die in der Folgezeit als Kräfte des Menschheitsfortschrittes werden hervortreten können. Und diejenigen, die da glauben, sich aus Bekenntnissen heraus gegen so etwas auflehnen zu müssen, die mißverstehen vielleicht die allerernstesten Forderungen des kommenden Tages, denn sie verstehen nichts vom wirklichen Sinn dieses Paulinischen Wortes. «Der Christus in mir» ist nicht bloß etwas passiv Geglaubtes, sondern eine aktive Kraft, die mich als Mensch vorwärtsbringt. Nicht ich, sondern der Christus in mir -, so sagt die Geisteswissenschaft. Die andern aber, die diese Geisteswissenschaft bekämpfen, die sagen gar nicht: Nicht ich, sondern der Christus in mir -, sondern sie sagen: Nicht ich, sondern die alten Meinungen, die ich haben will über den Christus in mir. - Nicht sagen sie: Der Christus in mir -, sondern: meine altgewohnten Meinungen in mir; meine altgewohnten Vorstellungen über den Christus in mir. - Das richtige Verständnis des Paulinischen Wortes, das ist es, was eine ernsteste Forderung gerade auch des christlichen Fortschrittes erfüllen wird." (Lit.: GA 335, S. 76f)

Was wir Sinne dieses Paulus-Wortes tun, wird nach unserem Tod durch den Christus zum fruchtbaren Gemeingut der ganzen Menschheit und trägt bei zur realen schöpferischen Erneuerung der ganzen Welt:

"Aber noch etwas anderes kann Wirklichkeit werden, Wirklichkeit werden in einer menschlich ungeheuer bedeutungsvollen Art, von dem, was diese Menschenseele, die sich durchchristet fühlt, sich in diesem Leben sagen kann: das paulinische Wort «Nicht ich, sondern der Christus in mir». Weiß man es so zu denken, daß es innere Wahrheit ist, dieses Wort «Nicht ich, sondern der Christus in mir», dann verwirklicht es sich nach dem Tode in einer gewaltigen, in einer bedeutsamen Weise. Denn was wir unter diesem Lebensgesichtspunkte in der Welt aufnehmen, unter dem Lebensgesichtspunkte des «Nicht ich, sondern der Christus in mir», das wird so unser Eigentum, das wird so unsere innere Natur zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, daß wir durch das, was so unsere innere Natur geworden ist, es als Frucht der ganzen Menschheit zuerteilen dürfen. Was wir so aufnehmen, daß wir es aufnehmen unter dem Gesichtspunkte «Nicht ich», das macht der Christus zum Gemeingut der ganzen Menschheit. Was ich aufnehme unter dem Gesichtspunkte «Nicht ich», von dem darf ich nach dem Tode sagen und fühlen: Nicht mir allein, sondern allen meinen Menschenbrüdern! Und dann allein darf ich das Wort aussprechen: Ja, ich habe ihn geliebt über alles, auch über mich selbst, deshalb habe ich gehorcht dem Gebote: «Liebe deinen Gott über alles.» «Nicht ich, sondern der Christus in mir.»

Und ich habe es erfüllt, das andere Gebot: «Liebe deinen Nächsten als dich selbst.» Denn dasjenige, was ich mir selbst erworben habe, das wird dadurch, daß es der Christus in die Realität trägt, Gemeingut der ganzen Erdenmenschheit." (Lit.: GA 155, S. 174f)

Paulus spricht an der genannten Stelle über Gesetzesgehorsam und Glaube und die Gnade Gottes:

„11 Als aber Kephas nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn es war Grund zur Klage gegen ihn. 12 Denn bevor einige von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus dem Judentum fürchtete. 13 Und mit ihm heuchelten auch die andern Juden, sodass selbst Barnabas verführt wurde, mit ihnen zu heucheln. 14 Als ich aber sah, dass sie nicht richtig handelten nach der Wahrheit des Evangeliums, sprach ich zu Kephas öffentlich vor allen: Wenn du, der du ein Jude bist, heidnisch lebst und nicht jüdisch, warum zwingst du dann die Heiden, jüdisch zu leben? 15 Wir sind von Geburt Juden und nicht Sünder aus den Heiden. 16 Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht. 17 Sollten wir aber, die wir durch Christus gerecht zu werden suchen, auch selbst als Sünder befunden werden - ist dann Christus ein Diener der Sünde? Das sei ferne! 18 Denn wenn ich das, was ich abgebrochen habe, wieder aufbaue, dann mache ich mich selbst zu einem Übertreter. 19 Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt. 20 Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben. 21 Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.“

(Gal 2,11-21 LUT)

"Konstruieren wir uns einmal diese Empfindung des Paulus. Ringsherum der Leichnam dessen, was einstmals die Menschen geschaut hatten in alten Zeiten. Die Menschen haben die Natur geschaut als den Leib des Göttlichen, Seelisch-Geistigen. Wie wir heute unsere Finger sehen, so sahen diese Menschen Berge. Es fiel ihnen gar nicht ein, die Berge als leblose Natur zu denken, so wenig, wie wir den Finger als lebloses Glied denken; sondern sie sagten: Da ist ein Geistig-Seelisches, das ist die Erde; die hat Glieder, und ein solches Glied ist der Berg. - Aber die Natur wurde tot. Der Mensch erlebte das «Ich bin» im Innern. Aber er würde nur dastehen als der Eremit auf der entgeistigten, entseelten Erde, wenn er nicht hinblicken könnte zu dem Christus. Diesen Christus aber, er darf ihn nicht bloß von außen anschauen, so daß er äußerlich bleibt, er muß ihn nun in das Ich aufnehmen. Er muß sagen können, indem er sich hinweghebt aus dem alltäglichen «Ich bin»: Nicht ich, sondern der Christus in mir. - Wenn wir schematisch darstellen, was da war, so könnten wir sagen: Der Mensch empfand dereinst um sich herum die Natur (grün), aber diese Natur überall durchseelt und durchgeistigt (rot). Das war in einer älteren Periode der Menschheit.

Zeichnung S 58

In späteren Zeiten empfand der Mensch auch die Natur, aber er empfand die Möglichkeit, gegenüber der nun entseelten Natur das eigene «Ich bin» wahrzunehmen (gelb). Da aber brauchte er dafür das Bild des im Menschen vorhandenen Gottes, und er empfand das in dem Gotte Dionysos, der ihm vorgeführt wurde im griechischen Drama.

Zeichnung S 58

In noch späterer Zeit empfand der Mensch wiederum die entseelte Natur (grün), in sich das «Ich bin» (gelb). Das Drama aber wird zur Tatsache. Auf Golgatha erhebt sich das Kreuz. Aber zu gleicher Zeit geht das, was der Mensch ursprünglich verloren hatte, ihm in seinem eigenen Innern auf und strahlt (rot) aus dem eigenen Innern aus: Nicht ich, sondern der Christus in mir.

Zeichnung S 59

Wie hat der Mensch der alten Zeiten gesagt? Er hat es nicht sagen können, aber er erlebte es: Nicht ich, sondern das Göttlich-Geistige um mich, in mir, überall. - Der Mensch hat dieses «Göttlich-Geistiges überall, um mich, in mir» verloren; er hat es in sich wiedergefunden und im bewußten Sinne sagt er jetzt dasselbe, was er ursprünglich unbewußt erlebt hat: Nicht ich, sondern der Christus in mir.- Die Urtatsache, die unbewußt erlebt worden ist in der Zeit, bevor der Mensch sein Ich erlebte, die wird zur bewußten Tatsache, zum Erlebnis des Christus im menschlichen Inneren, im menschlichen Herzen, im menschlichen Seelenhaften." (Lit.: GA 211, S. 57ff)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Christus und die menschliche Seele, GA 155 (1994), ISBN 3-7274-1550-9 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Das Sonnenmysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung, GA 211 (1986), ISBN 3-7274-2110-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Die Krisis der Gegenwart und der Weg zu gesundem Denken, GA 335 (2005), ISBN 3-7274-3350-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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