Idealismus

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Johann Gottlieb Fichte

Der Idealismus (von griech. ιδέα, Idee, Urbild) ist eine der 12 grundlegenden Weltanschauungen, von denen Rudolf Steiner spricht, und vertritt den erkenntnistheoretischen Standpunkt, dass die eigentliche Wirklichkeit in Ideen und damit zugleich in Vernunft und Bewusstsein begründet ist und die materielle Welt und die sinnlichen Erscheinungen nur sekundäre abgeleitete Phänomene sind. Die Gegenposition dazu ist der Realismus. Im Tierkreis entspricht dem Idealismus das Zeichen des Widders. Im deutschen Idealismus treten vor allem Kant, Fichte, Schelling und Hegel als philosophische Idealisten hervor.

"Es kann aber noch andere Menschen geben, die etwa folgendes sagen. Um uns herum ist die Materie und die Welt der materiellen Erscheinungen. Aber die Welt der materiellen Erscheinungen ist eigentlich in sich sinnleer. Sie hat keinen rechten Sinn, wenn nicht in ihr jene Tendenz liegt, die sich eben bewegt nach vorwärts, wenn nicht aus dieser Welt, die da um uns herum ausgebreitet ist, das geboren werden kann, wonach die Menschenseele sich richten kann als nicht in der Welt enthalten, die um uns herum ausgebreitet ist. Es muß nach der Anschauung solcher Menschen das Ideelle und das Ideale im Weltprozesse drinnen sein. Solche Menschen geben den realen Weltprozessen ihr Recht. Sie sind nicht Realisten, trotzdem sie dem realen Leben recht geben, sondern sie sind der Anschauung, das reale Leben muß durchtränkt werden von dem Ideellen, nur dann bekommt es einen Sinn. - In einem Anfluge von solcher Stimmung hat Fichte einmal gesagt: Alle Welt, die sich um uns herum ausbreitet, ist das versinnlichte Material für die Pflichterfüllung. - Die Vertreter solcher Weltanschauung, die alles nur Mittel sein läßt für Ideen, die den Weltprozeß durchdringen, kann man Idealisten nennen und ihre Weltanschauung Idealismus. Schönes und Großes und Herrliches ist für diesen Idealismus vorgebracht worden. Und auf dem Gebiete, das ich eben charakterisiert habe, wo es darauf ankommt, zu zeigen, wie die Welt zweck- und sinnlos wäre, wenn die Ideen nur menschliche Phantasiegebilde wären und nicht im Weltprozesse drinnen wirklich begründet wären, auf diesem Gebiete hat der Idealismus seine volle Bedeutung. Aber mit diesem Idealismus kann man zum Beispiel die äußere Wirklichkeit, die äußere Realität des Realisten nicht erklären. Daher hat man zu unterscheiden von den anderen eine Weltanschauung, die Idealismus genannt werden kann." (Lit.: GA 151, S. 37)

Rudolf Steiners Weltsicht und Erkenntnistheorie im Verhältnis zum Deutschen Idealismus

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

"Ich bin zu meiner Weltansicht nicht allein durch das Studium Goethes oder etwa gar des Hegelianismus gekommen. Ich ging von der mechanisch-naturalistischen Weltauffassung aus, erkannte aber, daß bei intensivem Denken dabei nicht stehengeblieben werden kann. Ich fand, streng nach naturwissenschaftlicher Methode verfahrend, in dem objektiven Idealismus die einzig befriedigende Weltansicht. Die Art, wie ein sich selbst verstehendes, widerspruchsloses Denken zu dieser Weltansicht gelangt, zeigt meine Erkenntnistheorie[1]. (GA 1, S. 129)

"Ich muss einen besonderen Wert darauf legen, dass hier an dieser Stelle beachtet werde, dass ich als meinen Ausgangspunkt das Denken bezeichnet habe und nicht Begriffe und Ideen, die erst durch das Denken gewonnen werden. Diese setzen das Denken bereits voraus. Es kann daher, was ich in bezug auf die in sich selbst ruhende, durch nichts bestimmte Natur des Denkens gesagt habe, nicht einfach auf die Begriffe übertragen werden. (Ich bemerke das hier ausdrücklich, weil hier meine Differenz mit Hegel liegt. Dieser setzt den Begriff als Erstes und Ursprüngliches.)" - Philosophie der Freiheit, S.34 (GA 4)

Steiner ordnet seine Erkenntnistheorie also dem objektiven Idealismus zu. Was jedoch positiv unter der durch nichts als sich selbst bestimmten Natur des Denkens zu verstehen ist, ist nicht ohne weiteres klar. Später heißt es im Text der Philosophie der Freiheit:

"Nun darf aber nicht übersehen werden, daß wir uns nur mit Hilfe des Denkens als Subjekt bestimmen und uns den Objekten entgegensetzen können. Deshalb darf das Denken niemals als eine bloß subjektive Tätigkeit aufgefaßt werden. Das Denken ist jenseits von Subjekt und Objekt. Es bildet diese beiden Begriffe ebenso wie alle anderen. Wenn wir als denkendes Subjekt also den Begriff auf ein Objekt beziehen, so dürfen wir diese Beziehung nicht als etwas bloß Subjektives auffassen. Nicht das Subjekt ist es, welches die Beziehung herbeiführt, sondern das Denken. Das Subjekt denkt nicht deshalb, weil es Subjekt ist; sondern es erscheint sich als ein Subjekt, weil es zu denken vermag. Die Tätigkeit, die der Mensch als denkendes Wesen ausübt, ist also keine bloß subjektive, sondern eine solche, die weder subjektiv noch objektiv ist, eine über diese beiden Begriffe hinausgehende. Ich darf niemals sagen, daß mein individuelles Subjekt denkt; dieses lebt vielmehr selbst von des Denkens Gnaden. Das Denken ist somit ein Element, das mich über mein Selbst hinausführt und mit den Objekten verbindet. Aber es trennt mich zugleich von ihnen, indem es mich ihnen als Subjekt gegenüberstellt." (GA 004, S. 60)

Mit "Denken" ist anscheinend eine Tätigkeit, oder ein Tätigsein noch jenseits von begrifflich erfaßtem als Ergebnis solchen Denkens gemeint. Sie kann vom Menschen als denkendes Wesen ausgeübt werden und bildet (erfaßt) erst die Begriffe, die Hegel schon voraussetzt.

Gegenüber dem subjektiven Idealismus Fichtes hebt Steiner hervor, daß das absolute Ich Fichtes dem unmittelbar Gegebenen nicht gerecht wird. Das Denken ist nicht nur tätiges Hervorbringen, sondern zugleich auch sein Inhalt als ein vorgefundener. Diese Vorfindlichkeit des Denkinhaltes, bzw. was zum Denkinhalt wird, liegt auf der Wahrnehmungsseite des Erkennens. Fichte gelingt es nicht, das Wahrnehmliche aus dem absoluten Ich hervorgehen zu lassen. Darin liegt das "objektive" des Steinerschen Idealismus, daß er dieses Wahrnehmliche in seiner selbstgebenden, nicht durch ein absolutes Ich produzierten, Eigenart anerkennt, obwohl es sich bei diesem wahrnehmlich Vorgegebenen nicht schon gleich um Begriffenes, Vergegenständlichtes handelt[2]. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit Fichte findet sich in Wahrheit und Wissenschaft - (GA 3)

"Idealismus", ein weites Spektrum von Auffassungen und Bedeutungen

Neben dem ethischen Idealismus kann man zwischen einem erkenntnistheoretischen, einem ontologischen und einem metaphysischen Idealismus unterscheiden.

Die Gefahr des Idealisten

"Die Idealisten, die werden immerfort vor der Gefahr stehen, daß sie mit ihren Vorstellungen in luziferische Regionen hineinkommen, daß sie Schwärmer, Phantasten, Schwarmgeister, Lenine, Trotzkijs werden, ohne wirklichen Boden unter den Füßen; mit ihrem Willen können sie leicht ahrimanisch werden, despotisch, tyrannisch." (GA 190, S. 74)

Einzelnachweise

  1. Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung mit besonderer Rücksicht auf Schiller - (GA 2)
  2. Das dies so ist, zeigt sich z.B. im Falle des Falschdenkens und seiner Korrektur

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Der menschliche und der kosmische Gedanke, GA 151 (1990), ISBN 3-7274-1510-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen, GA 190 (1980), ISBN 3-7274-1900-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe, Heft 30: Rudolf Steiner und der deutsche Idealismus Zum 200. Geburtstag von Hegel Beiträge 30
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