Interesse

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Interesse (von lat.: inter, "zwischen, inmitten" und esse "sein") besteht in der gerichteten Aufmerksamkeit des Bewusstseins auf ein bestimmtes, durch innere oder äußere Wahrnehmung gegebenes Objekt. Alles, was innerhalb des individuell bestimmten Bewusstseinshorizonts liegt, kann Gegenstand des Interesses werden: äußere Gegenstände, einzelne Sinnesqualitäten, Personen, letztlich alle Wesen im weitesten Sinn.

Das Interesse kann nach zwei Seiten abirren, die in der Grals-Erzählung einseits durch Amfortas, anderseits durch Parzival angedeutet werden. Amfortas zeigt zuviel persönliches Eigeninteresse und kränkelt dadurch an einem zu engherzigen Egoismus, der seinen Astralleib ergreift; Parzival hingegen zeigt zuwenig Weltinteresse, weshalb er versäumt, selbstbewusst aus seinem Ich heraus die entsprechende Frage zu stellen (Lit.:GA 145, S. 124ff).

Die Wirkung des Interesses auf den menschlichen Organismus ist sehr unterschiedlich und davon abhängig, woraus das Interesse entspringt und worauf es sich richtet. Rein persönliche, weitgehend egoistisch ausgerichtete Interessen, namentlich solche, die nur auf den sinnlichen Genuss in der äußeren physischen Welt gerichtet sind, tragen - völlig unabhängig von der moralischen Bewertung dieser Interessen - Zerstörungskräfte in den Organismus hinein, die sich im Alltagsleben zunächst als Ermüdung äußeren, später aber auch zu Krankheitsursachen werden können. In der Nacht, wenn das Bewusstsein schläft, wird der Organismus durch die ihm aus der geistigen Welt zuströmenden Kräfte wieder weitgehend - aber nicht vollständig - regeneriert.

Erweiterte Interessen, die über den persönlichen Anspruch hinausreichen und die insbesondere die Sinneswelt als Offenbarung höherer Welten begreifen können, schädigen die Leibestätigkeit nicht und bereiten den Menschen darauf vor, Imaginationen und Inspirationen aus diesen höheren Welten zu empfangen.

"Wer nicht wenigstens für einen kurzen Zeitraum loskommen kann von dem, was ihn allein angeht, der kann selbstverständlich zu keiner Inspiration kommen. Er braucht es ja nicht immer; im Gegenteil, er wird gut tun, seine eigenen Interessen scharf abzugrenzen von demjenigen, was Gegenstand seiner Inspiration sein soll. Wenn aber der Mensch sein Interesse über die Objektivität hinaus also ausdehnt, wenn er versucht, das Leben der Pflanze in ihrem Werden so zu empfinden, wie er dasjenige, was in seinem Leben vorgeht, empfindet, wenn ihm das, was da draußen wächst und keimt und wird und vergeht, so intim vertraut ist wie das Leben im eigenen Wesen, dann ist er mit Bezug auf alles das, was so an ihn herantritt, inspiriert." (Lit.: GA 164, S. 72)

"Das Bewußtsein entsteht dadurch, daß der Astralleib und das Ich am Tage den Atherleib und physischen Leib zerstören. Es ist das ein Vorgang, als ob die Nervenstränge in Stücke gerissen würden, wenn der Astralleib und das Ich sich der physischen Umgebung bewußt werden.

zerrissene Nervenstränge

Der Astralleib und das Ich wirken tötend auf den Ätherleib und den physischen Leib. Dadurch entsteht die Ermüdung im menschlichen Körper. Das Einströmen der physischen Welt wirkt im menschlichen Organismus so wie ein Gift; es wirkt zerstörend.

Was geschieht nun in der Nacht? In der Nacht nehmen Ich und Astralleib die Kräfte der Geisteswelt auf und strömen diese in den Ätherleib und physischen Leib ein. Sie umgeben den physischen Leib mit Bildern, die gesundend auf ihn wirken. Wenn dem Menschen zum ersten Mal die geistige Welt aufgeht, so sieht er zuerst seinen eigenen physischen Leib. Dies Bild des physischen Leibes wirkt gesundend auf ihn. So wirken auch in der Nacht der Astralleib und das Ich kraftgebend, gesundend auf den Menschen durch wahre Bilder aus der geistigen Welt. Die strömen in die zerrissenen Nervenstränge und den zerstörten Organismus. So fließen nachts aus der geistigen Welt solche Kräfte ein, die die Ermüdung fortschaffen aus dem Körper.

Regenerierung der Nervenstränge

Die Ermüdung tritt hauptsächlich ein durch das Interesse an den Dingen. Betrachtet man etwas ohne das Interesse, so wird dadurch keine Ermüdung veranlaßt[1]. Sagen wir zum Beispiel, ein Mensch hat besonderes Wohlgefallen an einer guten Speise. Dadurch hat er ein Interesse an der Speise, weil sie seinen Gaumen reizt. Ganz anders wirkt es auf den Menschen, wenn er sich klar darüber ist, in welchem Zusammenhang er mit dem Kosmos steht, daß er jetzt auf einer Stufe steht, wo er einen physischen Körper hat und Nahrung braucht. Genießt er aus diesem Gefühl heraus die Speisen, so wirkt das ganz anders auf seinen Organismus, als wenn er sie nur aus Genußsucht sich verschafft. Der Mensch muß lernen, durch das Physische hindurch das Geistige zu erkennen; dann verliert er das Interesse für das Physische.

«Imaginatio» - «Imaginatio» - «Imaginatio»

Die «Aestimatio» ist die Stufe, welche der Mensch als den tiefsten Punkt der Entwicklung anzusehen hat. Er muß wieder darüber hinauswachsen in die «Imaginatio» hinein, die er früher hatte.

Wenn er sich aber durch das Interesse mit der physischen Welt verknüpft, so geht er unter die tiefste Stufe hinunter und verliert die Möglichkeit zum Aufstieg.

Abstieg durch das Interesse

Es ist sehr wichtig für den Menschen, daß er lernt, sich zu beschäftigen mit Dingen, die jenseits des Physischen liegen, mit Vorstellungen und Begriffen, die übersinnlich sind. Zu solchem Zweck werden die Übungen gegeben. Je länger und geduldiger der Schüler gewisse Vorstellungen übt, desto besser lernt er das Interesse überwinden und aufsteigen zur «Imaginatio». Dann wird der Mensch, statt nur von außen aufzunehmen, selbst produktiv. Er strömt dann etwas aus dem Innern in die Welt aus. Man sagt mit Recht, der Mensch habe Sonne und Mond in sich. Wenn er die Dinge betrachtet ohne Interesse, so strömt er selbst ein Geisteslicht auf sie; er wird zur Sonne, die die Dinge beleuchtet. Sie werfen sein Licht zurück. Die Umwelt, die sein Licht zurückwirft, wird zum Monde.

Richtige Vorstellungen wirken gesundend auf den Menschen, während falsche Vorstellungen ihn krank machen. Bei jeder Krankheit läßt sich, wenn man sie zurückverfolgt, eine falsche Vorstellung finden. Der einzelne ist dafür nicht verantwortlich, sondern die Menschheit im allgemeinen.

Das Interesse braucht sich nicht nur auf äußere Dinge zu richten. Es wirkt auch da zerstörend, wo die Menschen von Sensation zu Sensation eilen, wo sie nach fortwährender Abwechslung haschen. Das macht die Menschen krank. Auch wo die Menschen wissensdurstig sind nach höherem Wissen aus Interesse, da ist dies für den Fortschritt der Menschen sehr hinderlich. Sie werden dadurch verknöchert. Der Mensch darf nicht gleichgültig werden gegen die Umwelt. Er muß das Gefühl und die Anteilnahme für die Umwelt behalten. Oft wird davon geredet, daß auch das Mitleid dem Egoismus entspringen könne. Das ist vielfach der Fall. Viele Arten des Mitleids entspringen nur dem Egoismus, weil man den andern nicht leiden sehen mag. Aber auch dies ist notwendig. Ehe die Menschen eine höhere Stufe erreicht haben, ist es besser, daß sie manchmal einem andern aus egoistischem Mitleid helfen, als gar nicht. Wir müssen aber lernen, ein solches Mitleid auszubilden, welches über dem Egoismus steht, welches dem Mitmenschen hilft, weil es Pflicht ist, zu helfen." (Lit.: GA 266a, S. 372ff)

Siehe auch

Anmerkungen

  1. Gemeint ist das persönliche Interesse.

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst?, GA 145 (2005), ISBN 3-7274-1450-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Der Wert des Denkens für eine den Menschen befriedigende Erkenntnis, GA 164 (1984), ISBN 3-7274-1640-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Aus den Inhalten der esoterischen Stunden, Band I: 1904 – 1909, GA 266/1 (1995), ISBN 3-7274-2661-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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