Johann Faust

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Faust, Radierung von Rembrandt, 1650-1652

Johann Georg Faust (* wahrscheinlich 1480, 1481 oder 1466 in Knittlingen, Helmstadt oder Roda als Georg Faust; † um 1541[1] in oder bei Staufen im Breisgau) war ein wandernder Magier, Astrologe und Wahrsager.

Die Sage

Nach Richard Stecher[2] wurde die Sage nach dem Erscheinen des Buches von Johann Spies (siehe unten) von dem Hamburger G. R. Widmann überarbeitet. Einen Auszug daraus veröffentlichte der Nürnberger Arzt Nikolaus Pfitzer. „Endlich erschien im ersten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts eine zeitgemäße kurze Zusammenfassung des Werkes von einem anonymen Verfasser, der sich als ein ‚Christlich Meinender‘ bezeichnete. In dieser Gestalt drang das Volksbuch in die weitesten Kreise und wurde auch von Goethe in seiner Knabenzeit gelesen.“ Stecher fasst die Sage zusammen:

Sie handelt von einem jungen Mann namens Johann Faust, Sohn eines Bauern, der nach dem Besuch der Schule in Wittenberg Theologie studiert und den Doktorgrad erwirbt. Später studiert er auch „Medizin, Astrologie und was sonst mit der Magie zusammenhing.“ Er ererbt ein Vermögen von seinem Vetter, gibt dies aber schnell aus. „Sein unbegrenzter Durst nach Erkenntnis“ führt dazu, dass er in einem Wald bei Wittenberg den Teufel beschwört, der „in der Gestalt eines grauen Mönches“ erscheint und am nächsten Tag wiederkommen will. Dies geschieht, wobei der Teufel „zunächst als Schatten hinter dem Ofen und dann als zottige Bärengestalt mit einem Menschenkopf“ auftritt. Faust schließt einen Bund mit dem Teufel ab. Der Teufel soll ihm 24 Jahre lang dienen, dafür soll er Fausts Seele bekommen. Der Vertrag wird mit Fausts Blut unterzeichnet. Der Teufel „solle ihn nach 24 Jahren holen dürfen; wenn bis dahin alle seine Wünsche erfüllt würden.“ Der Teufel nennt sich Mephistopheles und dient Faust gemäß dem Vertrag. „Er verschafft ihm auch einen Famulus, Christoph Wagner mit Namen, und den wunderbar gelehrigen Pudel Prästigiar.“ Faust frönt fortan dem Genuss. Er beginnt zu reisen und „seine magischen Künste“ zu zeigen. In Leipzig reitet er auf einem Weinfass aus Auerbachs Keller, in Erfurt zapft er Wein aus einer Tischplatte, er besucht den Hof des Papstes in Rom, den Sultan in Konstantinopel, den Kaiser in Innsbruck und den Grafen von Anhalt. Nach 16 Jahren bereut er den Vertrag und will ihn aufheben, doch der Teufel schließt einen erneuten Pakt mit ihm. Er verschafft ihm Helena aus Griechenland, mit der Faust einen Sohn namens Justus zeugt, unter der Auflage, dass beide mit Faust sterben müssten. Darum bestimmt Faust seinen Famulus zu seinem Erben. Am letzten Tag der 24 Jahre erscheint „Satan, der Oberste der Teufel“ ihm in furchterregender Gestalt und kündigt ihm für die kommende Nacht den Tod an. Zweimal verhindert Mephistopheles den Suizid des Verzweifelten. Den letzten Abend verbringt er im Dorf Rimlich in der Gesellschaft seiner Freunde. Er bewirtet sie, „ermahnt sie zur Buße und Frömmigkeit“ und nimmt Abschied von ihnen. Zwischen Mitternacht und ein Uhr zieht ein starker Sturm auf. In Fausts Zimmer entsteht „ein Höllenlärm“. Am nächsten Morgen finden die Freunde die Wände im Zimmer mit Blut und Hirnmasse bespritzt, Fausts Augen liegen auf dem Boden, sein Leichnam im Hof „auf dem Miste“. Er wird „in aller Stille“ begraben.

In Johann Spies' Historia von D. Johann Fausten aus dem Jahr 1587, der ersten veröffentlichten schriftlichen Niederlegung der Faustsage, findet der Abschiedsabend in einem Wirtshaus statt, die Freunde sind Studenten und übernachten im Haus „nahe bei der Stuben, da D. Faustus innen war“. Es erhebt sich mit dem Sturm ein lautes Getöse, der Wirt flieht, die Studenten hören Faust „um Hülf und Mordio zu schreien, aber kaum mit halber Stimm.“ Später wird es still, doch die Studenten wachen die ganze Nacht. Am Morgen gehen sie in die Stube „darinnen D. Faustus gewesen war.“ Auch hier kleben Blut und Hirnmasse an der Wand, „weil ihn der Teufel von einer Wand zur andern geschlagen hatte.“ Sie beweinen Faust „und suchten ihn allenthalben. Letztlich aber funden sie seinen Leib heraußen bei dem Mist liegen, welchher greulich anzusehen war, dann ihm der Kopf und alle Glieder schlotterten.“[3]

Der historische Faust

Johann „Doktor“ Faust

Das Problem, das sich bei der Betrachtung des historischen Faust stellt, ist die geringe Anzahl verfügbarer Quellen. Insgesamt gibt es nur neun Dokumente, auf die man sich beziehen kann. Diese enthalten größtenteils auch nur wenige und von den jeweiligen Autoren subjektiv eingefärbte und widersprüchliche Informationen.

Unklare Herkunft

Nach nicht gesicherten Quellen kommen als Geburtsort das baden-württembergische Knittlingen, aber auch Helmstadt bei Heidelberg oder das thüringische Roda (heute Stadtroda) in Frage. In Knittlingen befinden sich heute ein umfangreiches Faust-Archiv und ein Museum.

Auch das genaue Geburtsjahr ist umstritten. Es wird entweder mit 1480 oder 1481, aber auch mit 1466 angegeben. Letzteres erscheint nach Forschungen von Frank Baron[4] wahrscheinlicher. In einem Brief eines Ingolstädter Gelehrten vom 27. Juni 1528 ist von einem „Doctor Jörg Faustus von Haidlberg“ die Rede.[5] In anderen Berichten wird ein „Georgius Faustus Helmstet(ensis)“ genannt, was Frank Baron den Hinweis gab, in den Archiven der Heidelberger Universität nach Studenten aus Helmstet zu suchen, wo er auf einen Georgius Helmstetter stieß. Dieser besuchte die Universität in Heidelberg von 1483 bis 1487. Auffällig ist dabei, dass er einer von zwei Studenten war, die sich weigerten, ihren Familiennamen anzugeben, was die Möglichkeit offen lässt, dass es sich dabei um Faust handelt. Falls es sich bei Georgius Helmstetter wirklich um den historischen Faust handelt, lägen einige Informationen über seinen Bildungsgang vor, da dieser Student am 12. Juli 1484 mit einem Bakkalaureat seinen Abschluss machte und am 1. März 1487 den Magistergrad erwarb.

Umstrittenes Wirken

Für die Zeit bis 1506 existieren keine gesicherten, sondern lediglich widersprüchliche Belege für Fausts Wirken. Belegt ist erst wieder ein Aufenthalt im Jahre 1506 in Gelnhausen als Vorführer magischer Kunststücke und Horoskopsteller. In den folgenden 30 Jahren erschien Faust in vielen Städten im süddeutschen Raum. Er trat auf als Arzt, Doktor der Philosophie, Wunderheiler, Alchemist und Wahrsager in einer Person. Viele sahen in ihm allerdings nur einen Betrüger und Hochstapler.

Besondere Anfeindung erfuhr er von der Kirche, die ihn als Teufelsbündler und Gotteslästerer bezeichnete. Diese und weitere Vorwürfe, etwa dass er in Kreuznach „mit Knaben die schändlichste Unzucht“ getrieben habe, finden sich in einem schon im Jahre 1507 verfassten Brief des Abtes Johannes Trithemius. Auch in einem Brief vom 7. Oktober 1513 von Conrad Mutianus Rufus, der Faust angeblich in einer Herberge getroffen hat, wird Faust negativ bewertet, indem er als „ein reiner Prahler und Narr“ bezeichnet wird.[6]

Es gibt allerdings auch Zeitdokumente, in denen Faust positiv dargestellt wird: Beispielsweise beschrieb ihn der Tübinger Professor Joachim Camerarius 1536 als einen ernst zu nehmenden Sterndeuter. Der Wormser Stadtarzt Philipp Begardi äußerte sich 1539 anerkennend zu Fausts Kenntnissen der Arzneikunst.

Am 23. Februar 1520 war Faust anscheinend in Bamberg, um dem Bischof der Stadt ein Horoskop zu erstellen. Dies geht aus den Rechenbüchern des Bischofs hervor, in denen es heißt „X. guld(en) geben und geschenckt Doctor Faustus ph(ilosoph)o […]“.[7]

Im Jahre 1528 besuchte Faust Ingolstadt, von wo er allerdings bereits nach kurzer Zeit verbannt wurde. Einigen Berichten zu Folge hielt er sich vier Jahre später in Nürnberg auf. Dies geht aus einem Kommentar des damaligen stellvertretenden Bürgermeisters hervor, welcher sich in den Archiven der Stadt befindet. Darin heißt es, „Doctor Faustus, dem großen Sodomiten und Nigromantico in furt glait ablainen [freies Geleit ablehnen]. Burgermeister iunior.“[8] (vgl. Nigromantie, Sodomiterverfolgung)

Am 25. Juni 1535 wird Faust in der belagerten Stadt Münster das letzte Mal in Quellen erwähnt. Über den Hintergrund seines Aufenthalts in der Stadt wie auch über seinen Verbleib nach der Einnahme ist nichts bekannt.

Tod

Inschrift am Gasthaus Löwen in Staufen

Fausts Tod wird auf die Jahre 1540/41 datiert. Er soll im „Hotel zum Löwen“ in Staufen im Breisgau bei chemischen Experimenten infolge einer Explosion umgekommen sein. Faust soll versucht haben, Gold herzustellen. Sein Leichnam wurde in „grässlich deformiertem Zustand“ vorgefunden. Man schloss daraus, dass der Teufel höchstpersönlich sich seiner Seele bemächtigt habe.

In der Zimmerischen Chronik schreibt Froben Christoph von Zimmern um 1564:

„Es ist auch umb die zeit“ – gemeint ist der Reichstag in Regensburg 1541 – „der Faustus zu oder doch nit weit von Staufen, dem stetlin im Breisgew, gestorben. Der ist bei seiner zeit ein wunderbarlicher nigromanta gewest, als er bei unsern zeiten hat mögen in deutschen landen erfunden werden, der auch sovil seltzamer hendel gehapt hin und wider, das sein in vil jaren nit leuchtlichen wurt vergessen werden. Ist ain alter mann worden und, wie man sagt, ellengclichen gestorben. Vil haben allerhandt anzeigungen und vermuetungen noch vermaint, der bös gaist, den er in seinen lebzeiten nur sein schwager genannt, hab ine umbbracht.
„Die büecher, die er verlasen, sein dem herren von Staufen, in dessen herrschaft er abgangen, zu handen worden, darumb doch hernach vil leut haben geworben und daran meins erachtens ein sorgclichen und unglückhaftigen schatz und gabe begert. Den münchen zu Lüxhaim im Wassichin hat er ain gespenst in das closter verbannet, desen sie in vil jaren nit haben künden abkommen und sie wunderbarlich hat molestirt, allain der ursach, das sie ine einsmals nit haben wellen übernacht behalten, darumb hat er inen den unrüebigen gast geschafft …“[9]

Hier spiegelt sich die zeitgenössische Ambivalenz zu dieser neuen wissenschaftlichen Beschäftigung wieder. Froben Christoph hatte bei seinen Studien in Frankreich selbst heimlich alchemistische Experimente betrieben und sich auch entsprechende Literatur besorgt, andererseits konnte er dies mit seinen Glaubensgrundsätzen nicht vereinbaren und beendete diese Forschungen wieder. Was wir heute als Aberglauben bezeichnen, dass Geister und Gespenster heraufbeschworen werden könnten, war Überzeugung. In einem späteren Nachtrag, die Chronik blieb unvollendet, bleiben zwar noch die Glaubenszweifel, aber die Gespenstergeschichten entfallen:

„Das aber die pratik solcher kunst nit allain gottlos, sonder zum höchsten sorgclich, das ist unlaugenbar, dann sich das in der erfarnus beweist, und wissen, wie es dem weitberüempten schwarzkünstler, dem Fausto, ergangen. Derselbig ist nach vilen wunderbarlichen sachen, die er bei seinem leben geiebt, darvon auch ain besonderer tractat wer zu machen, letzstlich in der herrschaft Staufen im Preisgew in großem alter vom bösen gaist umbgebracht worden.“[10]

Mit der zeitlichen Entfernung vom realen Ereignis wurden die Darstellungen über sein Leben und Sterben immer dramatischer. Das dramatische Ende Fausts kam seinen geistlichen und gelehrten Widersachern sehr entgegen. Sowohl die katholische Kirche als auch die protestantischen Geistlichen sahen in ihm einen Gegner ihres Glaubens. Letztere verdammten ihn sogar als Teufelsbündler. Für Gelehrte und offiziell zugelassene Ärzte war er ein Konkurrent, der ihnen Hörer bzw. Patienten abwarb.

Eine abschließende Bewertung der historischen Faustgestalt erweist sich als schwierig. In der heutigen Faust-Forschung wird er größtenteils als hochintelligenter Autodidakt gesehen, der seine Fähigkeiten spektakulär darstellte und geschäftstüchtig nutzte.

Faust als literarische Figur

Renaissance und Barock

Nach 1600, als der Wunderglaube abnahm, wurde das Interesse gegenüber Fausts "Höllenzwängen" ein literarisches. Als Sinnbild eines Menschen, der sich aus mittelalterlicher Demut befreit, dessen Selbstbewusstsein aber in Hybris umschlägt, wurde Faust seit der Renaissance zu einem beliebten Vanitas-Symbol. Das lückenhafte Wissen über den historischen Faust und sein spektakuläres Ende begünstigten Legendenbildungen um seine Person und ließen Schriftstellern, die sich mit seinem Leben befassten, einigen Handlungsspielraum.

Titelseite des Volksbuchs
Fassung von 1695

Ein erstes umfassendes Werk, das sich mit dem Leben Johann Fausts befasste, erschien im Jahre 1587. Der Buchdrucker Johann Spies veröffentlichte die Historia von D. Johann Fausten, auch bekannt als Volksbuch. Es enthält eine Vielzahl von Geschichten und Anekdoten, viele mit legendenhaften Elementen. Spies berichtet von Fausts Theologie- und Medizinstudium, seiner Beschäftigung mit der Zauberei und von seinem Bündnis mit dem Teufel, der Faust schließlich mit in die Hölle nimmt. Deutlich ist die christliche Einstellung des Autors zu erkennen. Das Buch vermittelt ein negatives Faustbild und eine Ermahnung zu gottesfürchtigem Leben. Es erlangte große Bekanntheit. Zwischen 1588 und 1611 wurde es ins Englische, Niederländische, Französische und Tschechische übersetzt. Der Fauststoff gelangte so auch ins Ausland.

1589 schuf der Engländer Christopher Marlowe eine dramatisierte Version der „Historia“. Die tragische Historie vom Doktor Faustus enthält all ihre wesentlichen Stoffelemente. Die Faustfigur trägt aber deutliche Züge einer Renaissancegestalt. Faust verlangt anmaßend die Macht über die Welt und verachtet die Theologie und ihre Jenseitsorientierung. Er verschreibt sich der Magie und dem Teufel, was auch hier zu seinem bösen Ende führt. Trotzdem ist bei Marlowe deutlich die Sympathie für seinen Protagonisten erkennbar. Es ist die erste Faustbearbeitung, die der Figur des Faust positive Aspekte abgewinnt.

Marlowes Drama wurde um 1600 von englischen Schauspielergruppen nach Deutschland gebracht und von deutschen Schauspielern übernommen. In der folgenden Zeit wurde es allerdings zerspielt und auf komische Elemente reduziert. Faust wurde zu einer komischen Figur, vergleichbar mit dem Kasperl der Stegreifkomödie.

Zwischen Witzfigur und dämonischem Ungetüm bewegen sich die Faust-Figuren der zahlreichen Bühnenfassungen des Stoffs. Oft dienen sie als Vorwand zu einem Zirkus-Spektakel zwischen Puppenspiel, Dressur, Ballett und Feuerwerk.

Der Augsburger Schausteller Rudolf Lang zog mit einer Hundenummer zum Thema Faust 1717–21 durch Österreich und Deutschland und musste sich einmal ernsthaft gegen den Vorwurf der Hexerei verteidigen. (Die Rede von „des Pudels Kern“ in Goethes Faust I bezog sich noch auf ein erfolgreiches Bühnenstück mit einem dressierten Hund, dessen Aufführung in Weimar von Goethe verhindert wurde.)

Berühmt sind die beiden englischen Faust-Pantomimen zu Beginn des 18. Jahrhunderts: Necromancer von John Rich und Doctor Faustus von John Thurmond (beide London 1723). Sie sind eine Sammlung von Vanitas-Motiven: Verträge, Prognosen, Musik, Tanz, Geldverleih, Prostitution, heidnische Antike werden unter dem Motto der Nichtigkeit und Vermessenheit bunt zusammengestellt.

Josef Anton Stranitzky setzte in seiner Dramatisierung von 1725 der Faust-Figur den Wiener Hanswurst gegenüber.

Seit 1750

An der Verwendung des Fauststoffs lässt sich eine zunehmende Scheidung zwischen Hochkultur und Populärkultur ablesen. Im Zeitalter der Aufklärung begannen die Versuche, die Faust-Figur zu rechtfertigen und grundsätzlich aufzuwerten. Gotthold Ephraim Lessing veröffentlichte 1759 in seinem „17. Literaturbrief“ einige Szenen eines von ihm geplanten Faust-Dramas. Faust wird hier als ein nach Erkenntnis strebender Renaissancemensch dargestellt. Aufgrund eben dieses Strebens nach Wissen wird er vor dem Teufelspakt bewahrt. Lessing vollendete dieses Werk nie. Ein anderes Schwergewicht hatten die Aufwertungsversuche seit 1775 in der Epoche des „Sturm und Drang“. Viele junge Dichter befassten sich mit der Thematik. Faust verkörperte bei ihnen den Willen zum geistig-sinnlichen Abenteuer in einer eintönigen, überzivilisierten und naturfremden Welt.

In der Populärkultur gibt es parallel dazu immer noch die alte, durchwegs negativ gemeinte Faust-Figur: In Hamburg etwa führt ein Pyrotechniker namens Girandolini 1785 ein musikalisch-physikalisches Freilichtspektakel Doctor Fausts Höllenfarth auf. Ebenso wurde diese ältere Bedeutung des Fauststoffes für aufklärerische Satiren benutzt. Friedrich Maximilian Klingers Roman Fausts Leben (1791) ist eine Mischung aus Aufklärungssatire und Sturm-und-Drang-Novelle.

Ary Scheffer: Faust et Marguerite. – Die französischen Versionen des Fauststoffs seit Gounods Oper legen ihr Schwergewicht meist auf die Gretchentragödie.

Bruchlos geht diese Tradition ins Bühnenmelodram des 19. Jahrhunderts über. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang sind Ferdinand Kringsteiners Johann Faust (1811) und Ernst August Klingemanns Faust (1816) als populäre Schauerdramen. Noch Louis Spohr suchte im Stoff für seine Oper Faust (1818) eher einen reißerischen Aufhänger für seine Musik als einen bedeutenden Inhalt. Dass man die Vanitas-Symbolik im 19. Jahrhundert nicht mehr ernst nehmen konnte, zeigt sich in Travestien wie derjenigen von Franz Xaver Gewey 1815: Die Gegenstände in Fausts Studierstube, Totenköpfe, Skelette, Folianten, Waffen, Himmelskugeln, Landkarten beginnen sich dort wie in einem Disney-Film zu bewegen und im Chor zu singen.

In der neueren Rezeptionsgeschichte hat allerdings die Nobilitierung der Faustfigur ihre ältere Bedeutung verdrängt, obwohl sie in der Populärkultur unverändert präsent war. 1808 erschien Goethes Faust. Der Tragödie erster Teil. Goethe versuchte, dem Stoff seinen Pessimismus zu nehmen. Er gab seinem Faust ein zaghaft hoffnungsvolles Ende, ohne sich dem Religiösen auszuliefern. Dieses Werk wurde zum wichtigsten der gesamten Faustdichtung. Der 1832 veröffentliche zweite Teil ist eher ein kulturkritischer Essay als ein Bühnenstück. Goethe beschäftigte sich insgesamt fast 60 Jahre lang mit dem Fauststoff. Er stellte Faust als Renaissancemenschen und Humanisten dar, als einen modernen Intellektuellen, der sich aus kirchlicher Bevormundung befreit hat.

Die Goethe-Parodie von Friedrich Theodor Vischer Faust. Der Tragödie dritter Teil (1862) konnte sich nicht durchsetzen. Der Fauststoff blieb dennoch auf der Ballett- und Opernbühne in zahlreichen Versionen präsent. Am berühmtesten wurde Charles Gounods schwärmerisch-empfindsamer Faust von 1859. Aus Pietät gegenüber Goethe nannte man die Oper im deutschen Sprachgebiet Margarethe. Noch das „erste“ US-amerikanische Musical The Black Crook (1866) nimmt den Fauststoff als Aufhänger zu einem unterhaltenden Bühnenspektakel.

Die Verschärfung der Faust-Figur ins "Faustische", wie sie seit dem Fin de siècle vor allem mit nationalistischem Unterton üblich wurde, lässt sich nicht auf Goethe zurückführen. In diesem Zusammenhang stehen Oswald Spenglers unheilvolle Aussagen über die "faustische Kultur" in Der Mensch und die Technik (1931). Geglückte und misslungene deutsche Vergangenheitsbewältigung begegnen sich bei der Behandlung des Fauststoffs auf irritierende Weise, wie die germanistische Karriere von Hans Ernst Schneider gezeigt hat.

Im 20. Jahrhundert prägte der endgültige Untergang des Ancien Régime und die Erfahrung der Weltkriege die Beschäftigung mit dem Fauststoff. Heinrich Mann schuf in Professor Unrat (1905) wiederum eine negative, anmaßende und lächerliche Faust-Figur. Sein Bruder Thomas Mann knüpft mit seinem 1947 erschienenen Roman Doktor Faustus an die „Historia“ von 1587 an. Er verlegt die Handlung in die Zeit ab 1900 und übt mit der Figur des Faust Kritik an der bürgerlichen Klasse Deutschlands. Michail Bulgakows Satire Der Meister und Margarita parodiert das Leben im Sowjetreich. In Hanns Eislers unvertont gebliebenem Opernlibretto Johann Faustus von 1952 vertritt Faust die Rechte der Unterdrückten in den Bauernkriegen um 1525.

Ebenfalls im 20. Jahrhundert erlebte die Faustfigur im Puppenspiel eine Wiederbelebung, nachdem das Puppentheater durch die Hohnsteiner Puppenbühne unter Max Jacob von der Jahrmarktsunterhaltung zur anerkannten Theaterform aufgestiegen war. Prominente Autoren und Spieler von Faust-Puppenspielen waren neben Max Jacob Friedrich Arndt (Hohnsteiner Kasper), Walter Büttner (Der Heidekasper) und Otto Schulz-Heising (Ulenspeegel Puppentheater). Heute noch zeigen verschiedene traditionsbewusste Puppenspieler ein Faust-Spiel, z.B. Gerd-Josef Pohl (Piccolo Puppenspiele), Andreas Blaschke (Figurentheater Köln), Harald Sperlich (Hohenloher Figurentheater) und Stefan Kügel (Theater Kuckucksheim).

Interessant ist, dass sich die charakteristischen Elemente des Fauststoffs, wie der Teufelspakt oder Fausts Erkenntnisstreben, auch seine amourösen Bestrebungen, die ihn in die Nähe der Don-Juan-Figur rücken, in den unterschiedlichen Darstellungen der verschiedenen Zeitepochen erhalten haben – über Faust als Scharlatan im Mittelalter bis zum Gelehrten der Neuzeit, der nach Vollkommenheit seines Wissens strebt.

Werke mit Bezug zu Faust

Schriften, Erzählungen

Siehe auch: Liste magischer Schriften

  • Dr. Fausts vierfacher Höllenzwang (1501)
  • Fausts dreifacher Höllenzwang (1501)
  • Dr. Fausts Mirakel, Kunst und Wunderbuch (1504)
  • Fausts Höllenzwang (1509)
  • Johannis Fausti Manual Höllenzwang (Wittenberg 1524)
  • Praxis Magia Fausti (Passau 1527)
  • Johann Spies: Historia von D. Johann Fausten. (1587)
  • Das Wagnerbuch von (1593)
  • Das Widmann'sche Faustbuch von (1599)
  • Dr. Fausts großer und gewaltiger Höllenzwang (Frankfurt 1609)
  • Dr. Johannes Faust, Magia naturalis et innaturalis (Passau 1612)
  • Das Pfitzer'sche Faustbuch (1674)
  • Dr. Fausts großer und gewaltiger Meergeist (Amsterdam 1692)
  • Das Wagnerbuch (1714)
  • Faustbuch des Christlich Meynenden (1725)

Dramen

Musik

Film

Literatur

  • Frank Baron: Dr. Faustus: From History to Legend. München: Fink 1978. ISBN 3770515390
  • Frank Baron: Faustus on Trial. The Origin of Johann Spies's Historia in an Age of Witch-hunting. Tübingen: Niemeyer 1992. ISBN 3484365099
  • Fritz Brukner, Franz Hadamowsky: Die Wiener Faust-Dichtungen von Stranitzky bis zu Goethes Tod. Wien 1932.
  • Horst Jesse: »Faust« in der bildenden Kunst. München: Utz 2005, ISBN 3-8316-1202-1
  • Carl Kiesewetter: Faust in der Geschichte und Tradition. Leipzig: Spohr 1893. Nachdruck Hildesheim: Olms 1963
  • Günther Mahal: Faust: Untersuchungen zu einem zeitlosen Thema. Neuried: ars una 1998 (Abdruck der Dokumente über Faust mit Erläuterungen). ISBN 3893913068
  • Günther Mahal: Faust. Die Spuren eines geheimnisvollen Lebens. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1995. ISBN 3499137135
  • Andreas Meier: Faustlibretti. Geschichte des Fauststoffs auf der europäischen Musikbühne […]. Frankfurt am Main: Lang 1990. ISBN 363142874X
  • Frank Möbius (Hrsg.): Faust: Annäherung an einen Mythos. Ausstellungskatalog. Göttingen: Wallenstein 1995.
  • Karl Theens: Faust auf dem Puppentheater. Knittlingen 1957.
  • Karl Theens: Geschichte der Faustgestalt vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Meisenheim 1948.

Weblinks

Quellen

  1. die Zimmerische Chronik, Band 3, Seite 529 schreibt um die Zeit des Regensburger Reichstags. Da die Zimmern im Kontext bereits als Grafen benannt sind, muss dies nach 1538 sein. Da Froben Christoph von Zimmern noch unverheiratet ist vor 1544. Es kommt also nur der Reichstag 1541 in Frage
  2. Richard Stecher: Erläuterungen zu Goethes „Faust“ I. Teil; erschienen in: Dr. Wilhelm Königs Erläuterungen zu den Klassikern. 21–21a Bändchen (Doppelheft). Leipzig: Hermann Bayer Verlag, o.J.10
  3. Beilage zum Reclam-Heft: Johann Wolfgang Goethe Faust. Der Tragödie erster Teil. 1987, Philipp Reclam jun., Stuttgart.
  4. siehe Baron: Faustus on Trial. The Origin of Johann Spies’s Historia in an Age of Witch-hunting
  5. Stadtarchiv Ingolstadt: Ingolstädter Ratsprotokolle
  6. siehe Kiesewetter: Faust in der Geschichte und Tradition, Bd 1; S. 3
  7. siehe Baron: Doctor Faustus from History to Legend; S. 42
  8. Staatsarchiv Nürnberg: Nürnberger Ratserlasse, Nr. 870f., 12
  9. Zimmerische Chronik, Band 3, Seite 529
  10. Zimmerische Chronik, Band 1, Seite 577. Dass die spätere Version in Band 1 zu finden ist, ist auf die Edition Baracks im 19. Jhd. zurückzuführen
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