Johannesbau

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Risszeichnung des Johannesbau, Ansicht gegen Fuchsstraße.
Längsschnitt durch den Johannesbau in München mit Synthese der Skizzen Rudolf Steiners (1911/12); signiert mit "C. Sch[mid-Curtius]"
Grundriss des geplanten Johannesbaus in München.
Grundriss des ersten Goetheanums in Dornach.

Der Johannesbau, der in München an der Ungererstraße in Schwabing errichtet werden sollte, war vor allem als Veranstaltungsstätte für die Mysteriendramen Rudolf Steiners und für Eurythmieaufführungen geplant. Der Name des Baus leitet sich von Johannes Thomasius, dem Protagonisten der Mysteriendramen Steiners, ab. Die Anregung zum Bau kam von Mieta Waller, die 1908 Marie Steiner vorschlug, „dem Worte Rudolf Steiners einen Tempel zu bauen“ (Lit.: Lindenberg 1988, S 271).

Der Johannesbau sollte bereits, wie später das Goetheanum, als Doppelkuppelbau ausgeführt werden, nach einer Idee, die Steiner erstmals schon 1908 gefasst hatte. Mit der Planung wurde der Architekt Carl Schmid-Curtius (1884–1931) betraut, der dann auch bis 1914 der erste Architekt des Goetheanums in Dornach war. Auf Forderung der Münchner Behörden und wegen des Widerstands der Kiche, der umliegenden Anwohner und auch der Münchner Künstlerschaft mussten die Entwürfe immer wieder umgearbeitet werden. Am 12. Januar 1913 wurde das Bauvorhaben schließlich durch den Staatsminister des Inneren Maximilian von Soden-Fraunhofen aufgrund „schönheitlicher Standpunkte“ abgelehnt. Nachdem auch der Einspruch gegen diesen Entscheid am 6. Oktober 1913 abgelehnt worden war, wurde das Bauvorhaben in München endgültig aufgegeben.

"Sie wissen, daß vom Jahr 1909 ab in München unsere Arbeit mit der Vorführung gewisser Mysterienspiele verknüpft ist, die künstlerisch-dramatisch zur Anschauung bringen sollten, was als Kräfte in unserer Weltanschauung wirkt. Dadurch gruppieren sich um die künstlerischen Darstellungen in München Vortragszyklen herum, die immer sehr stark besucht wurden, und dadurch entstand dann bei unseren Münchner Freunden die Idee, ein eigenes Haus für unsere Geistesbestrebungen in München zu schaffen. Nicht von mir, sondern von Münchner Freunden ist das ausgegangen. Das bitte ich Sie festzuhalten. Der Bau ist wirklich ausgegangen von der Betrachtung des Raummangels bei einer gewissen Anzahl unserer Freunde, und es ist ganz selbstverständlich, daß man daran denken mußte, wenn überhaupt der Gedanke vorhanden war, einen solchen Bau aufzuführen, diesen Bau auch gemäß unserer Weltanschauung zu gestalten. In München sollte er dann so gehalten sein, daß er eigentlich nur den Gedanken einer Innenarchitektur notwendig gemacht hätte. Denn der Bau sollte umgeben sein von einer Anzahl von Häusern, die bewohnt worden wären von Freunden, welche die Möglichkeit gehabt hätten, sich dort anzusiedeln. Diese Häuser hätten den Bau umrahmt, der möglichst unansehnlich hätte aussehen können, weil man ihn unter den Häusern nicht gesehen hätte. So war der ganze Bau als Innenarchitektur gedacht. Innenarchitektur in solchem Falle hat nur einen Sinn, wenn sie eine Umrahmung, eine Einfassung dessen ist, was drinnen geschieht. Aber sie muß es künstlerisch sein. Sie muß wirklich das - nicht jetzt abbilden, sondern künstlerisch zum Ausdruck bringen, was dadrinnen geschieht. Deshalb habe ich vielleicht trivial, aber doch nicht unzutreffend, den Architekturgedanken unseres Baues immer mit dem Gedanken eines «Gugelhupfs», eines Topfkuchens, verglichen. Den Kuchentopf macht man, daß der Kuchen darin gebacken werden kann, und die Form, der Gugelhupftopf, ist dann richtig, wenn sie den Kuchen in richtiger Weise umfaßt und werden läßt. Dieser «Gugelhupftopf» ist hier die Umrahmung des ganzen Betriebes unserer Geisteswissenschaft, unserer geisteswissenschaftlichen Kunst und alles dessen, was drinnen gesprochen und gehört und empfunden wird. Dies alles ist der Kuchen, und alles andere ist der Topf, und das mußte in der Innenarchitektur zum Ausdruck kommen. So mußte zunächst die Innenarchitektur gedacht sein. Nun, die Sache war gedacht. Aber wir haben, nachdem wir uns verschiedene Mühe gegeben haben, die Sache so herzustellen auf dem Platz, der auch in München schon erworben war, den Widerstand nicht der Polizei oder politischen Behörden, sondern der Münchner Künstlerschaft zunächst gefunden - und zwar in einer solchen Weise, daß man erfahren konnte: den Leuten ist es nicht recht, was wir da nach München hineinsetzen wollen; aber was sie selbst wollten, sagten sie nicht. Daher hätte man immer neue Veränderungen vornehmen können, und es hätte so jahrzehntelang fortgehen können. Da sahen wir uns denn veranlaßt, eines Tages von der Idee, die Sache in München zu realisieren, abzusehen und einen Baugrund in Solothurn, den uns einer unserer Freunde zur Verfügung stellte, zu benutzen. Dadurch kam die Sache so zustande, daß im Kanton Solothurn, also in Dornach bei Basel auf einem Hügel der Bau in Angriff genommen wurde. Damit fielen die umlagernden Häuser fort, der Bau mußte von allen Seiten sichtbar sein. Und dann entstand der Trieb, man hatte den Eifer bekommen, die Sache rasch zu machen. Und ohne nun den fertigen Gedanken, der für die Innenarchitektur berechnet war, vollständig umzudenken, war es mir dann nur möglich, daß ich die Außenarchitektur zu verbinden versuchte mit der schon entworfenen Innenarchitektur. Dadurch sind mancherlei Mängel in den Bau hineingekommen, die ich besser kenne als sonst irgend jemand. Aber das ist nicht die Hauptsache. Die Hauptsache ist, daß einmal in der Weise, wie ich es angedeutet habe, mit einer solchen Sache ein Anfang gemacht worden ist." (Lit.: GA 181/III, S 34ff)

Nachdem Steiner das Baugelände in Dornach in der Schweiz geschenkt worden war, wurde statt dessen dort das erste Goetheanum errichtet, wozu die ursprünglichen Baupläne des Johannesbaus entsprechend modifiziert wurden. Nun gab es auch die Möglichkeit, zwei Seitenbauten hinzuzufügen, die den Bau zur Kreuzform erweiterten.

Modell des geplanten Johannesbaus in München.

Der Münchner Johannesbauverein

Zur Planung und Ausführung des Johannesbaus wurde 1911 der Münchner Johannesbauverein gegründet, der 1913, nachdem das Bauvorhaben in München aufgegeben werden musste, mit dem in Dornach zur Errichtung des ersten Goetheanums gegründeten zweiten Johannesbauverein verschmolzen wurde.

Literatur

  1. Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner. Eine Chronik, Stuttgart: Freies Geistesleben 1988, ISBN 3-7725-0905-3
  2. Rudolf Steiner: Erdensterben und Weltenleben. Anthroposophische Lebensgaben. Bewußtseins-Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft, GA 181 (1991), Sechzehnter Vortrag, Berlin, 3. Juli 1918
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
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