Kaspar Hauser

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Kaspar Hauser, Pastell von J. F. C. Kreul, ca. 1830. Zu erkennen sind Hausers Narben auf der Stirn und an der rechten Schläfe, die von der 1829 erlittenen Schnittwunde bzw. dem „Pistolenunfall“ von 1830 stammten.

Kaspar Hauser (* 29. September 1812; † 17. Dezember 1833 in Ansbach) wurde in der Biedermeierzeit als „rätselhafter Findling“ bekannt.

Hauser tauchte am 26. Mai 1828 in Nürnberg als etwa 16-jähriger, geistig anscheinend zurückgebliebener und wenig redender Jugendlicher auf. Durch seine späteren Aussagen, dass er, solange er denken könne, bei Wasser und Brot immer ganz allein in einem dunklen Raum gefangen gehalten worden sei, erregte er internationales Aufsehen. Bei buchstäblichem Verständnis sind Hausers Angaben mit den Kenntnissen der modernen Medizin nur schwer zu vereinbaren.

Ein zeitgenössisches Gerücht kolportierte, Hauser sei der 1812 geborene Erbprinz von Baden, den man gegen einen sterbenden Säugling getauscht und beiseite geschafft habe, um einer Nebenlinie des badischen Fürstenhauses die Thronfolge zu ermöglichen. In der geschichtswissenschaftlichen Literatur ist diese „Prinzenlegende“ auf Grund später publizierter Dokumente und Augenzeugenberichte über den Tod des Prinzen umstritten. Eine wegen zahlreichen Vorwegannahmen, sehr zweifelhafte, wissenschaftlich publizierte Genanalyse aus dem Jahr 1996 zeigte, dass eine Hauser zugeschriebene Blutprobe nicht vom badischen Erbprinzen stammen soll[1]. Eine weitere Genanalyse aus dem Jahr 2002 erbrachte den Gegenbeweis[2].

Leben

Der junge Kaspar Hauser, getuschte Federzeichnung von Johann Georg Laminit (1775–1848)

Die Geschichte des Kaspar Hausers

Kaspar Hauser war ein Findelkind, das im Mai 1828 zum ersten Mal in Nürnberg auftauchte. Zu diesem Zeitpunkt war HAUSER ca. 16 Jahre alt.

Das Findelkind wird noch im Mai vom Magistrat verhört. Er kann kaum gehen, kaum sprechen, sagt nur: "Ä sechtene möcht ih wähn, wie mei Vottä wähn is" (bedeutet etwa: Ich möchte ein solcher werden, wie mein Vater es war), "Woas nit," "Hoam weissä".

Als man ihm Papier und Feder gibt, schreibt er den Namen "KASPAR HAUSER" auf das Stück Papier. Der Magistrat sperrt den Jungen zunächst in einen Gefängnisturm. Hier kümmerte sich ein Wärter um den Jungen. Da er selbst Kinder hatte, erkannte er, dass der Junge sich trotz seiner körperlichen Entwicklung geistig auf der Stufe eines Kleinkindes befand. Der Wärter nahm Kaspar Hauser auch mit nach Hause zu seiner Familie. Kaspar lernte hier auf einem Stuhl zu sitzen, seine Hände zu gebrauchen und neue Wörter zu sprechen.

Kaspar Hauser – Ausstellungsgegenstand

Die Nachricht über "den Wilden, der in einem Loch gefangen gehalten worden war" verbreitete sich rasend schnell im ganzen Land und über die Landesgrenzen hinweg. Von überall kommen die Leute, ob reich oder arm, ihn im Turmzimmer zu begaffen. Sie wollen sein außergewöhnliches Gedächtnis prüfen, ihn anschauen, ihn zum Sprechen bewegen. Kaspar malte mit Leidenschaft und klebte seine Bilder mit seinem Speichel an die Wände seines Turmzimmers. Das erfreute die Besucher natürlich sehr.

An seinem Verhalten wurde bald klar, dass der ganze Rummel um seine Person zu viel für den Jungen war. Es kam zu physischen Reaktionen wie Gesichtszuckungen, Zittern, Schweißausbrüchen, Epilepsie ähnlichen Anfällen und Fieber. Einen dieser Anfälle erlebte der Präsident des Obersten Gerichtshofs Anselm von Feuerbach mit. Er kannte die Geschichte von Kaspar Hauser inzwischen gut und sah nun, wie der Junge unter all den Besuchern litt. Er setzte sich sofort für ein Besuchsverbot ein, das vom Magistrat auch bewilligt wurde.

Ausbildung bei Daumer

Kaspar siedelte dann am 18. Juli 1828 in das Haus des Nürnberger Gymnasialprofessor Georg Friedrich Daumer über und lebte dort einige Zeit. Daumer lehrte ihn lesen, schreiben, rechnen und reiten. Dabei gehen langsam seine nachtseherischen und telepathischen Fähigkeiten verloren. Kaspar fühlte sich dort sehr wohl und lernte gut. Daumer ist über Kaspars Fähigkeiten erstaunt und führte einige Tests und Untersuchungen mit ihm durch, die er natürlich auch seinen Kollegen zeigen wollte. Daher lud er diese in sein Haus ein. Kaspar musste dann jeweils einige Tests über sich ergehen lassen.

Attentate und Umzüge

Im Oktober (17.10.1829) wird ein erstes Attentat auf Hauser verübt und er wird dabei schwer verletzt. Von da an bewachen zwei Polizeibeamte ihn rund um die Uhr. Im Januar 1830 zog Kaspar dann in das Haus des Magistrates Biberbach um. Die Frau des Magistrates beaufsichtigte ihn und sie war wohl auch der Grund, dass sich Kaspar nicht so wohlfühlte wie im Hause Daumers.

Nach einem Unfall mit einer Waffe, die Kaspar zu seiner Verteidigung erhalten hatte, übersiedelte er in das Haus seines Vormundes Gottlieb Freiherr von Tucher.

Im Mai 1832 lernt Lord Stanhope Kaspar kennen. Sie freunden sich an und Lord Stanhope will ihn mit auf sein Schloss in England nehmen. Er wird im November neuer Vormund von Kaspar. Am selben Tag (29. November 1832) zieht Kaspar Hauser von Nürnberg nach Ansbach. Er wohnt erst bei Anselm von Feuerbach und später bei seinem neuen Lehrer Johann Georg Mayer. Von dem zwielichtigen Lord hört Kaspar nichts mehr.

Mayer unterrichtet Kaspar und mithilfe Feuerbachs beginnt er eine Ausbildung als Gerichtsschreiber.

Ein zweites Attentat, das am 14.12.1833 im Ansbacher Hofgarten auf Kaspar Hauser verübt wird, übersteht er nicht. Er erliegt den Stichverletzungen. Im "Nürnberger Korrespondenten" erscheint folgende Todesanzeige: " ...Kaspar Hauser, mein geliebter Kurand, ist nicht mehr. Er starb zu Ansbach, gestern nacht um 10 Uhr an den Folgen der am 14. ds. Mts. durch einen Mäuchelmörder erlittenen Verletzungen. Ihm, dem Opfer greulvoller elterlicher Unnatur, sind nun die Rätsel gelöst, an welche die Vorsehung sein trauriges Dasein geknüpft hatte. Im ewigen Frühling jenseits wird der gerechte Gott ihm die gemordeten Freuden der Kindheit, die untergrabene Jugend und die Vernichtung für ein Leben, das ihn erst seit 5 Jahren zum Bewußtsein des Menschen erhoben hatte, reich vergelten. Friede seiner Asche! Nürnberg, am 18.Dezember 1833 Binder, 1.Bürgermeister..."[3]

Auf dem Ansbacher Stadtfriedhof befindet sich ein Grabstein mit folgender Aufschrift: "Hic iacet Casparus Hauser. Aenigma sui temporis. Ignota natavitas. Oculta mors." - "Hier ruht KASPAR HAUSER – Ein Rätsel seiner Zeit, unbekannt die Herkunft, mysteriös der Tod."[4]

Wer sich aus anthroposophischer Sicht mit dem Fall befassen möchte, der kommt an den bahnbrechenden Studien von Peter Tradowsky nicht vorbei.

Demnach handelt es sich bei Kaspar Hauser - trotz der 1996 mit großem publizistischem Aufwand platzierten Genanalyse - eindeutig um den badischen Erbprinzen.

Rudolf Steiner über Kaspar Hauser

„Der nicht hoch genug zu schätzende Professor Daumer hat diesen Fall gut beobachtet an jenem für viele so rätselhaften Menschen, der einmal auf geheimnisvolle Weise in diese Stadt hier hereinversetzt worden ist, und der auf ebenso geheimnisvolle Weise in Ansbach den Tod gefunden hat; derselbe, von dem ein Schriftsteller sagt, um das Geheimnisvolle seines Lebens anzudeuten, daß, als man ihn hinausgetragen hat, ein Tag war, wo an der einen Seite am Rande des Himmels die Sonne unterging und auf der entgegengesetzten Seite der Mond aufstieg. Sie wissen, daß ich von Kaspar Hauser rede. Wenn Sie absehen von allem Pro und Kontra, das in bezug auf diesen Fall geltend gemacht worden ist, wenn Sie nur auf das sehen, was unter allen Umständen belegt ist, so werden Sie wissen, daß dieser Findling, der einfach einmal da war auf der Straße, der, weil man nicht wußte, woher er gekommen war, das Kind Europas genannt worden ist, daß er nicht lesen, nicht rechnen konnte, als man ihn fand. Er hatte in einem Alter von zwanzig Jahren nichts von dem, was durch den Intellekt erworben wird, aber merkwürdigerweise hatte er ein wunderbares Gedächtnis. Als man anfing ihn zu unterrichten, als die Logik in seine Seele trat, schwand das Gedächtnis. Dieser Übergang im Bewußtsein war auch noch mit etwas anderem verbunden. Eine unbegreifliche, geradezu eingeborene Wahrhaftigkeit war ursprünglich in ihm, und gerade an dieser Wahrhaftigkeit wurde er immer mehr und mehr irre. Je mehr er an der Intellektualität naschen durfte, desto mehr schwand sie dahin.

Wir könnten manches studieren, wenn wir in diese Seele uns vertieften, die künstlich zurückgehalten worden war. Und gar nicht so unbegründet ist für denjenigen, der auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, die Volkstradition, die die gelehrten Leute von heute nicht glauben und die da berichtet, daß Kaspar Hauser, als er noch gar nichts wußte, noch gar keine Ahnung davon hatte, daß es Wesen außer ihm von verschiedener Gestalt gebe, daß er da eine merkwürdige Wirkung ausübte, wenn er mit ganz wütenden Tieren zusammengebracht wurde. Die wilden Tiere duckten sich und wurden ganz sanftmütig. Es strömte von ihm etwas aus, was bewirkte, daß solch ein Tier, das jeden anderen zornig anfiel, sanft wurde.“ (Lit.:GA 104, S. 19f)

„Es würde durchaus ein Fortschritt sein, wenn die Menschen - sie brauchen ja nicht bloß zu der Redensart zu kommen: es ist gutes und schlechtes Wetter, das ist sehr abstrakt -, wenn die Menschen wiederum dazu kommen würden, indem sie das oder jenes sich erzählen, nicht zu vergessen, was bei diesem oder jenem Ereignis, das erlebt worden ist, für Wetter war, für Erscheinungen überhaupt in der Natur waren.

Es ist dies außerordentlich interessant, wenn bei auffälligen Erscheinungen dies noch da oder dort erwähnt wird, wie das zum Beispiel für den Tod des Kaspar Hauser erwähnt wird, weil es eine auffällige Erscheinung war, daß auf der einen Seite die Sonne unterging, während auf der andern Seite der Mond aufging, und so weiter.“ (Lit.:GA 222, S. 113)

Zitat

"Der spirituelle Zustand der europäischen Bevölkerung im Beginn des 19. Jahrhunderts wird drastisch dadurch deutlich gemacht, dass Kaspar Hauser sozusagen in den Kerker hineingeboren wird, wenige Tage nach seiner Geburt am 29. September 1812 wird er aus seinem Sonnenschloß entführt, um es nie wieder zu sehen. Das Geschehen kann als eine Real-Imagination verstanden werden. Denn vor den Augen der geistigen Welt war schon durch den damals wirkenden Materialismus eine Situation entstanden, die in der geistigen Welt ein neues Christus-Opfer erforderte. Die Finsternis des Materialismus in den Seelen wurde durch den Tod in die geistige Welt hineingetragen, wo sie zu einer Art zweiten Kreuzigung Christi führte. Die folgende Auferstehung schuf für das 20. Jahrhundert die Möglichkeit eines individuellen Bewußtseins. Kaspar Hauser vollzog in seinem Martyrium im Diesseits dieses Christus-Opfer nach. (...) Kaspar Hauser wurde mit Recht als <<Kind Europas>> erkannt und bezeichnet. Das <<Kind Europas>> erregte zwar europaweit großes Aufsehen, aber seine Botschaft wurde wenig verstanden und aufgegriffen. Das <<Kind Europas>> brachte die Botschaft, den Ursprung des Menschen in der geistigen Welt nicht zu vergessen. Und für die Deutschen war es insbesondere die dringende Ermahnung, den eigenen Volksgeist nicht zu verraten. Aber auch in dieser Beziehung spricht die Geschichte eine klare Sprache. Als Ausdruck der wirkenden feindlichen Kräfte, die auch auf den Christus-Impuls zielen, wird das <<Kind Europas>> vor Weihnachten 1833 in Ansbach ermordet. Prophetisch ist dieser Mord wie ein Vorspiel auf das Jahr 1933 gesehen worden. Das ist nicht als unabwendbares Fatum zu verstehen. Es gab durchaus die Möglichkeit, das Schicksal zu wenden, aber diese Möglichkeit konnte nicht ergriffen werden ..."[5].

Einzelnachweise

  1. Weichhold GM, Bark JE, Korte W, Eisenmenger W, Sullivan KM: DNA analysis in the case of Kaspar Hauser. In: International Journal of Legal Medicine. vol.111, 1998, S.287-291. Link zum Institutstext Analyse mitochondrialer DNA im Fall Kaspar Hauser [1]
  2. Bernd Brinkmann: Neuester Stand der Forschung der Gerichtsmedizin und Pathologie der Universität Münster. Vorwort zu: Anselm von Feuerbach: Kaspar Hauser. Reprint-Verlag, Leipzig 2006.
  3. http://m.schuelerlexikon.de/mobile_biologie/Kaspar_Hauser.htm
  4. http://m.schuelerlexikon.de/mobile_biologie/Kaspar_Hauser.htm
  5. Peter Tradowsky: Das Mysterium von Golgatha, Radioaktivität und Atomkraft (Anhang), Vlg. für Anthroposophie, Dornach 2011, S. 75 - 77

Literatur

  • Karl Heyer: Kaspar Hauser und das Schicksal Mitteleuropas im 19. Jahrhundert, Studienmaterialien zur Geschichte des Abendlandes, Bd.9, Kaspar Hauser und das Schicksal Mitteleuropas im 19. Jahrhundert, Perseus Verlag; Auflage: 4., unveränd. Aufl. (1999), ISBN 3907564332
  • Ulrike Leonhardt: Prinz von Baden genannt Kaspar Hauser. Eine Biographie, Rowohlt TB Vlg., Reinbek b. Hamburg 2002
  • Peter Tradowsky: Kaspar Hauser oder das Ringen um den Geist, Dornach 1980
  • Peter Tradowsky: Kaspar Hauser. Das Kind von Europa (zusammen mit Johannes Mayer), Urachhaus Vlg., Stuttgart 1984
  • Peter Tradowsky: <<Auf neue nach so langer Frist / Soll ich beschimpft, zertreten werden>>. Kaspar Hauser im Geisteskampf der Gegenwart, Vlg. am Goetheanum, Dornach 1998
  • Peter Tradowsky: Vom Opfergang Kaspar Hausers. In: Wochenschrift "Das Goetheanum", Nr. 36 vom 8.9.2012, S. 4 - 5
  • Rudolf Biedermann: Kaspar Hauser: Neue Forschung und Aspekte I. Dokumente - Gegebenheiten - Kommentare, Kaspar Hauser Vlg., Offenbach 1998
  • Ralph Melas Große: Meditative Studien zur Kaspar-Hauser-Forschung, Hiram-Horizont Vlg., 1996
  • Johannes Mayer: Philip Henry Lord Stanhope. Der Gegenspieler Kaspar Hausers. Mayer Vlg., Stuttgart 1988
  • Juliane Cernohorsky-Lücke: Kaspar Hauser - Warum Europa um mehr als einen badischen Kronprinzen betrogen wurde, Ch. Möllmann Vlg., Borchen, 5. Auflage 2016
  • Rudolf Steiner: Die Apokalypse des Johannes, GA 104 (1985), ISBN 3-7274-1040-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Film

  • KASPAR HAUSER. Der Mensch. Der Mythos. Das Verbrechen. Ein Film von Peter Sehr (1994)
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