Kategorien

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Die Kategorien (von griech.: κατηγορία = Kategorie, Klasse, ursprünglich auch (An-)Klage, Beschuldigung) sind allgemeinste Grundbegriffe, unter denen sich alle anderen Begriffe einordnen lassen. Sie dienen der Klassifizierung von Dingen, Prozessen und anderen Entitäten.

Platons Grundbegriffe

Platon war der erste, der die Begriffe auf Grundbegriffe zurückführte und damit die hierarchische Struktur der Ideenwelt offenbarte. Platon nennt in seinem Dialog Sophistes[1] fünf derartige Grundbegriffe, die nicht auf andere rückführbar sind: das Seiende, Ruhe und Bewegung sowie das Selbe und Verschiedenheit.

Die 10 Kategorien des Aristoteles

Der eigentliche Begründer einer systematischen Kategorienlehre aber war Aristoteles. Seine schêmata tês katêgorias tôs ontôn umfassen die (objektiven) Grundaussagen über das Seiende, unter denen sich, als den obersten Gattungsbegriffen, alles Seiende unterordnen läßt. In seiner Schrift Kategorien nennt Aristoteles zehn Kategorien. Dieselben Kategorien zählt Aristoteles in Top. I 9 (103b 20) auf, ohne allerdings Beispiele zu geben. An anderen Stellen gibt Aristoteles, unter Auslassung von Sein und Haben, weniger Kategorien an (Analyt. post. I 22, 83a 21; 83b 16; Phys. V 1, 225b 6, Met. XIV 2, 1089b 23.). Die zehn Kategorien sind:

Kategorie griechisch Frage Beispiel
Substanz ousia, ti esti Was ist etwas? Mensch, Pferd
Quantität poson Wie viel/groß ist etwas? zwei Ellen lang
Qualitatives poion Wie beschaffen ist etwas? weiß, des Lesens kundig
Relation pros ti In welcher Beziehung steht etwas (zu etwas)? doppelt, halb, größer
Ort pou Wo ist etwas? im Lyzeum, auf dem Marktplatz
Zeit pote Wann ist etwas? gestern, voriges Jahr
Lage keisthai In welcher Position ist etwas? es ist aufgestellt, sitzt
Haben echein Was hat etwas? hat Schuhe an, ist bewaffnet
Tun poiein Was tut etwas? schneidet, brennt
Leiden paschein Was erleidet etwas? wird geschnitten, gebrannt

Die erste Kategorie, die Substanz, hat dabei eine besondere Bedeutung, denn nur ihr kommt, als dem jeder Aussage zugrundeliegenden (hypokeimenon) Subjekt, ein selbstständiges und unveränderliches Sein zu, während die anderen neun Kategorien nur dessen wechselnde akzidenzielle Eigenschaften umfassen und aussagen. Die Akzidenzien existieren nicht selbstständig, sondern nur als nähere Bestimmungen in einer Substanz.

Kants 12 Kategorien

Kants Tafel der 12 Kategorien.
1. Der Quantität:
Einheit
Vielheit
Allheit.
2. Der Qualität:
Realität
Negation
Limitation.
3. Der Relation:
der Inhärenz und Subsistenz (substantia et accidens)
der Causalität und Dependenz (Ursache und Wirkung)
der Gemeinschaft (Wechselwirkung zwischen dem Handelnden und Leidenden).
4. Der Modalität:
Möglichkeit – Unmöglichkeit
DaseinNichtsein
NothwendigkeitZufälligkeit.
Immanuel Kant: AA III, 93– KrV B 106[2]

Immanuel Kant unterschied in seiner Kritik der reinen Vernunft 12 Kategorien, die er systematisch auf die vier Formen des Urteils zurückführt, die jeweils wieder in 3 Urteilsmöglichkeiten geschieden sind:

  1. Quantität in: Einzelne, besondere, allgemeine,
  2. Qualität in: Bejahende, verneinende, unendliche (limitative),
  3. Relation in: Kategorische, hypothetische, disjunktive,
  4. Modalität in: Problematische, assertorische, apodiktische.

Die Kategorien seien nach Kant als reine Begriffe a priori, d.h. vor jeder Erfahrung, unmittelbar gegeben und machten so Erfahrung überhaupt erst möglich. Rudolf Steiner trat dieser Ansicht entschieden entgegen. Die Kategorien seien zwar sehr wohl vor jeder sinnlichen Erfahrung geben, aber keineswegs a priori, sondern ebenfalls nur durch Erfahrung, also a posteriori gegeben - allerdings durch rein geistige Erfahrung, nämlich durch die durch Inspiration geistig wahrnehmbare Sphärenharmonie. Was für Kant nur abstrakte leere Schemata ("Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind", AA III, 75) sind, wird für Steiner gerade zum Ausgangspunkt einer vollgesättigten lebendigen geistigen Wahrnehmung, die den Gedanken ihren rein geistigen Inhalt gibt. Das Denken ist für Steiner eine «höhere Erfahrung in der Erfahrung». Diese geistige Erfahrung ist aber nicht einfach gegeben, sondern muss durch Menschen tätig im Denken hervorgebracht werden - darin liegt der wesentliche Unterschied zur sinnlichen Wahrnehmung. Durch die Denktätigkeit wird das wahre Wesen der Welt überhaupt erst zur Erscheinung gebracht. Die Kategorientafel und alle reinen Begriffe überhaupt stehen dabei für Steiner an der Schwelle zwischen sinnlicher und übersinnlicher Welt, während die von Steiner charakterisierten höheren geistigen Erkenntnisformen der Imagination, Inspiration und Intuition bereits über diese Schwelle hinausführen[3].

"Sie können sich das Gefüge, das Netz von Begriffen, das der Mensch hat - von den mathematischen Größen und Zahlenbegriffen angefangen bis zu den komplizierten Begriffen, mit denen Goethe in seiner «Metamorphose» einen Anfang gemacht hat, die aber in unserer abendländischen Kultur noch ganz in den Anfängen ruhen -, Sie können sich dieses ganze Begriffsnetz wie eine Tafel vorstellen, die die Grenze bildet zwischen der sinnlichen Welt auf der einen und der geistigen Welt auf der anderen Seite. So also können wir uns gerade durch das Begriffsnetz begrenzt denken: auf der einen Seite die Sphäre der übersinnlichen und auf der anderen Seite die Sphäre der sinnlichen Wirklichkeit." (Lit.: GA 108, S. 238)

Die geistige Realität der Kategorien

Wie die 10 Sephirot der jüdischen Kabbala sind die 10 Kategorien des Aristoteles in Wahrheit ein geistiges Alphabet, mit dem sich der ganze Kosmos beschreiben lässt. (Lit.: GA 353, S. 210ff; GA 236, S. 160ff)

"Und nun entstand, als jenes Monden-Weltenerklingen wieder da war, in dem erkannt wurde von Aristoteles und Alexander, was das Feuer von Ephesus bedeutete, wie dieses Feuer hinausgetragen hat in Welten-Ätherfernen dasjenige, was das Geheimnis von Ephesus war, da war es, daß in diesen beiden entstand die Inspiration, die Weltenschrift zu begründen. Nur, die Weltenschrift wird nicht begründet mit a b c d e f, sondern die Weltenschrift wird begründet, wie die Buchschrift mit Buchstaben, so diese mit Gedanken. Und es entstanden die Lettern der Weltenschrift.

Wenn ich es Ihnen aufschreibe, sind sie ebenso abstrakt wie a b c d:

Quantität, also Menge
Qualität, Eigenschaft
Relation
Raum
Zeit
Lage
Tun
Leiden

Da haben Sie eine Anzahl von Begriffen. Lernen Sie mit diesen Begriffen, die zuerst Aristoteles dem Alexander vorgeführt hat, lernen Sie mit diesen Begriffen dasselbe vollführen, was Sie gelernt haben mit a b c d, dann lernen Sie aus Qualität, Quantität, Relation, Raum, Zeit, Lage, Tun, Leiden -, aus dem lernen Sie lesen im Kosmos.

In der Schullogik ist in der Zeit der Abstraktivität etwas Besonderes geschehen. Denken Sie nur einmal, wenn in irgendeiner Schule die Gepflogenheit wäre, die Leute nicht lesen zu lehren, sondern meinetwillen nur Bücher zu fabrizieren, in denen sie immer a b c d lernen müßten in allen möglichen Kombinationen: a c, a b, b e und so weiter - aber nicht dazu kämen, diese Buchstaben zu verwenden, um reiche Inhalte sich vor die Seele zu stellen, dann wäre das dasselbe, was die Welt mit Aristoteles' Logik gemacht hat. In den Logiken ist es so, daß ja diese, man nennt es Kategorien, aufgeführt werden. Man lernt sie auswendig, aber man weiß mit ihnen nichts anzufangen. Das würde entsprechen dem, daß man a b c d e auswendig lernte und nichts mit ihnen anzufangen wüßte. Zurück auf etwas so Einfaches, wie der Inhalt des «Faust» in a b c d - was man nur lernen muß - geht dasjenige, was Lesen in der Weltenschrift ist. Und im Grunde genommen ist das, was Anthroposophie hervorgebracht hat und jemals hervorbringen kann, aus diesen Begriffen so erlebt, wie das Gelesene des «Faust» erlebt wird aus den Buchstaben. Denn alle Geheimnisse der physischen und geistigen Welt sind in diesen einfachen Begriffen als dem Weltenalphabet enthalten.

Es ist in der Weltentwickelung das geschehen, daß gegenüber dem früheren unmittelbaren Wahrnehmen, für das die Tatsachen von Ephesus noch etwas Allercharakteristischstes sind, etwas getreten ist, was von der Alexanderzeit aus den Anfang nimmt, was sich dann später erst besonders entwickelt durch das Mittelalter hindurch, was tief verborgen ist, was tief esoterisch ist. Tief esoterisch ist der Sinn, der lebt in diesen acht, oder man kann sie auch auf zehn erweitern, in diesen acht oder zehn einfachen Begriffen. Und wir lernen eigentlich immer mehr in diesen einfachen Begriffen leben, aber wir müssen streben, sie so lebendig in der Seele zu erleben, wie man in der Seele lebendig erlebt das Abc, wenn man eben einen reichgegliederten, geisterfüllten Inhalt hat.

So sehen Sie, wie in zehn Begriffe, deren innere Leuchte- und Wirkekraft erst wiederum enthüllt werden muß, hineinlief dasjenige, was eine gewaltige, instinktive Weisheitsoffenbarung durch Jahrtausende war. Und es wird schon einstmals dahin kommen, daß man dasjenige, was eigentlich wie im Grabe ruht, die Weltenweisheit, das Weltenlicht, wiederum finden wird, wenn man wieder lesen lernen wird im Weltenall, wenn man erleben wird die Auferstehung dessen, was in der Zwischenzeit der Menschheitsentwickelung zwischen den zwei geistigen Epochen verborgen worden ist." (Lit.: GA 233a, S. 164f)

Anmerkungen

  1. Platon. Sophistes. Text und Kommentar von Christian Iber, Frankfurt 2007, 289
  2. Kant, Ausgabe der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1900ff, AA III, 93– KrV B 106.
  3. vgl. dazu etwa: Rudolf Steiner: Die Stufen der höheren Erkenntnis, GA 12 (1993) pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Die Stufen der höheren Erkenntnis, GA 12 (1993), ISBN 3-7274-0120-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Mysterienstätten des Mittelalters, GA 233a (1991)
  3. Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge. Zweiter Band, GA 236 (1988)
  4. Rudolf Steiner: Die Geschichte der Menschheit und die Weltanschauungen der Kulturvölker, GA 353 (1988)
  5. Herbert Witzenmann: Die Kategorienlehre Rudolf Steiners und andere Schriften. Gideon Spicker Verlag 1994, ISBN 978-3857042263
  6. Günther Schubert: Die Kategorienlehre des Aristoteles, Aufsatz in "Das Goetheanum", Nachdruck (an einer Stelle geändert bzw. korrigiert)in: Beiträge zur Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe, Nr. 29, 1970 http://fvn-rs.net/PDF/Beitraege/BE-029-1970.pdf (Die Beiträge Nr. 29 enthalten auf Seite 18 auch eine Liste von weiteren Quellenangaben aus GA zu: Wesentliche Hinweise und Ausführungen Rudolf Steiners über die Kategorienlehre und damit Zusammenhängendes)
  7. Mieke Mosmuller: Die Kategorien des Aristoteles: Buchstaben des Weltenwortes, Occident-Verlag, 2013, ISBN 3000438734
  8. Joachim Stiller: Kategorien und Urteile - Kategorienschrift PDF


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