Koran

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Die erste Sure al-Fātiha in einer Handschrift vom Kalligraphen Aziz Efendi. (Transkription und Übersetzung auf der Bildbeschreibungsseite)
Teil eines Verses aus der 48. Sure Al-Fath in einer Handschrift aus dem 8. oder 9. Jahrhundert.

Der Koran oder Qur'an [qurˈʔaːn] (arabisch القرآن al-qurʾān ‚die Lesung, Rezitation, Vortrag‘) ist die Heilige Schrift des Islams, die gemäß dem Glauben der Muslime die wörtliche Offenbarung Gottes (arab. Allah) an den Propheten Mohammed enthält, vermittelt durch „Verbalinspiration“ des Erzengels Gabriel („Diktatverständnis“ des Korans). Er ist in einer speziellen Reimprosa abgefasst, die auf Arabisch als sadschʿ (سجع / saǧʿ) bezeichnet wird. Der Koran besteht aus 114 Suren, diese bestehen wiederum aus einer unterschiedlichen Anzahl an Versen (آيات / āyāt). Alle Suren, mit Ausnahme der 9. Sure, beginnen mit der Basmala, der Anrufungsformel: بسم الله الرحمن الرحيم / bismi ʾllāhi ʾr-raḥmāni ʾr-raḥīmi /„Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes“.[1]

Ein wichtiges Kennzeichen des Korans ist seine Selbstreferentialität.[2] Das bedeutet, dass der Koran sich an vielen Stellen selbst thematisiert. Auch die meisten Glaubenslehren der Muslime hinsichtlich des Korans stützen sich auf solche selbstreferentiellen Aussagen [3] im Koran.

Der Koran als Glaubensgrundlage

Der Koran stellt nach islamischem Glauben das Wort Gottes in arabischer Sprache dar, dem Folge zu leisten ist. Er ist die Hauptquelle des islamischen Gesetzes, der Scharia, weitere Quelle der Scharia ist unter anderem die Sunna des Propheten Mohammed. Daneben gilt der Koran auch als ästhetisches Vorbild für arabische Rhetorik und Dichtung. Seine Sprache beeinflusste darüber hinaus stark die Entwicklung der arabischen Grammatik. Neben den erhaltenen Fragmenten der vorislamischen Dichter galt und gilt das koranische Arabisch als Richtschnur für die Korrektheit sprachlicher Ausdrücke.

Im Arabischen wird der Koran mit dem Attribut karīm (edel, würdig) versehen. Unter deutschsprachigen Muslimen ist der Begriff „der Heilige Qur'an“ gebräuchlich.[4]

Mohammeds Aufruf zum Prophetentum und die erste Offenbarung; Blatt aus einer Kopie des Madschma at-tawarich (Maǧmaʿ at-tawārīḫ), ca. 1425, timuridisch, aus Herat (heute im Metropolitan Museum of Art)

Dem islamischen Glauben zufolge geht der Koran auf eine himmlische Urschrift (Umm al-Kitāb, vgl. Sure 3:7; 43:4) zurück und wurde im Monat Ramadan (vgl. Sure 2:185) in der „Nacht der Bestimmung“ (vgl. Sure 97 „Al-Qadr“) von Gott in die unterste Himmelssphäre herabgesandt. Von hier aus wurde er Mohammed während seines zwanzigjährigen Wirkens als Prophet jeweils dann, wenn sich die entsprechenden Offenbarungsanlässe ergaben, in Einzelteilen übermittelt.[5]

Gemäß der Überlieferung nach Mohammeds Cousin Ibn ʿAbbās und seinem Schüler Mudschāhid ibn Dschabr fand die erste Offenbarung in der Höhle im Berg Hira statt.[6] Es sind die ersten fünf Verse der Sure 96. Sie beginnt mit den Worten:

اقرأ باسم ربّك الّذي خلق iqraʾ bi-smi rabbika ’llaḏī ḫalaq

„Trag vor im Namen deines Herrn, der erschaffen hat!“

Allgemein wird angenommen, dass Mohammed weder lesen noch schreiben konnte, weshalb die Muslime glauben, dass der Erzengel Gabriel ihm den Befehl gab, das zu rezitieren/vorzutragen, was vorher in sein Herz geschrieben wurde. Daher hat der Koran auch seinen Namen: „Lesung/Rezitation“.

Der islamischen Überlieferung, der Sira-Literatur und der Koranexegese (Tafsir) zufolge trat Mohammed nach der ersten Offenbarung aus der Höhle, und der Erzengel Gabriel baute sich in alle Blickrichtungen vor ihm auf. Von diesem Erlebnis soll Mohammed so erschüttert gewesen sein, dass er zitternd zu seiner Frau Chadidscha heimkehrte, die ihn in eine Decke wickelte, worauf die Sure 74 offenbart wurde:

„Der du dich (mit dem Obergewand) zugedeckt hast, erhebe dich und warne (deine Landsleute vor der Strafe Gottes)! Und preise deinen Herrn …“

Der Überlieferung zufolge soll Ali ibn Abi Talib Augenzeuge der ersten Offenbarung gewesen sein. In den folgenden 22 Jahren wurde Mohammed der gesamte Koran offenbart, wobei viele Verse Bezug auf aktuelle Geschehnisse der Zeit nehmen. Andere Verse erzählen von den Propheten (Adam, Abraham, Noah, Josef, Moses, Isa ibn Maryam (Jesus) und weiteren) und wieder andere enthalten Vorschriften und allgemeine Glaubensgrundsätze. Dabei wendet sich der Koran an alle Menschen. Es werden auch Nichtgläubige und Angehörige anderer Religionen angesprochen.

Krieg und Gewalt im Koran

Trotz der in der Tat vorhandenen Gemeinsamkeiten zwischen Koran und Neuem Testament bzw. Islam und Christentum darf man nicht, wie es im Zuge eines allzu auf Harmonie bedachten "Dialogs der Religionen" [7] auch von Seiten der Kirchen häufig praktiziert wird, die wesentlichen Unterschiede zwischen beiden Religionen nivellieren. Im Gegensatz zum Christentum und dem Neuen Testament, welches von Anfang an konsequent pazifistische Grundzüge in den Mittelpunkt stellte, gibt der im Rahmen von Mohammeds Kriegszügen entstandene Koran in zahlreichen Versen Empfehlungen und Ratschläge für den Krieg und Kampf. Während in der Bibel und später auch im Christentum eine rege Reflexion der Problematik von Krieg, Gewalt und der Rechtfertigung dieser beiden stattfand, wurde dieser Komplex im Koran und in der Geschichte des Islam kaum kritisch hinterfragt.[8] Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington gibt zur Gewaltproblematik im Koran zu bedenken:

Der Koran und andere Formulierungen muslimischer Glaubenssätze enthalten nur wenige Gewaltverbote, und die Vorstellung der Gewaltfreiheit ist muslimischer Lehre und Praxis fremd. [9]

Kritische Diskussion im westlichen Gesellschaften

Im Zuge der Diskussion um die zunehmende Islamisierung Europas wird der Hinweis auf Gewalt und Hass predigende Stellen im Koran von Befürwortern einer multikulturellen Gesellschaft und unbegrenzten Zuwanderung, liberalen und linken christlichen Theologen sowie islamophilen Journalisten und Publizisten nicht gerne gehört und oft schamhaft unter den Tisch gekehrt. Denjenigen die in der öffentlichen Diskussion auf diese Suren hinweisen wird häufig entgegengehalten dass der Islam im Kern eine tolerante und friedliebende Religion sei, und sie nur islamophob bzw. ausländefeindlich eingestellt seien. [10] [11]

Eine genauere Betrachtung des Korans ergibt jedoch klare Hinweise darauf, dass es sich beim Islam im Gegensatz zu Christentum und Judentum in weiten Bereichen auch um eine Gewalt und Intoleranz predigende Religion handelt, und die in der islamischen Welt herrschende und von dort in die restliche Welt ausstrahlende Gewaltbereitschaft durchaus ihre tieferern Wurzeln im Koran haben kann. Der Orientalist Tilman Nagel meint z.B. dass ein säkularisierter Islam kaum möglich sei, da für eine Übereinstimmung zwischen Islam und deutschem Grundgesetz "wesentliche Partien des Korans und der Prophetenüberlieferung für nicht mehr gültig erklärt" werden müssten; und "insbesondere den zahlreichen Koranstellen und Prophetenworten, die zur Gewaltanwendung gegen Andersgläubige auffordern wäre ohne Wenn und Aber die ewige Geltung abzusprechen". [12]

Die fehlende Modernisierung im Islam

Die noch unvollendete Mohammed-Ali-Moschee in Kairo im Jahr 1856

Besonders fatal wirkt sich die im weiteren Text im Detail behandelten problematischen, weil Hass und Gewalt predigenden Stellen des Koran durch das Fehlen einer historisch-kritischen Theologie, dem Fehlen einer Epoche der Aufklärung und sowie dem Fehlen einer Trennung zwischen Staat, Gesellschaft und Recht einerseits und Religion andererseits aus. Diese Prämissen konnten in der christlichen Welt die wortwörtliche Auslegung von gewaltverherrlichenden Bibelstellen historisch relativieren und damit eine vollständige Neuinterpretation ermöglichen. Im Islam sind diese Schritte dagegen wenn überhaupt nur in unbedeutenden Ansätzen vollzogen worden. So schreibt z.B. Ulrich H. J. Körner:

Während also der Koran für den Muslim als unmittelbares und direktes Gottes Wort gilt, steht die Bibel nur indirekt als Wort Gottes in Geltung, (...) Dies hat weitreichende Konsequenzen für die Auslegung der jeweiligen Offenbarungsschriften und ihre Methode. So hat sich in der islamischen Theologie bislang noch keine historisch-kritische Koran-Exegese entwickelt. [13]

Adel Theodor Khoury erklärt die fehlende exegetische Tradition im Islam folgendermaßen:

Die frühe Dogmatisierung des Korans als unmittelbares, direktes und ewig gültiges Gotteswort hatte unter anderem zur Folge, dass diese erste und wichtigste Erkenntnisquelle islamischen Glaubens sich nahezu vollständig einer Exegese entzog. Sie verbot sich gewissermaßen von selbst, ein Umstand, der theologiegeschichtlich umso bedeutsamer wird , wenn man sich einmal das heutige Verständnis von christlicher Textkritik und Exegese vergegenwärtigt. [14]

Über die Folgen der fehlenden Epoche der Aufklärung im islamischen Raum heißt es u.a.:

Im Islam fehlt der geistesgeschichtliche Umbruch der Aufklärung; damit fehlt auch die Erkenntnis von der Freiheit des Menschen als einer für ihn unveräußerlichen Eigenschaft. [15]

Nicht nur im islamischen Fundamentalismus, sondern auch in der offiziellen Theologie des orthodoxen Islam gilt der Koran als absolut, d.h überhistorisch bzw. überzeitlich gültiges Regelwerk. Islamische Fundamentalisten verwerfen eine historisch-kritische Exegese des Koran vollständig. Wer sich dennoch an diese Aufgabe wagt, wie z.B. der im Exil lebende ägyptische Sprachwissenschaftler Abu Zaid, muss mit Morddrohungen leben. [16]

Einzelne Verse mit problematischem Inhalt

Textausschnitt aus der Sure 2 - al-Baqara (Verse 206 bis 217) - aus einer Handschrift aus dem 1. Jahrhundert nach der Hidschra
Im folgenden sind einige Verachtung bzw. Hass predigenden und/oder Gewalt befürwortenden Verse aus Suren des Koran aufgeführt. Dabei sind die Übersetzungen von Rudi Paret und Moustafa Maher, der den Koran im Auftrag der ägyptischen Azhar-Universität übersetzte, die sogenannte Ahmadiyya-Übersetzung von Sadr ud-Dinh und die Übersetzung von Muhammad Salim Abdullah herangezogen.

Sure 2

In Sure 2 (arabisch ‏سورة البقرة‎, DMG Sūratu l-Baqara ‚die Kuh‘) Vers 191 heißt es:

Und tötet sie, wo immer ihr sie trefft, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben. Denn Verführen ist schlimmer als Töten. Kämpft nicht gegen sie bei der heiligen Moschee, bis sie dort gegen euch kämpfen. Wenn sie gegen euch kämpfen, dann tötet sie. So ist die Vergeltung für die Ungläubigen. (nach Muhammad Salim Abdullah) [17]

Sure 5

In Sure 5 (arabisch al-Mā'ida المائدة Der Tisch) Vers 57 wird dem Moslem ausdrücklich geraten keine Freundschaft mit Juden oder Christen zu schließen:

O die ihr glaubt, nehmt euch nicht die zu Freunden - unter jenen, denen vor euch die Schrift gegeben ward, und den Ungläubigen -, die mit eurem Glauben Spott und Scherz treiben. Und fürchtet Allah, wenn ihr Gläubige seid;

Vers 82 stuft dann die Juden als den gläubigen Muslimen am feindlichsten gesinnte Religion ein.

Du wirst sicherlich finden, daß unter allen Menschen die Juden und die Götzendiener die erbittertsten Gegner der Gläubigen sind. Und du wirst zweifellos finden, daß die, welche sagen: "Wir sind Christen", den Gläubigen am freundlichsten gegenüberstehen. Dies, weil unter ihnen Gottesgelehrte und Mönche sind und weil sie nicht hoffärtig sind.

Sure 8

In Sure 8 (arabisch al-Anfāl الأنفال Die Beute) weist Vers 12 genau an wie Ungläubige im Kampf zu töten und zu verstümmeln sind:

... Ich werde denjenigen, die ungläubig sind, Schrecken einjagen. Haut (ihnen mit dem Schwert) auf den Nacken und schlagt zu auf jeden Finger (banaan) von ihnen! (Paret)
... Ich werde die Herzen der Ungläubigen mit Panik erfüllen." Trefft sie oberhalb ihrer Nacken, und schlagt ihnen alle Fingerspitzen ab! (nach Maher)

Als dein Herr den Engeln eingab: „Gewiß, Ich bin mit euch. So festigt diejenigen, die glauben! Ich werde in die Herzen derer, die ungläubig sind, Schrecken einjagen. So schlagt (ihnen auf) die Nacken und schlagt von ihnen jeden Finger!

Die Hetze gegen Andersgläubige wird im Verlauf von Sure 8, z.B. in Vers 14, 17, usw. fortgeführt. In Vers 17 wird dann dem Gläubigen zur Beruhigung seines Gewissens versichert dass nicht er sondern Allah getötet habe.

Und nicht ihr habt sie (d.h . die Ungläubigen, die in der Schlacht von Badr gefallen sind) getötet, sondern Gott. Und nicht du hast jenen Wurf ausgeführt, sondern Gott. (nach Paret) [18]

Vers 39 stellt dann unmissverständlich klar dass dieser Kampf solange fortzuführen ist bis die ganze Welt sich zum Islam bekannt hat:

Kämpft gegen die Ungläubigen, bis es keine Verfolgung mehr gibt und der Glaube an Gott allein vorherrscht! (nach Maher)
Von islamischen Glaubenseiferern zerstörte Buddha-Statuen von Bamiyan der "Götzendiener" (Buddhisten) - Fotos vor und nach der Zerstörung
In Vers 55 werden die Ungläubigen dann auf eine Stufe mit den niedrigsten Tieren gestellt:
Als die schlimmsten Tiere (dawaabb) gelten bei Allah diejenigen, die ungläubig sind und (auch) nicht glauben werden, - (nach Paret)
Die schlimmsten Lebewesen sind nach Gottes Urteil die Ungläubigen, die vorsätzlich nicht glauben wollen, (nach Maher)

Sure 9

Sure 9 empfiehlt dem Moslem in Vers 5 erneut das Töten und hinterhältige Auflauern gegenüber Ungläubigen (hier den "Götzendienern"):

Und wenn die verbotenen Monate verfloßen sind, dann tötet die Götzendiener, wo ihr sie trefft, und ergreift sie, und belagert sie, und lauert ihnen auf in jedem Hinterhalt. (nach Ahmadiyya)

Sure 47

Sure 47 fordert dann den Moslem in Vers 4 auf die Ungläubigen zu massakrieren:

Und wenn ihr die Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt; dann schnüret die Bande. Die übrigen legt in Ketten.

Sure 76

In Sure 76 wird den Ungläubigen in Vers 4 Gefangenschaft und ewige Verdammnis angekündigt:

Wir halten für die Ungläubigen Ketten und Fesseln und einen Feuerbrand bereit.[19] [20]

man baddala dinahu fa ’qtuluhu

"man baddala dinahu fa ’qtuluhu" ist ein Ausspruch des Propheten Mohammed. Er heißt auf Deutsch "Wer seine Religion wechselt, den tötet". Damit wird in der Scharia in islamischen Ländern die Todesstrafe für Menschen, die vom Islam zu anderen Religionen konvertieren begründet.

Die von den Befürwortern der Todesstrafe am häufigsten zitierte Überlieferung in diesem Kontext ist der auf Muhammad zurückgeführte Ausspruch: „Wer seine Religion wechselt, den tötet“ (arab.: man baddala dinahu fa-’qtuluhu). Andere Theologen wiederum bezweifeln die Echtheit dieses Ausspruches und lassen ihn zur Begründung der Todesstrafe nicht gelten.

Antijudaismus im Koran

Während der nach modernem Forschungskonsens unwidersprochen vorhandene mittelalterliche und teilweise auch neuzeitliche Antijudaismus des Christentums in der heutigen Publikations- und Medienlandschaft gerne und ausgiebig thematisiert wird, schweigt man sich zu den vielen antijudaistischen Äußerungen des Koran, die im Gegensatz zur christlichen Bibel im Koran selbst stehen, meist lieber vornehm aus.

Das Verhältnis Mohammeds zum Juden- und auch Christentum war im Lauf seines Lebens Wandlungen unterworfen. Zu Beginn seines Wirkens aktzeptierte er Juden und Christen als "Schrift" bzw. "Buchbesitzer" und lobte sie u.a. für ihre Offenbarungsschriften, ihre Frömmigkeit (Sure 5, 82) und ihren Monotheismus (Sure 3,110). Er hoffte noch dass Juden und Christen seine Sendung anerkennen und zum Islam konvertieren würden. Als sich diese Hoffnung Mohammeds nicht erfüllte, entzog er ihnen seine Anerkennung und urteilte in überwiegend scharfen und hasserfüllten Aussagen über sie. [21] Nach Auslegung der islamischen Theologie gelten bei sich widersprechenden Aussagen die jeweils jüngeren Suren (Prinzip der Abrogation), also in diesem Fall die eher antijudaistisch geprägten Stellen. Der islamische Antijudaismus basiert primär auf der im Koran postulierten angeblich naturgemäßen Überlegenheit der Muslime bzw. der Minderwertigkeit der Ungläubigen im allgemeinen, wie auch der als "Leute des Buches" bezeichneten Anhänger der anderen monotheistischen Religionen im besonderen, also auch der Juden. Darüberhinaus werden die Juden im Koran ebenfalls diverser Untaten, wie z.B: der Verunglimpfung und Ermordung der Propheten oder der Verfälschung der "Heiligen Schriften" bezichtigt und im allgemeinen zu natürlichen Feinden der Muslime stilisiert.[22]

Zu nennen wäre hier z.B. Sure 2 Vers 122 und 123, Sure 5 Vers 64 und Sure 5 Vers 60 in denen das Judentum und teilweise auch das Christentum sehr negativ dargestellt und mit Hass bedacht wird. In Sure 2 Vers 122 und 123 wird dem Judentum die unwiderbringliche Verdammnis angekündigt:

Oh ihr Kinder Israel, (...) Und hütet euch vor einem Tage, an dem keine Seele für eine andere etwas begleichen kann, kein Lösegeld von ihr angenommen wird und keine Fürsprache ihr nützt, und an dem sie keine Unterstützung erfahren.

In Sure 5 Vers 64 wird dann schon mal die spätere antisemitische Legende von den Juden als angeblichen Kriegstreibern und notorischen Unruhestiftern angedacht:

(...) Sooft sie ein Feuer zum Krieg anzünden, löscht Allah es aus. Und sie sind (überall) im Land auf Unheil bedacht (? yas`auna fie l-ardi fasaadan). Aber Allah liebt die nicht, die Unheil anrichten. (nach Paret) [23]

In Sure 5 Vers 60 werden mit klarem Bezug auf die im vorhergehenden Vers erwähnten "Schriftbesitzer", also Juden und Christen, die circa 1300 Jahre später in NS-Filmen wie Jud Süß beliebten Bilder von Menschen als allgemein als sehr negativ empfundenen Tieren vorausgenommen:

Sprich: "Ihr Schriftbesitzer! Grollt ihr uns etwa, weil wir an Gott, die uns herabgesandte Offenbarung und die zuvor herabgesandten Offenbarungen glauben und weil die meisten von euch Frevler sind? (Vers 59) Soll ich euch sagen, wer sich die schlimmste Strafe Gottes zuzieht? Das sind die Menschen aus euren Reihen, die Gott verflucht hat und auf die Er zornig ist, deren Herzen Er so verschloß, daß sie Affen und Schweinen ähneln und dem Teufel dienen. Diese sind auf der tiefsten Stufe, sind sie doch am weitesten vom geraden Weg abgeirrt. (Vers 60)

Diese antijudaistischen Äußerungen des Koran werden von der Forschung allerdings unterschiedlich stark gewichtet. Für den im arabischen Raum gängigen Antisemitismus werden auch ethnische und territoriale Konflikte und der in Folge der Kolonialisierung erfolgte Export des europäischen Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts nach Nordafrika und den Nahen und Mittleren Osten verantwortlich gemacht. So schreibt z.B. Christina von Braun in Bezug auf den Antijudaismus bzw. Antisemitismus im arabischen Raum:

Es ist ein neuer Antijudaismus, denn so richtig es ist, dass der Koran eine Reihe von antijüdischen Textstellen aufweist, und so richtig es ist, das schon Prophet Mohammed Attacken gegen die jüdische Gemeinde von Medina richtete (weil sie dem neuen Glauben nicht folgen wollte), so richtig ist es auch, dass es im arabischen Raum einen Antisemitismus gibt, der neue Züge trägt und der große Ähnlichkeiten mit dem europäischen Antisemitismus aufweist. [24]

Koran, Gewalt und Terror

Der amerikanische Autor Don Richardson stellt in seinem Buch Secrets of Koran Revealing Insights into Islam`s Holy Book aus dem Jahr 2003 die Frage ob die Gewaltbereitschaft der islamischen Welt mit der letztendlichen Konsequenz von Terroranschlägen wie bei 9/11 nicht letztendlich auf die Botschaft des Koran zurückführbar sei:

We must stop evading the question we would rather not ask. Since virtually all of those who are preperating that violence claim loyality to and from Mohammed`s Koran, could it in fact be true that part of the Koran was indeed written to inspire violence - a modern form of which could be interpreted as a call to crash jet aifcraft transporting hundreds of passengers into buildings occupied by thousands of people? [25]
Feuerwehrmann in den Trümmern des WTC nach den islamistischen Anschlägen von 9/11

Wenn auch wenige Autoren selbst in den USA den Koran und den islamischen Glauben direkt und generell für den Terror des Islamismus verantwortlich machen, werden doch in vielen Publikationen Aussagen des Koran als mögliche Ursachen des aktuellen, weltweiten Terrorismus zumindest diskutiert. So schreibt z.B. der Professor des Department of Criminal Justice an der Long Island University, Harvey W. Kushner, folgendes:

As just shown, there are at least ten verses in the Koran that could suggest to literalists that inflicting terror can have variety of goals and consequences, means and forms, targets and victims. Some of the verses are descriptions and explanations of past events while others might be taken as directives for now and the future. [26]

Martin Hilpert schreibt in Bewußtsein, Identität und Gewalt im Jahr 2006:

Die Annahme, daß Gewalt mit Religion unvereinbar sein muß, widerspricht dem Koran, der Gewalt zur Etablierung theokratischer totalitärer Regime velangt, sobald dies die äußeren Umstände zulassen.[27]

Aufforderungen zur Gewalt und antijüdische Hetze werden von Gruppen wie z.B. Milli Görus auch mit Koran-Zitaten begründet und somit religiös legitimiert.[28] Auch für Islamisten gilt der Text des Koran inklusive der Hass und Gewalt predigenden Teile wortwörtlich und ohne jegliche historisch-kritische Relativierung. So schreibt z.B. Udo Ulfkotte:

Religion und Politik bilden für die Islamisten eine untrennbare Einheit. Die Botschaft des Korans ist für sie eindeutig und unveränderlich, die Scharia betrachten sie als universal gültige Rechts- und Werteordnung. Auch in den kleinsten Dingen des täglichen Lebens dulden sie keine Abweichung von dem, was ihnen als unmittelbares Gotteswort gilt. [29]

Tim W. Thornau betont speziell die gewalttätigen Tendenzen der späten, maßgeblichen Suren des Koran:

Der Hass auf die Gottlosen und die Gewalt sind in den 19 späten, also endgültigen Suren des Koran fixiert und im islamischen Kulturkreis tief verankert. So ist die gern vorgezeigte friedliche Seite des Islam ungültig und aufgehoben. Mit der Aufwertung der späten medinesischen Suren hat sich die Religion endgültig zu einer Terror-Ideologie entwickelt. [30]

Argumente für einen Koran mit friedlichem Charakter

Gegen diese problematischen Koranstellen wird ins Feld geführt dass der Koran auch sehr viele Stellen aufweise, die für Versöhnung und Nachsicht gegenüber den Feinden plädieren würden. Als Beispiele sei hier Sure 41 Vers 33-35 genannt die fordert Böses mit Guten zu vergelten:

Gut und Böse sind nicht gleich. Wehre (das Böse) mit dem ab, was das Beste ist. Und siehe, der, zwischen dem und dir Feindschaft war, wird wie ein warmer Freund werden. (nach Ahmadiyya)

Andere Stellen wie Sure 60 Vers 7, Sure 64 Vers 14, oder Sure 33 Vers 41-44 rufen zur Versöhnung und Nachsicht auf. Jedoch beziehen diese Aufforderungen fast immer nur explizit "Die Gläubigen", d.h. Moslems, ein (siehe z.B. Sure 33, 41-44). Stellen die für Versöhnung und/oder Nachsicht speziell mit Den Ungläubigen eintreten sind kaum zu finden.

Zu verweisen ist außerdem auf einige Koranstellen die einem friedlichen und geistigen Kampf gegen die Ungläubigen den Vorzug vor einem gewalttätigen Djihad geben. Zu nennen wäre hier exemplarisch Sure 25 Vers 52, Sure 16 Vers 125 und Sure 2, 256. So empfiehlt Sure 25 in Vers 52 eher den Koran selber als argumentative Waffe:

So gehorche nicht den Ungläubigen, sondern eifere mit ihm (dem Koran) wider sie in großem Eifer.

In Sure 16 Vers 125 wird zur Bekehrung der Ungläubigen eher Weisheit und Belehrung und nicht Gewalt empfohlen:

Lade ein zum Weg Deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung, und debattiere mit ihnen auf die beste Art und Weise! Dein Herr ist es, Der am besten weiß, wer sich von Seinem Weg abwendet und wer zur Rechtleitung findet.

Sure 2 Vers 256 lehnt Zwang als Mittel der Bekehrung ab:

Es gibt keinen Zwang im Glauben. Der richtige Weg ist nun klar erkennbar geworden gegenüber dem unrichtigen.

Mitunter wird auch angeführt dass viele der an die 100 im Koran geschilderten Attribute Allahs einen friedlichen und versöhnlichen Charakter wie "Der Barmherzige", "Der Gnädige", "Der stets Verzeihende", "Der Nachsichtige" oder "Der Liebe und Erbarmungsvolle" haben. [31] Allerdings wird selten thematisiert in wie weit diese Attribute nur auf die Gläubigen im "Haus des Islam" (Dār al-Islām) oder auch die Ungläubigen (Dār al-Harb) bezogen sind. Ferner wird von Kritikern eingewandt, dass die zu friedlichem Miteinander, Respekt und Toleranz aufrufenden Verse durch die sogenannte Abrogation offiziell vom Gründer Mohammed aufgehoben worden sind und daher über keine Verbindlichkeit und Gültigkeit mehr verfügen und durch Gewalt legitimierende Verse ersetzt worden sind. Insofern ist z.B: auch die zur Ablehnung und Ächtung von Gewalt als Mittel der Missionierung auffordernde Sure 2 Vers 256 offiziell nichtig.

Es wird zur Verteidigung des Koran auch eingewandt, dass speziell im Alten Testament auch ganze Völker ausgerottet werden. So jubelt Mirjam z.B. in Exodus 15, 21:

Lasst uns JHWH singen, denn er hat eine herrliche Tat getan, Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt.

Auch im Neuen Testament werden, vor allem in den Gleichnissen Jesu mitunter Bilder der Gewalt, Motive der Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Ausstoßung und des Mordes verwendet. So heißt es z.B. in Lukas 19, 27:

Doch meine Feinde, die nicht wollten, dass ich ihr König werde bringt sie her und macht sie vor meinen Augen nieder!

Demgegenüber kann aber wiederum eingewandt werden, dass die Beschreibungen von Gewalt in der Bibel, sowohl im Alten als auch im Neuen Testament im Gegensatz zum Koran keine Aufforderungen zur unmittelbaren Ausübung von Gewalt gegenüber Anders- und Nichtgläubigen beinhalten.

In den meisten deutschsprachigen Publikationen die vorgeben sich kritisch mit den umstrittenen Aussagen des Koran auseinandersetzen werden die kritischen und zur Gewalt auffordernden Suren nicht erwähnt oder gar zitiert. So bringt das im Jahr 2002 im Patmos-Verlag erschienene Buch Der Koran und seine umstrittenen Aussagen zwar über 30 Textstellen aus Suren welcher Toleranz und Friedensliebe des Koran verdeutlichen sollen, aber keine Stelle mit anderer Aussage. Die in diesem Artikel ausgeführten Stellen aus Sure 8, 9 und 47 sucht man in diesem Buch vergeblich.[32]

Einzelnachweise

  1. Übersetzung:  Rudi Paret: Der Koran. 10. Auflage. Kohlhammer-Verlag, 2007, S. 439-440. „Innerhalb der Basmala (und unten Vers 3) steht ar-raḥmān (ebenso wie ar-raḥīm) nicht als selbständiges Substantiv, sondern attributiv“ (Rudi Paret: Der Koran. Kommentar und Konkordanz. S. 11)
  2. Stefan Wild (ed.): Self-referentiality in the Qurʾān. Wiesbaden 2006.
  3. Sure 2:2: „Dies ist die Schrift, an der nicht zu zweifeln ist, (geoffenbart) als Rechtleitung für die Gottesfürchtigen.“
  4. Der heutige Koran beginnt: (Koran 1:1-7)
  5. Hans Zirker: Der Koran. Zugänge und Lesarten. S. 46 und das Kapitel über die „Art seiner Herabsendung“ (kaifīyat inzāli-hī) in as-Suyūṭī: al-Itqān fī ʿulūm al-qurʾān. Band 1; Kairo 1978; S. 53.
  6. Theodor Khoury: Der Koran. Band 12. Gütersloher Verlagshaus, 1987, ISBN 3-579-00336-4, S. 497.
  7. Karikatur die den manchmal einseitigen Dialog der Religionen treffend aufs Korn nimmt.
  8. Thorsten Reuter: Christlicher "heiliger Krieg" und "Jihad" im Islam / Veränderungen konzeptueller Inhalte von den Anfängen bis zur Neuzeit, Grin-Verlag, 2006, S. 15 ff.
  9. Samuel P. Huntington: Kampf der Kulturen / Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, Europa Verlag GmbH, 1. Aufl., München, 1998, S. 430
  10. Bassam Tibi: Die fundamentalistische Herausforderung - Der Islam und die Weltpolitik, C. H. Beck, 4. Aufl., München, 2003, S. 184 ff.
  11. Hans-Peter Raddatz: Allah im Westen - Islamisches Recht als demokratisches Risko; in Hans Zehetmair (Hrsg.): Der Islam im Spannungsfeld von Konflikt und Dialog, Hans-Seidel-Stiftung, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2005, S. 49 ff.
  12. Tilman Nagel: Gewalt gegen Andersgläubige - Über die Dynamik des Radikalismus im Islam; in der Neuen Züricher Zeitung vom 17.3.2005; zitiert nach Dr. Stefan Etzel: Westliche Toleranz und islamischer Herrschaftsanspruch
  13. Ulrich H. J. Körtner: Theologie des Wortes Gottes / Positionen - Probleme - Perspektiven, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2001, S. 310
  14. Adel Theodor Khoury in der Einleitung zu Der Koran - Übersetzung von Adel Theodor Khoury unter Mitwirkung von Muhammad Salim Abdullah, Gütersloher Verlagshaus, 3. Aufl., Gütersloh, 2001, S. XXXI
  15. Theodor Baums, Ulrich Huber, Johannes Wertenbruch und Marcus Lutter: Festschrift für Ulrich Huber zum siebzigsten Geburtstag, Mohr Siebeck, Tübingen, 2006, S. 36
  16. Udo Ulfkotte: Propheten des Terrors - Das geheime Netzwerk der Islamisten, Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2001, S. 15 und 16
  17. Theodor Khoury: Der Koran, unter Mitwirkung von Muhammad Salim Abdullah, Gütersloher Verlagshaus, 3. Aufl., Gütersloh, 2001, S. 22
  18. Rudi Paret: Der Koran, 10. Aufl., Kohlhammer, Stuttgart, 1979, S. 126 und 127
  19. Zitiert nach der Netzeite Koran Kennenlernen
  20. Übersetzung auch wortgetreu in Theodor Khoury: Der Koran, unter Mitwirkung von Muhammad Salim Abdullah, Gütersloher Verlagshaus, 3. Aufl., Gütersloh, 2001, S. 454
  21. Christine Schirmacher: Wie Muslime Christen sehen; auf der Seite des Instituts für Islamfragen der Evangelischen Allianz in Deutschland, Österreich, Schweiz
  22. Chaim Nolls Essay über den islamischen Antijudaismus
  23. Rudi Paret: Der Koran, 10. Aufl., Kohlhammer, Stuttgart, 1979, S. 86
  24. Christina von Braun und Eva-Maria Ziege: Das "bewegliche" Vorurteil / Aspekte des internationalen Antisemitismus, Königshausen & Neumann, Würzburg, 2004, S. 11 und 12
  25. Don Richardson: Secrets of Koran Revealing Insights into Islam`s Holy Book, Kapitel I
  26. Harvey W. Kushner: Essential readings on political terrorism / Analyses of problems and prospects for the 21st century Of Special Interest, Gordian Knot Books, 2002, S. 29
  27. Martin Hilpert: Bewußtsein, Identität und Gewalt, Buch&media GmbH, München, 2006, S. 234
  28. Udo Ulfkotte: Der Krieg in unseren Städten - Wie radikale Islamisten Deutschland unterwandern, S. 62
  29. Udo Ulfkotte: Der Krieg in unseren Städten - Wie radikale Islamisten Deutschland unterwandern, im Vorwort
  30. Tim W. Thornau: Gott & Co, equbli GmbH, Berlin, 2013, Seite 196 und 197
  31. Z.B. in Monika und Udo Tworuschka: Der Koran und seine umstrittenen Aussagen, Patmos-Verlag, Düsseldorf, 2002, S. 97 und 35 ff.
  32. Siehe Monika und Udo Tworuschka: Der Koran und seine umstrittenen Aussagen, Patmos-Verlag, Düsseldorf, 2002, S. 97 bis 113

Weblinks

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